Medien Frau im Spiegel?
Die Krise beim Hamburger Nachrichtenmagazin ist so tief, dass selbst das Undenkbare denkbar wird
Wäre der Spiegel eine Partei, es wäre jetzt die Stunde der Frauen. Wann kommen Frauen an die Macht, wie wurde Angela Merkel CDU-Vorsitzende? Wenn die Männer sich nicht mehr zu helfen wissen, wenn die Aufgabe undankbar ist, wenn die verbliebenen Kandidaten in zwei Gruppen zerfallen, die einen unerwünscht, weil sie zu schwach sind, die anderen unerwünscht, weil sie zu stark sind – wenn all das passiert, dann ist Trümmerfrauenzeit. In dieser Lage befindet sich der Spiegel, der sich erst von seinem Chefredakteur getrennt hat und der jetzt keinen neuen findet. Und, richtig, schon jonglieren Konkurrenzmedien mit Namen, die nicht ernst gemeint sind, sondern als Symptom für die Tiefe der Krise stehen. Erstaunlich nur, dass Claudia Roth noch nicht im Gespräch ist.
Aber redet wirklich halb Deutschland über die Nöte des Magazins aus Hamburg? Nicht äußere Zerrüttung, sondern innere Erschütterung macht die Krise des
Spiegels
in diesen Tagen aus. Dass sich die Eigentümer – in ihrer Mehrheit die Mitarbeiter, vertreten durch eine KG, sowie der Großverlag Gruner+Jahr und die Erben des Gründers Rudolf Augstein – wochenlang auf keinen gemeinsamen Nachfolger für Stefan Aust verständigen konnten, bewegte allenfalls die Medienbrache.
Dass der Fernsehjournalist Claus Kleber erst einen Vertrag mit dem
Spiegel
aushandelte, um dann kurzfristig abzusagen (»Fernsehen ist mein Medium«)
, das müsste zunächst niemanden verärgern außer die Verlagsmanager und
Spiegel-
Eigentümer, die mit ihm verhandelten (und die, in der Tat, mehr als verärgert sind).
Doch weil es um den Spiegel geht, reicht die Wirkung der Krise über das Redaktionshochhaus an der Hamburger Brandstwiete weit hinaus. Nicht nur gehört der Spiegel zum gefühlten Inventar der Bundesrepublik, vergangene Woche erst wurde im Bonner Haus der Geschichte eine deutsche Skandalgeschichte seit dem Weltkrieg eröffnet, in der auch die Spiegel- Affäre von 1962 ihren musealen Platz einnimmt. Wesentlicher jedoch ist: Die Erschütterung der zurückliegenden Wochen greift das Fundament des Spiegels an – seine selbst gezauberte Überlegenheit und damit die Quelle seiner Kraft im Kampf um die öffentliche Meinung.
Und so kulminiert in den aktuellen Rankünen um die Besetzung der Chefredaktion – die erste nach dem Tod von Gründer Rudolf Augstein – die Modernisierungskrise des Spiegels.
Der Spiegel lebte von seiner Unverwundbarkeit, in der Verfasstheit nach innen und der Wirkung nach außen. Lange Jahre – und mehr wohl als jedes andere Medium – hatte sich das Magazin für seine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit wie für einen Kampf gewappnet. Es rekrutierte seine Mitarbeiter wie Soldaten, nur die Stärksten hielten durch, und es setzte sie gerne in Kohorten ein, es sei denn besondere Befähigungen ließen den Einsatz eines Einzelkämpfers aussichtsreicher erscheinen. So hart wie die Männer sollten auch die Fakten sein: Der Ruhm des Magazins rührte nicht zuletzt daher, dass es Nachrichten ernst nahm und ihre Überprüfung durch die hauseigene Dokumentation mit einer Akribie betrieb, die an Aberglaube grenzte. Das Ergebnis war ein hartes Magazin für eine harte Republik.
