Fast sechseinhalb Meter hoch ist der lichtdurchflutete Raum: Auf dem Eichenparkett steht der Küchentisch mit den Kaffeetassen, oben unter der Decke hängt an zwei Seilen ein Trapez. An der einen Wand steht das Spülbecken, an der anderen das Klavier.

Das war Joachim Mohr und Sabine Maier wichtig, als sie ihre Wohnung planten: Sie sollte ihnen und den drei Kindern nicht nur Platz zum Leben bieten, sondern auch Platz zum Arbeiten. Mohr und Maier sind Trapezkünstler. Früher haben sie in leeren Fabrikhallen geprobt, jetzt üben sie zu Hause, die Kinder immer im Blick.

Ein so fantastisch hohes Wohnzimmer gibt es nicht fertig zu kaufen, jedenfalls nicht mitten in Berlin und bezahlbar, das muss man bauen. Als Altersvorsorge fand Joachim Mohr, 41, die Neubau-Idee auch ganz vernünftig. Da unterscheidet den Artisten wenig von einem Anwalt oder Heilpraktiker: Mohr ist Freiberufler und muss früh an später denken. Aber zum Bauen aus der Stadt ziehen, in die Einfamilienhaus-Siedlung mit den parzellierten Vorgärten hinterm Jägerzaun, das wollten Mohr und seine Frau nicht.

Also haben sie in der Steinstraße gebaut, einer Gasse nur ein paar Hundert Meter vom Hackeschen Markt entfernt, im Zentrum – und zwar gleich ein ganzes Mehrfamilienhaus mit 22 Wohnungen und Gemeinschaftsgarten im Hof. Zusammen mit anderen, als Baugruppe. Weil sie nur kollektiv so individuell bauen konnten, wie es zu ihrem Leben passt.

Baugemeinschaften sind im Kommen. Ein Massenphänomen ist es zwar nicht, dass Menschen gemeinsam ein Grundstück kaufen und den Architektenentwurf prüfen, die Finanzierung und das Risiko auf sich nehmen. Aber die Zahl der Baugruppen nimmt zu. Und sie »könnten eine Trendsetterfunktion haben«, wie Klaus Beckmann sagt, Chef des Deutschen Instituts für Urbanistik.

Studien seiner Forscher zeigen, dass in Deutschland die Menschen zurück in die Städte streben, vor allem jene Mittelschichtangehörigen, die lange Zeit in die Neubaugebiete auf der grünen Wiese zogen, weil sie ihren Kindern das Stadtleben nicht zumuten wollten, all den Verkehr. Und dann erzeugten sie als Pendler noch mehr Verkehr und zersiedelten die Landschaft.

Baugemeinschaften, erklärt Beckmann, brächten »auch Bevölkerungsgruppen zurück, die immer sagten, wir können uns Wohneigentum in der Stadt nicht leisten«. Kommerzielle Bauträger sind im Durchschnitt 20 Prozent teurer als das selbst organisierte Bauen, und das können die entscheidenden Tausender zu viel sein. Nur 15 Prozent der Berliner wohnen in den eigenen vier Wänden, bundesweit beträgt der Anteil 43 Prozent; in Polen aber sind es 75 und in Norwegen 86 Prozent. Baugruppen machen das Bauen auch für jene attraktiv, die sich nicht im Reihenhaus sehen.