DIE ZEIT: Herr Lovink, wann haben Sie im neuen sozialen Netz zuletzt etwas mit Gewinn gelesen?

Geert Lovink: Oh, das passiert mir jeden Tag. Ich habe meine festen Adressen, wo Leute schreiben, die sich ständig zu neuen Quellen äußern. Manche befassen sich mit Technologien, die ich noch nicht kenne, andere besuchen Ausstellungen oder Biennalen, zu deren Besuch mir die Zeit fehlt. Sie lesen Zeitungen und Bücher, die ich niemals alle lesen könnte. Das sind Leute, deren Meinungen und Auswahl ich sehr schätze.

ZEIT: Das heißt, dass die Web-2.0-Propheten recht haben: Wir bewegen uns auf eine Kultur der Amateure zu, die den Informations- und Meinungsprofis Konkurrenz macht.

Lovink: Es ist richtig, dass das Internet die Frage nach Autorität und Macht auf neue Weise stellt. Die alten Instanzen der Wissens- und Geschmacksvermittlung sind, sagen wir es vorsichtig: bedroht. Doch zum einen gehört der Verfall der Position des Kritikers zur Geschichte des 20. Jahrhunderts, das Netz hat ihn nur beschleunigt. Zum Zweiten ist der Bedarf an wirklich gesicherter Information gerade heute enorm. Zum Dritten aber führt der journalistische Blick auf die Vermittlungswege an dem vorbei, was mich am sozialen Web am meisten interessiert: Ein neuer virtueller Raum ist entstanden, in dem ich mich jenseits von Familie, Arbeit, Betrieb neu positionieren kann.

ZEIT: Ihr jüngstes Buch Zero Comments ist eine kritische Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Netzkultur. Worin besteht der Unterschied zur Situation von vor zehn Jahren?

Lovink: Nach einer vorkommerziellen Phase, die von Experten dominiert wurde, und einer Zeit der Euphorie und der Spekulation, die mit dem Zusammenbruch der New Economy endete, befinden wir uns heute im Stadium der Vermassung von Internetanwendungen. Man braucht keine technischen Fähigkeiten mehr, jeder, der in der Lage ist, ein bisschen herumzuklicken, kann mitmachen. 2005 überschritt die Zahl der Nutzer weltweit die Milliardengrenze, bald schon werden es doppelt so viele sein. Es ist nicht mehr die Avantgarde, die aktiv ist, die Blase der Medienleute oder Künstler. Wo früher von »virtuellen Gemeinschaften« die Rede war, spricht man heute von Schwärmen, Mobs und Herden.

ZEIT: Kernstück von Zero Comments ist eine Theorie des Bloggens als »Killerapplikation unserer Zeit«. Was macht das Bloggen so interessant?

Lovink: Blogging ist ein unverstandenes Massenphänomen. In den fünf Jahren seines Aufkommens ist in der akademischen Literatur bislang nur ein einziger Aspekt hervorgehoben worden: die journalistischen, meinungsbildnerischen Blogs. Man kann nicht bestreiten, dass sie erfolgreich gewesen sind, bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2004 etwa. Mein Verständnis des Bloggens ist trotzdem ein anderes, es orientiert sich an dem, was Michel Foucault »Technologien des Selbst« nennt. Das Entscheidende im Netz von heute sind nicht Nachrichten und Meinungen, sondern Selbstdarstellung und Selbstreflexion: Wer bin ich? Was mache ich? Wer befindet sich in meiner Gegend?

ZEIT: Blogging stellt alte philosophische Fragen neu?

Lovink: Ja, es erkundet etwas, das entsteht, wenn nichtspezialisierte Mediennutzer auf neue technische Möglichkeiten stoßen. Man hat sich angemeldet, die Leitung steht, durch Breitbandverbindungen mittlerweile auf Dauer. Nachdem man gesurft ist und geshoppt hat, stellt sich die Frage: Was ist eigentlich mit mir? Lebe ich oder werde ich bloß gelebt?

ZEIT: Ein Blog sei ein »einfach zu handhabendes Medium zur Darstellung von Aspekten des eigenen Lebens«, schreibt Wikipedia.

