Weltwirtschaft Asien muss noch viel reicher werdenMax Weber lag falsch,
China und Indien darf man kritisieren – aber nicht wegen ihrer Tüchtigkeit
Asiens Aufstieg verläuft rasant – aber doch langsamer als gedacht. Bisher lauteten die Prognosen, dass China mit seinem hohen Wachstumstempo schon im Jahr 2010 die USA überholen und als größte Volkswirtschaft verdrängen würde. Doch haben die Ökonomen die Kaufkraft der Chinesen zu hoch berechnet. Nach neuen Untersuchungen der Weltbank wiegt die chinesische Wirtschaft in Wirklichkeit 40 Prozent weniger als bisher angenommen; statt bei zehn Billionen Dollar liegt das chinesische Bruttosozialprodukt im Kaufkraftvergleich nur bei sechs Billionen Dollar.
Damit bleibt China die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, aber die größte wird das Reich der Mitte auf absehbare Zeit nicht werden. Amerika dürfte das erleichtert zur Kenntnis nehmen: Es ist die Nummer eins – und das noch für viele Jahre.
Auch die Europäer dürften an dieser Vorstellung Gefallen finden: Je langsamer der Aufstieg Asiens, desto länger kann Europa ungestört seinen Wohlstand genießen – glauben viele.
Doch das ist ein Irrglauben.
Vor dem Hintergrund der Finanzkrise in den Vereinigten Staaten zeigt sich schon jetzt, wie viel die Volkswirtschaften des Westens Asien verdanken. Früher hätten die Nachrichten aus den USA das Szenario einer Weltwirtschaftskrise heraufbeschworen. Heute ist von Entkopplung die Rede: Die Volkswirtschaften Europas und Asiens können weiter wachsen, auch wenn in den USA die Rezession droht. Niemand zweifelt, das dies eine gesunde Entwicklung ist. Es gibt eine neue Trilaterale, ein gleichseitiges globales Dreieck, dessen Einsturzgefahr geringer geworden ist. Neu daran im Vergleich zum letzten Jahrhundert ist die wirtschaftliche Eigendynamik in den großen Schwellenländern China und Indien. »Chindia« hat die asiatische Seite des Dreiecks gestärkt, ohne die anderen Seiten zu schwächen.
Es war schon immer ein Trugschluss westlicher Pessimisten, in den Handelsdefiziten der USA und Europas mit Asien den Beginn des Niedergangs der eigenen Volkswirtschaften zu sehen. Waren werden nicht nur produziert, sie werden vertrieben und verkauft. Beim Handel profitieren immer zwei. Chinas derzeitige Exportzuwächse schaden einzelnen Ländern wie Italien, das wirtschaftliche Reformen nicht zulässt. Aber sie nützen einem Land wie Spanien, das sich trotz einer traditionell ähnlichen Wirtschaftsstruktur wie in Italien auf eine neue globale Arbeitsteilung einzustellen weiß.
Ist Kritik am Verhalten Asiens deshalb ungerechtfertigt? Natürlich nicht – China und Indien kann man durchaus vorwerfen, den Klimawandel nicht ernst genug zu nehmen und größere Fortschritte während der Klimakonferenz in Bali behindert zu haben. China ist die Missachtung der Menschenrechte vorzuhalten, auch wenn dabei der Fortschritt von Recht und Freiheit in der Volksrepublik in der Regel nicht gebührend gewürdigt wird. Aber was Europa nicht darf, ist Chinesen und Inder wegen ihrer Tüchtigkeit zu schelten – und zwar unabhängig davon, in welchem politischen System die arbeiten.
Die Weltwirtschaft ist keine Demokratie. Max Weber lag falsch, als er dem Kapitalismus eine protestantische Ethik bescheinigte. Marktwirtschaft lässt sich auch mit konfuzianischer und hinduistischer Ethik voranbringen und festigen. Bundeskanzlerin Angela Merkel riet den Deutschen während ihrer Indienreise in diesem Jahr völlig zu Recht, nicht »darüber zu klagen, dass auch Länder wie China und Indien inzwischen ihre Chance auf dem Weltmarkt nutzen«. Allerdings bringt es auch Merkel nicht fertig, sich darüber zu freuen. Vielmehr lässt sie es zu, dass die deutsche und europäische Wirtschafts- und Handelspolitik immer häufiger als Bollwerk gegen den Ansturm der vermeintlich feindlichen Asiaten erscheint.
