Emigranten Die Stimmen von New York

Sie waren Deutsche, bis Hitler sie vertrieb – etwa 120.000 Juden flohen in die USA. Viele leben noch, sie sind heute um die neunzig Jahre alt. Ihre Erinnerungen bleiben deutsch

Deutsche in New York? Aber ja, man hört überall Deutsch – abwechselnd mit Italienisch, Spanisch, Französisch. Auf den Rolltreppen der großen Kaufhäuser, in den feinen Läden von Soho und abends in den Restaurants und Bars. Man spricht deutsch am Times Square, wo Hochhäuser nicht länger langweilige Hochhäuser sind, sondern riesige hieroglyphische Unterhaltungspropaganda- Screens: New York als wild blinkende Spielkonsole.

Und die Deutschen dieser Tage, in denen der Dollar taumelt, kommen nicht wie einst als arme Emigranten. Sie kommen als reiche Onkel und Tanten aus jenem Europa, das die amerikanische Regierung noch vor Kurzem als moralisch und ökonomisch abgetakelt verspottete. Nun zieht »Old Europe« in Scharen durch die Fifth Avenue, lässt seine starken Euro spielen und zeigt Amerika, was Kaufkraft ist.

Vorsicht! Die frohgemuten Konsumisten sollten sich der gleißenden Benutzeroberfläche nicht zu sicher sein. In New York hausen noch andere Bilder als die vom Times Square, andere Stimmen als das gnadenlose weihnachtliche Jinglegebell allüberall. In einer Stadt der Emigranten kann man nie sicher sein, mit wem man gerade spricht, welchen Abgrund man gerade streift. In einem eleganten Geschäft in einer eleganten Straße am Central Park flirtet eine elegante Dame, gewiss achtzig, wenn nicht älter, mit dem kleinen Sohn einer sehr viel jüngeren Kundin, einem hübschen blonden Jungen. Man kommt ins Plaudern, die junge Fremde und die Dame aus New York, und irgendwann kommt die Frage:

»Where are you from?«

»From Berlin.«

»Ach…«

Es ist das erste deutsche Wort dieser amerikanischen Shopping-Konversation, und in dem jäh erinnert werdenden, von Erinnerung überwältigt werdenden »Ach« steckt der Verlust einer ganzen Welt. Alle Wehmut, aller Schmerz. In dieser Ach-Sekunde ist der jungen Berlinerin alles klar. Dass die alte Dame auch einmal Berlinerin war. Dass sie damals Deutschland verließ, um ihr Leben zu retten – die Stadt, die sie liebte. Das Gespräch bleibt freundlich, aber es endet bald, die unschuldige Leichtigkeit ist dahin. Die junge und die alte Frau vermeiden es, auszusprechen, was keiner weiteren Worte bedarf nach dieser einen Silbe – ach.

Nüchtern gesagt, dies ist Stand der Forschung: Von den etwa 500.000 deutschen Juden vor 1933, oder besser gesagt jüdischen Deutschen, denn so sahen sie sich meist selbst, konnte sich etwa die Hälfte in die Emigration retten. Von diesen etwa 250.000 gingen wiederum etwa die Hälfte in die USA. Sei es auf direktem Wege, weil man irgendeinen noch so fernen früher nach Amerika ausgewanderten Verwandten auftrieb, der das lebensrettende Affidavit beibrachte, die finanzielle Bürgschaft, ohne die es keine Einwanderung in die USA gab. Oder sei es auf Umwegen über Staaten, die sich solche humanitären Hintertüren von den Flüchtlingen bezahlen ließen, wie Argentinien oder Kuba.

Viele Gerettete zog es nach Boston, Chicago, Los Angeles, vor allem aber nach New York. Wie alle Immigranten neigten sie dazu, dahin zu gehen, wo schon Landsleute lebten. Washington Heights, das bevorzugte Viertel deutscher Juden im Norden von Manhattan, hieß bei ihnen »das Vierte Reich«. Alle diese deutschen Geschichten von Flucht, Heimat, Fremde hausen in New York. Wenn nachts irgendwo ein Licht ausgeht in seinen milchstraßenhaften Avenuen und jemand die Augen schließt, dann kann es sein, dass sie ins dunkle Zimmer treten. Immer noch.

Nacht ist es längst geworden, das lange, lange Gespräch, das am späten Vormittag begann, will nicht enden. Lotte Strauss kommt auf einen Moment zu sprechen, den ihre vor zehn Jahren erschienene Autobiografie nicht enthält. »Auf dem Gymnasium meiner Heimatstadt gab es einen jungen Mann. Wir gingen stundenlang spazieren und sprachen über Gott und die Welt, über alles, was uns bewegte. Irgendwann fragte er, ob ich ihn zum Schulball begleiten wolle.«

Was einiges hieß in einer kleinen, konservativen Schulstadt. Nachbarn zu sein, auch befreundet, war das eine, aber mit einem jüdischen Mädchen zum Ball zu erscheinen, das war dort noch außergewöhnlich. »Ich trug ein schönes Kleid mit einer Blume, und es wurde ein guter Abend.« Das war vor 1933. Dann verlor man sich aus den Augen. Jahre später, nach 1933, traf sie ihn wieder, in Berlin, wo sie nun lebte.