Lovink: Dem stimme ich zu, wobei man ergänzen sollte, dass es als Kommentar auf einem Link angefangen hat, einem Dokument, das anderswo im Netz gespeichert war. Es geht also um eigene Erfahrungen, die gespiegelt sind in der Konfrontation mit einem Text, einem Bild oder Video, das vorgefunden wurde.

ZEIT: Wie wichtig ist der technische Aspekt?

Lovink: Sehr wichtig. Blogging wäre nicht denkbar ohne eine leicht zu bedienende Software, die es dem Nutzer zu Hause erlaubt, chronologisch Einträge ins Netz zu stellen. Anders als in der Forumssoftware, wo Leute in verzweigten Kommentaren gleichberechtigt aufeinander reagieren, ist der Blogger aber eine einzelne Person, die relativ kurze Einträge vornimmt, meist um die 250 Wörter.

ZEIT: Wie verhält sich Bloggen zu Brief, E-Mail, SMS?

Lovink: Eindeutig ist die Blogosphäre etwas Einsames, Reflexives. Man stellt sich dar, obwohl man vielleicht gar nicht mehr weiß, wem man sich offenbart. Blogging betreibt einen Kult um das Individuum unter individualismusfeindlichen Bedingungen, insofern ist es der Nachfolger des Tagebuchs. Allerdings handelt es sich um eine vollkommen neue Tagebuchkultur, die weder öffentlich ist noch privat, sondern in einem Zwischenbereich spielt. Obwohl Blogging Schrift ist, hat es etwas Informelles: Wie ein Gerücht verblasst und vergeht es sehr schnell. Und das hat es noch nicht gegeben. Bis vor Kurzem noch herrschte eine äußerst starke Trennung zwischen dem Gespräch, das verweht, und dem schriftlich Notierten.

ZEIT: Was sagen Sie der Heerschar der Kritiker, für die das Netz nur noch ein Jahrmarkt der Eitelkeiten ist, wo Wunschbilder und halb gare Meinungen gehandelt werden?

Lovink: Das Bloggen spielt in einer Welt der Geschmacksurteile, das lässt sich schwer bestreiten. Die beliebtesten Blogs handeln von Katzen, das Katzenthema ist weltweit die Nummer eins. Dann kommen Ferienreisen: Wo tut sich etwas jenseits der touristischen Pfade auf? Es gibt sachliches, heroisches und desperates Bloggen. Auch haben Blogs zweifellos Aspekte von Reklame in eigener Sache. Man kann das Profil seiner selbst nach Belieben erstellen und wieder verändern, beispielsweise, indem man idealisierte Fotos von sich anfertigen lässt. Doch geschönte Bilder funktionieren im Netz letztlich nicht. Die Leserschaft merkt auf Anhieb, ob jemand von sich selbst spricht oder nicht. Und hält sich im Zweifelsfall fern.

ZEIT: Blogs sind das Medium eines neuartigen Geständniszwangs.

Lovink: Zumindest stellen Sie das Selbstbild, das sie projizieren, gleichzeitig infrage, indem sie unablässig Privates preisgeben. Dass Arbeitgeber vor der Einstellung im Netz nachschauen, wie es um die betreffende Person bestellt ist, ist bekannt. Es gibt aber auch das Umkehrphänomen des bloggenden Chefs: Online werden diese Leute plötzlich so indiskret, dass hinterher eine Horde von PR-Leuten den Schaden ausbügeln muss.

ZEIT: Blogging begünstigt eine Kultur des Rankings, die alles nach Hits und Clicks bemisst: Man existiert nur, wenn man auch googelbar ist.

Lovink: Nun, das ist nur menschlich. Die Besessenheit von Zahlen und Listen – die besten Platten, die besten Filme – ist auch jenseits des Internets seit Langem schon ein fester Bestandteil unserer Kultur. Jetzt schauen die Menschen eben in einen neuen technischen Spiegel, der ihnen Auskunft darüber gibt, in welchem Maß sie lebendig sind. Der Existenzbeweis ist damit zu einem gewissen Grad an Google übergegangen, und das hat zweifellos eine deprimierende Seite: Alles im Internet ist so kalt, so vermessbar geworden. Was wir lesen, sind keine Mutmaßungen über uns selbst mehr, es sind die Statistiken selbst: Von da kamen wir, dorthin gingen wir, was wir hinterlassen haben, ist nichts weiter als eine elektronische Spur.

