Psychologie Wiederaufbau für die Seele

Deutsche Stiftungen und Organisationen bilden Ärzte im Nahen Osten in Psychotherapie aus. Sie wollen vor allem traumatisierten Kindern aus dem Irak helfen

Auch nachdem Farok Sabri die Tüte mit dem Lösegeld am vereinbarten Ort deponiert hatte, wie von den Terroristen befohlen, blieb die Angst. Der irakische Psychologe verließ sein Haus und tauchte mit seiner Familie in einem Dorf unter. »Mein Leben ist in Gefahr«, sagt Sabri, der seinen echten Namen nicht nennen möchte. Ärzte sind im Irak häufig Opfer von Erpressern und Terroristen, die das Land destabilisieren wollen. Sabri ist dennoch im Irak geblieben und fährt fast jeden Morgen zur Arbeit, zu seinen Patienten.

An diesem Tag jedoch sitzt er im Konferenzraum einer türkischen Hotelanlage. Vom Tisch aus kann er auf das Meer und eine Poollandschaft unter Palmen schauen. Zwei Wochen verbringt er an diesem Urlaubsort – zwei Wochen lang muss er keine Angst vor Entführern oder Attentätern haben. Sabri gehört zu einer Gruppe von 15 Ärzten, Psychiatern und Psychologen, die der Verein Children of Bagdad zusammen mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und der Stiftung Children for Tomorrow hierher eingeladen hat. Seit drei Jahren bilden sie die Teilnehmer in Kinder- und Jugendpsychotherapie aus.

Sabri möchte nicht, dass jemand davon erfährt. Wer sich mit dem Westen einlässt, setzt sich in seinem Land einem hohen Risiko aus. Wie er kommen die meisten Teilnehmer aus dem Irak, aber auch Syrer, Jordanier und ein Palästinenser sind dabei. Sechsmal zwei Wochen umfasst der Kurs, an dessen Ende sie ein Zertifikat der Universität Hamburg erhalten.

Ziel des vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) geförderten Projekts ist es, ein Netz aus Psychotherapeuten im Nahen und Mittleren Osten zu etablieren, um insbesondere traumatisierten Kindern aus dem Irak zu helfen. »Der psychische Wiederaufbau ist in Nachkriegsgesellschaften ganz zentral«, sagt Peter Riedesser, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am UKE. Er hat ähnliche Projekte schon im Kosovo, in Rumänien und Mosambik initiiert.

Im Irak wird die psychische Bewältigung des andauernden Schreckens viel Zeit brauchen. Ständig drängen neue grauenhafte Bilder ins Gedächtnis der Kinder: Autobomben explodieren vor Schulen, in den Straßen liegen geköpfte Leichen. Umfragen an Schulen in Bagdad zeigen, dass fast jedes zweite Kind in den vorangegangenen zwei Jahren ein traumatisierendes Erlebnis hatte. Laut einer anderen Studie fürchteten 70 Prozent, sie müssten sterben, noch ehe sie erwachsen würden. Mehr als die Hälfte hielt das Leben nicht für lebenswert. Sabri hat kürzlich einen Siebenjährigen behandelt, der nicht mehr spricht, seitdem Vermummte seinen Vater beim Zahnarzt vor seinen Augen mit Kugeln durchsiebten. Ein Arzt aus dem Nordirak berichtet von einem Kind, das versuchte, sich selbst zu verbrennen, mit gerade einmal neun Jahren.

Psychotherapie, sagen die Projektgründer, könne diesen Kindern helfen. Bislang jedoch gebe es im Irak nicht mal eine systematische Kinder- und Jugendpsychiatrie, von Psychotherapie ganz zu schweigen. »Die sprechende Medizin existiert in Nahost so gut wie gar nicht«, sagt Fakhri Khalik, der den Verein Children of Bagdad mitgegründet hat. Er ist selbst in Bagdad aufgewachsen und lebt heute als Kinder- und Jugendpsychiater und Psychoanalytiker in Frankfurt. »Wir wollten die sprechende Medizin in die Region bringen, bevor die Amerikaner ihre Pillen verteilen.«

In arabischen Ländern werden psychisch Kranke oft nur mit Tabletten behandelt

Aber die Pillen sind schon da. Im Irak wie in vielen arabischen Ländern sind Medikamente das gängige Mittel, um psychisch Kranke zu behandeln. »Die Leute können sich nicht vorstellen, dass man gesund wird, weil man spricht«, sagt Wael Abdul Aziz, ein Therapeut aus Jordanien. Weil psychische Erkrankte stigmatisiert sind, würden Betroffene professionelle Hilfe ohnehin kaum in Anspruch nehmen, erklärt Mohamed Thiyab Abed Al-Karkhi, ein Psychiater und ehemaliger Universitätsdozent aus Bagdad. Außerdem hielten sich viele eher an ihre Religion: »In unserer Kultur gilt Allah als der größte Heiler.«

