Kann dies das erhoffte Wunder sein? Ist die Heilung von Marie-Simon Pierre jene übernatürliche Begebenheit, die zur Heiligsprechung von Papst Johannes Paul II. notwendig ist? Vier Jahre lang hatte die französische Nonne von der Kongregation der Kleinen Schwestern bei Aix-en-Provence an ihrer Parkinsonkrankheit gelitten – bis plötzlich, am 2. Juni 2005, die Symptome auf wundersame Weise verschwanden. Marie-Simon Pierre ist überzeugt: Geholfen haben die Gebete ihrer Mitschwestern und ihr unerschütterlicher Glaube an Papst Johannes Paul II.

Als dieser am 2. April 2005 starb, sei es ihr zunächst von Tag zu Tag schlechter gegangen, erzählt die Nonne. Doch viele Gebete und exakt zwei Monate später, so berichtete die Katholikin auf einer Pressekonferenz, seien alle Schmerzen verschwunden gewesen. Sie habe ihre Medikamente abgesetzt und einige Tage später ihren Neurologen aufgesucht, der »mit Erstaunen das Verschwinden aller Anzeichen« der Parkinsonkrankheit diagnostizierte.

Nun wird Marie-Simon Pierres Genesungsbericht im Vatikan geprüft als ernsthaftester Kandidat für jenes Wunder, das zur Heiligsprechung notwendig ist. Dazu muss es laut Definition des zweiten Konzils die »Bestätigung der Gegenwart von Gottes Reich auf der Erde« sein, auf den Einfluss des Verstorbenen hindeuten und im Rahmen der derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnis nicht erklärt werden können. Doch vielleicht sollten sich die Wunderprüfer mit ihrer Arbeit beeilen; denn der Rahmen der derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnis ändert sich gerade auf diesem ureigensten Gebiet der Kirche rasant.

Zunehmend weisen Neurologen, Mediziner und Psychologen nach, wie stark Glaubensvorstellungen den Heilungsprozess von Krankheiten beeinflussen. Pure Überzeugung kann Schmerzen lindern, Asthma bessern oder Allergien mindern. Und gerade Parkinson ist eines der Leiden, das besonders stark auf Placebobehandlungen anspricht: Mit Scheintherapien lassen sich erstaunliche Erfolge erzielen. Was dabei wirkt, ist allein die Erwartungshaltung der Patienten.

Diese Macht der Erwartung wiesen amerikanische Forscher nach, die vor einigen Jahren Parkinson-Patienten zum Schein operierten. Ihre 30 Probanden teilten sie in zwei Gruppen und klärten sie darüber auf, nur ein Teil von ihnen bekäme neue fötale Zellen ins Gehirn gespritzt. Alle Patienten wurden in den Operationssaal geschoben, betäubt und bekamen ihre Schädeldecke (zumindest ein wenig) angebohrt. Als die Psychologin Cynthia McRae die Behandelten ein Jahr später nach dem Erfolg befragte, stellte sie erstaunt fest: Für das Wohlergehen der Patienten war es unerheblich, ob sie tatsächlich operiert worden waren oder nicht. Wichtig war einzig und allein, zu welcher Gruppe die Kranken zu gehören glaubten.

Für Forscher, die solche Phänomene studieren, ist der biblische Hinweis auf die Berge versetzende Kraft des Glaubens kein frommer Wunsch, sondern ein medizinischer Effekt, der eine rationale Grundlage hat. »Wunderheilungen sind kein Voodoo, das können wir erklären«, ist Manfred Schedlowski überzeugt. »Eine starke Erwartungshaltung verändert die Gehirnchemie, Botenstoffe werden ausgeschüttet, und diese Veränderungen werden über das Nervensystem an den Körper weitergeleitet, wo sie häufig genau die gewünschten Wirkungen in Gang setzen«, sagt der Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie am Universitätsklinikum Essen.

