Alles scheint wie immer, aber nichts ist mehr wie sonst. Vom Donnergrollen der Französischen Revolution ist noch nichts zu hören, aber im Evangelischen Stift Tübingen brodelt es. In der Kaderschmiede für die künftigen Diener der württembergischen Kirche halten unbotmäßige Studenten »freisinnige Reden« und rufen »Vive la liberté!«. Eine Revolte liegt in der Luft. Unverzüglich melden die Famuli, die Aufpasser im Stift, die Aufsässigkeiten nach Stuttgart, wo die Strafen gemäß der Pönalverordnung festgesetzt werden. Der Landesvater Carl Eugen fürchtet um die »gottgesetzte« Ordnung. »Die ungehorsamen Glieder sind vom übrigen Corpore abzuschneiden.«

Es hilft nichts, die Studenten singen von heiliger Freiheit und heiliger »Democratie«. Sie lesen verbotene französische Zeitungen und gründen einen politischen Club. Sie berauschen sich an Schillers Räubern und am Evangelium Rousseaus. Die kühne Lyrik eines C. F. Daniel Schubart kennen sie auswendig, denn das ist jener revolutionäre Dichter, den Carl Eugen auf der Festung Hohenasperg einmauern ließ. Zehn Jahre lang, bei lebendigem Leib.

Die Rebellion macht die Anstaltsleitung ratlos. Ihr Stift, 1536 als »feste Burg des Protestantismus« gegründet, ist weithin berühmt. Man nennt es den »Pflanzgarten Gottes«, und darin wuchsen große Männer heran, zum Beispiel Johannes Kepler. Aber viele sind auch am protestantischen Tugendterror zerbrochen, an den gnadenlosen Sitten hinter den niedlichen Butzenscheiben, an der dumpfen Atmosphäre, der formelhaften Frömmigkeit. Das Leben im Stift ist ein Kreuz. Wer nicht spurt, landet im »Karzer«. »Püncktlichkeit, Praecision, Genauigkeit« heißt die Parole. Und danach ein »scharfes Examen«. Um sechs Uhr in der Früh werden die Studenten geweckt, hören die Predigt und lesen Psalmen. Das ist das berüchtigte Tübinger Frühstück, ein anderes wird nicht gereicht.

Nach der Französischen Revolution soll eine Reform die »sittliche Ordnung« wiederherstellen. Zudem wird das Stift renoviert, denn Württembergs »Landoberbauinspektor« hatte die Stuben mit Gefängniszellen verglichen. Und doch, so fürchtet der Stiftsleiter, Ephorus Schnurrer, »kommen die neuen Statuten zu spät. Unsere jungen Leute sind von dem Freiheitsschwindel angesteckt.« Wie recht er hat. Ein junger Student, vielleicht die empfindlichste Seele, die die Zuchtstätte des protestantischen Geistes je betreten hat, klagt der Mutter sein Leid. Seine Kräfte gingen an »Willkür« und Schikane zugrunde. »O liebe Mamma, soll ich einst sagen müssen‚ meine Universitätsjahre verbitterten mir das Leben auf immer?« Der junge Mann will das Stift verlassen, die »Galeere der Theologie«, das freudlose Kloster, die Versammlung von »Todtengräbern«. Der Name des Unglücklichen: Johann Christian Friedrich Hölderlin aus Lauffen am Neckar.

Auch sein Stubengefährte führt bittere Klage über die Disziplinaranstalt und ihren schrecklichen Lehrkörper. Dem entsetzten Vater schreibt er, am Tübinger Stift habe er seinen Glauben verloren. Zur »Theologie tauge ich nicht, weil ich indeß um nichts orthodoxer geworden bin«. Sein Name: Friedrich Wilhelm Joseph Schelling aus Leonberg.

Am dritten Stubenbewohner ist die Abrichtung zum Pastor ebenfalls grandios gescheitert, und auch er verachtet seine Lehrer aus ganzem Herzen. »Ich glaube, es wäre interessant, die Theologen aus jedem Ausfluchtswinkel herauszupeitschen, bis sie keinen mehr fänden und sie ihre Blöße dem Tageslicht ganz zeigen müssten.« Verfasser des Briefes: Georg Wilhelm Friedrich Hegel aus Stuttgart.

Hölderlin, Schelling, Hegel: Was für eine Konstellation, was für eine »einzigartige Fügung der Geistesgeschichte« (Manfred Frank). Fast über Nacht hat sie auf allen Feldern – in der Philosophie, in der Politik und der Kunst – die geistige Situation der Zeit verändert, und ihre Ausläufer sind noch heute zu spüren. Im Oktober 1788 zieht Hölderlin zusammen mit Hegel ins Stift ein; Schelling wird, gegen anfängliche Bedenken, im Herbst 1790 im Alter von erst 15 Jahren aufgenommen. Er bleibt fünf Jahre lang Stubengefährte Hegels und Hölderlins und bildet mit ihnen zusammen das, was man später die Keimzelle des deutschen Idealismus nennen wird. Alle drei entstammen einem schwäbisch-pietistischen Pfarrhaus, alle drei waren Musterschüler und Hochbegabte. Schelling konnte kaum laufen, da galt er bereits als »Wunderkind Schwabens«. Der Vater, Professor in Bebenhausen, steckte den Elfjährigen in den Unterricht für Achtzehnjährige, aber auch hier langweilte sich der Überflieger zu Tode. Als Zeitvertreib eignete er sich Grundkenntnisse in Hebräisch, Arabisch, Französisch, Englisch, Italienisch und Spanisch an. Griechisch und Latein beherrschte er längst.