Doch ab Mitte der neunziger Jahre ist der
Spiegel
hinter seinem gepanzerten Harnisch Stück für Stück lebendiger geworden – und das ausgerechnet unter dem als verhärtet geschmähten und nun entlassenen Chefredakteur Stefan Aust. Hinter den Recherchen und Geschichten traten die individuellen Autoren hervor, eine eigene Handschrift und Haltung wurden wichtiger, das Heft öffnete sich Gesellschaftsthemen und verstand darunter nicht Society-Berichterstattung. Ob mit Aust, unter ihm oder auch gegen ihn, der
Spiegel
wurde offener.
Womöglich war auch nur der Preis der Unverwundbarkeit zu hoch geworden: Zu lange war die Aura der Macht mit Angst bezahlt worden, nach innen und nach außen. Mächtig sind wir, weil wir gefürchtet sind, so lautete die ungeschriebene Parole, doch Furcht verbreitet bloß, wer auch sein Haus mit Furcht regiert. Dass die Kälte des ewigen Kampfes auch Leser verschreckt (und Leserinnen, die wichtigste Zielgruppe, bei der Zuwachs möglich ist), diese Einsicht setzte sich an der Brandstwiete nur langsam durch. Und so fiel Aust auch der Sehnsucht seiner Redaktion nach einer Modernisierung zum Opfer, von der viele vielleicht nur unklare Vorstellungen hatten, sie dafür aber umso mehr ersehnten.
Nun freilich fürchten viele Redakteure, mit Aust könnte ihnen auch der Erfolg verloren gehen. Mit der Suche nach einem neuen Chefredakteur entscheidet das Magazin über sein neues Gesicht. Als die Suche begann, sah es nach der Chance aus, eine grundsätzliche Antwort auf eine grundsätzliche Frage zu geben: Welche Modernisierung braucht der Spiegel?
An Ideen war kein Mangel: Links, politisch, kampagnenentschlossen? Pragmatisch, handwerklich, lernbereit? Glanzvoll, publikumsorientiert, meinungsneutral? Kandidaten gab es für jedes Programm, doch für eine Richtungsentscheidung fehlten zunächst die Mehrheiten. Der Umsturz der herrschenden Verhältnisse scheiterte somit an den herrschenden Verhältnissen. Erst eine Koalition aus Mitarbeiter KG (50,5 Prozent) und Gruner+Jahr (25,5 Prozent) verfügt über die Stimmenzahl für eine Entscheidung, und die Augstein-Erben sollten allein aus optischen Gründen am liebsten mit an Bord sein.
Unvermutet sahen sich Belegschaft und Eigentümer ebenjenen Zwängen ausgesetzt, die der Spiegel in der Beschreibung der Bonner und Berliner Politik mal hämisch, mal mitleidig aufzuspießen pflegt. Willensbildung, mussten die Gesellschafter erfahren, ist ein mühseliges Geschäft. Als dann auch noch die Personalie Claus Kleber vorzeitig an die Öffentlichkeit drang, war ausgerechnet das Spezialblatt für politische Indiskretionen Opfer unliebsamer Durchstechereien geworden. »Das Problem«, seufzte gänzlich ohne Ironie ein Spiegel- Mensch, »das Problem ist die Öffentlichkeit.«
Dabei ließ sich die Personalie Claus Kleber durchaus reizvoll an. Gewiss, der Fernsehmann hatte keine Erfahrung mit Druckerzeugnissen, und er bedeutete vielleicht mehr Gesicht als Profil. Aber kämpften nicht öffentlich-rechtliche Sender mit demselben Problem wie der Spiegel: Wie macht man Qualität massenwirksam? Vor allem aber wirkte Kleber motiviert, hochprofessionell und hatte erst im Februar auf einen Fragebogen geantwortet: »Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, der…? Muss immer bereit sein, eine Chance beim Schopf zu packen.« Am Ende hatte er Wort gehalten, wenn auch auf eine Weise, die in Hamburg Ingrimm hinterließ: Noch am Tag vor seiner Absage hatte er über Details des Chefredakteursvertrags beim Spiegel verhandelt, nur um am Tag der Absage bereitwillig zu erzählen, er habe beim ZDF für seinen Verbleib bedeutende Verbesserungen für seine Redaktion herausgeholt. Die Gruner+Jahr-Vertreter, Vorstandschef Bernd Kundrun und Vorstand Achim Twardy, traf Klebers Adieu in einem besonders peinlichen Moment: Die beiden Bosse, in ihrem Hause die Höchsten der Hohen, erhielten die Nachricht während eines zweitägigen Management-Meetings mit ihren Vorgesetzten von der Bertelsmann AG in Berlin.