»In der Uhlandstraße stand er plötzlich vor mir, in SS-Uniform. Der schwarze Rock, die glänzenden schwarzen Stiefel. Ich sagte: ›Können wir sprechen?‹ Er tat einen Schritt zur Seite« – sie deutet eine barsche Bewegung an –, »sagte: ›Nein!‹, und ging ohne ein weiteres Wort davon. Nach dem Krieg habe ich mich nach ihm erkundigt. Man sagte mir, er sei im Osten gefallen, drei Monate nach Kriegsbeginn.«

Wie sie es erzählt, ist immer noch Erschütterung da. Über die radikale Wandlung des jungen Mannes, über die tödliche Gefahr, die auf einmal von ihm ausging. Über den frühen Tod eines Todfeindes, der doch auch der Tod einer Jugendliebe war. Was sie empfinden mag, ist nur zu erahnen. Und doch ist es, in seiner ganzen Unentwirrbarkeit, Stoff von jenem Stoff, aus dem das Drama der deutschen Juden gemacht ist.

Lotte Strauss’ private Geschichte einer mit schwarzen Stiefeln zertretenen Seelenfreundschaft spiegelt brennglasgleich die deutsch-jüdische Symbiose und deren Ende. Wo Liebe war, politisch gesprochen: Assimilation, da ist ein Abgrund an Leid für die Gequälten – ein Abgrund von Ernüchterung für die, die sich retten konnten.

Diejenigen von ihnen, die heute noch leben, kamen meist in den dreißiger Jahren mit ihren Eltern, sie sind in den zwanziger Jahren geboren und nun über achtzig oder gar über neunzig. »Unsere Rache an den Nazis« nennt eine Tochter von Emigranten das nicht selten bemerkenswert hohe Alter der deutsch-jüdischen Emigranten.

Lotte Strauss ist Jahrgang 1913. Geboren zu Kaisers Zeiten in Wolfenbüttel, lebt sie heute im 14. Stock eines Wohnhauses am Morningside Park. Nichts mehr deutet auf Exil, alles auf ein liberal-bürgerliches New Yorker Akademikerleben: Tee, Perlenkette, klassisch moderne Möbel, Bildbände über Giotto und Lovis Corinth, auf dem Tisch liegen New York Times und New Yorker. Alles, nur eines nicht: Wir reden die ganze Zeit deutsch.

Sie spricht es immer noch makellos, mit leicht regionaler Färbung. Säße sie in einem deutschen ICE und man hörte ihr zu, man dächte: eine Dame aus Niedersachsen, pensionierte Gymnasiallehrerin vielleicht. Und vielleicht wäre es so gekommen. Lotte Strauss geht etwas holen. Als sie wiederkommt, hält sie ein Stück Berlin in Händen, einen Ausschnitt aus dem Vorkriegsstadtplan, die Gegend zwischen Olivaer und Savignyplatz, vergrößert auf Karton. Es ist die Topografie ihres sechsmonatigen Lebens im Berliner Untergrund.

Ihre Eltern zogen 1937 mit ihr von Wolfenbüttel nach Berlin, in das Sommerhaus ihres Onkels bei Kladow am Stadtrand. Wie viele kleinstädtische und dörfliche Juden hofften sie, in der Großstadt mit ihrer Anonymität und ihren starken jüdischen Vereinen werde das Leben erträglicher sein. »Aber bei Kladow war der Flugplatz, und 1942 kam von dort ein Ritterkreuzträger und forderte das Sommerhaus für sich. Er bekam es, meine Eltern zogen in die Stadt um. Es war nur für ein paar Wochen, dann wurden sie deportiert.«

Bei diesem Wort springt sie wieder auf, plötzlich ins Englische fallend: »I’ll show you something.« Ein 15-seitiges Formular der Geheimen Staatspolizei Berlin, erstaunlich unvergilbt, in erstaunlich moderner Typografie. »Der Jude Louis Israel Schloss, geb. am 18.1.1881 in Zimmersrode, zuletzt in Berlin-Kladow, Sakrower Kirchweg wohnhaft gewesen, ist am 26.10.1942 nach dem Osten, außerhalb der Reichsgrenze, überführt worden. Sein Vermögen ist mit dem gleichen Tag dem Reich verfallen.« Das steht im Anschreiben.

Es folgt die 15 Seiten lange Auflistung von allem, aber auch wirklich allem, was der Vater der Lotte Strauss, geborene Schloss, besaß oder besessen haben könnte und nun hergeben müsse. Unter »Herrenzimmer« fragt das Formular noch den Papierkorb ab, Bücherregale und Tische sowieso, »groß/klein«, und die Stehlampe und vergisst auch Atlanten und Globus nicht. Unter »Küche, Kammer« fordert es die Herausgabe selbst des Kohlenkastens, des Bügeleisens und der »Vorräte, eingeweckt« und »Vorräte, weitere«.

In derselben Nacht, in der ihre Eltern deportiert wurden, sollte auch die Tochter abgeholt werden. Sie beugt sich über den Stadtplan und sucht ihre Wohnung damals, Niebuhrstraße 76. »Um halb vier klingelte es. Zwei junge Männer, Ende zwanzig, Tweedjacken, SS-Reithosen, Pistolen, erklärten mir, ich werde in die Sammelstelle Lewetzowstraße gebracht. Ich gefror innerlich. Ich bat um etwas Zeit, um zu packen. Sie sagten, ich solle in zehn Minuten einen kleinen Koffer fertig haben. Sie verließen mein Zimmer. Ich war viel zu paralysiert, um sinnvoll zu packen.«

Als sie schließlich die Tür öffnete, sah sie, dass die beiden Männer in der Wohnung gegenüber beschäftigt waren. Der Entschluss, es zu wagen, kam augenblicklich. »Ich handelte, ohne darüber nachzudenken, was ich tat und wie es weiterginge, ganz auf die Flucht konzentriert. Ich zog den Mantel über, trennte den gelben Stern ab, ging rasch, aber nicht zu schnell die Treppe hinunter, hinaus auf die Straße – fort. Ich hatte nur einen Gedanken: Zu Herbert!«

Ihr Freund. Jude wie sie, aus der Provinz nach Berlin gekommen wie sie. Er wohnt um die Ecke, Schlüterstraße 53. Im Moment der Flucht schnurstracks zum geliebten Menschen zu gehen ist ein kolossaler Fehler, es lenkt die Verfolger auch auf ihn und gefährdet beide – eigentlich. Kaum zu ihm hineingestürzt, wird im Haus ein Tumult laut. »Gestapo!« Sie weiß bis heute nicht, ob der Ruf spontan war oder eine bewusste Warnung von Nachbarn an sie beide.