ZEIT: Sie sprechen von »digitalem Nihilismus«. Blogger seien »Parteigänger des Nichts«.

Lovink: Ja, aber natürlich geht es dabei nicht mehr um das 19. Jahrhundert, die Idee, dass Gott tot ist. Der digitale Nihilismus, wie ich ihn verstehe, hat nichts mehr mit einer Religion und nur wenig mit einer ethischen Überzeugung zu tun. Vielmehr entspringt er einem Misstrauen den Utopien selbst gegenüber. Es ist eine Position, die von einem imaginären Nullpunkt ausgeht, dem »Zero« in Zero Comments . Denn die Mehrzahl der Blogs wird ja gerade nicht gelesen, sie spielen in einer Grauzone der Öffentlichkeit, von der sich einige wenige Spitzen-Blogger abheben. Die Null, die in der Software aufscheint – kein Verkehr, niemand da gewesen, das »Nihil« von Nihilismus –, ist die Regel, nicht die Ausnahme.

ZEIT: Blogging ist also eine Art Streik in der Ökonomie der Aufmerksamkeit?

Lovink: Blogs fragen nicht mehr nach Alternativen, sie tragen keine Ziele vor sich her, auch keine revolutionären. Sie beschränken sich ganz auf den affektiven Raum, den sie flüchtig besetzen. Medienphilosophisch gesehen, handelt es sich um dekadente Artefakte, die den Schritt von der Wahrheit ins Nichts wagen.

ZEIT: Hat es nicht etwas Frivoles, den Abschied von der Alternative zu feiern?

Lovink: Nun, ich feiere es ja nicht. Ich versuche, dem Krisenbewusstsein, das sich durch Ereignisse wie den 11. September 2001 und den Irakkrieg noch verschärft hat, eine positive Seite abzugewinnen. In einer Zeit, in der das Individuum unter einem ungeheuren Druck steht, stellen Blogger zumindest auf eine kreative Weise die Frage, wem wir noch trauen können, inmitten der Vermassung steuern sie auf ein Jenseits der Massenmedien zu. Das, denke ich, ist neu: Bislang lief alles in der Geschichte auf die große Zahl hinaus, die vielen, die es zu mobilisieren gilt. Das trifft sogar noch auf die Kritik zu, von der ich herkomme, die Konzepte einer kritischen Gegenöffentlichkeit, nur eben unter umgekehrten Vorzeichen. Dort ging es stets um die Masse, die nicht damit einverstanden ist, was die Bild- Zeitung schreibt. All das hat das Bloggen hinter sich gelassen.

ZEIT: Trotzdem sind die Schwärme, Mobs und Herden der Gegenwart nicht einfach neutral. Es gibt linke und rechte, Witz- und Schockblogs.

Lovink: Ein Blog ist einfach die Homepage unserer Zeit. Das heißt, es ist immer nur die Fortsetzung dessen, was der individuelle Nutzer mitbringt. Rechte bleiben auch im Netz rechts, für die andere Seite gilt dasselbe. Man kann höchstens sagen, dass die Affekte verstärkt werden, wie bei einem Megafon. Was allerdings die Form der Zusammenschlüsse anbelangt, so bleibt es dabei: Sie haben kaum noch etwas mit politischen Parteien oder anderen straffen Organisationen gemeinsam. Die Smart Mobs von heute rufen sich in einem Moment zusammen, um im nächsten schon wieder auseinanderzugehen.

ZEIT: Die Grenze zwischen Onlineflirt und Onlinehass ist dabei dünn.

Lovink: Oh ja. Und leider gibt es keinerlei Erfahrung mit der Eingrenzung solcher Phänomene. In den Neunzigern arbeitete man noch an einer Kultur der Netiquette, die vorsah, dass ältere, erfahrene Benutzer den Neuankömmlingen dabei helfen, die Regeln des Netzes kennenzulernen und zu respektieren. Über solche Ideen sind wir längst hinaus.

ZEIT: Gibt es so etwas wie eine autoritäre Demokratisierung des Internets?

