Psychologie Du Lügner!

Pinocchio war's an der Nase abzulesen. Aber wie erkennen Menschen wirklich, dass ihr Gegenüber die Unwahrheit sagt? Ein Gespräch mit dem Lügenexperten Marc-André Reinhard

Herr Reinhard, die meisten Menschen glauben, erkennen zu können, wenn jemand lügt. Woran?

Am klassischen Zappelphilipp-Stereotyp. Ein Lügner ist nervös, vermeidet Blickkontakt, spielt mit Gegenständen. Solche Signale sind aber bei genauer Analyse gar nicht vorhanden. Und das ist nicht überraschend, weil wir alle gleichzeitig Lügner und Detektor sind, also Erkenner von Lügen. Wir wissen, worauf wir achten sollten, um nicht erwischt zu werden.

Wie haben Sie das getestet?

Normale Fahrschüler wurden gefilmt, wie sie über ihre erfolgreiche Fahrprüfung erzählen. Die eine Hälfte hatte ihren Führerschein auch bereits in der Tasche – die »Ehrlichen«. Die »unehrliche« Hälfte würde ihre Prüfung allerdings erst in der nächsten Woche ablegen. Die Filme wurden Probanden gezeigt, die zwischen wahr und gelogen unterscheiden sollten. Die Trefferquote lag bei 54 Prozent – das ist kaum besser als raten.

Woran liegt es denn, dass wir offenbar doch nicht besonders als Lügendetektor taugen?

Die vermeintlichen Lügner-Stereotype sind einfach sehr schlechte Indikatoren, um Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Wenn Sie bei den Filmen den Ton abdrehen, dann werden die Ergebnisse schlechter. Die nonverbalen, rein visuellen Informationen leiten die Probanden in die Irre. Wird dagegen nur das Tonband des Films vorgespielt, sind die Trefferquoten wieder höher.

Wieso fällt es so schwer, Lügen aufzudecken?

Ganz einfach: Wir trainieren das nicht. Weil wir nie ein wirkliches Feedback bekommen. Wenn jemand Sie erfolgreich angelogen hat, dann wird er nie später sagen: »Übrigens, gestern hast du es nicht bemerkt, da habe ich dich angelogen.« Aber um wirklich etwas lernen zu können, müssten wir diese Informationen haben. Worauf hätte ich achten müssen? Wo hab ich mich reinlegen lassen? Verbrecher schneiden allerdings erheblich besser ab, mit etwa 65 Prozent Trefferquote.

Was können Kriminelle besser als Normalbürger?

Das sind Menschen, die mit Täuschung und Lüge »beruflich« zu tun haben. Wer davon lebt, soziale Normen und Gesetze zu übertreten, der fragt sich möglicherweise ständig: Wurde ich gerade betrogen? Habe ich erfolgreich gelogen? Das tun wir »Ehrlichen« aber im Alltag nicht. Denn dieses Misstrauen würde keine Beziehung – beruflich wie privat – überstehen.

Interview: Stephanie Janssen

 
Leser-Kommentare
    • pareg
    • 28.12.2007 um 11:20 Uhr

    Mich würde in diesem Zusammenhang natürlich interessieren, ob nicht nur die "Verbrecher, die beruflich mit Lügen zu tun haben", sondern auch die Gegner der Verbrecher, Richter, Staatsanwälte und Poolizisten bei solchen Tests besser abschneiden.
    Wenn nicht, sollte man wenigstens diese Berufsgruppen in entsprechende Trainingsveranstaltungen schicken. 

  1. Ein netter Trick der Fürsten ist es schon immer gewesen, den "kleinen Mann" bei seiner "Ehre" zu packen, ihn so zu einer "wahrheitsgemässen" Aussage zu verleiten.