Sie rennen die Treppe hinab, ihr Freund zieht sie in den Hinterhof, zum Luftschutzkeller. Dort verstecken sie sich, und das Unwahrscheinliche geschieht, die Gestapo sucht sie überall, nur nicht im Keller. Irgendwann kehrt Ruhe ein im Haus. Irgendwann trauen sie sich heraus. Ihre unvernünftig planlose, von nichts als Herz und Instinkt geleitete Flucht ist gelungen – fürs Erste.

Sie sind nun Illegale wie Tausende Berliner Juden. Wenn Lotte Strauss erzählt, begreift man, dass die Vorstellung davon als absolute Finsternis und Verlorenheit nicht unbedingt zutrifft. Wäre es so gewesen, das Paar hätte keine Woche durchgehalten. Wie viele Mitwisser, augenzudrückende Nachbarn, passive und aktive Helfer, wie viele gewechselte Wohnungen sind nötig, um zwei Menschen unter den Bedingungen des Gestapo-Staates gut sechs Monate lang durch dessen Reichshauptstadt zu schleusen und am Ende quer durchs Reich über die grüne Grenze in die Schweiz?

Dorthin floh Lotte Strauss Anfang Mai 1943, auch dort gab es Helfer. Ihr Freund Herbert Strauss folgte im Juni. Die Details ihrer langen Flucht haben beide 1997 in Autobiografien beschrieben (Herbert A. Strauss: Über dem Abgrund. Eine jüdische Jugend in Deutschland 1918 – 1943; Lotte Strauss: Über den grünen Hügel, vergriffen).

Manche halfen als gläubige Christen. Eine Frau half, weil ihr Sohn ein fanatischer Nazi geworden war und sie es gutmachen wollte. Auch ein Mann aus dem Sicherheitsapparat half, »einer mit früher Parteibuchnummer, aber kein Antisemit«. Da war die Wohnung in der Bregenzer Straße 14, nur Minuten von der Niebuhrstraße entfernt, wo sie noch vor Tagen legal gelebt und dann die Flucht gewagt hatte. All diese Berliner Adressen, es gibt sie noch. Hier eine Altbauwohnung, in der man mal eingeladen war, dort das italienische Restaurant um die Ecke, in dem man an Sommerabenden sitzt.

Und da war der Arzt, zu dem sie ging, wenn sie krank war; der Maler, der sie in seinem Farbenraum in der Laubacher Straße versteckte; das kommunistische Ehepaar aus Schmargendorf, das den beiden Illegalen einen schönen Nachmittag bereitete; die jüdische Bridgerunde (in Berlin 1943!), darunter ein jüdischer Staatsanwalt, 1933 entlassen, der aber Beziehungen zu nationalen Kreisen hatte, weil er vor 1933 einen spektakulären Prozess gegen jüdische Gangster gewonnen hatte. Und da war ein Schweizer, der Vertreter des Roten Kreuzes in Berlin, dessen Büro sie mehrfach aufsuchte, um die Flucht in die Schweiz zu planen, als ginge sie zu einer harmlosen Teestunde.

Überhaupt war sie viel in der Stadt unterwegs. »Herbert und ich haben uns meist im Zoo getroffen, im Elefantenhaus, und als es kälter wurde, im Aquarium.« Das alles nimmt kein Jota von der tödlichen Bedrohung weg, unter der sie jederzeit standen und der andere nicht entgingen. Dennoch zeigt es, dass die NS-Diktatur keineswegs perfekt war. Dass es nicht möglich ist, ein altes, komplexes Land mit all seinen Gestimmtheiten in fünf, acht oder auch zehn Jahren absolut gleichzuschalten. Eine Stadt wie Berlin wird nicht über Nacht zum schattenlosen nationalsozialistischen Reinraum.

Noch 1943, so prekär, so bedroht das alles war, standen Menschen vor der Frage: Helfen oder nicht, denunzieren oder nicht? Genügend entschieden sich so, dass dieses gejagte Paar lebte. Acht ihrer Berliner Helfer, sagt Lotte Strauss, seien als »Gerechte unter den Völkern« in der israelischen Gedenkstätte Jad Vaschem geehrt.

Die Illegalität kannte auch tiefschwarze Tage. Die von der Mutter genannte Freundin für den Notfall fiel aus, weil deren Hausmädchen mit ihrem Pfarrer vorher über die Sache sprach und der ihr sagte, es sei nicht erlaubt zu lügen, auch nicht in solch einem Fall: Sie hätte Lotte Strauss verraten. Und der Schmargendorfer Kommunist flog auf und bezahlte mit seinem Leben. Das Schlimmste aber: »Von meinen Eltern habe ich nach dem Tag der Deportation nie wieder gehört.«

Sie hat nachgeforscht, genau hat sie ihr Schicksal nicht ergründen können. »Da war ein bestimmter Transport nach Riga. Ein bestimmter Wald, in dem der Zug hielt. Eine vorbereitete Grube. Es war die Art eines bestimmten Generals, das so zu tun.«