Lovink: Es gibt Entwicklungen, die man sehr ernst nehmen sollte. Stellen wir uns vor, die Meinungsbildung in der globalen Massendemokratie ist tatsächlich unkontrollierbar geworden, sie bewegt sich in Richtungen, die nicht vorauszuahnen waren. An den Punkt werden wir demnächst unweigerlich kommen. Die Frage ist: Schlägt dann die Stunde der Manipulateure, die die Schwärme und Herden lenken, oder gibt es Dissens, und was heißt dann Dissens in dieser Konstellation? Das Netz ist einfach sehr flexibel, und das ist das Problem. Die Generation derer, die die frühe Architektur des Internets entworfen haben, hat noch daran geglaubt, dass man Werte in Software umsetzen kann – Meinungsfreiheit etwa oder die Möglichkeit, Zensur zu umgehen – und dass dann niemand in der Welt daran rütteln kann. Das hat sich leider als Illusion erwiesen.

ZEIT: Geben Sie ein Beispiel.

Lovink: In Iran etwa, wo die Blogger seit Jahren ein Katz- und Mausspiel mit den Behörden spielen, investiert derzeit auch die religiöse Klasse massiv ins Internet. Auch in China hat sich gezeigt, dass das Internet sehr wohl mit einem autoritären Regime zusammengeht. Machtausübung läuft dort nicht über eine absolute Kontrolle, sondern über eine statistische Kontrolle. Die Herrschaft über 99 Prozent der Nutzer ist faktisch effektiv, das eine Prozent, das vielleicht andere Meinungen empfängt oder verbreitet, wird unwichtig, weil es doch nicht in der Lage ist, mit dem Rest zu kommunizieren. Es geht im technischen Raum also nie um absolute Macht wie noch in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts, es geht eher darum, dauerhaft eine kulturelle Hegemonie herzustellen. Deshalb genügt es auch nicht, ein Loch in die chinesische Mauer zu bohren – die Aufklärung ist längst erfolgt, die Dissidenten gibt es ja. Was helfen könnte, ist eine Erosion der Legitimität.

ZEIT: Warum messen Sie dem Moment von Bürgerjournalismus im weltweiten Bloggen dabei so wenig Bedeutung zu?

Lovink: Wie schon gesagt, bestreite ich nicht, dass einige Blogs sehr erfolgreich gewesen sind. In den Vereinigten Staaten – und von den USA sprechen wir hier zwangsläufig – spielen sie für die Meinungsbildung eine Rolle, die Habermas als »sekundäre Öffentlichkeit« beschrieben hat. Wer weiß, vielleicht wird 2008 ja tatsächlich das Jahr von YouTube, vielleicht wird der Sieg bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen erstmals über das Medium Onlinevideo erkämpft. Und doch sollten wir über den Einflussbereich der USA hinausschauen. Der Anteil englischsprachiger Netzinhalte ist auf unter 30 Prozent gesunken, die Mehrheit des globalen Verkehrs erfolgt mittlerweile auf Spanisch, Mandarin, Japanisch oder Hindi. Auch hier interessiert mich, was jenseits der alten Machtzentren geschieht. Was haben all diese Leute uns zu sagen? Vielleicht gar nichts. Vielleicht etwas, das wir aus der Gegenwart herauslesen müssen. Das ist das Schöne am Blogging: Es sagt etwas über unsere Zeit aus, nicht über die siebziger Jahre oder darüber, wie es 2030 sein wird. Es ist eine Kulturtechnik des Anfangs des 21. Jahrhunderts, mit allen Inhalten, die dazugehören.

ZEIT: Ihre Prognose für die nächsten Jahre?

Lovink: Was das Technische anbelangt: Das Blogging wird als eine Funktion unter vielen Nutzungsmöglichkeiten des Web 2.0 integriert. Das heißt, das einzelne Blog steht nicht mehr einsam irgendwo auf einem Server, sondern wird eingebaut in eine Umgebung, die sich aus zahlreichen Services zusammensetzt. Von dort aus, als Homepage, die die Leute besuchen, wenn sie ins Netz gehen, wird es nach wie vor eine zentrale Rolle spielen. Zum Zweiten dringt das Netz weiter in die reale Welt vor. Die Phase, in der wir zu Hause vor unseren doch recht statischen PCs hockten, haben wir inzwischen fast hinter uns, mit den neuen Mobiltelefonen betritt das Internet die Straße. Was dann passieren wird – wir wissen es einfach nicht.

