Als Cate Blanchett 1998 zur Königin von England gekrönt wurde, war sie international kaum bekannt. Der Auftritt als jugendliche Elizabeth in Shekhar Kapurs überraschend gegenwärtigem Kostümdrama aber genügte, um die Australierin mit dem ohnehin feenhaften Teint praktisch zu entrücken. Bei den Oscar-Wettbewerben gehört sie seitdem zu den »Gesetzten«, die Presse wird nicht müde, ihr das innere Leuchten zu bescheinigen, das nur ganz große Stars haben. Und natürlich geht es dabei nicht ohne diesen Kurzschluss: Zum Start ihres zweiten Elizabeth- Films haben die Lifestyle-Magazine sie zur Queen von Hollywood ausgerufen.

Tatsächlich war der Part des gekrönten Haupts immer eine Art Königsdisziplin für Schauspielerinnen. Die meisten auf dramatische Rollen abonnierten weiblichen Stars haben einmal diese dünne Luft geatmet – da oben, wo sich auch für Frauen andere Fragen stellen als die nach der Leistungsfähigkeit eines herkömmlichen Haarsprays, dort, wo über Völkerschicksale, Krieg und Frieden entschieden wird, wo die Gesten überlebensgroß sind und Dialoge zu Sentenzen erstarren. Wenn Marlene Dietrich am Ende von Sternbergs Scharlachroter Kaiserin den Zarenhof aufräumte, Bette Davis als alte Elizabeth I. gut aussehende Höflinge herumkommandierte und Greta Garbos Königin Christina kühl ins Ungefähr schaute, ging es ums Ganze: darum, was eine Frau tun konnte, wie berufstätig sie sein durfte, wie erfolgreich, wie nah an der Politik – und wie weit weg vom Mann.

Der Rückgriff auf historisch verbürgte Größe verdankte sich in der Frühzeit Hollywoods sicherlich auch einem Bedürfnis nach Legitimation: Die Bedeutung der Stoffe, die Einzigartigkeit der Protagonisten sollten sich auf den Film und seine Stars übertragen und vergessen machen, dass sie doch nur Produkte der Massenkultur waren. Wenn das nicht gelang, dann bereicherten die Aufmärsche der Gesalbten das Kino immerhin um visuelle Pracht: Königinnen, mehr noch als Könige, stellen Ansprüche an die Ausstattung. Und es ist bezeichnend, dass das Ende der goldenen Ära Hollywoods gern mit Cleopatra angesetzt wird, dem überlangen, überteuerten, auf seine Hauptdarstellerin Elizabeth Taylor zugeschnittenen Breitwand-Epos, das beinahe das produzierende Studio 20th Century Fox ruinierte: Die Fallhöhe der Königin im Film war dem Sturz des Kinos gerade mal angemessen. Danach brachen in jeder Hinsicht demokratischere Zeiten an, die Pathosformeln der heroischen Biografie wurden auf andere Frauentypen – Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Sozialrevolutionärinnen – übertragen, und für die Filmkönigin begann ein langer Abstieg. Ein paar Hoheiten, Elizabeth, die trutschige Maria Theresia oder die sechs Frauen Heinrichs VIII., konnte man, unvorteilhaft ausgeleuchtet, im Fernsehen treffen, andere, wie Isabelle Adjanis Reine Margot , festigten das Klischee, dass Frauen und Politik sich vor allem im Bett treffen.

Seit der Jahrtausendwende hat auf breiter Front ein Restaurationsprozess eingesetzt. Mag sein, dass er etwas mit der Refeudalisierung der modernen Gesellschaften zu tun hat, von der die Soziologie seit Jahren spricht, mit der Entstehung einer neuen Plutokratie, die den sozialen Konsens der Sechziger und Siebziger aufgekündigt hat und ihren Reichtum hemmungslos konsumierend zur Schau stellt. Jedenfalls findet die Populärkultur Adel neuerdings wieder schick und aufgerüschte Damen beim Staatsempfang nicht mehr peinlich. Vorausgesetzt, sie zeigen nicht wirklich Zähne, sondern liefern den Medien diesen emotionalen Mehrwert zu, ohne den Öffentlichkeit heute nicht mehr zu haben ist. Filme wie Sofia Coppolas Marie Antoinette oder Stephen Frears’ The Queen über die Krise der englischen Royals nach dem Tod von Diana Spencer betrachteten ironisch, aber nicht ohne Faszination die Celebrity-Szene und das luxuriöse Leben einer von aller unangenehmen sozialen Erfahrung abgeschotteten Upperclass. Die milde Kritik an der schönen Oberflächlichkeit wurde ihrerseits umgehend wieder in realen Konsum überführt: Satinschläppchen, Pariser Makronen, sogar die gute alte Barbour-Jacke erlebten ein Comeback. Und Helen Mirren nahm den „Golden Globe“ für ihre Queen mit den Worten entgegen: „Sie haben sich in sie verliebt, nicht in mich.“ Das Fernsehen verlegte sich derweil darauf, Patriziersippen aller Zeitalter – prominent in den Serien Rom und The Tudors – ansprechend in Szene zu setzen.