Um solche Mechanismen genauer aufzuklären, hat Schedlowski Ende November Forscher aus aller Welt zum bisher größten Treffen der Placebo-Zunft zusammengeführt. Gefördert von der VW-Stiftung, diskutierten sie in der Evangelischen Akademie Tutzing bei München drei Tage lang die wundersamen Effekte der Placebomedizin. Das bekannteste, immer wieder zitierte Beispiel ist die Beobachtung des amerikanischen Anästhesisten Henry Beecher, der im Zweiten Weltkrieg in einem Lazarett an der Front arbeitete. Als ihm das schmerzlindernde Morphin ausging, spritzte er in seiner Not simple Kochsalzlösung – worauf viele Kranke erleichtert von Besserung berichteten. Unter dem Titel The Powerful Placebo veröffentlichte Beecher 1955 die erste wissenschaftliche Arbeit über das Phänomen. Doch lange galt diese Art der »Glaubensmedizin« unter Medizinern als wenig seriös. Der Begriff Placebo (lateinisch: Ich werde gefallen) wurde meist abwertend gebraucht, weil er eine unspezifische Wirkung bezeichnete, die im Klinikalltag schwer zu packen war und den Pharmafirmen ihre Medikamentenstudien verfälschte. Seit einigen Jahren ändert sich diese Wahrnehmung. Neurowissenschaftler können mit bildgebenden Verfahren die Placebo-Wirkung immer besser verfolgen. Und in ausgeklügelten Studien zeigen sich ständig neue Anwendungsfelder für eine gezielte Nutzung des Glaubens.

Einige der frappierendsten Beispiele stellte der italienische Neurologe Fabrizio Benedetti vor. Er zeigte, wie sich mit purem Nichts die Leistungsfähigkeit von Sportlern verbessern lässt. Um die oft schmerzhafte Wettkampfsituation zu simulieren, ließ er seine Probanden einen Handexpander drücken – und schnürte ihnen zugleich die Blutzufuhr zur Hand ab. Nach 15 Minuten wurde bei den meisten Versuchspersonen der Schmerz so unerträglich, dass sie aufgaben. In der zweiten Phase gab Benedetti ihnen ein starkes Schmerzmittel, worauf sie 23 Minuten lang durchhielten. Eine Woche später wurde der Versuch wiederholt – diesmal mit wirkungslosem Kochsalz. Doch die Überzeugung, es sei ein Schmerzmittel, beflügelte die Sportler derart, dass sie rund 20 Minuten überstanden. »Es ist also möglich, dopingähnliche Effekte ohne Doping zu erzielen«, schließt Benedetti. Radsportler, aufgepasst!

»Und es geht sogar ohne Medikamente«, weiß Benedetti. Zum Beispiel, indem man Sportlern im Fitnessstudio einen angeblich leistungssteigernden Drink reicht, während ein Assistent heimlich die Gewichtslast verringert. Den scheinbaren Kraftzuwachs schreiben die Trainierenden logischerweise dem Getränk zu. Wiederholt man dies einige Male, sind die Sportler irgendwann von dem »Kraftdrink« so überzeugt, dass sie ihre Leistung tatsächlich erhöhen.

In all diesen Fällen wirken stets mehrere Mechanismen zusammen. Zum einen hilft es, die Probanden auf den Erfolg einer Behandlung zu konditionieren. Hat jemand mehrfach die heilsame Wirkung einer Substanz oder Therapie erlebt, reicht allein die Aussicht darauf, um die entsprechenden körperlichen Funktionen in Gang zu setzen. Am dramatischsten hat dies Manfred Schedlowski demonstriert. Er verabreichte Ratten zunächst eine Zuckerlösung, gekoppelt mit einem starken Medikament zur Unterdrückung des körpereigenen Abwehrsystems. Nach einigen Wiederholungen reichte schon die Zuckerlösung, um die immunsuppressive Wirkung zu erzielen. Der Schlüsselreiz setzte die Hormonkaskade derart in Gang, dass das eingepflanzte Herz einer fremden Ratte nicht mehr abgestoßen wurde, sondern bis zu 100 Tage überlebte. Vielleicht, so hofft Schedlowski, ließe sich auf diese Weise auch beim Menschen die Gabe immunsuppressiver Medikamente verringern.

