Dann kam diese E-Mail. Es ging um einen Artikel, erschienen vor sieben Jahren in der ZEIT, immer noch zu lesen im elektronischen Archiv von ZEIT online. Ein guter Text, wenn man davon absieht, dass seinetwegen plötzlich die wirtschaftliche Existenz eines ehrbaren Unternehmers auf dem Spiel stand.

Das ging so: Ein heute erfolgreicher Geschäftsmann gehörte vor sieben Jahren zu den Verlierern der New Economy. Seine damalige Firma war Bankrott gegangen, und die ZEIT hatte der Frage nachgespürt, wie es dazu gekommen war. Der Mann gab damals bereitwillig Auskunft; mit vollem Namen ließ er sich zitieren. Der Text erschien auch in der Internetausgabe. Dort fand ihn die Suchmaschine Google bis vor wenigen Wochen noch als ersten Eintrag einer langen Liste. Potenzielle Auftraggeber lernten: Der Kerl ist ein Pleitier, und sagten ab.

Die Episode offenbart, dass der Mensch, indem er das Internet schuf, auch seine Wahrnehmung der Welt grundlegend verändert hat. Nichts wird mehr vergessen, alles gespeichert und kein Fehler mehr vergeben.

Mit Big-Brother-Visionen im Orwellschen Sinn hat das nur mittelbar zu tun. Denn alle, Bürger, Unternehmer, Politiker, auch staatliche Organe, sind diesem ewigen Erinnern ausgesetzt: In Pennsylvania wird eine Pädagogikstudentin nicht zum Examen zugelassen, weil sich auf einer Seite des Internettagebuchs MySpace ein Bild von ihr im Seeräuberkostüm findet, unterschrieben mit »betrunkener Pirat«. US-Vizepräsident Dick Cheney macht auf der Videoplattform YouTube mit einem Interview von sich reden, in dem er sich gegen einen Irakkrieg ausspricht. Das Video stammt von 1994. Unternehmen sehen sich ängstlichen Kundenanfragen zu Rückrufaktionen ausgesetzt, die schon Jahre zurückliegen.

Es scheint, als sei der Zeitstrahl abgerissen. Die Menschen surfen durch das Netz und akzeptieren alles, was sie finden, als gegenwärtig. Ein Paradox: Nirgendwo wird so viel Vergangenes gespeichert wie hier, und nirgendwo wird es so wenig als vergangen wahrgenommen.

Speichern ist in der digitalen Welt ungleich leichter als löschen

Wie also funktioniert Erinnerung im Zeitalter des Internets? Google steht für absolute Gegenwart. Am Empfang des Unternehmens läuft ein Schriftband, das die neuesten Suchanfragen anzeigt. Jede Minute sind es 60 ausgewählte von vielen Zehntausend tatsächlich gestellten. Wie nur kann man sie alle beantworten? Indem man so viele Internetseiten wie möglich kennt. Und kennen heißt speichern, sagt ein Unternehmenssprecher. Was speichern Sie? »Alles: Websites, Weblogs, Bilder, Bücher, wissenschaftliche Dokumente, Videos.« Wird nie etwas gelöscht? »Nein.« Aber wie weit kann das gehen; gibt es denn keine Grenze? »Nein, die gibt es nicht. Google vergisst nichts.«