    • Medley
    • 28.12.2007 um 19:07 Uhr

    Eigentlich schon, da sie ja jeden Tag beruflich damit zu tun haben. ;o)))

  2. Da tun wir alle so, als würden wir meistens die Wahrheit sagen. Dabei ist die Wahrheit äußerst relativ, letztendlich hat jeder Mensch "seine" eigene Wahrheit. Denn die Beurteilung von Vorgängen ist stets subjektiv, das kann jeder Polizist, Richter oder Staatsanwalt bezeugen, denn bei drei Zeugen, die einen Vorgang beobachtet haben, kommen (trotz der obligatorischen Verpflichtung zur Wahrheit) meist 4 unterschiedliche Beschreibungen dieses Vorganges zu Vorschein (4 weil mindestens einer im Verlaufe der Befragung seine Beschreibung noch ändert). Was also ist Wahrheit? Oder besser noch: was ist "die Wahrheit"?Das was die meisten meinen, gesehen/gehört zu haben? Oder gibt es objektive Kriterien? Welche?So relativ, wie sich seit Einstein und Heisenberg die Wirklichkeit erwiesen hat, können absolut wahre Aussagen wohl kaum noch getroffen werden. Es kann maximal noch mit einer hohen Wahrscheinlichkeit die eine oder andere Aussage als wahr bezeichnet werden.Ist jemand schlauer?

    • Kometa
    • 28.12.2007 um 22:24 Uhr

    Zitat: "Die 'unehrliche' Hälfte würde ihre Prüfung allerdings erst in der nächsten Woche ablegen."Daraufhin sollten Zuschauer also Wahres oder Besseres als bloße "Rate-Urteile" erzielen (können)?Gemeint war im "Drehbuch" vielleicht - nur mal so dahin-gelogen...:Die »unehrliche« Hälfte der Schauspieler, so wurden die Probanden beschummelt,  sollten spielerisch überzeugend verheimlichen, dass sie ihre Prüfung noch gar nicht abgelegt hatte.- Also, vielleicht, mhm: Angst vor dem zukünftigen Ereignis, gar vor einem möglichen Versagen in der Prüfung überspielen.~ *Aber wahrscheinlich ist all das verbalisierte, wissenschaftliche Getue nur ein Sprachkompetenz-Problem, mit dem man sich als fachkundig selber belügen wollte.~ *Um Wahrheit gibt's nur Getue - mit Fleiß, Wissenschaftlichkeit und Muhe. (Mit Erich Kästner nach-gedacht!)

  3. Wer sich noch eingehender mit dem Thema "Lügen" befassen will, der kann am Sonntag (30.12.) - ungelogen - das ARD-Wissensmagazin "Kopfball" einschalten. Laut der Homepage der Sendung werden da ab elf Uhr morgens noch einmal die Funktionsweise und ei Einsatzmöglichkeiten gängiger Lügendetektoren gezeigt. Danbeben gibt es aber auch Erläuterungen zur etwas moderernen Methode der Magnetresonanz-Tomographie, mit der man bei der Fahndung nach Lügnern erstmals nicht mehr auf die Nervosität des Probanten setzt, sondern über die Durchblutung der verschiedenen Hirnareale den direkten Zugriff auf die unbewussten Erinnerungen versucht.

  4. Das Experiment halte ich für wenig aussagekräftig. Den Lügnern kann hier nämlich egal sein, ob man ihnen glaubt. Es sind eher Geschichtenerzähler.Ob sie genauso souverän einem Polizsten, der sie beim Autofahren erwischt,  weisgemacht hätten, sie besäßen bereits den Führerschein?

  5. Seit mehreren tausend Jahren verkaufen uns Imame, Priester und Propheten (Medien)"Eine Wahrheit".Ein Riesenrad, dreht von vorn gesehen nach rechts, von der anderen Seite der Narbenach links. Beobachter dieser "Wahrheit" treffen sich in der Mitte und prügeln sich. Es haben ja beide Recht! Ist die Wahreit nur vom eigenen Standort abhängig?Kann ich mit meiner "Hobbyphilosophie" auch Kriege verhindern?Vorn und hinten ist schon entlag einer Linie gedacht, kausale Ketten bestehen aus mehreren Gliedern. In einer modernen Motorsteuerung und in der Wetterkunde kommen noch mehrere Vektoren dazu. Unsere Welt, unsere Gesellschaft ist etwas sehr Komplexes.Warum wird immer noch im Jahr 2007 soviel "eindemenzional" gedacht?2008 sollten wir versuchen, dies zu ändern!Allen Lesern ein gutes, besseres 2008!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 27.12.2007 Nr. 01
  • Kommentare 11
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Psychologie
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service