Das vernünftige Ansinnen der Chinesen, ihre Devisenreserven im Ausland zu investieren, konterkariert Berlin mit protektionistischen Gesetzesvorhaben. Und Brüssel weigert sich noch immer, China den Status einer Marktwirtschaft einzuräumen – was es mit Russland tut, obwohl das Land viel weniger marktorientiert ist als der fernöstliche Wirtschaftsgigant. Kein namhafter europäischer Politiker wagt zu sagen, dass das, was zum wirtschaftlichen Wohle der Asiaten ist, auch den Europäern dient. Obwohl fast jeder meint: Was Amerikas Volkswirtschaft nützt, nützt auch uns. Das europäische Denken bleibt kleinkariert und kurzsichtig.
Das asiatische Jahrhundert ist längst da. Die wenigsten Europäer verbinden damit auch Hoffnung. Dabei haben sich die europäischen Exporte nach China seit 2000 verdoppelt. 2006 konnten europäische Firmen in China 134 Milliarden Dollar umsetzen. 400 Millionen neue Mittelschichtskunden warten dort auf europäische Produkte, in Indien sind es genauso viel. 2,4 Milliarden Inder und Chinesen werden nie wieder Habenichtse wie im letzten Jahrhundert sein. Seltsam genug, dass man dies immer wieder betonen muss – aber das ist auch gut so. Denn nur wenn China und Indien noch reicher werden, können sie auch effektiv zur Lösung globaler Probleme beitragen – wie etwa zum Kampf gegen den Klimawandel.
Es sollte den Westen also bedrücken, wenn die chinesische Wirtschaft kleiner ist als gedacht. Alarmglocken sollten läuten, wenn aus Asien schlechte Nachrichten kommen. Schon jetzt droht die durch weltweit steigende Lebensmittel- und Energiepreise geschürte Inflation das chinesische Wachstum auszubremsen. Das Vertrauen in die japanische Konjunktur schwindet, für 2008 liegen die Wachstumserwartungen bei nur noch 1,8 Prozent. Und für Indien gilt das Gleiche wie für China: Seine Volkswirtschaft ist ebenfalls etwa 40 Prozent kleiner als von der Weltbank bislang angenommen. Auch dort bringt der steigende Inflationsdruck Hunderte Millionen Menschen in Gefahr, die unter der Armutsgrenze leben. Preissteigerungen bei Lebensmitteln sind für sie existenzbedrohend.
Umso wichtiger ist es, dass die globalen Investoren heute dennoch auf die grundsätzlichen Wachstumschancen und die Kapazitäten der Volkswirtschaften Asiens vertrauen können. In China sind die Marktreformen 30, in Indien 15 Jahre alt. Das sind sehr kurze Zeiträume, verglichen mit der westlichen Entwicklung seit den Zeiten des Manchester-Kapitalismus. Der Westen sollte daran denken, wie lange es in seinen Volkswirtschaften dauerte, sich der sozialen, ökologischen und politischen Risiken des kapitalistischen Systems bewusst zu werden. Und wie schnell es im Vergleich dazu in Asien geht.
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- Datum 03.01.2008 - 11:54 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.12.2007 Nr. 01
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Als ein Kontinent, der die meisten Rohstoffe importieren muss, ist Europa mehr als alle anderen Kontinente auf Export angewiesen. Das Wachstum der Bevölkerungen von Indien und China bietet damit ungeahnte Möglichkeiten. Die USA erkannten das bereits vor Jahrzehnten und kamen Europa zuvor. Während Europa seine transatlantischen Bindungen "abkoppelte", wie Gerhard Schröder stolz verkündete und Ostpolitik betrieb, stärkte Amerika seine transpazifischen Bindungen. Das neue China ist deshalb kein europäisiertes, sondern ein amerikanisiertes China geworden. Die jungen chinesischen Wirtschaftsführer haben seit Jahrzehnten stets in den USA studiert. So kurios dies auf den ersten Moment klingen mag, China ist heute das größte englisch sprechende Land der Welt. Europäische Exporteure müssen jetzt Englisch können, um in China und Indien Geschäfte abzuwickeln.