Immerhin, zwei der Spiegel- Gesellschafter, KG und Gruner+Jahr, hat die Erfahrung enger zusammengebracht, sie wollen sich keinen zweiten Kleber bieten lassen (die Augstein-Erben werden dagegen bereits presseöffentlich der Indiskretion verdächtigt).
So leitet der Spiegel seine postautoritäre Phase mit einer Rückbesinnung auf traditionelle Tugenden ein: Diskretion, Einigkeit und Entschiedenheit sollen im nächsten Anlauf zum Erfolg führen. Externe Kandidaten erscheinen da schnell als Risiko, die Chancen für interne Aspiranten steigen. Für eine starke Lösung aber muss die KG – die WG der Besserverdienenden – über sich hinauswachsen: Sitzt die Erinnerung an Aust zu tief, oder ertragen die Mitarbeiter einen Chef, der stärker ist als sie?
Unbeantwortet ist immer noch die Ausgangsfrage: Wie kann der Spiegel zu neuer Autorität finden, publizistisch und damit auch politisch, ohne in die alte Gesten der Hochfahrenheit zurückzufallen?
Derzeit steckt das Magazin und sein Verlag in einer halben Modernisierung fest. Manchen Trend zur leichten Kost hat das Blatt mitgemacht, ohne dass das Ergebnis überzeugend war. Politisch ist der Peitschenstil passé, mit dem der
Spiegel
den Bundestagswahlkampf 2005 begleitete, aber zum gefühlten Linksruck der Republik fehlt den Blattmachern bisher eine Haltung (oder die Entscheidung, keine Haltung zu haben).
Verlegerisch ist das Internetangebot Spiegel Online führend, aber die Verzahnung mit der Magazin-Redaktion weitgehend dem Zufall überlassen. Und in der Frage, wie hart oder weich, männlich oder weiblich Deutschlands großes Nachrichtenmagazin sein will, in jener schwierigen Frage also, wie sich der Spiegel einfühlen kann in die gerade volljährig gewordene vereinte Republik, fehlt selbst der Ansatz einer Antwort.
Ist das also die Stunde der Frauen? Gäbe es eine Kandidatin, sie hätte wohl beste Chancen. Aber Angela Merkel hat ja bereits einen attraktiven Arbeitsplatz.
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- Datum 31.03.2009 - 23:11 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.12.2007 Nr. 52
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Und auch das ist doppeldeutig gemeint...Hahaha...Herzliche Grüße aus Akodo Beach, Lagos!
»Das Problem«, seufzte gänzlich ohne Ironie ein Spiegel-Mensch, »das Problem ist die Öffentlichkeit.«Eine solchen Satz werden Sie im Alltag nie hören. Warum? Siehe oben."Unbeantwortet ist immer noch die Ausgangsfrage: Wie kann der Spiegel zu neuer Autorität finden, publizistisch und damit auch politisch, ohne in die alte Gesten der Hochfahrenheit zurückzufallen?"Anders gewendet - Wie mache ich ein ehrliches Blatt, ohne dabei zu verhungern?Denken Sie jetzt nicht, es sei nicht Ihr Problem - wir alle brauchen eine ehrliche Presse. Ob der SPIEGEL jemals dazugehören wird - wer weiß.
