Religion Der Glaube wird frei
Trotz Kirchenaustritten und religiöser Ignoranz: Die Gegenwart wird liberaler, aber nicht weniger christlich
Im Streit um den Glauben geht es auch nicht anders zu als an der Börse. Dort ist es oft nicht so wichtig, zu welchem Preis eine Aktie gerade gehandelt wird, sondern welche Tendenz ihr innewohnt. Geht sie nach oben oder nach unten? Geht es mit dem Glauben in Deutschland nun aufwärts oder abwärts, lohnt es sich also noch, in das Christentum persönliche Energie zu investieren, oder verschwendet man sich bloß an ein historisches Auslaufmodell? Darum geht es, wenn die einen nun von der »Renaissance der Religionen« sprechen und die anderen hartnäckig vom unaufhaltsamen Zurückweichen des Glaubens.
Die Bertelsmann Stiftung hat dazu nun dankenswerterweise – es weihnachtet schließlich sehr – eine Menge Zahlen vorgelegt. Danach sind zwei Drittel aller Deutschen katholisch oder evangelisch. (Zum Vergleich: Der nächstgrößere Verein, der Deutsche Sportbund, hat nur 25 Millionen Mitglieder.) Und die 50 Millionen – jene zwei Drittel – sind nicht nur einfach Kirchenmitglieder, sie glauben auch wirklich was. Zum Beispiel an Gott und an ein Leben nach dem Tod.
Ja, werden die Anhänger der Säkularisierungsthese nun sagen, aber das sind doch alles nur alte Leute, die eh bald sterben und mit ihnen stirbt dann auch die Religion. Stimmt aber so auch nicht ganz, antwortet darauf die Studie. Denn die Jungen mögen zwar weniger kirchenfromm sein, weniger gläubig seien sie jedoch keineswegs.
Schließlich, auf diese Erkenntnis sind die Bertelsmänner besonders stolz, bezeichnet sich jeder fünfte Deutsche als »hochreligiös«. Nun ist zweifelhaft, ob man Lust hätte, mit jemandem, der sich freiwillig selbst als »hochreligiös« bezeichnet, ein Bier trinken zu gehen oder gar einen Gottesdienst zu besuchen. Aber immerhin: Die Zahlen dieser Studie eigneten sich ganz gut für eine kleine Offensive der Gläubigen. Seht her, ihr Anhänger der Säkularisierungsthese, ihr Atheisten und Anti-Papisten, wir werden gar nicht weniger, fürchtet Euch!
Diese Offensive wird es jedoch nicht geben. Denn die innigsten Anhänger der These, dass es mit dem Glauben in Deutschland bergab gehe, sitzen gar nicht bei der FDP, bei der Linkspartei oder bei antiklerikalen Wochenmagazinen, sondern in den Kirchen selbst. Wer nicht auf die offiziellen, dem rhetorischen Optimismus verpflichteten Verlautbarungen von kirchlicher Seite hört, wer direkt hineinhorcht ins Innenleben der beiden deutschen Kirchen, der wird auf einen Pessimismus treffen, der so tief sitzt, dass ihm mit Zahlen so wenig beizukommen ist wie mit guten Worten oder Gebeten.
Der Glaube in Deutschland, so denken diese Christen, befindet sich auf Talfahrt, quantitativ mit Blick auf die Mitglieder, die Geistlichen, die Kirchengebäude, die Kirchensteuereinnahmen und, und, und. Erst recht qualitativ, also mit Blick darauf, was denn da so alles geglaubt wird.
Wenn das Thema in Gesprächen diesen Punkt erreicht, dann kommt in den innerkirchlichen Kreisen so richtig herzhafte Untergangsstimmung auf. Denn, so geht die Klage, die meisten Leute, auch die Sonntags- und Karteichristen, haben doch überhaupt keine Ahnung mehr, woran sie eigentlich glauben. Pfingsten? Fronleichnam? Geheimnis des Glaubens? Keinen Schimmer haben die Leute, also die anderen Leute. Und wenn das Qualitative mit dem Quantitativen zusammengelegt wird, was bleibt dann noch übrig vom christlichen Abendland?
Wer wollte bestreiten, dass an diesen Fragen etwas dran ist. Aber was beweisen sie eigentlich?
Natürlich sind bestimmte Verluste an religiösem Grundwissen unübersehbar, und auch die Zahl der Kirchgänger nimmt hierzulande tatsächlich ab, was mit dem Verweis auf rasch wachsende christliche Gemeinden in Russland oder auf der Südhalbkugel des Globus emotional nicht vollständig zu kompensieren ist.
