Konsum»Wir wissen nicht mehr, was wir alles haben«

Warum kluge Hedonisten den Verzicht üben - und warum nur Entschleunigung den Blick für das Wesentliche schärft. Ein Gespräch mit dem Soziologen Hartmut Rosa von 

DIE ZEIT: Die Welt beschleunigt sich mit jedem Tag. Was ist daran schlimm?

Hartmut Rosa: Beschleunigung ist nicht an und für sich schon schädlich. Unsere Verarbeitungsfähigkeit hat Grenzen, aber diese Grenzen sind elastisch. Immer wieder in der Geschichte glaubte man, die Grenze sei erreicht. Als die Eisenbahn erfunden wurde, wurde behauptet, eine Geschwindigkeit über 30 Kilometer pro Stunde führe zu Gehirnerweichung. Doch jedes Mal hat sich der Mensch bisher als anpassungsfähiger erwiesen als erwartet. Dennoch glaube ich, dass wir jetzt in den spätmodernen Gesellschaften in verschiedenen sozialen Bereichen Geschwindigkeiten erreicht haben, die schädlich für uns sind.

ZEIT: Woran erkennen wir, dass die Grenze überschritten ist?

Rosa: Das erkennt man an den Schnittstellen von Systemen. Eine Grenze ist überschritten, wenn ich zwei Prozesse, die ineinandergreifen, so beschleunige, dass der eine nicht mehr mithalten kann. Wenn ich also zum Beispiel Rohstoffe schneller verbrauche, als sie nachwachsen können. Oder wenn ich Giftstoffe produziere, die nicht schnell genug verarbeitet und abgebaut werden können. Das kann man auch auf Menschen übertragen: Wenn ich sie so schnell mit Innovationen bombardiere, dass sie die nicht mehr verarbeiten können, dann haben wir ein Problem.

ZEIT: Aber die Lösung des Problems könnte doch heißen: Der Mensch muss schneller werden, nicht die Welt langsamer.

Rosa: Wir beschleunigen uns ja. Es entstehen im Augenblick neue Fähigkeiten des Multitasking, das heißt, wir können viel mehr auf einmal erledigen als früher. Junge Menschen sind in der Lage, zwei völlig verschiedene Dinge gleichzeitig zu tun. Zum Beispiel zu telefonieren und einen Aufsatz zu schreiben.

ZEIT: Was ist daran verwerflich?

Rosa: Zunächst heißt das nur: Wir ändern uns. Das passiert sowieso. Die Frage ist nur: Wie weit wollen wir uns ändern? Und wohin? Nichts wird uns daran hindern, uns irgendwann Chips ins Gehirn einzubauen. Aber wollen wir unsere Gehirne mit Mikrochips ausstatten? Alle weisen das heute von sich. Aber wenn das erst mal einige tun, dann werden die anderen gezwungen sein nachzuziehen, um Konkurrenznachteile auszuschließen. Gute Jobs gibt es dann nur noch mit Chip. Was da verloren geht, ist das Grundversprechen der Moderne, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Das muss man sagen: Die Beschleunigung untergräbt unsere Ideale von Selbstbestimmung.

ZEIT: Vielleicht müssen wir unsere Ideale verändern. Der zukünftige Mensch ist nicht mehr der autonome, sondern der flexible Mensch.

Rosa: Natürlich, niemand sagt, dass unser altes Weltbild Bestand haben muss. Aber ich würde nicht aufhören, seinen Untergang zu kritisieren. Ich habe bestimmte Wertvorstellungen davon, wie ein menschliches Leben aussehen könnte.

ZEIT: Und was spricht dagegen, dass sich dieses Leben dem Wettbewerb um Konkurrenzvorteile weiter anpasst? Das hat es doch immer getan.