Soweit sind die im Spiegel noch nicht. Ausserdem: was fuer eine Krise denn ? Nur weil Kleber absagte ?. Der sagte ab, weil der Job fuer ihn einige Nummern zu gross war.Wie auch immer, Der Spiegel wird auch diese Krise ueberleben.
Was für ein merkwürdiger Artikel von einem noch merkwürdigeren ZEIT-Autoren veröffentlicht werden darf.
Patrik Schwarz, wohl ein etwas dümmlicher Chauvi. "Frau im Spiegel?" Beim Spiegel gab es schon immer tüchtige, erfolgreiche Frauen, auf allen Ebenen. Warum nicht auf der Ebene der Chefredaktion?
Warum Frau Merkel heute Kanzlerin ist, diesen Entwicklungsprozß hat der Autor Schwarz ebenfalls nicht verstanden.
Der Spiegel ist doch nur noch der bessere Focus. Da hätte uns der CVer Claus Kleber gerade noch gefehlt. Das der Herr vom ZDF das Spiegel-Management an der Nase herum geführt hat, ist peinlich. Es gilt: selbst schuld! Gut ist aber, daß uns der beim Spiegel Kleber erspart bleibt.
Spitze ist dann überhaupt der letzte Absatz des Artikels. Wirklich Spitze.
Und, die 'Frau im Spiegel' gibt es doch schon längst! Im Gesellschafterkreis.
zeit-autor so einen schnuckeligen artikel nicht veröffentlichen duerfen.
ich wußte noch gar nicht, daß es in sturmgeschuetz
autoritär zuging..... aber danke jetzt weiß ichs....
frau merkel könnte ich mir nun gar nicht als spiegelchefredakteurin
vorstellen.
Herr Patrik Schwarz meint: "Wenn die Männer sich nicht mehr zu helfen wissen, … dann ist Trümmerfrauenzeit." Diese kurze, bemüht frauenfreundliche Analyse, stellt (wie bei Feministen so oft) den darin angedeuteten Kausalzusammenhang auf den Kopf:Richtig ist nämlich, daß die Präsenz von Frauen an führenden oder besonders aktiven Positionen oft entweder einer vorangegangenen Beeinträchtigung bzw. Pervertierung des besetzten Objekts erfolgt, oder aber schleunigst zu einer solchen führt. Auch Merkels-CDU bezeugt da nichts anderes.<?xml:namespace prefix =" o" ns =" "urn:schemas-microsoft-com:office:office"" />
Zwar wünsche auch ich dem Spiegel "die Frau an der Spitze". Aber nicht, weil er "am weiblichen Wesen genesen" soll oder kann, wie Herr Schwarz erhofft, sondern weil das Blatt den dadurch dann besiegelten Untergang wohl verdient. Wie es dazu kam, verrät Herr Schwarz dezent in dem Satz: "Dass die Kälte des ewigen Kampfes auch Leser verschreckt (und Leserinnen, die wichtigste Zielgruppe, bei der Zuwachs möglich ist), diese Einsicht setzte sich an der Brandstwiete nur langsam durch." Genau diese Rücksicht auf die Zielgruppe Leserinnen, diese Verweiblichung der letzten Jahre, ist m. E. auch der Grund für die Abnahme des Spiegel-Niveaus. Es wäre symbolisch nur zu korrekt, dies auch durch das Geschlecht seiner künftigen Führung zu plakatieren.
Wenn Kleber nicht will: Anne Will.
Und wenn die Will nicht will: Alice Schwarzer.
Falls Schwarzer zu alt: Gabi Bauer.
Wenn Bauer nicht darf: Eva Herman.
Ginge das auch nicht, warum auch immer,
bliebe nur noch der Beste: Manfred Bissinger!
Er könnte sich nach einer gewissen Übergangszeit
einen kongenialen Nachfolger suchen.
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