Es war ein milder, nasser Winter, und der viele Regen hatte einige Flüsse über die Ufer treten lassen. Doch davon abgesehen, lagen die niedersächsischen Lande in stiller, trüber Nachkriegsruhe, und nichts ließ auf all das Rätselhafte schließen, das im neuen Jahre 1948 hier noch geschehen würde. Seltsam nur, wie sich in jenem Winter in den Landkreisen Neustadt, Nienburg und Fallingbostel die Wildverluste häuften. Man schrieb sie streunenden Hunden zu. Tatsächlich beobachtete ein Jäger in der fahlen Abenddämmerung im Lichtenmoor einen »großen grauen Hund«, der auffliegende Enten hetzte, sie verfehlte, dann blitzschnell über einen hohen Drahtzaun sprang und verschwand.

Außer dem Waidmann, der sich sehr darüber ärgerte, dass Deutsche in der britischen Besatzungszone keine Waffen tragen durften, interessierte das niemanden. Mit Beginn der Weidesaison wurde nachts sogar Vieh gerissen, doch auch das erregte kaum Aufsehen. Zu selbstverständlich, so schrieb die Hannoversche Presse später, »nahm man an, dass es sich um eine neue Methode in der Schwarzschlachtung handele.«

Ein naheliegender Schluss. Zu Anfang des dritten Jahres nach Kriegsende wird immer noch derart gehungert, dass es in der nahen Landeshauptstadt Hannover deshalb sogar zu Demonstrationen kommt. Besonders Fleisch und Fett sind Mangelware. Am Ende des Wirtschaftsjahres 1947/48 stehen dem darbenden niedersächsischen Normalbürger 100 Gramm Fleisch zu – im Monat. Der Schwarzmarkt floriert, Hunderttausende gehen auf Hamsterfahrt übers Land. Doch selbst die Bauern haben Probleme: Sie dürfen ihre Tiere nicht verwerten. Vieh ist bewirtschaftet, muss registriert und abgeliefert werden. Schwarzschlachten wird zwar nicht mehr, wie im just untergegangenen »Dritten Reich«, schwer bestraft, aber immer noch mit spürbaren Sanktionen geahndet. Wildern ist wegen des Waffenverbots auch nicht ganz einfach.

Anfang Mai sterben nachts einige Schafe, ein Rind verblutet an einer aufgerissenen Hinterkeule. Das kann nur der wildernde Hund gewesen sein. Jetzt muss die Polizei ran. Als sich Gendarm Karl Quiatkowski in Rodewald bei Nienburg an der Weser am 18. Mai gerade zur Mittagsruhe niederlassen will, klopft das Schicksal an, »dreimal hart an die Tür«, wie später ein Extrablatt berichtet. Ein aufgeregter Bauer: »Min Rind is nu ock kaputte!«

Warum sind die Beinknochen wie mit einem Beil abgehackt?

Das Opfer liegt auf der linken Seite, wieder ist die rechte Hinterkeule aufgerissen. Doch der erfahrene Kriminalist stutzt: Die Wundränder sind auffallend glatt und sauber, »wie mit einem Messer geschnitten«, während die Bisse aller Hundeartigen charakteristische schwere Quetschungen verursachen. Man einigt sich darauf, das Tier als Köder zu opfern, um das räuberische Wesen endlich zu erwischen. Obwohl hungrige Hunde zu ihrer Beute zurückkehren und obwohl auch sie zu dieser Zeit sehr hungrig sind, wird das Rind nie mehr angerührt. Quiatkowski sieht sich bestätigt: »Das ist kein Hund.«

Auch der 61-jährige Bauer Hermann Gaatz aus Eilte, ein leidenschaftlicher und erfahrener Jäger, kann nicht umhin, sich sehr über das zu wundern, was ihm ein Jagdfreund über den kollektiven Tod von gleich zwanzig Schafen erzählt. Der Mann »meinte, dass das Hunde nicht allein gemacht haben könnten, denn die Beinknochen wären wie mit einem Beil abgehackt, dabei müssten auch Menschen geholfen haben. Ein anderer Nachbar berichtete mir, dass er morgens in aller Frühe zwei Schafe gefunden hätte, die vollständig aus dem Fell geschlagen waren, ein Schlachter hätte das nicht besser machen können, denn das Fell wäre völlig unversehrt gewesen. Das könnten keine Hunde gemacht haben.«