Ich als gebürtiger Amerikaner und Wahl-Bayer lebe ständig zwischen zwei Kulturen (ja, Nordamerika ist eine gänzlich andere Kultur als hier in Mitteleuropa). Insofern bin ich immer wieder erstaunt über die grandiose Selbstunterschätzung die man in Europa pflegt. Und bei allen Vorhaben sind die Zweifler und Mahner immer in der Mehrzahl. Der Grund für Asiens Aufstieg und Nordamerikas anhaltende Stärke ist nicht in den Genen, dem Wasser oder gar in der Geschichte (schließlich entstammt die moderne Wissenschaft, die Industrialisierung und der moderne Staat dem alten Europa). Die einmaligen Errungenschaften Europas werden von den Amerikanern und nun auch Asiaten aber mit mehr Optimismus und Tatendrang erfüllt. Das macht deren höhere Dynamik aus. Ich möcht mich da gar nicht in Detaildiskussionen verlieren, es ist nur eine Feststellung meinerseits. Auch wenn über den "Boom" und was es da alles über sich überschlagende Superlative gibt gesprochen wird, ja aber von welchem Niveau denn?? Inlandsprodukt nach "Kaufkraft" - danach Kräht aber kein Hahn. Was in China ein hoher Lebensstandard sein mag, ist es im Westen noch lange nicht. Zumal zu Dingen wie Lebensqualität auch Faktoren gehören wie eine intakte Umwelt, sozialer Frieden, von einer liberalen Umgebung ganz zu schweigen. Man mag über die neuerliche Überwachungswut in Europa denken was man will, die hiesigen Gesellschaften sind äußerst liberal - und um Welten freier als China. Seltsamerweise ist die Unfreiheit und Repression in China nichts, was Unternehmer daran hindert dort ihr Glück zu suchen und mit glasigen Augen darüber berichtet wie schnell dort Projekte umgesetzt werden (freilich kann dort ein Landbesitzer auch mit einem Handstreich von einem Beamten enteignet und von seinem Besitz vertrieben werden, Grundrechte und Rechtsstaat wie im Westen ist schon etwas furchtbar lästiges). Das ist schon sehr Schizophren. Europa kann mehr. Viel mehr. Und es kann verdammt Stolz auf sich sein. Im Selbstverständnis muss Europa einen Mittelweg zwischen dem Nationalismus des 19. Jahrhunderts und der Selbstverleugung des 20. Jahrhunderts finden - sonst gibt es das was man heute Europa nennt im 22. Jahrhundert nicht mehr. Vielleicht noch als Name auf Landkarten, aber nicht als Kultur- und Wertegemeinschaft. Das ist auch kein Kampf Christentum vs. Islam sondern Atheismus/Aufklärung vs. Fundamentalismus. Etwas mehr Realismus in dieser Hinsicht stünde den meisten Europäern auch gut an. Denn das Problem mit dem Liberalismus gegenüber fremden Kulturen ist dieses: einige fremde Kulturen sehen diesen Liberalismus als schwäche an, die es auszunutzen gilt. Es ist nun mal leider so, dass das System der offenen Gesellschaft nicht funktioniert wenn sich die große Mehrheit der Menschen nicht mehr auf gewisse ungeschriebene Regeln einigt. Wie man am aktuellen Thema Vorratsdatenspeicherung sieht ist das Grundgesetz kein ausreichender Schutz, sondern "Auslegungssache". Offensichtlich. Verfassungsrichter zu den Hochzeiten der 68er-Bewegung hätten dieses Gesetz mit absoluter Sicherheit sofort kassiert. Papier ist Geduldig, die Ansicht nur weil etwas auf Papier stünde gelte dies in alle Ewigkeit ist schlicht naiv - diese Naivität drückt sich auch in dem Ewigkeitsparagraphen aus den man vor 4 Jahrzehnten ins Grundgesetz aufgenommen hat. Hat jemals irgend ein Regime ein Problem damit gehabt die Grundrechte die es auf dem Papier gibt zu Ignorieren? Es kommt auf den gesellschaftlichen Wertekonsens an, auf ein geregeltes Zusammenleben. Eine Verfassung ist viel mehr Ausdruck dessen, und nicht dessen Voraussetzung. Rückbesinnung - nicht auf Konservatismus - Rückbesinnung auf die europäische Aufklärung ist was dieser Kontinent braucht. Dann kann aus dem 21. sogar ein europäisches Jahrhundert werden!
