Konsum : »Wir wissen nicht mehr, was wir alles haben«

Warum kluge Hedonisten den Verzicht üben - und warum nur Entschleunigung den Blick für das Wesentliche schärft. Ein Gespräch mit dem Soziologen Hartmut Rosa

DIE ZEIT: Die Welt beschleunigt sich mit jedem Tag. Was ist daran schlimm?

Hartmut Rosa: Beschleunigung ist nicht an und für sich schon schädlich. Unsere Verarbeitungsfähigkeit hat Grenzen, aber diese Grenzen sind elastisch. Immer wieder in der Geschichte glaubte man, die Grenze sei erreicht. Als die Eisenbahn erfunden wurde, wurde behauptet, eine Geschwindigkeit über 30 Kilometer pro Stunde führe zu Gehirnerweichung. Doch jedes Mal hat sich der Mensch bisher als anpassungsfähiger erwiesen als erwartet. Dennoch glaube ich, dass wir jetzt in den spätmodernen Gesellschaften in verschiedenen sozialen Bereichen Geschwindigkeiten erreicht haben, die schädlich für uns sind.

ZEIT: Woran erkennen wir, dass die Grenze überschritten ist?

Rosa: Das erkennt man an den Schnittstellen von Systemen. Eine Grenze ist überschritten, wenn ich zwei Prozesse, die ineinandergreifen, so beschleunige, dass der eine nicht mehr mithalten kann. Wenn ich also zum Beispiel Rohstoffe schneller verbrauche, als sie nachwachsen können. Oder wenn ich Giftstoffe produziere, die nicht schnell genug verarbeitet und abgebaut werden können. Das kann man auch auf Menschen übertragen: Wenn ich sie so schnell mit Innovationen bombardiere, dass sie die nicht mehr verarbeiten können, dann haben wir ein Problem.

ZEIT: Aber die Lösung des Problems könnte doch heißen: Der Mensch muss schneller werden, nicht die Welt langsamer.

Rosa: Wir beschleunigen uns ja. Es entstehen im Augenblick neue Fähigkeiten des Multitasking, das heißt, wir können viel mehr auf einmal erledigen als früher. Junge Menschen sind in der Lage, zwei völlig verschiedene Dinge gleichzeitig zu tun. Zum Beispiel zu telefonieren und einen Aufsatz zu schreiben.

ZEIT: Was ist daran verwerflich?

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 5
Der Kommentarbereich dieses Artikels ist geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

"Es gibt eine Elite von

"Es gibt eine Elite von Jugendlichen, die bewusst Technikverweigerung betreibt. Sie haben keine Lust mehr. Es gibt Aussteiger aus dem totalen Steigerungswahn."

Selbsternannte Elite vielleicht... Aber was heißt das schon. Rosas Thesen wirken im übrigen wie eine Kreuzung aus Richard Sennett und Oswald Spengler. Und wie letzterer wirkt das Ganze sehr rückwärtsgewandt.
Gesellschaftlicher Wandel lässt sich eben nicht in moralische Kategorien einordnen, das sollte Rosa besser lassen.

das Wichtigste aber vermochte der Soziologe nicht zu beantworten: das Warum.Warum rennen die Menschen vor sich selbst davon? weil sie auf der Suche sind - auf der Suche nach dem geistigen Aspekt ihres Seins. Weil in einer Welt zunehmenden Materialismus die geistige Seite auf der Strecke bleibt. Genau das ist auch der Grund für die Hinwendung zu "Esoterik" jedweder Form.Der Mensch - auch Herr Rosa! - läuft und läuft und sucht und sucht. Da er aber nicht weiß, was er sucht, findet er auch auch nicht ...

@Fetz-Haut

1. Er ordnet Fortschritt nicht in moralische Kategorien ein, sondern
trennt in seinen Aussagen zwischen Beobachtung und Wertung.  Das tut
er, obwohl er sich sicherlich des soziologischen common sense bewusst
ist (bist du es?), dass die Vorstellung der Möglichkeit solch einer
Trennung seit nicht sehr kurzer Zeit überholt ist, und dass die
Behauptung solch einer Trennung der eigenen Perspektive in "erst
beobachte ich, dann werte ich." zu nichts anderem dient als der eigenen
Darstellung als objektiv, sprich: dem Versuch, die eigene Person mit
der Sakralitätsaura der Wissenschaft zu umgeben, um den behaupteten
Wert der eigenen Aussage zu steigern.Zudem würde ich deiner
Zuordnung stark widersprechen: Für mich hören sich Rosas Thesen eher
wie eine Synthese aus Habermasschen und Schulzeschen Perspektiven an.2.Rosa
erwähnt die kulturindustrielle Produktion von Sinn, er tendiert also zu
(s)einer (Lieblings-)Antwort nach der "Frage nach dem warum"?Ich
hoffe, du weißt um deine Unterstellung eines Leib-Seele- (bzw.
Leib-Geist-)Dualismus? Soziologisches Denken versucht sich i.A.
möglichst der Untstellung solcher philosophischen Fragen zu enthalten,
um falsifizierbar zu bleiben (und das fiele weg, wenn man deinem
Dezisionismus folgt), dementsprechend macht Rosa alles richtig, wenn er
sich dieser Frage enthält.Hast du dich mal mit der philosophischen
Problematisierung der 'Sinnfrage' genauer auseinandergesetzt? Wenn ja,
und du hast, anders als alle anderen, die sich damit beschäftigen, eine
unzweifelbare Antwort gefunden (so scheint es mir deinen Aussagen
nach), dann teile sie mir bitte mit, das würde mich echt interessieren!

Der Kommentarbereich dieses Artikels ist geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis.