Mitten in Tel Aviv liegt ein Flecken urdeutscher Heimat. So sieht es jedenfalls aus, wenn man die Treppchen zu dem zweistöckigen Familienhaus mit der steinernen Veranda hinaufsteigt. Draußen vor den Fenstern: kleine gusseiserne Figuren an den Läden. Drinnen: solide Holzfußböden und Schablonenmuster an den Wänden. In diesem Musterhaus haben die israelischen Restauratoren bereits ganze Arbeit geleistet. Ringsumher stehen noch Dutzende solcher Häuser aus dem späten 19. Jahrhundert, die darauf warten, dass man Hand an sie legt. Alle in gebührlichem Abstand, denn ihre Bewohner brauchten damals viel Platz für Gärten, Tiere, Ställe und Werkstätten. Die sind mittlerweile verschwunden, nur die Olivenpresse – einst ein supermodernes Monstrum – und der in Sandstein eingegrabene Weinkeller sind für angemeldete Besucher zugänglich. Darüber wachsen Eukalyptusbäume und Palmen, die hier so hoch sind wie sonst nirgendwo in der Stadt.

Das Dorf war einst von der deutschen Tempelgesellschaft gegründet worden, einer pietistischen Gruppe aus Württemberg, deren Mitglieder sich 1868 aufgemacht hatten, ihr Heil im Heiligen Land zu suchen, und die außer dem Namen nichts mit den Tempelrittern der Kreuzfahrer gemein hatten. Ihr Erbe ruft in Israel bis heute zwiespältige Gefühle hervor. Die etwa 2000 Templer sorgten zwar für einen gewaltigen Modernisierungsschub im damaligen Palästina. Ihre Siedlungen – die Architektur, die Landwirtschaft, das Verkehrswesen – dienten den ersten jüdischen Pionieren als Vorbilder. Doch in den dreißiger Jahren erwiesen sich viele Templer als glühende Anhänger des Nationalsozialismus.

Dass die Stadt Tel Aviv ihre Hinterlassenschaften nun für den Fremdenverkehr herrichten lässt, geht auf die Hartnäckigkeit der Denkmalschützer zurück, die sich schon lange für Sarona interessieren. In Palästina gab es zwischen 1868 und der Staatsgründung Israels 1948 insgesamt sieben Templerkolonien: drei städtische Gemeinden in Jaffa, Haifa und Jerusalem, die längst touristisch genutzt werden, und vier landwirtschaftliche Siedlungen. Die erste und größte war Sarona. »Gebaut 1872«, heißt es in gotischer Schrift über den Türbögen der ersten Häuser, die heute an der Kaplanstraße stehen, der Hauptausfallstraße von Tel Aviv, direkt gegenüber dem Verteidigungsministerium.

Hier soll bald – umgeben von Bürotürmen mit gläsernen Hightechfassaden – eine »Erholungsoase« mit Cafés und Restaurants an das deutsche Templerdasein erinnern. Die künftigen Pächter der 37 denkmalgeschützten Häuser müssen sich an genau festgelegte Auflagen halten, die die Wiederherstellung ihres Originalcharakters – samt Türen, Fenstern, Verputz – fordern. Für jedes Gebäude gibt es eine ausführliche Dokumentation, die seinen ursprünglichen Zustand detailliert beschreibt. Angehörige der Templergesellschaft, die dafür eigens aus Australien angereist waren, haben geholfen, sie zu erstellen. Manche erinnerten sich noch daran, wo genau ihre Eltern in den Häuserwänden Goldstücke versteckt hatten.

Die Entscheidung, Gelder für die Sanierung einer deutschen Siedlung lockerzumachen, hat viel Staub aufgewirbelt. Weil das prestigeträchtige Bau- und Renovierungsprojekt Sarona in Zukunft für noch mehr Verkehrsaufkommen sorgen wird, hat man die Kaplanstraße vorsorglich verbreitert. Die fünf Templerhäuser, die im Weg standen, wurden in einem aufwendigen Verfahren um zwanzig Meter verschoben. Spätestens als dafür vergangenes Jahr Spezialingenieure aus Holland anrückten, war auch dem letzten Tel Aviver Bürger klar, dass dem Templer-Erbe ein neuer Platz in der Stadtgeschichte zugebilligt werden soll.

Die ersten Touristengruppen kommen bereits. Der neue provisorische Park steht allen offen. Durch die Anlage führt das alte Straßennetz, mit einem exakten Kreuz in der Mitte der Siedlung, eine Geometrie, wie sie in den damals neu gegründeten jüdischen Ortschaften bewusst vermieden worden war. Geändert haben sich jedoch die Namen, es gibt keine Garten-, Jäger-, oder Christophstraße mehr.

Auf einem großen Templergebäude , in dem während des Zweiten Weltkriegs der britische Nachrichtendienst saß, ragt bis heute ein riesiges Eisengerüst in den Himmel, damals die einzige Antenne in der Region mit einer Reichweite bis ins Ausland, heute erinnert es an die britische Mandatsmacht in Palästina, die nicht immer aufseiten der Templer stand. Im Ersten Weltkrieg wurden sie nach Ägypten abgeschoben, im Zweiten Weltkrieg nach Australien und nach Deutschland. Ein Schaukasten im Park erinnert an bessere Zeiten. Postkarten mit einem aufgedruckten deutschen »Gruss aus Sarona« sind ausgestellt und Weinetiketten mit den klangvollen Namen Perle von Jericho, Jaffa Gold oder Sarona Rot. Es seien die ersten guten Weine gewesen, die überhaupt in Palästina produziert wurden, glaubt Jonathan Mamlock, der vor einer deutschen Reisegruppe als Zeitzeuge auftritt.