Es gibt deutsche Juden, die irgendwann aus den USA nach Deutschland zurückgingen. Viele sind es nicht. Lotte und Herbert Strauss gingen 1982 für acht Jahre nach Berlin, er als Direktor des neu gegründeten Zentrums für Antisemitismusforschung. Sie hat alte Freunde und Orte wiedergesehen, wie schon beim ersten Besuch 1958. »Nur die Treppe in der Niebuhrstraße noch einmal hinaufzugehen, das habe ich nicht geschafft.«

Für ihren Mann war es eine Rückkehr zu seinen Anfängen. Aus der Schweiz waren die beiden bald nach New York gegangen, er war Historiker geworden und lehrte bis zu seiner Emeritierung am City College. In Berlin aber hatte alles begonnen. Strauss war einer der letzten verbliebenen Schüler des letzten Berliner Rabbiners Leo Baeck an dessen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums gewesen, bis diese 1942 geschlossen wurde. Dort hatte er Kierkegaard und Heidegger gelesen und seine geistigen Interessen ausgebildet. Als viele Rabbiner und Lehrende geflohen waren, war er immer noch da. Baeck bat ihn, als Hilfsrabbiner einzuspringen. Einmal, erzählt Lotte Strauss, habe er vor jüdischen Waisenkindern sprechen müssen, ahnend, dass sie alle mit ihren Betreuern bald deportiert würden. »Das hat er nie vergessen, das brachte ihn dazu zu sagen: Überleben ist eine Verpflichtung.«

Dennoch – was der NS-Staat ein für alle Mal auslöschen wollte, gab Strauss nicht auf. In seiner Fluchttasche trug er 1943 einen Band mit Zeichnungen von Adolph Menzel über die Schweizer Grenze, ein Geschenk für Lotte. Er ging nach Berlin, als man ihn 1982 rief. Und 1997 schrieb er über Leo Baecks Hochschule: Sie »rettete die Integrität ihres Erbes über die Zeit, ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein der Gewalt«.

Das Erbe – wir nähern uns einem wunden, heiklen Punkt. Die deutschen Juden und ihr Erbe, was soll das sein? Und was geschieht damit, wenn die, die es tragen, allmählich aussterben? Was wird bleiben? Anders gestellt, lautet dieselbe Frage: Soll denn etwas bleiben? Und im Kern lautet sie: Hat es jene deutsch-jüdische Symbiose, ohne die der Begriff »Erbe« kaum gedacht werden kann, denn überhaupt gegeben, oder war sie eine Phantasmagorie assimilierter, in Deutschland und deutsche Kultur vernarrter deutscher Juden, endgültig erledigt in den Lagern und Gaskammern?

Brutal gestellt – und so schlug sie deutschen Emigranten in Amerika lange entgegen –, heißt die Frage: Wart ihr nicht bodenlos naiv? Wie konntet ihr euren Mördern so lange trauen oder doch jedenfalls nicht das Äußerste zutrauen?

Es dürfte schwerfallen, einen emigrierten deutschen Juden in New York zu finden, der diese Frage nicht immer wieder berührte wie einen Schorf. Robert Goldmann hat sein Buch der Erinnerungen Flucht in die Welt genannt, aus dem hessischen Jungen, dem Arztsohn aus Reinheim im Odenwald, ist ein New Yorker geworden, keine Frage, und doch attestiert er der Welt, in die er floh, die ihn gerettet und aufgenommen hat, in diesem einen wunden Punkt Ignoranz: »Hier versteht man nicht, was deutsches Judentum war. Hier denkt man bei europäischen Juden an Schtetl. Die Juden, die aus Osteuropa herkamen, die Baruch und Levi-Strauss, wurden mehr Amerikaner als Juden. Dennoch ist die Situation der amerikanischen Juden deutsch: Im Schtetl gab’s nicht orthodoxe, konservative und liberale Juden, da gab’s nur orthodoxe. Hier in den USA gibt es heute diese drei Optionen – eine deutsche Erfindung. Von dieser deutschen Tradition, der jüdischen Reformation seit dem 19. Jahrhundert, seit Moses Mendelssohn, weiß man hier nichts.«

Eine Frage. Angenommen, der deutsche Bundespräsident hätte 1950 einen ganzseitigen Aufruf an die jüdischen Emigranten in die New York Times gesetzt: »Come home – kommt heim! Ihr fehlt hier. Wir brauchen euch!« Verbunden mit einem klaren Wort zur NS-Zeit, zu den Lagern, zu Schuld und Sühne. Wäre einer gekommen?

»Kaum.«

Robert Goldmann kennt diesen Aufruf und die Art, wie er damals vorgetragen wurde und gemeint war. Er hat ihn wörtlich gehört, 1955, als er sein Dorf erstmals besuchte, 16 Jahre nach der Emigration. Er hörte ihn im vertrauten hessischen Dialekt: »De Dokter – wann kommt er zurück? Wir brauchen’e. Ich nemm noch immer die Tablette, die er mir verschribbe hat.«

Doktor Goldmann muss ein Landarzt im emphatischen Sinne des Wortes gewesen sein. Sehr fähig, sehr angesehen, beinahe verehrt. »Er war der Heilige, der alles konnte«, sagt sein Sohn. Der Großvater, ein konservativer jüdisch-deutscher Patriot und Freund deutschen Militärs und deutscher Marschmusik, konnte sich einfach nicht vorstellen, dass die Hitlerei von Dauer sein könnte. Und die Zeichen waren vorerst nicht so eindeutig. Es gab einzelne Übergriffe, aber auch unerwarteten Beistand im Ort. Als jedoch der Doktor nach der »Kristallnacht« abgeholt wurde und Wochen später sichtlich gezeichnet aus dem KZ Buchenwald wiederkam, gab es kein Zögern mehr: raus, so rasch wie möglich.

