Von Vätern war ja viel die Rede in diesem Jahr. Von neuen Vätern und von alten, von Vätermonaten und Väterstreik. Von Vätern, die nachts heimlich Speichel von den Schnullern ihrer Kinder kratzen, um sicherzugehen, dass die eigenen Gene daran kleben. Und natürlich, wie stets, von Vätern, die fehlen, Reißaus nehmen und ihrer Verantwortung entfliehen. Also spricht die Bundesfamilienministerin, ernst und streng: »Diese Gesellschaft wird nicht weiterexistieren können, ohne dass die Vaterrolle weiterentwickelt wird.« Mag sein. Nur merkwürdig: Die, die sich da so dringend ändern sollen, kommen im großen deutschen Familiendiskurs (der naturgemäß immer auch ein Katastrophendiskurs ist) nur selten zu Wort. Die Väter schweigen.

Zwar findet man in den Ratgeberecken der Buchläden mittlerweile auch für Väter viel Erbauliches; Titel wie Das Papa-Handbuch verraten wachsende Nachfrage – und Kaufkraft. Und die Väterforschung, ein spätes Kind der Frauenbewegung, schreitet bei der Vermessung des modernen Mannes unaufhaltsam voran. Wer einen Blick in eine der zahllosen Talkrunden zum Thema wirft, reibt sich allerdings verwundert die Augen. Die klassische Besetzung, um über Kinder und Karriere, Krippen und Kitas, Mütter und Väter zu diskutieren, sieht Ursula von der Leyen, Eva Herman und Bischof Mixa vor. Während die Frauen routiniert über ihr Rollenverständnis streiten, hisst der katholische Kirchenmann die Fahne der männlichen Reaktion. Wenn’s hoch kommt, sitzt links außen noch ein unglücklicher Scheidungsvater. Diese Auswahl verrät viel über die Klischees, die in den Köpfen der Medienmacher(innen) existieren. Gewöhnliche Väter, die davon berichten könnten, wie sie den Alltag mit Familie und Beruf erleben, fehlen. Dabei könnten sie viel beitragen – und zwar mehr von der work- als von der life- Seite der viel beschworenen Balance. Diesen Artikel können Sie auch als mp3 hören, klicken Sie auf das Bild. Weitere ZEIT-Artikel zum Hören finden Sie unter www.zeit.de/hoeren © Zeit online BILD

Nicht sehr anders sieht es in der politischen Arena aus. Was gestern noch Gedöns war, kann heute wahlentscheidend sein – und bleibt dennoch fest in Frauenhand. Von 16 Landesministern, die sich um Familienpolitik kümmern, sind zwölf Frauen. Männer, die das Thema mit Ernst und Autorität vertreten, bleiben trotz dieses Bedeutungsgewinns rar. Die SPD sucht verzweifelt nach einer Gegenspielerin für Ursula von der Leyen. Auf die Idee, dass es auch ein Gegen spieler sein könnte, mit dem die Sozialdemokraten den familienpolitischen Fortschritt für sich reklamieren, ist im Willy-Brandt-Haus offenbar noch niemand gekommen. Und in den Medien kann man die Zahl der Männer, die regelmäßig über Familienfragen berichten, an einer Hand abzählen.

Die Gründe, warum die Väter schweigen, sind unterschiedlich. Auf den ersten Blick gibt es für sie ja wenig zu gewinnen – außer einer wie auch immer besungenen Mehrbelastung. Hingegen ist die Befreiung von Heim und Herd bis heute ein Frauenthema. Die Frage freilich, wie man Zeit für Beruf und Kinder findet, stellt sich längst auch die Mehrzahl der Väter. Gewiss haben Frauen mehr Übung und wahrscheinlich auch mehr Neigung, ein Gespräch über sich selbst zu führen; aber so sprachlos sind Männer doch sonst nicht. Wenn denn Väter überhaupt einmal über ihre Rolle sprechen, ob öffentlich oder beim Bier, werden sie gerne ironisch. So lautet der Titel eines Theaterstücks, das jetzt in Bielefeld zur Uraufführung kam, Elende Väter . Ausdrücklich hatte der Intendant Michael Heicks den Autor Tom Peuckert gebeten, das Thema satirisch zu fassen.

Herausgekommen ist eine doppelbödige Revue, in deren Verlauf sechs Männer in weißem Dress – jeder von ihnen auf seine Art ein Deformierter – den »Pflichtenkatalog des modernen Vaters« skandieren: »Humor / Ernsthaft / Pflichtbewusst / Lockerer Kumpel / Guter Fußballer / Nicht so verspielt / Lust / Spaß / Spaß / Schlankes Ego / Opferbereit…« Mag sein, dass die Ironie als bevorzugte Sprechform Unsicherheit überspielt. Vielleicht verbirgt sich dahinter auch eine besondere List, Einsicht zu signalisieren, solange Mann die Macht noch fest in seinen Händen wähnt. Nur in Politik übersetzen lässt sich Ironie nicht.

Der Preis für die väterliche Zurückhaltung ist hoch: eine vollkommen einseitige Diskussion. Als ob sich das Bild und Selbstbild der Väter in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht mehr verändert hätten als in den zwei Jahrhunderten zuvor! So wenig ist vom alten Patriarchen geblieben, dass sich schon manche Mutter sorgt, wer ihrem Sohn den Mann beibringt.

Im deutschen Familienkatastrophendiskurs zeigen dennoch viele Finger auf die Väter: Weil zu viele von ihnen zu wenig zu Hause sind; weil zu viele ihre Familien verlassen; weil zu viele sonntags anders reden, als sie montags leben. Noch der differenzierteste Aufsatz behandelt Väter vor allem als Problem und referiert zunächst die Scheidungszahlen. Alexander Mitscherlichs Wort von der »vaterlosen Gesellschaft« wird noch vier Jahrzehnte später variiert. Munter regieren die alten Vorurteile. Wie wäre es mal mit der umgekehrten Perspektive: So viel Vater wie heute war nie!