Rosa: Ja. Aber der flexible Mensch funktioniert nicht. Aus zwei Gründen. Wenn alle flexibel werden, haben wir keine Gesellschaft mehr. Heute haben wir flexible Eliten, die auf stabile Hintergrundbedingungen treffen. Das geht. Aber wenn alle flexibel sind, wenn alle jetten, geht nichts mehr. Dann haben wir rasenden Stillstand.

ZEIT: Dennoch steuern wir genau darauf zu. Wie ist das denn möglich, dass wir unseren eigenen Bedürfnissen aus freien Stücken entgegenarbeiten? Oder gibt es das vielleicht gar nicht: die echten menschlichen Bedürfnisse?

Rosa: Das ist eine komplizierte Frage. Ich habe große Sympathie für die Idee von den falschen Bedürfnissen, die im Menschen erzeugt werden.

ZEIT: Das ist die alte linke Kritik am Konsumkapitalismus: Der Kapitalismus erzeugt unechte Bedürfnisse, um seinen Kram zu verkaufen und Profit zu machen. Was war daran falsch?

Rosa: Wir sagen heute: Die echten, die authentischen Bedürfnisse des Menschen gibt es nicht. Aber ich brauche keine Gewissheit über die echten Bedürfnisse des Menschen, um die entfesselte Beschleunigungslogik zu kritisieren. Sollten wir uns denn bis in alle Ewigkeit von der Beschleunigungslogik diktieren lassen, wie wir leben wollen?

ZEIT: Vielleicht ja, sonst säßen wir hier nicht auf diesem schönen Campus in dieser Glaspalastwelt, von der wir alle profitieren.

Rosa: Immer die Glaspalastwelt, die Fortschrittsidee. Das Versprechen des Reichtums und des technischen Fortschritts war, uns frei zu machen, so zu leben, wie wir wollen. Wenn wir uns aber ständig ändern müssen, um uns den selbst geschaffenen Zwängen anzupassen, ist dieses Versprechen pervertiert. Dann leben wir nicht mehr, wie wir wollen, sondern wie eine von uns selbst in Gang gesetzte Maschine es erzwingt.

ZEIT: Wer zwingt uns dazu?

Rosa: Niemand. Wir sind nicht nur die Opfer der Zwänge. Wir genießen das auch.

ZEIT: Die beschleunigte Welt hat doch ungeheuer viel zu bieten. Einen Luxus wie heute hat es noch nie für so viele Menschen gegeben.

Rosa: Aber der Preis dafür ist ungeheuer hoch. Ein anderes Beispiel: Der Kampf um Anerkennung ist wahrscheinlich ein menschliches Grundbedürfnis. In der ständischen Gesellschaft war Anerkennung stabil verteilt. Heute ist der Kampf um Anerkennung auf Dauer geschaltet. Eine Einschaltquote, eine Auflage, ein Wachstum, das erreicht ist, muss sofort überboten werden. Daraus entsteht Angst: nicht mehr mithalten zu können, abgehängt zu werden.

ZEIT: Der stabile Hintergrund des Menschen, das war einmal die Familie. Muss die sich auch flexibilisieren, um noch mithalten zu können?

Rosa: Darüber streitet man sich. Ich glaube, dass eine Gesellschaft, die sich radikal flexibilisiert und beschleunigt, letztlich verliert. Große Leistungen in allen Bereichen entstehen, wenn Menschen nicht flexibel sind, sondern an etwas festhalten, weil es ihnen wichtig ist. Wer flexibel ist, hat keine Ziele mehr. Er ist ein Wellenreiter.

ZEIT: Die Beschleunigung zerstört die Familie. Eltern, die in der Leistungsgesellschaft mithalten müssen oder wollen, haben für ihre Kinder abends noch 30 bis 60 Minuten Zeit.

Rosa: Die Beschleunigungsdynamik der Gesellschaft erodiert die emotionale Basis der Familie, die kollektive Familienzeit. Das stimmt. Hinzu kommt noch etwas: Jeder Tag ist anders, das zerstört gemeinsame Familienräume.