Und die größte Wirtschaft der Welt sind nicht die USA, sondern ist die EU. Bei der EU handelt es sich um einen Binnenmarkt, mit gewissen europaweiten Regeln (bis hin zur Kartoffelgröße). Außerdem mit zunehmend einer einheitlichen Währung. Inzwischen hat die EU-"Regierung" in Brüssel mehr Einfluß auf ihre Mitgliedsstaaten, als die Washingtoner Regierung in den USA. In Amerika liegen die allermeisten Kompetenzen nämlich bei den Bundesstaaten und Kommunen (auch ein Grund warum die Wahlbeteiligung bei der Präsidentenwahl gering erscheint, die Bedeutung des Präsidenten ist für die amerikansiche Innenpolitik einfach nicht sehr groß). Die Vereinigten Staaten von Europa gibt es schon längst. Und für die heutige Jugend ist das etwas ganz normales worüber man gar nicht abendfüllend zu diskutieren braucht.
Das ist ein wirklich positiver Beitrag.Aber ich kann Ihnen versichern, es ist fuer die Katz. Die EU ist kein gemeinsamer Binnenmarkt. Die EU ist ein Haufen von Kleinstaaten, die sich gegenseitig nicht das Butter auf dem Brot goennen. Die Deutschen manoeverieren sogar ihre Pipeline durch die Ostse,, dass sie nicht vom anderen EU Land, Polen erpresst werden koennen, wie sie fuerchten (die Deutschen). Die EU hat weder eine gemeinsame Aussenpolitik noch eine gemeinsame Verteidigungspolitik. Und Beides ist fuer eine Union notwendig, sonst sind sie keine Union. Die "Regierung" in Bruessel macht sich eigentlich nur bemerkbar im Schweirigkeiten machen und im Faseln.Ich bin im Suedesten Derutschlands geboren, habe auch mal im Elsass gewohnt. Meine Familienbande . gehen in's Elsaessische und in's deutsch Schweizerische. Sagen Sie einem Elsaesser heute mal, er haette irgendetwas mit den Deutschen gemeinsam, dann spuckt er sie an. Sagen Sie dem Simplex hier, aus Strassburg (ich schreib's mal in deutsch, was den Simplez sicher sufregt,), er und sein Freund aus Karlsruhe seine gleich, nicht viel Unterschied, dann pfetzt der sie genau so an, wie er mich anpfetzt, bei mir noch nicht weil ich Karlsruher bin, denn das erfaehrt er erst jetzt, sondern weil ich Amerikaner bin.
nicht nur der USA Spezialist in allen Fragen, sondern auch ein EU Experte.
Chapeau, Chapeau!
Und Sie sind daemlich wie sich's gehoert. [Bitte unterlassen Sie persönliche Beleidigungen. /Die Redaktion pt.]
"Die EU ist kein gemeinsamer Binnenmarkt. Die EU ist ein Haufen von Kleinstaaten, die sich gegenseitig nicht das Butter auf dem Brot goennen."Das ist beides richtig, aber es sind unterschiedliche Sachen. Einen Binnenmarkt gibt es sehr wohl, ob es den Europäern gefällt oder nicht. Einen Binnemarkt mit allen Vor- und Nachteilen die sowas bringt. Es gibt kaum noch Grenzkontrollen, Zölle schon gar nicht und man kann kaufen und verkaufen wo man möchte.Das war es aber auch schon, denn an der gemeinsamen Politik hängt es. Logisch, da prallen halt viele Mentalitäten aufeinander. Am Ende kommen dann oft sehr seltsame und unverständliche Kompromisse raus, Hauptsache man hat eine gemeinsame Position, sinnvoll oder nicht. Mit der komischen Verfassung, die man jetzt (unter anderen Namen) durchgemogelt hat, sind meines Wissens erstmals Mehrheitsbeschlüsse möglich (keine Einstimmigkeit mehr nötig).Das wird die EU handlungsfähiger machen, kein Zweifel. Anderseits wird es sicher vermehrt zu Widerständen und Unzufriedenheit bei den überstimmten Nationen führen. Warten wir es ab.Problematisch ist vor allem, dass der gemeinsame Markt eigentlich zu einer Zusammenarbeit ZWINGT. Da sonst Steuer (und damit Sozial-)konkurrenz um sich greift. Die Wirtschaft hat sich das so herbeigewünscht (Stichwort: Standortwettbewerb), politisch war der Binnenmarkt (zu dem Zeitpunkt) ein riesiger Fehler. Er hätte erst der zweite Schritt sein dürfen. Aber die Gier ist einfach zu groß und die Demokratie zu schwach. Das ist die EU aus meiner Perspektive.
Leider kann man nicht mehr korrigieren, ich hatte geschrieben:Das ist beides richtig, aber es sind unterschiedliche Sachen.Richtig muss es heissen: Das ist nur teilweise richtig, denn es sind unterschiedliche Sachen.
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