Die tagtägliche unmittelbare Erfahrung vieler Christen in Deutschland besteht im Verlust – die Welt, wie sie sie kannten, scheint verloren zu gehen. Dennoch ist die innerkirchlich unablässig vorgetragene Niedergangsthese völlig unbewiesen. Das hängt mit mehrerem zusammen: mit dem Früher und mit der Freiheit, mit verklärter Vergangenheit und mangelnder Begeisterung für den Pluralismus.
Führen wir zur Klärung einen Begriff ein, der die Niedergangsthese erschüttern kann und der im Übrigen zu sonst nichts zu gebrauchen ist, aber dazu immerhin. Dieser heuristische Begriff heißt: Glaubensnetto.
Wenn man vom Glauben der Menschen alles abzieht, was nicht wirklich dazugehört, dann erhält man das Glaubensnetto, also das, was als unverfälschter Glaube bezeichnet werden kann.
Was sicher abgezogen werden muss: der Zwang, sich gläubig zu geben; der soziale Druck, in der Kirche zu sein; keine Alternative zu haben oder sie sich nicht vorstellen zu können; die Abwesenheit glaubenskritischen Denkens; schlagende Eltern oder Pfarrer; schreiende oder sonstwie drohende Eltern oder Pfarrer; materielle Belohnung für konformes Verhalten; Messen, die zum Zwecke der Einschüchterung des durchschnittlich gebildeten Publikums in Latein gehalten werden.
Dass all dies zum Glaubensbrutto gehört, wird kaum ein Christ im demokratischen Deutschland bestreiten. Natürlich konnten 1960 mehr Kinder das Glaubensbekenntnis auswendig als heute: Aber es wurden auch viel mehr Kinder geschlagen, unter anderem vom Pfarrer, unter anderem damit sie, verdammt noch mal, endlich sagen »und sitzet zur Rechten Gottes«. Nicht zur Linken. Selbstverständlich gab es vor 40 Jahren weniger Scheidungen, aber war das Verhalten der Männer gegenüber jenen Frauen, die nicht weglaufen konnten, wirklich durchgängig christlicher, als es das heute in einer atheistisch geprägten, wilden, aber gleichberechtigten Ehe ist? Nein, da ist vieles schlicht menschlicher geworden, nicht unchristlicher.
Wenn das alles jedoch so ist, wie lässt sich dann begründen, dass der Glaube – netto – in den letzten Jahrzehnten weniger geworden sei? Spricht nicht eher alles dafür, dass das Glaubensnetto immer ungefähr gleich war?
Selbstverständlich wissen weder die Bertelsmann Stiftung noch die innerkirchlichen Pessimisten, noch der Autor, wie groß das Glaubensnetto unserer Gesellschaft ist oder war. Doch genau deshalb, weil man es nicht weiß, legt die depressive Selbstgewissheit vieler Christen ein ganz anderes Problem frei – das Problem, das sie mit der Freiheit haben. Denn der entscheidende Unterschied zwischen, sagen wir, 1960 und 2007 ist nicht der zwischen viel und wenig Glauben, sondern der zwischen wenig und viel Freiheit.
Heute erleben wir, wie sich der Glaube entwickelt, wenn er von jedem äußeren Zwang befreit ist, wenn man nicht glauben muss, sondern darf. Glaube in völliger Freiheit – man könnte das auch als ein beglückendes Erlebnis empfinden.
Drei Quellen sind für diesen Glauben in Demokratie und kultureller Freiheit, jenseits von Obrigkeit und Kanzeltyrannei, verantwortlich. Zum einen die rechtsstaatliche und politische Demokratisierung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Damit wurde das äußere Band zwischen einer überwiegend autoritären Kirche und autoritären Regimen allmählich immer lockerer. Zum anderen das Zweite Vatikanische Konzil, das zwischen 1962 und 1965 stattfand und die innere Liberalisierung, ja Humanisierung der katholischen Kirche einleitete. Ein Prozess, der freilich sehr lange dauerte und erst durch – dritte Quelle – die studentische 68er-Bewegung beschleunigt wurde. (Natürlich ist das Verhältnis zwischen dem »68« der Kirche, also dem Vatikanum, und dem »68« der Linken dialektischer und widersprüchlicher als hier geschildert. Doch im Ergebnis trugen beide dazu bei, dass jeder Christ heute freier ist als jemals zuvor.)
An dieser Stelle kann man den Begriff des Glaubensnetto auch wieder beiseite legen. Vor allem, damit er nicht wie ein religiöser Energieerhaltungssatz verstanden wird. Nein, die Summe des Glaubens ist nicht immer gleich, auch wenn man nie genau sehen kann, wie groß sie gerade ist.
Darum hört auch der Kampf um die Köpfe, die Herzen und die Seelen nicht auf. Nein, es ist auch nicht egal, ob man sich irgendwie human verhält oder ob man sich als Christ bekennt und davon auch etwas weiß.