Selbst der Großvater kam nach. Robert Goldmann verwahrt das Schulheft des alten Mannes, der in New York zum Englischkurs ging. In seiner gestochen scharfen deutschen Schrift stehen da die lässigen Wörter der Neuen Welt: »handsome«, »clever«, »smart«. Und daneben die gediegenen deutschen Wörter dafür: »stattlich, hübsch«, »klug«. Dazu alle Staaten der USA, 48 damals, und alle Präsidenten bis dato. Und die Note. Großvater wurde auf »befriedigend« geprüft. Er lernte nicht nur Wörter. Er versuchte auf seine alten Tage, Amerikaner zu werden.

So wie er waren viele gewesen. Deutsche Juden waren begeistert in den Ersten Weltkrieg gezogen, Rabbiner hatten in den Synagogen für Kaiser und Vaterland gebetet, stolz trugen jüdische Veteranen das Eiserne Kreuz, die kulturelle Faszination für das Deutsche in Literatur und Musik war seit dem 19. Jahrhundert politisch geworden – im 20. wurde sie gesellschaftlich: Man begann einander zu heiraten, die Zahl der Mischehen stieg, gerade in großen Städten, allen voran in Berlin. Dort »sprang der Anteil von 18 Prozent aller jüdischen Eheschließungen im Jahr 1910 auf 33 Prozent im Jahr 1915« (Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland. Hrsg. Marion Kaplan im Auftrag des Leo-Baeck-Instituts). Die blutjunge Großstadt, die eine bürgerliche Elite eben erst hervorbrachte, bot dem aufstrebenden jüdischen Bürgertum viel mehr Chancen als ältere Städte mit ihren alten Eliten. Berlins Aufstieg und die jüdische Emanzipation fielen nicht nur zeitlich in eins.

Kurzum, die Assimilation der Juden war in vollem Gange, die deutsch-jüdische Symbiose kein Stoff für ideologische Debatten – sie war real. Bei den Söhnen und Töchtern war es die entfesselte Modernität in Büro, Kanzlei, Kino, Seebad, Geschäft, die Weimar culture, die das Jüdische alt und blass werden ließ, bei den Vätern war es oft strammer Konservatismus, nicht selten dekoriert mit dem Eisernen Kreuz.

Wäre er also heimgekehrt, der Großvater aus dem Odenwald? Kaum. Selbst er nicht. Es war zu viel geschehen. Doch die Rückkehr seines Enkels 1955 ist noch nicht zu Ende erzählt. Herzlich begrüßt wurde er von der früheren Haushaltshilfe, die immer treu zur Familie gestanden hatte. »Lisbeth hatte aufgetischt, da kamen sie alle. Mein Friseur, Vaters Patienten. Wer Nazi gewesen war, wusste ich nicht. Es hieß immer nur: Wann kommt der Doktor wieder? Wir brauchen ihn. Wir haben diese und jene gesundheitlichen Sorgen. Was uns geschehen war – danach fragte mich niemand.«

Inzwischen fährt Robert Goldmann jedes Jahr einmal in seine alte Heimat. Deren energischer Bürgermeister hat einen antinazistischen Preis gestiftet, den Goldmann jährlich vergibt. »Anfangs traute man Deutschland nicht«, sagt er. »Heute ist man, wenn nicht deutschfreundlich, so doch nicht mehr deutschfeindlich. Aber man fühlt sich als Amerikaner.«

Er lacht. »Es gibt Werte, die wir nie aufgegeben haben. Die Meistersinger. Den Rosenkavalier.« Er schreibe heute mehr für deutsche als für amerikanische Zeitungen, sagt er. Er ist Journalist und arbeitete eine Zeit lang an leitender Stelle für die Anti Defamation League, eine jüdische Organisation. »Mein Standpunkt war in den Achtzigern nicht populär. Ach, der Germanophile redet jetzt, hieß es. Bis Anfang der Neunziger gab es sehr viel Misstrauen. Man musste einiges hinnehmen als Verteidiger Deutschlands.« Er setzt das Wort in gestische Anführungszeichen, sucht eine alte Platte heraus und legt sie auf.

»So klang Washington Heights.«

Hermann Leopoldi, ein Coupletsänger im Exil mit der Intonation und dem typischen harten R der dreißiger Jahre, singt seinen milden Spott (»See, little Erika, this is America«) und seine traurigen Emigrantenlieder. Ja, auch den Wiener Schmäh und die Berliner Schnauze nahmen sie mit in die Emigration, ihr Witz spiegelte die neue Lage. Sie hatten ihn bitter nötig.

Alle diese deutschen Akademiker, mittelständischen Kaufleute, Ärzte, meist jenseits der Lebensmitte, des Englischen durchaus ohnmächtig und bar jener praktischen Fertigkeiten, mit denen sie in den Fabriken von Queens oder sonstwo ein paar Dollar hätten machen können, hatten einen harten, oft sehr harten amerikanischen Start. Sie waren jemand gewesen in Deutschland, sie hatten geachtete bürgerliche Existenzen gehabt und Pläne für ihre Kinder. Davon war nichts übrig, nur dies: Sie hatten ihr Leben gerettet.

Dafür waren sie Amerika dankbar und sind es bis heute. Die Jüngeren meldeten sich begeistert zu den Waffen, als die USA endlich in den ersehnten Krieg gegen Hitler eintraten. Niemand, der es nicht erlebt hat, kann den Stolz, die Genugtuung dieser Männer ermessen, ihre vor Jahren erst verlassene Heimat 1945 als Sieger zu betreten, nicht mehr als Geschlagene, Verjagte – und niemand ihren Schmerz, erfahren zu müssen, was in den Jahren dazwischen mit ihren im Lande gebliebenen Angehörigen und Freunden geschehen war.