Ebenso wichtig für die »Glaubensmedizin« scheint die Erwartungshaltung eines Patienten zu sein. Wer felsenfest an den Erfolg einer Behandlung glaubt, setzt damit schon jene Selbstheilungskräfte in Gang, die ihm letztlich Linderung verschaffen. Diese neurochemische Wirkung lässt sich bei Parkinsonkranken sogar in bildgebenden Verfahren nachweisen.

Ausgelöst wird Parkinson durch das Absterben von Zellen in der Substantia nigra, die den Botenstoff Dopamin herstellt. Der daraus resultierende Mangel an Dopamin führt zu den bekannten Parkinson-Symptomen – Muskelzittern, Starre bis hin zur Lähmung. Zur Behandlung des neurologischen Leidens wird häufig der dopaminähnliche Wirkstoff L-Dopa verordnet. Allerdings kann man die körpereigene Dopaminproduktion auch anders ankurbeln: und zwar, indem man direkt das sogenannte Belohnungszentrum im Hirn anregt. Denn in diesem Bereich um den Nucleus accumbens finden sich besonders viele Dopaminrezeptoren.

Die Parkinsonforscher A. Jon Stoessl und Raúl de la Fuente-Fernández machten ihre Patienten glauben, ein wirksames Arzneimittel zu erhalten, und spritzten in Wahrheit Kochsalzlösung. Nach der Nichttherapie fühlten sich einige Patienten prompt erheblich besser. Zugleich zeigte sich, dass in ihrem Gehirn vermehrt Dopamin ausgeschüttet wurde, und zwar gerade im Belohnungszentrum. Allein die Aussicht auf eine Belohnung hatte die entsprechenden Hirnzentren derart angeregt, dass sie jene Botenstoffe freisetzten, die schließlich den gewünschten Effekt bewirkten.

Offenbar kannte auch der größte Heiler der Christenheit diesen Mechanismus. Denn wann immer Jesus in der Bibel einen Kranken heilte, etwa die »blutflüssige Frau« (Luk. 8.48) oder den Blinden (Luk. 18.42), spricht er die magische Formel: »Dein Glaube hat dir geholfen« (und nicht etwa: »Gott hat geholfen«).

Wirkt bei einer religiös Gläubigen – wie der Nonne Marie-Simon Pierre – also diesselbe Biologie wie bei einem erwartungsfrohen Patienten, der an einer Zuckerpille gesundet? Wer solche Fragen auf der Tagung in Tutzing stellte, blickte meist in leicht gequälte Gesichter. Natürlich gebe es einen Zusammenhang, sagt Raúl de la Fuente-Fernández. Aber es sei heikel, über solche Verbindungen zu spekulieren. Zu groß die Gefahr, dass sich Gläubige in ihren tiefsten Empfindungen verletzt fühlen. Der Parkinsonforscher hat zwar eine ganze Menge Material über Religion und Placeboforschung gesammelt. Zum Beispiel darüber, dass Alzheimer-Patienten meist sowohl das Interesse an Religion verlieren, als auch auf die Placebowirkung nicht mehr ansprechen (denn mit der Degeneration der neurochemischen Regelkreise um das Belohnungszentrum kommt ihnen jegliche Erwartungshaltung abhanden). Aber über solche Zusammenhänge will Fuente-Fernández »nur im kleinen Kreis« reden.

So kommt es, dass die Religion in Tutzing allenfalls in den abendlichen Gesprächen an der Bar eine Rolle spielt. Dort lässt sich Fabrizio Benedetti immerhin zu der Bemerkung hinreißen, dass beim Placeboeffekt ja die Erwartungshaltung eine entscheidende Rolle spiele – »und welche Erwartung könnte größer sein, als der Glaube an die Erlösung im Himmel?«.

