Peter Bieri Brücke zum fremden Geist
In seiner monatlichen Kolumne für das ZEITmagazin LEBEN befasst sich der Philosoph und Schriftsteller Peter Bieri diesmal mit der Frage: Was macht die Sprache mit uns?
Die Sprache macht uns zu Wesen, die des Verstehens fähig sind. Bevor wir über Worte und Sätze verfügen, sind wir blind den kausalen Kräften der Welt ausgesetzt und werden von ihnen herumgestoßen. Mit dem Erlernen von Sprache ändert sich das grundlegend: Weil wir auf die Welt nun mit einem System von Symbolen reagieren können, wird sie zu einer verständlichen Welt, die wir uns gedanklich anzueignen vermögen.
Sprache gibt uns eine begriffliche Organisation von Erfahrung. Begriffe sind Prädikate, also Wörter in Aktion. Sie helfen uns, das Erfahrene zu klassifizieren. Anschauung ohne Begriffe und also ohne Sprache ist blind. Erst wenn wir ein Repertoire von Prädikaten haben, können wir etwas als etwas sehen und verstehen: als Maschine, als Geld, als Revolution. Sprache gibt uns ein System von Kategorien, das gedankliches Licht auf die Dinge wirft.
Indem wir eine Sprache lernen, lernen wir auch die Idee des Begründens. Begründen heißt schließen, und richtig schließen bedeutet, von einem Satz so zu einem anderen überzugehen, dass Wahrheit erhalten bleibt. Durch Sprache werden wir zu Wesen, die begründen können, was sie sagen – also zu denkenden, vernünftigen Wesen. Als solche sind wir fähig, das, was uns begegnet, aus seinen Bedingungen heraus verständlich zu machen. Bedingungen kennen heißt, Gesetzmäßigkeiten zu kennen, und die Idee der Gesetzmäßigkeit können wir nur haben, wenn wir darüber nachdenken können, was möglicherweise und was notwendigerweise der Fall ist. Auf diese Weise ist Sprache die Quelle von gedanklich transparenter Erfahrung einer verständlichen Welt.
Auch für das Verstehen anderer Menschen ist Sprache entscheidend. Einmal die eigene, in der wir uns die Gründe ihres Tuns zurechtlegen, dann aber auch die der Anderen, in der sie uns bestätigen oder korrigieren können. Sprache ist sowohl Ausdruck eines fremden Geistes als auch Brücke zu einem fremden Geist. Dabei sind wir auf Erzählungen angewiesen, auf die sprachliche Vergegenwärtigung einer Situation und ihrer Entstehungsgeschichte. Das Verstehen eines Naturphänomens besteht darin, dass ich es als Fall eines Naturgesetzes darstellen kann. Anders bei Handlungen und ihren Gründen: Hier geht es nicht um die Anwendung von Gesetzen, sondern darum, die Handlung und ihre Gründe aus einer konkreten Situation heraus verständlich zu machen.
Das kann ich nur, wenn ich die Situation durch eine Erzählung transparent mache, die auch erklärt, wie es dazu gekommen ist, sowohl was die Handlung als auch was die Gründe anlangt. Jede Handlung ist eine Episode in einer Lebensgeschichte und bezieht ihren Sinn und ihre Vernünftigkeit aus dieser Geschichte. Und die Vergegenwärtigung einer solchen Geschichte ist nur im Rahmen einer Erzählung möglich – und also nur für ein Wesen, das der Sprache mächtig ist.
Wir können nicht nur die Natur und die Anderen, sondern auch uns selbst verstehen. Sprechende und schreibende Wesen haben ein ganz besonderes Verhältnis zu sich selbst, und ihr Erleben wird durch dieses besondere Verhältnis geprägt. Auch wenn es sich vor allen Worten auf bestimmte Weise anfühlen mag, etwas zu denken, zu wünschen und zu empfinden: Was genau wir denken, wünschen und empfinden, wissen wir erst, wenn es uns gelingt, die Inhalte des Geistes in Worte zu fassen. Und mehr noch: Indem wir die Gefühle und Wünsche beschreiben, wandeln sie sich zu etwas, das genauere Erlebniskonturen hat als vorher. Durch sprachliche Artikulation kann aus Gefühlschaos emotionale Bestimmtheit werden und aus Unbewusstem Bewusstes.