Einer von ihnen wohnt draußen auf Long Island, Fritz Weinschenk, der Name sagt es gleich: Seine Vorfahren trieben Weinhandel, sein Vater hatte eine Weinhandlung am Fischertorplatz in Mainz. Man hört es auch. Sein Sohn spricht immer noch ein deutlich mainzerisches Deutsch.

Er ist ein früher Emigrant.

»Vater ging schon 1934. Er hasste die Nazis so sehr, dass er Äußerungen machte und gefährdet war. Ich wurde im selben Jahr mit sieben, acht anderen jüdischen Schülern aus dem humanistischen Mainzer Gymnasium rausgeschmissen. Übrigens habe ich weder dort noch vorher in unserer Volksschule in Gonsenheim antisemitische Äußerungen erlebt, außer von zwei Kerlen, die schon damals rabiate Nazis waren.«

Er ging noch kurz in die jüdische Schule – ähnlich wie Robert Goldmann und all die anderen – und schiffte sich 1935 mit Mutter und Bruder in Cherbourg nach New York ein. Fritz war jetzt 14. Noch im selben Jahr fand sich der Mainzer Junge auf der Highschool wieder und bald darauf als Student am City College, an dem nach dem Krieg Herbert Strauss lehrte.

Sein Studentenbudget hat er noch im Kopf: fünf Dollar die Woche. Für den Lunch zehn Cent. Fürs Dinner 25 Cent. »Ich hab’s aber geschafft.« Die Familie konnte nicht helfen. »Vater hat hier in New York nie einen Penny verdient, er war sehr unglücklich. Er fand dann 1940 einen Job in Kalifornien, in einer winery, es fiel ihm anfangs furchtbar schwer – der Mainzer Weinhändler in der Wüste des San Joachin Valley. Mein Bruder arbeitete mit den Mexikanern auf dem Feld.«

Er selbst ist jetzt 87, er ist Anwalt und arbeitet immer noch in seiner Kanzlei in Manhattan, ein kleiner, schlanker, unprätentiöser Mann in Windjacke, immer noch verheiratet mit seiner amerikanischen Frau, um die er sich liebevoll bemüht. Ein Mann mit einer alten Liebe zur See. Das Ehepaar lebt in einem der typischen holzverkleideten Nordostküstenhäuser, denen der Alteuropäer nicht ganz traut – Eisregen peitscht den Atlantik, der Winter wird hart. »Die halte schon!« Er lacht auf die herzhafte Art derer, aus denen das Lachen hervorbricht, als hocke es immerzu da und warte nur auf Gelegenheit.

Er erzählt von seinem Einsatz im CIC, dem Counter Intelligence Corps, nach Kriegsende in Deutschland: Entnazifizierung im Auftrag der US-Militärregierung. Er hatte einiges hinter sich. Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor war er ins Rekrutierungsbüro gegangen: »Take me first!« Die Stationen ab dort heißen: militärische Ausbildung in North Carolina. Warten in England. Omaha Beach – die Landung in der Normandie. »Um ein Haar wäre ich ertrunken.« Acht Tage Heimaturlaub. Melden in San Francisco. Warten auf Neuguinea. Dann Normandie, die Zweite: Landung auf der philippischen Hauptinsel Luzon. Einmarsch in Manila. Er sagt »Manilla«.

Und nach einem Zwischenstopp in New York, wo er sein Studium beendete, von 1946 an wieder Deutschland – die Episode, die er erzählen wollte, geht so: »Ich verhörte einen Mann, einen Mainzer. In der Schublade hatte ich ein Foto von ihm in SS-Uniform, der Fall war klar. Er erzählte mir: Nein, nein, mit den Nazis habe er nichts zu schaffen gehabt, da hätte ihm sein Vater aber den Marsch geblasen. Irgendwann habe ich genug davon und lege das Foto auf den Tisch. Da ruft der Kerl: ›Fassenacht! Das war doch mein Kostüm auf der Meenzer Fassenacht!‹ Da hat’s dann gereicht, ich hab ihn abführen lassen.«

So ähnlich sei es meistens gewesen, wenn auch nicht immer so brüllend absurd. Er habe, sagt er, eigentlich nur einen ehrlichen Nazi erlebt. »Ein junger Hamburger, höherer HJ-Führer. Er sagte mir, die Massenmorde habe er für Propagandalügen der Sieger gehalten, bis ihm immer mehr Kameraden diese bestätigt hätten. Er bereue jetzt, was er getan habe.« Eine Katharsis, eine einzige.

Fritz Weinschenk dürfte unter den New Yorker Emigranten derjenige sein, der sein Leben lang am meisten mit Deutschland zu tun hatte. Als Anwalt war er bei Entschädigungs- und Hunderten NS-Verfahren tätig, auch beim Düsseldorfer Majdanekprozess und beim Frankfurter Auschwitzprozess. Viele Emigranten wollten nicht zu den Prozessen nach Deutschland reisen, also ernannten deutsche Gerichte Weinschenk zum commissioner, und er übernahm für sie die Zeugenverhöre, es waren wieder Hunderte. Manche Hauptverhandlung fand in New York statt, im deutschen Konsulat oder in einem Hotel. Seine Zusammenarbeit mit den deutschen Gerichten, sagt er, sei »außerordentlich gut« gewesen. »Sehr angenehme, intelligente Leute, mit ganz wenigen Ausnahmen.«

Wie geht es ihm bei dieser starken Verflechtung mit Deutschland – hat er doch auch für explizit deutsche Interessen gearbeitet, für die Deutsch-Amerikanische Handelskammer? »Dafür wurde ich hier angegriffen: ›Wie kannst du für die Nazis arbeiten?‹«