ZEIT: In der Familienzeit, die übrig bleibt, muss man maximale emotionale Profite in kürzester Zeit erwirtschaften.

Rosa: Daran sieht man, dass die Effizienzlogik nicht mehr nur eine ökonomische Logik ist. Sie ist auch eine Logik unserer Lebensführung.

ZEIT: Und erfunden haben wir das alles, um glücklich zu werden.

Rosa: Deswegen müssen wir fragen: Was sind die Bedingungen, unter denen Menschen ihr Leben als erfüllt und glücklich erfahren?

ZEIT: Das setzt aber voraus, dass Menschen in der Lage sind, zu sagen, wann sie glücklich und wann sie unglücklich sind.

Rosa: Sie können sagen, wie sie sich bei bestimmten Tätigkeiten fühlen. Viele Menschen berichten zum Beispiel, dass sie nie zu dem kommen, was ihnen wirklich wichtig ist. Wie stellt sich dieses Gefühl ein? Wir sparen doch ständig Zeit durch die Beschleunigung. Warum nutzen wir sie nicht, sondern sehen stattdessen lieber fern? Und zwar im Durchschnitt volle dreieinhalb Stunden am Tag.

ZEIT: Wo ist das Problem? Lassen Sie die Leute doch fernsehen.

Rosa: Das Problem ist, dass Menschen sich bei selbstbestimmten Aktivitäten nachweislich am wohlsten fühlen. Wenn sie denen aber nicht nachgehen, ist das ein strukturelles Unglück.

ZEIT: Wir machen uns mit Absicht unglücklich?

Rosa: Fernsehen macht niemanden glücklich. Man fühlt sich nicht gut währenddessen und auch danach nicht. Dazu gibt es Studien.

ZEIT: Jeder weiß doch, wo der Abstellknopf ist.

Rosa: Es bedarf großer psychischer Energie, diesen Knopf zu finden.

ZEIT: Wir tun etwas, was uns nicht gefällt, weil wir keine Energie haben, es nicht zu tun?

Rosa: Das ist kompliziert. Wir versuchen Energie zu sparen. Fernsehen verlangt wenig Energie, keine Vorbereitung. Ich schalte ein und werde stimuliert. Wenn ich Geige spiele, dauert das länger und ist mühsamer. Langfristige Energie-Investitionen erscheinen uns irrtümlicherweise unrentabel.

ZEIT: Fernsehen als Energiesparprogramm?

Rosa: Das scheint ein biologisches Prinzip zu sein.

ZEIT: Ist kurzfristige Bedürfnisbefriedigung generell falsch? Wenn ich mir wieder etwas kaufe auf dem Weg ins Büro? Alles nur Energiesparprogramm, um nicht zu viel Kraft ins echte Glück investieren zu müssen?

Rosa: Wir alle kaufen immer mehr. Es gibt kaum jemand, der nicht zwanghaft konsumiert. Ich auch. Ich kaufe zwanghaft CDs. Bei anderen sind es Klamotten, Schuhe, Brillen. Viele Männer, die behaupten, immun zu sein, kaufen sich ständig neue Bohrer oder Schraubenzieher. In immer kürzeren Abständen brauchen wir mehr davon, weil uns das alles nicht genug befriedigt.

ZEIT: Hält die Befriedigung immer kürzer?

Rosa: Ich glaube, ja. So eine CD befriedigt mich keinen Tag mehr. Manchmal habe ich nicht mal mehr Lust, das Ding zu Hause auszupacken. Das ist die Logik des Systems.

ZEIT: Wovon hängt die Dauer der Befriedigung ab? Ein Bohrer drei Minuten, ein Porsche drei Wochen?

Rosa: Ungefähr. Je mehr ich mir kaufen kann, umso kürzer hält die Befriedigung. Der Kapitalismus kann nur so funktionieren. Wir müssen von dem, was wir gekauft haben, enttäuscht werden. Allerdings auch nicht so tief, dass wir aus der Konsumwelt aussteigen.