Elizabeth I. aber, sowieso die Zäheste unter den Filmqueens, erlebt derzeit buchstäblich ein neues Goldenes Zeitalter. Neben dem Kino-Sequel mit Cate Blanchett war im deutschen Fernsehen gerade eine preisgekrönte TV-Produktion – wie Rom von HBO produziert – mit Helen Mirren zu sehen, die aus ihren Königinnendarstellungen offenbar so etwas wie eine Zweitlinie macht. Im Fall dieser besonderen Majestät kommt allerdings ein erfrischender Aspekt ins Drama um die Frau auf dem Thron. Elizabeth, Markenname »Virgin Queen«, war in ihren reiferen Jahren das, was man heute Kult nennen würde, sie war sich ihres Promistatus vollkommen bewusst und war sehr versiert in der Selbstinszenierung, denn: »Wir Souveräne, sage ich euch, werden auf Bühnen gestellt, im Angesicht und Blickfeld der ganzen Welt nach Gebühr beobachtet … ein Fleck auf unseren Gewändern wird bald erspäht.« Aber sie war auch eine Politikerin mit hervorragender Leistungsbilanz, vor allem auf dem Gebiet der Integration konkurrierender Interessen – und die Filme stellen die »gute«, die tolerante Königin Elizabeth heraus. Wohl um zur Abwechslung mal etwas anderes zu befeuern als das Bedürfnis nach Klatsch und Glamour: die wie immer trügerische Hoffnung nämlich, es möchte mit den großen Frauen so etwas wie Vernunft in die nachweislich von Männern ruinierte Geschichte einziehen. Mirren und Blanchett, Ausnahmeschauspielerinnen beide, können es sich leisten, unter ihren rot gelockten Perücken zu schmollen und zu zetern. Denn wenn die Tränen getrocknet und die begehrenswerten Höflinge aus den Augen sind – »Mylord, begone!« –, dann schicken die Ladys diese klaren Blicke über die Rampe, die den Zuschauer davon überzeugen, hier werde am Ende schon alles gerichtet.

Während Mirrens TV-Königin sich vor allem in flinken Wortgefechten mit ihren Beratern entfaltet, erscheint die Kino-Elizabeth geradezu entfesselt. Elizabeth – Das Goldene Zeitalter, wie der Vorgänger von Shekhar Kapur inszeniert, ist vom Virus des neuen kostümierten Spektakelkinos befallen. Mit dem historischen Detail, den Umständen des englischen Siegs über die spanische Armada etwa, nimmt es der Film nicht so genau, dafür kommt er buchstäblich mit wehenden Fahnen daher. Die Inszenierung der berühmten Rede, die Elizabeth auf dem Feld von Tilbury vor ihrem Heer hielt, lässt spontan an Blanchett-Plastik-Actionfiguren denken. Vieles an dieser Elizabeth wirkt gesucht, wenn nicht gespreizt, von den hypertrophen Kostümen über die Kameraeinstellungen aus dem Gebälk gotischer Kirchen bis hin zur Choreografie der Komparsen. Aber gerade das ist es, was den Reiz des Films ausmacht: wie er auf Teufel komm raus die männliche Energie des Effektkinos mit der weiblichen des Melodrams verschmilzt. Wie er versucht, das Bild der heroischen Frau wiederzubeleben und aus den Trümmern der Kino-Königinnen-Geschichte, die natürlich auch eine Geschichte des Kitschs ist, den modernen Funken zu schlagen. Wenn der Königinnenfilm etwas darüber sagt, welcher Frauentyp in einer Gesellschaft gerade gefragt ist, dann könnte das Comeback der Elizabeth bedeuten, dass für die »Königinnen der Herzen«, die allen gehören und keinem, für die Apanagen-Empfängerinnen und Medien-Darlings die Dämmerung angebrochen ist, dass der Trend in Richtung Di raus, Hillary rein läuft und eine gescheite Berufsbiografie die Dame so gut kleidet wie eine Balenciaga-Robe. Ob das schon ein politischer Fortschritt ist, lässt sich nicht sagen. Auf jeden Fall erzeugt es im Kino mehr Spannung – und hat überhaupt mehr Klasse.