Wir alle haben in diesen Tagen wenig Zeit, deshalb will ich nicht lange um den heißen Brei herumreden und fange mit dem Wichtigsten an. Mit den großen durch und durch weihnachtlichen Fragen: Warum leben wir, wie wir leben? Und gefällt uns das, was wir tun, auch wirklich? Sie sind ein bisschen groß diese Fragen. Auch ein bisschen naiv, umweht vom Geruch der ewigen Unbeantwortbarkeit. Außerdem ist es nicht mehr üblich, diese kulleräugigen Fragen nach dem Sinn unseres Lebens in der Wir-Form zu stellen. Ob das Universum schweigt oder spricht. Ob es uns aus Absicht oder aus Zufall gibt. Ob es im Leben auf viel Liebe, viel Urlaub oder auf eine möglichst große Briefmarkensammlung ankommt, das soll doch jeder, bitte schön, allein entscheiden. Diese Freiheit haben wir endlich erobert. Jetzt müssen wir sie nur noch verteidigen. Wo ist das Problem?

Das Problem sind, mit Verlaub, wir selber. Das Problem ist, dass wir zwar meistens wissen, was wir wollen, aber selten danach handeln. Und zwar nicht dieser oder jener, der immer schon mal dieses oder jenes tun wollte – ein gutes Buch lesen, ein Kind zeugen oder zu Fuß nach Wannepumpel wandern –, aber leider nicht dazu kommt. Sondern eine ganze Gesellschaft, die sich um ihr eigenes Glück bringt. Nicht Tag und Nacht, nicht jeder und nicht immer – aber doch ziemlich prinzipiell. Wenn das stimmt, und vieles, allzu vieles spricht dafür, dass das stimmt, sollte man die Frage nach dem gelingenden Leben nicht mehr nur ratgebermäßig und privat beantworten (trinken Sie mehr Wasser, machen Sie sich bei Kerzenschein ein paar schöne Stunden, schalten Sie das Handy ab und zu mal aus), sondern strukturell, früher hieß das mal: politisch.

Und das ist ziemlich kompliziert, auf den ersten Blick auch völlig absurd. Warum sollen wir, die wohlversorgten Bewohner eines der reichsten Länder dieser Erde, uns denn um unsere eigenen Glücksmöglichkeiten bringen? Ist das nicht wieder nur so eine miesepetrige Unterstellung aus Opas altlinker Nörgelecke? Wann hatte es der Mensch denn je so gut wie heute? Was kann man sich nicht alles schenken zu Weihnachten! Sommerurlaub im Winter, Antifaltencreme für die reife, sehr reife, überreife Haut, Whirlpool mit Sprudel von unten, von der Seite, von allen Seiten und immer so weiter auf der Fortschrittsleiter. Das Prinzip ist bekannt. Strittig ist nur seine Bewertung.

Freut euch doch einfach mal, sagen die einen. Und das sind oft die, die von dem Prinzip ganz gut leben. Die Magazin-Macher, deren redaktionelle Arbeit vom Anzeigenteil nur noch durch aufwendige Textexegese zu unterscheiden ist. Die Marktlückenfüller, die den größten Teil ihrer unwiederbringlich verrinnenden Lebenszeit darauf verwenden, das nächste Produkt auf den Markt zu pressen. Und all die anderen, die nicht im Morast der Massenartikel waten und sich noch so richtig, richtig über ihren neuen BMW freuen können. Ja, warum freuen wir uns da nicht einfach mit?

Ich finde: Wir geben uns ungeheure Mühe, nicht nur zur Weihnachtszeit. Wir wollen uns wirklich freuen. Wir alle beteiligen uns nach Kräften am Erfolgsrezept moderner kapitalistischer Gesellschaften. Wir kaufen enorm viel ein. Jedenfalls viel mehr, als wir bei nüchterner Betrachtung jemals brauchen. Wir kaufen auch jedes Jahr mehr (heute laut Statistischem Bundesamt schon rund zehn Prozent mehr als noch im Jahr 2000). 15.000 Gegenstände soll ein deutscher Haushalt heute durchschnittlich enthalten. Die Autorin dieses (wie sich bald herausstellen wird) konsumkritischen Textes muss schamhaft gestehen: Bei ihr sind es wahrscheinlich eher 150.000. Die Mühen der Müllentsorgung überschreiten die Mühen des Warenerwerbs inzwischen schon bei Weitem.

Die Bereitschaft zum Freuen fehlt uns also in keiner Weise. Niemand sitzt mehr mit seiner einzigen Teetasse in der Hand auf der Schaumstoffmatratze und studiert beim Schein einer von der Decke baumelnden Energiesparlampe Das Kapital oder seine modernere Entsprechung: Hartmut Rosas Untersuchung über die Beschleunigung unseres Lebens (sollte man unbedingt lesen, auch gern im Sessel). Im Gegenteil, wir alle wollen uns durchaus mit aller Kraft und auch mit aller Kaufkraft freuen. Wir wären blöd, wenn wir das nicht wollten. Wozu sonst sollte die ganze Veranstaltung hier unten gut sein? Dass die Endauszahlung erst da oben und mit erheblicher Zeitverzögerung erfolgt, müssen wir heute nicht mehr glauben. Und selbst wenn wir auf diesen letzten überirdischen Zahltag hoffen, dürfen wir uns auch auf Erden schon mal ein bisschen vorfreuen. Glück ist erlaubt, Glück ist das Beste, was wir haben. Für Glück gibt es keinen Ersatz. Verpasstes Glück ist das Schlimmste, was es gibt.

Das Problem ist nur, dass wir offenbar nicht wissen, wie es funktioniert. Das jedenfalls behauptet die Glücksforschung, die herausgefunden haben will, dass das, was wir vor allen Dingen tun, nennen wir es der Einfachheit halber: uns mit aller Arbeits-, Kauf- und Herzenskraft dem Mehrwertprinzip anzuvertrauen, unserem Glück wider Erwarten nicht zuträglich ist. Das ist durchaus überraschend. Denn das Prinzip der Wohlstandsmehrung, dem wir eigentlich ganz zu Recht treu und schicksalsergeben folgen, hat ein paar Jahrmillionen lang (wenn wir die Dekadenzphase der römischen und anderer großer Hochkulturen einmal abziehen) einwandfrei funktioniert. Und es klappt auch immer noch in unterentwickelten Gesellschaften. Offenbar funktioniert es erst in den hoch entwickelten Wohlstandsgesellschaften seit ein paar Jahren nicht mehr. Deswegen kann uns eigentlich bisher niemand vorwerfen, dass wir von einem derartigen Erfolgsknüller der Menschheitsgeschichte nicht so schnell lassen können.