ZEIT: Und ewig lockt die Hoffnung, von der nächsten CD, dem nächsten Täschchen nicht mehr enttäuscht zu werden?

Rosa: Als ich jung war, dachte ich immer: Diese eine CD brauche ich noch, dann habe ich endlich das Ultimative, dann ist meine Sammlung komplett. Dem Heimwerker fehlt immer ausgerechnet noch diese Hobelbank, dann hat er eine Vollständigkeit erreicht. Die wird aber nie erreicht. Wir wissen am Ende gar nicht mehr, was wir alles haben.

ZEIT: Die marxistische Konsumkritik hat behauptet: Wir lassen uns vom Schein der Waren verführen. Diese Kritik hat übersehen, dass wir Waren wirklich genießen können. Essen, Reisen, schöne Kleider, das ist wirkliche Lust, nicht scheinbare.

Rosa: Diese Befriedigung gibt es. Aber ihre Dauer und vor allem ihre Tiefe nimmt ständig ab. Auch kaufe ich häufig nur, um meine Optionen zu erweitern. Eine Kamera, die mehr Handlungsspielräume eröffnet als die alte. Ein superschneller Internetanschluss, der mehr ermöglicht als der alte. Aber warum ist Optionensteigerung interessant? Habe ich ein Ziel, für das ich diese technischen Handlungsspielräume benötige? Das ist selten der Fall. Die Ausstattung hat uns überholt. Die Waren bleiben uns fremd. Wir eignen sie uns nicht an.

ZEIT: Rilke hat das schon vor rund hundert Jahren betrauert. Er glaubte: »Noch für unsere Großeltern war fast jedes Ding ein Gefäß, in dem sie Menschliches vorfanden und Menschliches hinzusparten.« Die Waren in seiner Lebenszeit schienen ihm bloße »Lebens-Attrappen« zu sein, »leere, gleichgültige Dinge«.

Rosa: Er spricht von Entfremdung. Aber in einem irrt er. Es sind nicht die Dinge, die sich entfremdet haben, vielmehr macht die Art, wie wir mit ihnen umgehen, sie uns fremd. Man müsste sich die Dinge wieder aneignen. Sie müssen ein Teil von uns werden. Marx hat gesagt, dass wir durch Produktion auch die Seele bilden. Wir steigern den inneren Menschen. Das ist nicht falsch. Heute steigern wir nur noch den äußeren Stoff. Wir haben super Geräte. Aber sie bedeuten uns nichts.

ZEIT: Soll ich das meiner lieben Tante Gitti sagen, die seit Monaten für die Kinder Weihnachtsgeschenke kauft, weil sie so gerne Freude macht?

Rosa: Aber wo ist die Anverwandlung, Tante Gitti? Es gibt keine mehr.

ZEIT: Aber sie meint es doch wirklich gut. Das ist doch tragisch.

Rosa: Ja, es ist tragisch für uns Menschen, aber nötig für die Wirtschaft. Nur so funktioniert sie. Wir wollen doch Wachstum. Immer mehr vom Gleichen. Das ist individuell tragisch, kollektiv gut.

ZEIT: Was soll Tante Gitti tun?

Rosa: Zeit nicht mehr mit Gütern ersetzen. Zeit schenken. Menschliche Beziehungen schenken. Das meinte Rilke sicher auch: Wir haben viele Erlebnisse, aber keine Erfahrungen. Die Erlebnisse müssen sich in uns aufbauen, sie müssen sich mit unserem Leben verknüpfen. Wir sollten uns Erfahrungen schenken. Geschenke müssen an die Identität des Menschen rühren.

ZEIT: Und was soll die Menschheit tun?

Rosa: Unser Problem ist nicht, dass wir in der Moderne keine Antworten mehr haben. Das Problem ist, dass wir uns die Fragen gar nicht mehr stellen. Bisher können wir uns noch immer eher das Ende der Welt vorstellen als eine Alternative zum kapitalistischen System. Aber wir müssen die Alternative nicht kennen: Wir müssen das Ding erst mal anhalten.