ZEIT: Warum ist der Blick in die Zukunft selbst für Internetforscher so schwierig?

Lovink: Weil die Entwicklung in ihrer Rasanz der Theoriebildung davonläuft. Es gibt eine wissenschaftliche Forschung, die zwar das technische Verständnis der Prozesse vorantreibt, aber von der kulturellen Seite her völlig versagt. Und es gibt einen enormen Ausstoß an gedruckten Zukunftsvisionen, die aber von Marketingexperten, also letztlich Geschäftsleuten geschrieben werden. Was fehlt, ist eine politische Ökonomie des Internets, ein elementares Bewusstsein der herrschenden wirtschaftlichen Interessen.

ZEIT: Ein Blogger namens Spokker Jones schreibt: »In vierzig Jahren wird das Internet unter einer gigantischen Implosion der Dummheit kollabieren. Dann möchte ich sagen können: Ich war dabei!«

Lovink: Jeder, der im Netz unterwegs ist, bildet zwangsläufig eine paranoide Ader aus. Was sind das für Riesenmengen nutzloser Daten, die wir da akkumulieren? Schlimmer noch: Was können andere für Schlüsse aus diesen scheinbar nutzlosen Daten ziehen? Mir persönlich ist es unverständlich, dass es immer noch Leute gibt, die die kostenlose E-Mail von Google benutzen, es hat sich doch herumgesprochen, dass es dabei um die Erstellung von Nutzerprofilen geht: Sie werden weiterverkauft. Die Möglichkeiten, Daten über andere zu gewinnen, sind schon für den einzelnen Nutzer enorm, für die Behörden sind sie inzwischen ungeheuer. Und doch plädiere ich für eine gewisse Gelassenheit im digitalen Alltag. So viele Menschen werden in den nächsten Jahren Zugang zu den Errungenschaften des Internets erhalten. Dabei entstehen immer wieder neue soziale Strukturen und neue Wahrheiten. Es muss ja nicht immer die Wahrheit mit dem großen W sein.

ZEIT: Vorerst mehren sich die Stimmen, die im Recht auf Privatheit den wahren Luxus der Zeit erkennen: kein Stress, keine Termine…

Lovink: Das ist eine äußerst verständliche Reaktion: Wer hätte es sich nicht anders gewünscht, als es nun einmal gekommen ist? Und doch weiß oder ahnt jeder, dass Privatheit heute eine Illusion ist, bestenfalls eine romantische Haltung, die man sich gegen seine Zeit erkauft. Ich spreche von Leuten, die Angestellte haben, sich etwa einen Inder leisten, der von irgendeinem Außenposten her die EMails für einen schreibt oder die Bestellungen erledigt. So lässt sich die Netzexistenz zeitweilig auslagern, aber es sind bloß die wirklich Reichen, die sich so viel Romantik leisten können. Wir anderen müssen auf irgendeine Weise mit dem Sachverhalt umgehen, dass es aus der Realität des Vernetztseins keinen Ausweg gibt.

ZEIT: Sie selbst zitieren am Ende Ihrer Überlegungen Erich Fromm: »Das Recht, unsere Gedanken zu äußern hat nur eine Bedeutung, wenn wir eigene Gedanken formulieren können.« Spricht nicht längst bloß noch Technik aus uns?

Lovink: Meine Hoffnung ist, dass dieselbe Technik, die unser Selbstbild und unsere Vorstellung des Sozialen so massiv verändert, das Soziale zugleich neu hervorbringt. Vielleicht war die Angst, in der Masse unterzugehen, ein Leitmotiv des 20. Jahrhunderts, vielleicht bringt das 21. Jahrhundert Möglichkeiten, uns im Rahmen des Technischen auf eine Weise neu zu entwerfen und umzugestalten, die wir erst in Ansätzen erkennen. Die Frage ist: Haben wir noch die innere Kraft, die Überzeugung, diese Herausforderung auch anzunehmen?

Das Gespräch führte Thomas Groß

Geert Lovinks »Zero Comments« (Transcript-Verlag) ist Abschluss einer Trilogie, die mit »Dark Fiber« (2002) und »My First Recession« (2003) begann

Fotoband »Dataflow« erschien in der Edition Braus