Auch das Erinnern wird durch Sprache geprägt. Natürlich haben auch Wesen, die nicht über Sprache verfügen, Erinnerungen. Aber sie können unter ihnen nicht die Art von Zusammenhang herstellen und erleben, die im sprachlich verfassten Erinnern möglich wird. Wenn sprechende Wesen sich an etwas erinnern, bleibt es selten beim isolierten Aufblitzen einer vergangenen Episode. Meist wird die Episode als Teil einer Geschichte gesehen: Sich erinnern heißt, die erlebte Vergangenheit zu erzählen. In diesem Prozess bildet sich unsere seelische Identität heraus. Ein Selbst ist ein Zentrum erzählerischer Schwerkraft: Ich bin derjenige, um den sich all meine Erzählungen der erlebten Vergangenheit drehen.
Erkennbar wird dieses Zentrum auch dann, wenn es um erfundene Erzählungen geht. Die Sprache ist auch ein Medium der Einbildungskraft, sie beflügelt die Phantasie und lässt uns Geschichten erzählen, durch die wir uns selbst ausdrücken und besser verstehen lernen. Ich bin derjenige, dessen Erzählungen sich in Thema und Form unweigerlich in eine bestimmte Richtung bewegen.
Auf einer Reise notiert Max Frisch: „Ich kann’s nicht lassen, ich habe eine kleine Schreibmaschine gekauft ohne literarische Absicht… Diese Obsession, Sätze zu tippen –“ Woher kommt die Energie hinter dieser Obsession? Aus der Erfahrung der besonderen Wachheit, die entsteht, wenn wir das, was wir fühlen und denken, in Worte fassen. Vieles, was wir erleben, taucht auf und verschwindet wieder, ohne dass wir es recht bemerken, und nicht selten wuchert es in uns gerade deshalb besonders heftig. Eine Erfahrung zur Sprache zu bringen verhindert, dass wir nur ihre Opfer sind; wenn wir Worte dafür finden, entsteht eine erkennende Distanz, die wir als befreiend erleben. Auch das zeigt: Sprechende Tiere leben mit sich selbst ganz anders als stumme Tiere.
Was ich bis jetzt beschrieben habe, könnte man die positive Macht der Sprache nennen. Es gibt auch ihre negative Macht. Sie ist dort wirksam, wo die Wörter das Verstehen verstellen und verhindern, statt es zu fördern. So geschieht es, wenn Wörter zu leeren Worthülsen werden und Sätze zu Parolen gerinnen. Sie sind dann nicht mehr eingebunden in den logischen Raum von Begründung, Kritik und Revision, sondern haben die unerbittliche Dumpfheit und Lautstärke von Fäusten, die auf den Tisch schlagen.
Und auch die leise Variante gibt es: scheinbar unauffällige, harmlose Wendungen und Metaphern, die uns gefangen halten, ohne dass wir es merken. Dazu gehört auch die verlogene Sprache der Diplomatie mit ihren Euphemismen, Schönfärbereien und sanften Lügen. Ob es am Stammtisch ist oder auf dem glänzenden Parkett der Diplomaten und Politiker: Hier wird alles getan, um kritisches Nachfragen und das Bedürfnis des besseren Verstehens zu ersticken und den Geist zu verkleben.
Neben Parolen gibt es noch eine andere Form, in der die Sprache das Verstehen und die Aufklärung verhindern kann: durch leeres Geschwätz und etwas, das man sprachlichen Schutt nennen könnte: klebrige Sprachgewohnheiten, tradierte Kategorienfehler, verrutschte Bilder, leer laufende logische Partikel, unerkannte Redundanzen und ganz allgemein: das Fehlen von sprachlicher Wachheit und Übersicht.
Warum ist das ein Übel? Weil es die Sprecher von sprachlichem Müll zu bloßen Schauplätzen des Geredes und bloßen Durchgangsstationen für Geplapper macht statt zu wachen Personen, die in der sprachlichen Artikulation die Chance der Selbstbestimmung wahrnehmen. Das gilt auch für den Jargon von Cliquen, dem sich jeder fügen muss, der dazugehören will. Und es gilt auch, wenn die Cliquen angesehen und weitläufig sind und sich den Anstrich des Intellektuellen geben.
Schließlich sprachliche Tabus: Es gibt die Wörter, aber man darf sie nicht gebrauchen. Nur sprechende Wesen können etwas auf diese gefährliche Weise verschweigen.