ZEIT: Und wenn wir nicht anhalten, fahren wir gegen die Wand?

Rosa: Vor ein paar Jahren hätte ich noch gesagt, das fährt an die Wand. Aber ich sehe neue Tendenzen. Es gibt eine Kulturelite, die den Fernseher abgeschafft hat. Es gibt eine Elite von Jugendlichen, die bewusst Technikverweigerung betreibt. Sie haben keine Lust mehr. Es gibt Aussteiger aus dem totalen Steigerungswahn.

ZEIT: Askese, nicht aus Lustfeindlichkeit, sondern aus Unlust am Überfluss?

Rosa: Der kluge Hedonist kommt gar nicht umhin, an vielen Stellen in seinem Leben Konsumverzicht zu leben. Wir sind am Rande der Erschöpfung und am Rande des Sinnvollen.

ZEIT: Früher hieß es: Übe Konsumverzicht, um die Welt zu retten! Heute übt man Konsumverzicht, um sich selbst zu retten?

Rosa: Die alte Idee des Bildungs- und Entwicklungsromans, sich mehr zu bilden und zu entfalten, erreicht man nicht durch mehr Konsum, sondern durch weniger Konsum.

ZEIT: »Die Entschleunigung«, schreiben Sie in Ihrem Buch, »könnte die mächtigste Gegenideologie des 21. Jahrhunderts werden.« Ist das ein Aufruf zum Ausstieg?

Rosa: Ich sehe nirgends eine Gegenutopie. Es gibt viele Zwangsentschleunigte. Aber ich sehe nicht den kulturellen Gegentrend, der daraus eine tragfähige neue Gesellschaftsform macht. Meine Idee ist nicht der individuelle Ausstieg, sondern ein politisches Programm, das auf Entschleunigung zielt. Die Möglichkeit, ein erfülltes Leben führen zu können, hängt von sozialen Kontexten ab. Wenn die falsch sind, dann gibt es keine billige Lösung. Es geht nicht darum, weniger vom Falschen zu machen. Sondern endlich das Richtige.

Hartmut Rosa, geboren 1965, ist Professor für allgemeine und theoretische Soziologie in Jena und Gastprofessor an der New School University in New York. Im Suhrkamp Verlag erschien sein Buch »Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne«

Das Gespräch führte Iris Radisch

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Leserkommentare
  1. "Es gibt eine Elite von Jugendlichen, die bewusst Technikverweigerung betreibt. Sie haben keine Lust mehr. Es gibt Aussteiger aus dem totalen Steigerungswahn."

    Selbsternannte Elite vielleicht... Aber was heißt das schon. Rosas Thesen wirken im übrigen wie eine Kreuzung aus Richard Sennett und Oswald Spengler. Und wie letzterer wirkt das Ganze sehr rückwärtsgewandt.
    Gesellschaftlicher Wandel lässt sich eben nicht in moralische Kategorien einordnen, das sollte Rosa besser lassen.

  2. das Wichtigste aber vermochte der Soziologe nicht zu beantworten: das Warum.Warum rennen die Menschen vor sich selbst davon? weil sie auf der Suche sind - auf der Suche nach dem geistigen Aspekt ihres Seins. Weil in einer Welt zunehmenden Materialismus die geistige Seite auf der Strecke bleibt. Genau das ist auch der Grund für die Hinwendung zu "Esoterik" jedweder Form.Der Mensch - auch Herr Rosa! - läuft und läuft und sucht und sucht. Da er aber nicht weiß, was er sucht, findet er auch auch nicht ...