Wer dennoch in Kliniken nach Hilfe sucht, trifft meist auf überlastete Ärzte, die nach fünf Minuten ein Medikament verschreiben. Auch die Kursteilnehmer haben sich früher auf diese Weise entlastet. »Wenn wir anfangs Fälle diskutierten, haben sie regelrecht darum rivalisiert, wer die neuesten Medikamente kennt«, erinnert sich Khalik.

Hier an der malerischen türkischen Küste erarbeiten sich die Therapeuten eine neue Sicht auf die psychischen Nöte ihrer Klienten. Anstatt die Symptome einfach medikamentös abzustellen, lernen sie, zu erkennen, welche Geschichte hinter ihnen steckt. An diesem Morgen geht es um einen Jungen aus Bagdad, der unter Atemnot und Adipositas leidet. Er reagiert panisch, sobald er von seiner Mutter getrennt wird, seit sein Vater von Saddam Husseins Schergen gehängt wurde. Nimmt die Angst dem Kleinen die Luft zum Atmen? Imitiert er mit dem Röcheln womöglich den erhängten Vater im Todeskampf? Ist das übermäßige Essen eine Ersatzbefriedigung oder der Versuch, schnell erwachsen zu werden, um den Vater zu ersetzen?

»Wir wollten das Gespür der Teilnehmer für psychodynamische Vorgänge wecken, damit sie verstehen, warum bestimmte Symptome auftreten«, sagt Fakhri Khalik. Angelehnt an die psychoanalytisch orientierte Psychotherapie haben die Teilnehmer gelernt, welche Macht das Unbewusste haben kann und wie sie die Beziehung zu ihren Patienten für die Therapie nutzen können.

Anfangs hatten die Initiatoren Zweifel, ob die Teilnehmer angesichts ihrer eigenen Traumatisierung überhaupt in der Lage sein würden, psychisch Kranken zu helfen. Sabri hatten die Männer von al-Qaida am Telefon jeden einzelnen Namen seiner Kinder aufgezählt, damit er Lösegeld zahlt. Eine Ärztin aus Bagdad erhielt einen ähnlichen Anruf und wurde über einen Kollegen ausgefragt. Wenig später war er tot. Kurz darauf wurde ein zweiter ermordet. Aus Angst wechselte sie die Telefonnummer, schloss ihre Praxis und tauchte unter. Andere Traumata reichen weiter zurück, wie bei Mustafa, einem Arzt aus dem kurdischen Nordirak. »Als Kind habe ich nur Krieg gesehen«, sagt er. Zuerst erlebte er die Schrecken des Iran-Irak-Krieges, und als 13-Jähriger flüchtete er wie mehr als eine Million Kurden vor Saddams Mördern nach Iran und wurde dabei für einen Monat von seiner Familie getrennt. »Nachts wache ich oft auf und habe Angst«, sagt er.

Bei diesem Projekt lernen sie zunächst, sich mit ihren eigenen Gefühlen zu konfrontieren. Sie arbeiten in der Gruppe und in Einzelgesprächen ihre eigenen Ängste und Konflikte auf. Sie vertrauen einander ihre nächtlichen Träume an, weinen um Verstorbene, offenbaren Unaussprechliches. Ihr enges Vertrauensverhältnis ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass die Gruppe aus Sunniten, Schiiten und Christen, aus Kurden wie Arabern besteht.

Nicht immer standen Krieg und Terror im Fokus der Kurse. Traumabewältigung, meint UKE-Professor Riedesser, könne nur gelingen, wenn der Therapeut breit ausgebildet sei und auch mögliche Familienkonflikte aufspüren könne. Deshalb haben die Teilnehmer in Rollenspielen klassische Familienstreitigkeiten ausgetragen oder den Ödipuskomplex besprochen. Angelehnt war der Lehrplan an das Europäische Curriculum zur Ausbildung von Psychotherapeuten.