Ähnlich wie die Religion kann die Placebogabe aber auch erhebliche Nebenwirkungen haben. Als »Noceboeffekt« bezeichnen die Forscher die schädlichen Effekte eines negativen Glaubens. Wer etwa überzeugt ist, Handystrahlen verursachten Kopfweh, kann davon tatsächlich Schmerzen bekommen – auch wenn das Mobiltelefon gar nicht strahlt. Das konnten norwegische Forscher kürzlich in einer Studie belegen, in der die Probanden verschiedenen Testsituationen ausgesetzt wurden. In 68 Prozent aller Fälle klagten sie über Beschwerden – allerdings erwies es sich als unerheblich, ob die Telefone ein- oder ausgeschaltet waren. Die Symptome, schlussfolgerte die Physikerin Gunnhild Oftedal, würden wohl nur »von negativen Erwartungen hervorgerufen«. Aus solchen Gründen werden auch Medikamenttests von Teilnehmern abgebrochen, die ein wirkungsloses Placebo erhalten haben – und dennoch über unerträgliche Nebenwirkungen klagen.

So gewaltig die Macht des Glaubens aber scheint – unbeschränkt ist sie nicht. Denn das Prinzip Hoffnung funktioniert nicht bei jedem in gleichem Maße. Im Mittel beträgt die Placebowirkung 20 bis 50 Prozent – bei Einzelnen kann sie allerdings auch sehr viel höher oder niedriger liegen. Was die »Placebo-Sensitiven« von den »Nichtsensitiven« unterscheidet, ist weitgehend ungeklärt. Frauen reagieren im Allgemeinen nicht stärker als Männer, Ingenieure nicht anders als Hausfrauen, selbst der religiöse Glaube scheint keine entscheidende Rolle zu spielen. Klar ist nur: Die individuellen Differenzen sind enorm.

Außerdem scheinen manche Leiden für die Heilkraft des Glaubens geradezu prädestiniert; dazu gehören Parkinson, das Reizdarm-Syndrom, Allergien, Rückenbeschwerden und andere Schmerzerkrankungen – alles Leiden, bei denen die Psyche eine große Rolle spielt. Bei Krankheiten wie etwa Krebs dagegen hilft eine positive Erwartungshaltung vorwiegend bei der Bewältigung; das Tumorwachstum selbst lässt sich mit Placeboeffekten kaum beeinflussen.

Und nicht zuletzt scheint die Persönlichkeit des behandelnden Arztes einen enormen Einfluss zu haben. Manche vermögen schon allein durch ihre Ausstrahlung beim Patienten heilende Kräfte in Gang zu setzen. Im gegenwärtigen Gesundheitssystem wird dieses Arzt-Patienten-Verhältnis, wozu auch genügend Zeit für ein hilfreiches Gespräch gehört, allerdings kaum honoriert. Außerdem verbietet den Ärzten ihre Aufklärungspflicht, den Glauben der Patienten auszunutzen. Zwar verschreiben sie in harmlosen Fällen gern mal ein »leichtes pflanzliches Mittel«, doch bei ernsteren Fällen versagt dieses Placebo-Prinzip. Zum Schein therapieren dürfen Mediziner eben nur, wenn die Teilnehmer zumindest prinzipiell zugestimmt haben. Solche Einschränkungen machen es den Ärzten schwer, im Alltag öfter mal Placebo-Prozeduren auszuprobieren – auch wenn deren Wirkungen mitunter über der einer biomedizinisch anerkannten Therapie liegen können.

In diese Lücke stoßen Homöopathen, Akupunkteure und all die anderen Vertreter der Alternativmedizin, deren (oft unbestreitbare) Behandlungserfolge zum großen Teil darauf beruhen, dass sie in ihren Patienten den rettenden Heilungsglauben wecken. Dass die Heilpraktiker allerdings entschieden darauf beharren müssen, es seien ihre Globuli (oder Nadeln oder Auratherapien), die da wirkten, wird im Lichte der Placeboforschung auch verständlich: Nur wer wirklich daran glaubt, kann schließlich die notwendige positive Erwartungshaltung aufbauen.

Ähnliches gilt übrigens auch für die Religion: Hätte etwa Marie-Simon Pierre nicht so ein festes Papst- und Gottvertrauen gehabt, wäre ihre Parkinsonkrankheit wohl nie geheilt worden. Und vielleicht ist es ein Glück, dass sie die neurobiologischen Mechanismen der Placebowirkung nicht kannte; sonst hätten sie womöglich nicht gewirkt. So gesehen, darf man die Genesung in Aix-en-Provence getrost als Wunder bezeichnen.

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