Vieles, was an unserer Erfahrung als Menschen besonders – besonders interessant und besonders wertvoll – ist, hat damit zu tun, dass wir über Sprache verfügen. Sie macht uns zu denkenden Wesen und gibt uns die Erfahrung einer verständlichen Welt. Sie lässt uns in erzählerischer Vergegenwärtigung das Tun der Anderen verstehen. Sie trägt zum Verstehen und der Konturierung der eigenen Innenwelt bei. Sie lässt ein Zentrum erzählerischer Schwerkraft und damit eine seelische Identität entstehen. An all diese Dinge kann man denken, wenn man bei Wilhelm von Humboldt liest: „Der Mensch ist nur Mensch durch Sprache.“
Peter Bieri, 63, war Professor für Philosophie an der FU Berlin. Er ist Lichtenberg-Preisträger der Göttinger Akademie der Wissenschaften und Autor von „Das Handwerk der Freiheit“. Unter dem Namen Pascal Mercier hat er die Bestseller „Nachtzug nach Lissabon“ und „Lea“ veröffentlicht.
- Datum 19.12.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.12.2007 Nr. 52
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schön wärs.
‚…ein wesen, das der sprache mächtig ist.’
sind wir das wirklich? wo, bitte, lernen menschen denn sprache?
und wer, bitte, spricht noch? haben menschen dazu denn noch zeit?
zum sprechen gehört auch das anhören und noch mehr zeit. das interesse am anderen kann nicht unerwähnt bleiben. es ist eine vom egoismus geprägte zeit.
‚indem wir eine sprache lernen, lernen wir auch die idee des begründens.’
angefangene sätze (eben ohne begründung) sind eher die regel. ebenso, wie das fragen keinen platz hat, oder auch nie erlernt wurde. ich jedenfalls habe es erst sehr spät erlernt – mühsamst!
‚was genau wir denken, wünschen und empfinden, wissen wir erst, wenn es uns gelingt, die inhalte des geistes in worte zu fassen. und mehr noch: indem wir die gefühle und wünsche beschreiben, wandeln sie sich zu etwas, das genauere erlebniskonturen hat als vorher. durch sprachliche artikulation kann aus gefühlschaos emotionale bestimmtheit werden und aus unbewusstem bewusstes.’
‚den inhalt des geistes in worte fassen’ – vorausgesetzt, geist ist vorhanden.
auch empfindungen kommen ja nicht einfach so dahergeflogen. empfindungen erwachsen aus einem empfindungsreichen umfeld. wo aber ist das bitte?
masslos gewordene wünsche zu äussern und die darüber erstorbenen gefühle – sie haben eine bevorzugte masse mensch im blick…
aus ‚gefühlschaos emotionale bestimmtheit, aus unbewusstem bewusstes werden lassen’ – ich würde ein jubelkonzert für sie, peter bieri, anstimmen, wenn sie das erreichen könnten!!!
das bewusstwerden würde unser gesamtes leben auf den kopf stellen. nichts mehr könnte einfach so aus bequemlichkeit gemacht werden wie bisher. vom weihnachtsfest, über konsum, denkgewohnheiten, glauben, lieben hoffen – einfach alles müsste sich ändern. und die menschen lieben doch soooo seeeehr ihre gewohnheiten. nicht verunsichert sie mehr als das, was sich ändert. dabei verändert sich alles, auch das kleinste, jeden tag – wahrnehmen und bewusstmachen ist eine ganz schwere s unterfangen.
aber ich freue mich über ihren artikel. wenigstens einer, dem auffällt, dass sprache den bach runter geht und ich möchte bei fast jedem dritten satz aufqietschen, so weh tut es mir – das geplärr…
hier besonders bei den politikerinnen und politikern:
‚hier wird alles getan, um kritisches nachfragen und das bedürfnis des besseren verstehens zu ersticken und den geist zu verkleben.’
‚bullshit’ kam in die welt und damit die benennung dessen, was klug klingt und nicht ist – eben auf phrasen und abgedroschenes zurückgreift, leeres getue – besonders in der politik, ansichtig, weil es da zur schau gestellt und öffentlich wird. sicher existiert bullshit überall – auch auf privatem terrain.
der bullshit ist für die wahrheit eine noch größere gefahr als die lüge.
zu sagen, was sprache ist und sprache kann und bedeutet, ist interessant und aufschlussreich.
zu sagen, wie es zu erreichen ist, sprache unter die menschen zu bringen, damit sie sich weiten, dehnen in ihrer ausdrucksfähigkeit und lust bekommen sich mitzuteilen, ist nicht einfach, vielleicht sogar unmöglich. dazu müsste es mehr menschen geben, die ‚der sprache mächtig’ sind…
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