Er schüttelt den Kopf. »Ich fühle mich mit Mainz und meiner deutschen Heimat immer noch verbunden. Für mich waren die Deutschen damals keine Ratten oder Kakerlaken, sondern ein Volk, das sich in einer Misere befand. Die Nazis habe ich gehasst wie die Pest. Sie haben die schlechtesten Eigenschaften der Deutschen verkörpert. Wahn, Überhebung, Gewalt, die Rassenidee, von der jeder wusste, dass es Nonsens war. Und die Bürokratie, die Kafka so gut beschrieben hat in der Strafkolonie.«

Im living room seines weißen Holzhauses steht ein Schiffsmodell von beträchtlicher Größe. Und im Jachthafen draußen liegt winterfest sein Schiff, auch von beträchtlicher Größe, er fährt weit hinaus auf den Atlantik, angelt, kreuzt, ist auf See. »Das Schiff und das Basteln«, sagt er, »ich brauche das. Ohne das wäre ich längst durchgedreht, bei allem, was ich erlebt habe.«

Was sie erlebt haben – was bleibt davon?

Die Kinder der allermeisten sind Amerikaner geworden, ohne Akzent, ohne Bindestrich. Einer der bekanntesten Emigranten, der Historiker Peter Gay, als Peter Fröhlich 1923 in Berlin-Wilmersdorf geboren, beantwortet die Frage so: »Ich bin nicht pessimistisch, dass wir alle verschwinden, dass alles verschwindet. Die Beiträge für dieses Land wurden geleistet, und sie leben weiter.«

Dieses Land, das ist Amerika. Peter Gay verweist auf all die deutsch-jüdischen Architekten, Kunsthistoriker, Historiker. »Sie haben Amerika extrem beeinflusst: Walter Gropius. Mies van der Rohe. Erwin Panofski. Konservative würden mir widersprechen: ›Wer kam denn schon? Herbert Marcuse! Wer braucht Marcuse?‹ Aber die Frankfurter Schule ging ja nach Deutschland zurück.«

Nein, sagt er, »ich wäre nicht gekommen, wenn es geheißen hätte: Come home! Auch mein Vater wäre nie gegangen, nicht mal zu Besuch, obwohl er in Berlin nur ein kleiner Geschäftsmann gewesen war und schlecht Englisch sprach. Es war ein hartes Thema. Es gab Jahre, da hätte ich deutsch nicht mal gelesen.«

Das änderte sich im Lauf der Jahre. Peter Gay hat über die Kultur und Psychohistorie des Bürgertums, auch des deutschen, Bücher geschrieben und zudem seine Autobiografie ( Meine deutsche Frage. Jugend in Berlin 1933–1939). Heute kritisiert er die Hochhausbebauung am Potsdamer Platz – »das geht gegen den traditionell flachen Charakter der Stadt« – und klingt wie ein alteingesessener Westberliner. Was er natürlich nicht ist in seiner Wohnung am Riverside Drive.

Man könnte also sagen: Was als deutsch-jüdische Symbiose so euphorisch begann und in wenigen Jahren brutal zerschlagen wurde, das findet sein Finale in der jüdisch-amerikanischen Symbiose unserer Zeit. War es das?

Es gibt ehrwürdige Institutionen der deutschen Juden in New York: den Aufbau , ihre traditionsreiche Zeitschrift, in der alle großen Namen der Emigration schrieben. Und das Leo-Baeck-Institut in der 16. Straße. Fritz Weinschenk war lange Aufsichtsrat des Aufbaus Peter Gay ist Trustee des Instituts. Es versteht sich als Bewahrer des deutsch-jüdischen Erbes. Es leistet wissenschaftliche Arbeit, bietet alle möglichen Veranstaltungen und hat inzwischen über 1600 memoirs gesammelt – Erinnerungen deutscher Emigranten, handschriftlich, maschinengetippt, privat oder in Kleinverlagen gedruckt.

Die Frage, was bleibt, beantwortet sein Forschungsdirektor Frank Mecklenburg in der nüchternen Art des Historikers: »Wir haben noch zehn Jahre. Dann ist Schluss. Wir beginnen jetzt eine letzte Welle des Sammelns von Dokumenten mit Anzeigen in den Zeitungen der wichtigsten Städte der Emigration.« Gemeint sind Dinge, wie sie in jeder Emigrantenwohnung irgendwann aus dem Schrank geholt werden. Lotte Strauss’ Deportationsdokumente. Vater Goldmanns Pässe. »Das sammeln wir jetzt noch einmal, die Kinder werfen es sonst weg. Danach«, sagt Mecklenburg, »wird aus lebendiger Zeugenschaft – Geschichte.«

Dann wird es kein »Ach« mehr geben, kein jähes Einander-Erkennen, keine Schrecksekunde, keine lebendige Irritation. Nur noch Archive.

Die Frage ist also, wer es gebrauchen kann, das Papier gewordene Erbe – wer es braucht. Die Direktorin des Instituts, Carol Strauss-Kahn, Tochter von Emigranten aus Dortmund, hat eine revolutionäre Idee. Sie möchte das Herz des Instituts von New York nach Berlin verlagern: sein Archiv, das derzeit nur in Form von Kopien in der Leo-Baeck-Dependance im Jüdischen Museum Berlin bereitsteht.