  3. 1. Er ordnet Fortschritt nicht in moralische Kategorien ein, sondern
    trennt in seinen Aussagen zwischen Beobachtung und Wertung.  Das tut
    er, obwohl er sich sicherlich des soziologischen common sense bewusst
    ist (bist du es?), dass die Vorstellung der Möglichkeit solch einer
    Trennung seit nicht sehr kurzer Zeit überholt ist, und dass die
    Behauptung solch einer Trennung der eigenen Perspektive in "erst
    beobachte ich, dann werte ich." zu nichts anderem dient als der eigenen
    Darstellung als objektiv, sprich: dem Versuch, die eigene Person mit
    der Sakralitätsaura der Wissenschaft zu umgeben, um den behaupteten
    Wert der eigenen Aussage zu steigern.Zudem würde ich deiner
    Zuordnung stark widersprechen: Für mich hören sich Rosas Thesen eher
    wie eine Synthese aus Habermasschen und Schulzeschen Perspektiven an.2.Rosa
    erwähnt die kulturindustrielle Produktion von Sinn, er tendiert also zu
    (s)einer (Lieblings-)Antwort nach der "Frage nach dem warum"?Ich
    hoffe, du weißt um deine Unterstellung eines Leib-Seele- (bzw.
    Leib-Geist-)Dualismus? Soziologisches Denken versucht sich i.A.
    möglichst der Untstellung solcher philosophischen Fragen zu enthalten,
    um falsifizierbar zu bleiben (und das fiele weg, wenn man deinem
    Dezisionismus folgt), dementsprechend macht Rosa alles richtig, wenn er
    sich dieser Frage enthält.Hast du dich mal mit der philosophischen
    Problematisierung der 'Sinnfrage' genauer auseinandergesetzt? Wenn ja,
    und du hast, anders als alle anderen, die sich damit beschäftigen, eine
    unzweifelbare Antwort gefunden (so scheint es mir deinen Aussagen
    nach), dann teile sie mir bitte mit, das würde mich echt interessieren!

    • ttob
    • 22. Dezember 2007 11:53 Uhr

    "Da er aber nicht weiß, was er sucht, findet er auch auch nicht"Du schon?Für mich gilt immer noch: "suchst du den Sinn des Lebens, dann suchst du ihn vergebens". Selbst die Kirchen haben da imho nichts wirklich Erhellendes anzubieten.

  4. Es gibt abbbremsen, verlangsamen, kürzer treten - aber Entschleunigung?
    Entschleunigung gibt es nur bei denen, die seit dem Rinderwahnsinn an
    beschleunigter Hirnerweichung leiden.

    • iDog
    • 22. Dezember 2007 15:13 Uhr

    ein hochinteressantes interview, zumal sich derartiges in der der "zeit" selten findet. ich bin erfreut welche offenheit hier fuer gedanken gezeigt wird, die ueber den ueblichen detailproblematisierenden aspekt unsere gesellschaftlichen selbstanalyse hinausgehen.eine klare aussage also zu den schattenseiten des turbokonsumismus und zum hochgradigen desinteresse der maßgeblichen instanzen eine bildung der bevoelkerung zum selbsbewusten und eigenverantwortlichen leben zu foerdern. im gegenteil scheint nach wie vor entgegen jeder persoenlichen erfahreung das ziel unserer heute ausschliesslich wirschaftspolitischen interessen subordinierten entwicklung die bedingungslose kapitulation und selbstaufgabe des einzelnen zu sein. die angesprochene von der wirtschaft eingeforderte flexibilitaet des einzelnen wiederum scheint nur auf eine simple verfolgungsjagd hiauszulaufen. je schneller sich das geld um den planeten bewegt, desto schnelle rast der mensch hinterdrein. um seine "kostbarsten wochen" des jahres sprich urlaub, ein konsumartikel schlechthin, wieder mit rasendem konsum von eigentlich unkonsumierbaren dingen wie kultur, landschaft, fremde zu verbringen ohne jemals zur ruhe kommen zu koennen. dagegen : zeit haben ist wahrer luxus - sich bewust zeit nehmen, bewust weniger geld verdienen wollen um sich zeit zu nehmen ist luxus - im gegensatz zu dem nicht funktionierenden ansatz mehr geldverdienen zu wollen, um mehr zeit zu haben. und so wird das alte motto "zeit ist geld" in seiner tranzendenten bedeutung zum phoenix. unsere persoenlichste waehrung ist immer schon zeit gewesen - jetzt steigen die wechselkurse ins unvorstellbare, um dem paradigma des freien willens, der freiheit noch gerecht werden zu koennen.