Die Patienten müssen selbst zahlen. Darum wollen sie schnelle Erfolge

Eins zu eins lässt sich das westliche Konzept in der arabischen Welt nicht umsetzen. »Wir machen hier keinen Kulturimperialismus«, sagt Areej Qasqas, eine Assistenzärztin vom UKE, die das Projekt mitbetreut. Die gebürtige Palästinenserin weiß: »In der arabischen Kultur ist der Arzt eine Autoritätsperson, von der erwartet wird, Ratschläge zu geben.« Ein Therapeut könne sich nicht so stark zurückhalten wie in westlichen Ländern, da er sonst keine Akzeptanz fände. Und weil Patienten die Psychotherapie selbst bezahlen müssen, wollen sie schnell Erfolge sehen. Ein Therapeut steht daher unter hohem Druck. Um überhaupt Patienten zu bekommen, bieten manche ihre Dienste zunächst für wenig Geld an, manchmal sogar kostenlos.

Auch die Integration von religiösen Aspekten ist wichtig für eine erfolgreiche Arbeit. »Nach dem Koran dürfen ein Mann und eine Frau nicht allein in einem Raum sein«, erklärt COB-Gründer Khalik. Eine Patientin müsse also beispielsweise ihre Tante mitbringen, wenn der Therapeut ein Mann sei. Manche Teilnehmer haben die Erfahrung gemacht, dass es die Akzeptanz ihrer Patienten fördert, gelegentlich aus dem Koran zu zitieren. »In unserer Religion gibt es viele Stellen, die die Psychotherapie unterstützen«, sagt der syrische Psychiater Molham Al-Heraki.

Die kulturelle Übersetzungsarbeit, die Bewältigung der eigenen Schrecken und Bedrohungen sind nicht die einzigen Hürden, die das Projekt fast zu einer mission impossible machen, wie es Riedesser nennt. Die erste Sitzung in Selbsterfahrung fand – die versprochenen Seminarräume waren belegt – in einem Krankenhauskeller in Damaskus statt, der bis zur Decke gekachelt war und einen Abfluss in der Mitte hatte. »Ich glaube, das war eine Leichenhalle«, sagt Khalik. Es war so kalt darin, dass sie sich an einer tragbaren Kochplatte wärmen mussten. Ein anderes Mal fand der Kurs aus Geldnot in einer Autobahnraststätte zwischen Bagdad und Damaskus statt. Als ungebetener Gast tauchte dort der syrische Geheimdienst auf, der eine verschwörerische Versammlung ausgemacht zu haben glaubte und die Gruppe erst in Frieden ließ, als sich der Konsul in Hamburg und die syrische Ärztekammer einschalteten.

Andere Seminare mussten verschoben werden, weil die Grenzen wegen Kämpfen unpassierbar waren. Im vorletzten Jahr mussten die Organisatoren den Veranstaltungsort kurzerhand von Jordanien nach Syrien verlegen, weil Bombenanschläge auf Hotels in Amman den Aufenthalt in Jordanien zu riskant erscheinen ließen. Auf dem Weg zu einem Kurs in Syrien geriet der Iraker Al-Karkhi mit zwei Kollegen in eine Straßensperre bewaffneter Terroristen und entging nur knapp einer Entführung.

»Da habe ich mich schon gefragt, ob die Sache das wert ist«, sagt Al-Karkhi am letzten Abend bei der Verleihung der Zertifikate. Seine Antwort lautet ja. Doch er weiß, wie schwer es ist, zurzeit im Irak etwas aufzubauen. Nach den ersten Kursen eröffnete er in Bagdad ein Psycho-Social Support Center für Kinder und Jugendliche. Dort gibt es Spielzeug und Malstifte, einen Gruppenraum und Therapeuten, die mehr als fünf Minuten Zeit haben. Doch anstatt dort sein Wissen anzuwenden, wartet Al-Karkhi nun in Abu Dhabi auf den Frieden. Vor einigen Monaten musste er fliehen, als auch er einen Umschlag mit Patronen erhielt – eine unmissverständliche Drohung.

Selbst die, die im Irak ausharren, wie Farok Sabri, können nicht immer zur Arbeit gehen, weil es zu gefährlich ist; oft bleiben auch die Patienten den Terminen fern. Daher werden sich die Anstrengungen vorerst auf die Nachbarländer konzentrieren. Children of Bagdad will nächstes Jahr ein Therapie- und Ausbildungszentrum in Jordanien oder Syrien aufbauen. Millionen Iraker sind dorthin geflohen.

Manche Absolventen planen oder haben bereits eigene Praxen. In jedem Fall wollen sie zusammenhalten und ihr Wissen weitergeben. Noch vor der Abreise gründen sie einen eigenen Verein. Von jährlichen Treffen, Supervision per E-Mail und sogar Videokonferenzen ist die Rede. Doch auch das Internet braucht Frieden: Dort, wohin Sabri nach der Lösegeldübergabe geflohen ist, gibt es keinen Anschluss.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 19.12.2007 Nr. 52
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    • Schlagworte Psychologie | Irak
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