Der Begriff des Glaubensnetto soll nicht zur Zufriedenheit mit dem jeweiligen Zustand der Religionen führen, nicht zur Bejahung von Kenntnislosigkeit, Laschheit und Beliebigkeit, sondern nur zur Bejahung der freiheitlichen Umstände, unter denen die kulturellen Auseinandersetzungen um den Glauben geführt werden.
Der Christ kennt immer zwei Freiheiten. Die eine kann ihm keiner nehmen, denn sie kommt aus dem Glauben selbst. Wer sich Gott überantwortet, der ist frei von allen weltlichen Mächten, er kann sich ihnen unterwerfen müssen, aber sie werden seine Seele nicht erreichen. Diese Freiheit kann ein Christ in jedem politischen System leben, wenn er stark ist, also stark glaubt.
Die andere Freiheit ist die politische, die man zum Christsein nicht braucht, die jedoch die einzige ist, die zum Christentum passt. Denn die Gleichheit des Menschen vor Gott verlangt nach der Gleichheit vor dem Gesetz, die individuelle Verantwortung vor Gott bringt den freien Bürger mit sich.
Damit einher geht allerdings auch der Pluralismus. Um das Paradox auf die Spitze zu treiben: Eine Gesellschaft, in der alle Menschen Christen sind, müsste auch und gerade Christen sehr verdächtig vorkommen.
- Datum 20.12.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.12.2007 Nr. 52
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Und ob der Glaube wirklich christlicher macht im Sinne des Urchristentums, muss ebenso stark bezweifelt werden. Ich ziehe jedenfalls als Jesuaner den Atheismus vor...
Kirchenbesuch == Vitamin B, selbsternannte "Gesellschaft" usw. . Jedenfalls für die meisten, die dort anzutreffen sind.
Als Grund für die düstere Stimmung innerhalb der Landeskirchen kommt vor allem das rasante Wachstum der kritikresistenten Hardliner in Betracht.- Hardliner die die politische und persönliche Freiheit wie sie in diesem Artikel propagiert wird ablehnen.- Hardliner die nicht die Diskussion sondern das Handeln propagieren.Und genau diese Bewegung wird nicht nur in der Kirche und unter Christen mit größter Sorge beobachtet. Sie bedeutet, dass eine bestens organisierte Gruppe in Machtstrukturen eindringt und die erworbene Freiheit wieder einmauert.
Was hat man, als aufgeklärter Mensch, unter religiöser Ignoranz zu verstehen? Das kann doch nur von irgendeinem bildungsfremden Skribler stammen, der noch nie den Namen Hume gehört oder das Problem "prima causa" überdacht hat.
Ich möchte hier einmal anmerken, daß diese Umfrage sehr unsauber ausgearbeitet wurde: Gebe ich (als beinharter Atheist:-)) an, mich für Religionsthemen zu interessieren (und das tue ich), unterstellt mir die Auswertung am Ende eine "gelebte Religiosität von 1,8"WTF!?Das gleiche ist einigen atheistischen Freunden/Bekannten bei der Umfrageteilnahme auch passiert. Ist das einfach nur Schlamperei oder eine möglichst "unauffällige" Frisierung der Umfrageergebnisse im Sinne der Auftraggeber?
Anscheinend sind da auch schon andere drauf gekommen:www.heise.de/tp/r4/artike...
an der Kirche kann man verzweifeln.
Ursächlich hierfür sicher die vorsintflutliche Sexualmoral wie auch die insgesamt eigenwillig orthodoxe Auslegung der Heiligen Schrift durch die Kirchen: Man denke an Kondome, Verhütung, Haltung zur gleichgeschlechtlichen Ehe aber auch an solche das Hirn des Aufgeklärten maternden Gedankengebäude wie das Intelligent Design.
Mit einer zeitadaptierten, gesellschaftlich nach vorn, nicht gar reaktionären oder auch nur konservativen Haltung zu Moral und Gesellschaft können Kirchen attraktiv sein.
So aber wird jeder, der denkt und sich nicht dem Diktat beugt, seinen persönlichen Weg finden. Letztlich ist dies aber der steinige Pfad, der dafür zu Erlösung und Erleuchtung -enlightment- führt. Opportunisten werden sicher aber weiterhin ihren Platz in der Kirche finden und sich weiterhin über das Rad, das Feuer freuen und an Descartes, Newton, Kopernikus, Darwin, Freud, Einstein vorbeigehen, wohl deren Erkenntnisse im Alltag selbstverständlich nutzend.
In der Religion unserer Zeit, der Lobbykratie, glaubt man, dass die Existenz Gottes davon abhänge, wieviele Menschen an Ihn glauben und davon, ob Er eine starke Lobby hat. Solange BILD noch davon überzeugt ist, dass es Ihn vielleicht doch geben könnte, ist Weihnachten gesichert.
Gott sei Dank gibt es den starken Gott Luthers noch - im Islam.
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