  5. Im Zeit-Interview mit dem Soziologen Hartmut Rosa wird der Aspekt der Entschleunigung und Entfremdung in Bezug zu unseren Lebens- und Konsumverhalten untersucht.
     
    Rosa verweist dabei besonders auf den progredierenden Verlust der menschlichen Autonomie innerhalb seiner "Frei"-zeit. Zwar werden durch Zeitsparmaßnahmen hier und dort Minuten, Stunden und Tage der Arbeit gewonnen, doch diese Zeit fließt nicht ins Sparschwein der "frei verfügbaren Zeit", sondern in eine Zeit, die dem Diktum des Marktes unterliegt. Um uns nicht durch Konkurrenznachteile ins Abseits des Arbeitsmarktes schießen zu lassen, formt der Markt uns zu seinen flexiblen Arbeiter. Es ist nicht mehr der Markt, der dem Menschen subsumiert ist, sondern es ist nun der Mensch, der vom Markt funktionalisiert wird.
     
    Zu recht deutet Rosa in eine entgegengesetzte Richtung zum derzeitigen Verhalten, welches, wie er schreibt, schon einige Avantgardisten im Konsumverzicht praktizieren. Diese Avantgard ist dem kantischen Ratio-prinzip treugeblieben. Der Mensch ist ein autonmes Wesen, dass sich selbst seinen Grenzen und Gesetze setzt. Sie werden ihm nicht vorgeschrieben, sondern er schreibt sie vor. Das ist es auch, was ihn glücklich machen kann. Er greift aktiv ins Geschehen ein - nimmt sich seine Zeit - und kann in seiner "selbstbestimmten Aktivität [sich] am wohlsten fühlen."
     
    In diesem Sinne ist "Entschleunigung" kein Unwort; es ist viel mehr ein neologistisches Schlagwort, das den Menschen wieder auf sich selbst besinnen lässt. 

  6. 8. uuuups

    also, wenn einer ein buch ueber die zeit schreibt, dann hat man immer den eindruck, er weiss was (was wir nicht wissen). aber sobald ihn jemand fragt...
    zuallererst muss man wohl mal feststellen, dass das inteview von frau radisch journalistisch-handwerklich "pfusch" ist. sie ist weder im thema, noch schafft sie es, dem interviewpartner (!) halbwegs intelligente statements zu entlocken. in diesem fall laesst man doch das gegenueber am besten erstmal reden und zieht dann das verwertbare raus. so ist das doch eine qual fuer alle beteiligten. und wenn wir den arikel als entschleunigtes slow food geniessen, verlaengert sich dieses leiden noch!
    naja, auch wenn man inhaltlich nix erfaehrt (sowenig wie wenn paul virgilio blubbernd im zug faehrt), wird doch zeit sinnlich spuerbar, so gedehnt, dass man nur noch eins will : action!
    fuer herrn rosa (ist das ein kuenstlername?), wo sie doch schonmal in an der nssr in new york sind, warum lesen sie denn nichtmal ein buch von alfred schuetz, da gibt's bedenkenswerte ideen zur zeit, zum zusammenhang von zeit und bestimmten geisteskrankheiten etc., da ist genug substanz vorhanden fuer 20 interviews.
    zum abschluss noch ein philosophisches schmankerl (echt, kein witz): ein super-macho kommt zu frueh und sagt zu seiner partnerin: "uuuups, tut mir leid, ich wusste nicht, dass du frigide bist..." relativitaetstheorie pur, gelle?

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    Der Herr Rosa ist Professor für Soziologie, der hat Schütz schon gelesen. :-)

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