»Die Emigranten, die uns fünfzig Jahre lang unterstützt haben, auch finanziell, sterben aus. Wir denken, dass es sich bei dem, was wir hier sammeln und dokumentieren, großenteils in deutscher Sprache, um einen Teil deutscher Geschichte handelt, es sollte also in Deutschland sein.«

Dagegen gibt es Widerstand in den Gremien des Instituts, aber er lässt, wenn man Kennern glauben darf, nach. »In New York«, sagt Carol Strauss-Kahn, »wird diese Geschichte immer weniger relevant, in Deutschland wird sie immer wichtiger. Dort werden diese Sachen nicht verkommen, soweit man etwas über die Zukunft sagen kann.«

Der letzte Abend. Ein Wintersturm ist vorhergesagt, aus dem Mittleren Westen. Die letzte Verabredung ist die mit dem Stammtisch des Dichters Oskar Maria Graf. Der lebt zwar lange nicht mehr, aber sein Tisch lebt. Ursprünglich stand er in der Kleinen Konditorei, einem deutschen Café, auf dessen genaue Adresse sich niemand mehr recht besinnt. Seit vielen Jahren tagt er jeden Mittwochabend um acht bei Gaby Glückselig in der 89. Straße. Drei Regeln hat der Stammtisch. Man sagt Du. Man nennt sich beim Vornamen. Man stellt sich vor.

Es wird geöffnet. Es sind schon Gäste da. Miriam, deren Mutter mit Rainer Maria Rilke korrespondierte, sie selbst überlebte das KZ Theresienstadt. Arnold, der Enkel von Arnold Schönberg. Kurt aus Wien. Trudy aus Wien. Marion aus Berlin. Margot, Lyrikerin aus dem Rheinland. Und junge Leute. Es geht immer weiter, irgendwie.

Deutsche in New York? Aber ja, man spricht deutsch hier. Das ist die vierte Regel.

 
Leser-Kommentare
  1. und sie alle verbinden die gleichen Erfahrungen aus der schlimmen Zeit.Leider sterben sie nun so langsam weg und es ist dann kaum noch jemand da der 'ihre' Erinnerungen aufrecht erhaelt.

    • Gafra
    • 01.01.2008 um 22:29 Uhr

    empfinde das alles als einen schrecklichen Verlust, so als würde einem von entfernt Verwandten erzählt, die solch interessante Menschen waren und die ich ohne sie kennen gelernt zu haben, verloren habe.Ich habe jüdische Freunde gehabt, aber sie und ich und unser Verhältnis waren gezeichnet durch ihre Erfahrungen oder mein Wissen.

  2. Ich war Deutsche, lebe seit Jahren in Amerika und liebe es. Ich lese deutsche Zeitungen und Magazine per web und bleibe so ein wenig auf dem Laufenden - wie man so sagt.Herzlichen Dank fuer diesen wunderbaren Beitrag der mich sehr beruehrt hat.

  3. Ein einzelner Kommentar von einem ZEIT-Leser oder einer ZEIT-Leserin aus Deutschland. Nicht 12. Nicht mal drei.  Nach vielen, vielen Stunden, rund einem Tag. "The silence is deafening." wuerden manche sagen. Sie haben Recht mit dem, was sie wohl denken. Nein?

  4. Neben den sehr persoenlichen und tief beruehrenden Erfahrungen einzelner Emigranten wird in dem Artikel auch kurz auf die vielen juedische Architekten und Historiker hingewiesen, die vor dem Nazi-Regime nach Amerika geflohen sind.  Dieser Hinweis laesst sich um eine lange Liste an beruehmten Wissenschaftlern erweitern, die in den 1930er-Jahren aus Europa nach Amerika geflohen waren: Felix Bloch, Albert Einstein, Paul Erdos, William Feller, Leo Hurwicz (Nobelpreis im ausgelaufenen Jahr 2007), Ludwig von Mises, Oskar Morgenstern, John von Neumann, Andre Weil, Hermann Weyl, etc. etc. etc. Ein Freund (aus Indien stammend, in USA lebend) sagte mir einmal, “How incredibly stupid of the Germans to drive these great minds away, and what an incredible luck for America to get them.”

    • lamalo
    • 02.01.2008 um 7:55 Uhr
    6. kcdd

    Ihr Beitrag ist von persoenlicher Bitterkeit gepraegt, - aus welchem Grund immer, -  und hat sehr wenig mit der heutigen Realitaet zu tun. Was Sie dem deutschen Volk zu Recht vorwerfen, - sich in der Vergangenheit als Weltherrscher aufgefuehrt zu haben, - ist das heutige Credo der USA. Was Sie offenbar nicht zur Kenntnis genommen haben, ist die Tatsache, dass die Achtung fuer die Vereinigten Staaten nicht nur in Deutschland, sondern in nahezu allen Laendern der Erde schwer gelitten hat.  Dies wird auch nach Bush noch lange anhalten.

  5. 7. #6

    "How incredibly stupid of the Germans to drive these great minds away, and what an incredible luck for America to get them."Dem ist kaum etwas hinzuzfügen - man muss ja einmal betrachten, dass das Elend bei Hitler und den/uns Deutschen gleich doppelt zuschlägt:Nicht nur sind wir einer menschenverachtenden Ideologie unter einem österreichen Importdiktator nachgerannt und haben industriell organisierte Vernichtung von Leben betrieben, er war ja zudem auch noch militärisch unfähig, hat unsere besten Köpfe verjagt und letztlich das ganze Land konsequent in den Abgrund geführt. Letzteres setzt natürlich ein Volk voraus, dass sich dorthin führen lässt - daher bleibt zu hoffen, dass die Erinnerung auch nach dem Tod der Vertriebenen erhalten bleibt, dass keineswegs erst eine absolute Mehrheit überzeugter Menschenfeinde erforderlich ist, um ein Schreckensregime zu begründen, sondern ab einem gewissen Punkt schon die meisten mehr oder weniger intensiv mitlaufen.

    • plamen
    • 02.01.2008 um 13:51 Uhr

    am Beispiel anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität Berlin an Marcel Reich-Ranicki:Lizas Welt: Deutsche Selbstbeehrung

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