USA On the Road

Vor 50 Jahren erschien Jack Kerouacs Roman »Unterwegs«. Der Künstler Florian Thalhofer reiste zum Jubiläum des Buchs mit dem Motorrad durch die USA. Ein Gespräch über kurz geschnittenen Rasen und Frauen, die sich für die Jungfrau Maria halten

DIE ZEIT: Herr Thalhofer, wie oft hatten Sie während Ihrer Reise Sex?

Florian Thalhofer: Ich habe eine Freundin und hatte in Amerika gar keinen Sex.

ZEIT: Welche Drogen haben Sie während der Tour genommen?

Thalhofer: Auch da muss ich passen. Hätte ich welche nehmen sollen?

ZEIT: In Kerouacs Kultbuch On the Road nehmen doch alle etwas zu sich. Ein Tütchen Marihuana, einen Schuss Morphium, ein Glas Martini oder ganz einfach einen Schluck Schnaps.

Thalhofer: Heute sind die Amerikaner auf Methamphetamin. Ich war erstaunt, wie viele Leute von dem Zeug abhängig sind. Egal, wo ich hinkam. Man wird davon superdürr, verliert die Zähne und vor allem den Verstand. In Paris, Texas, habe ich mich mit einem Mädchen unterhalten, das die Droge jahrelang genommen hatte. Es war stolz, clean zu sein, erzählte mir jedoch gleichzeitig, dass es die Jungfrau Maria sei.

ZEIT: Sie sind wie Kerouac in New York gestartet, jedoch nicht der Spur des Autors zur Westküste gefolgt. Und Sie sind auch nicht getrampt oder mit dem Greyhound, sondern mit dem Motorrad gefahren.

Thalhofer: Trampen ist heute in vielen US-Bundesstaaten verboten. Ich entschied mich fürs Motorrad und spürte sehr schnell einen großen Widerwillen, die gleiche Strecke wie Kerouac einzuhalten und mich auf eine Spurensuche zu begeben. Ich wollte etwas Eigenes erleben. Wichtig war es mir, den Mittleren Westen anzusteuern und nicht die üblichen Ziele wie Los Angeles oder Las Vegas. Ich wollte auf meiner Reise keine Weltbürger treffen, sondern gewöhnliche Menschen in der Provinz. Meine Route führte von New York über Connecticut, Ohio, Indiana, Illinois, Kansas, Oklahoma, Mississippi, Alabama und Florida nach South Carolina.

ZEIT:On the Road hat mit seinem rauschhaften Plädoyer für Ungebundenheit und Spontaneität den Mythos des Unterwegsseins in Amerika zementiert. Ist die »große Freiheit« noch immer zu spüren?

Thalhofer: Landschaftlich schon, vor allem, wenn man New York hinter sich lässt. Ich kenne die Stadt gut, finde sie inzwischen jedoch unmenschlich. Nehmen Sie nur die Metrostationen, sie sehen aus wie Schlachthöfe. Überall ist es laut und aus ästhetischer Sicht nicht gerade schön. Hinter New York überfiel mich ein Glücksgefühl. Die Gegend um Boston ist irre, kleine Täler und Hügel, später fuhr ich den Blue Ridge Parkway entlang, das sind 460 Meilen von North Carolina nach Virginia, der Weg führt über eine Bergkette, der Blick nach links und rechts ist spektakulär. Ich habe oft die kleinen Straßen jenseits der Highways gewählt, das war mit meinem Motorrad kein Problem.

ZEIT: Verändert sich mit der Landschaft das Gemüt der Menschen?

Thalhofer: Ich denke schon. Aber in den USA ist das schwierig zu sagen, man trifft oft Leute, die nicht dorther stammen, wo sie gerade wohnen. Genauso schwierig ist es, den typischen Amerikaner zu beschreiben. Natürlich fällt einem auf, dass es viele gläubige Menschen gibt und eben nicht wenige, die regelmäßig Drogen zu sich nehmen.

ZEIT: Kerouacs Erzähler Sal Paradise und sein Reisefreund Dean Moriarty begegnen Menschen, die »verrückt sind, verrückt aufs Reden und verrückt danach, gerettet zu werden«. Die den Konventionen trotzen, sich gegen den American Way of Life stellen und ein Loblied auf die Zeit um 1910 singen: »als das Land noch ungezähmt war, lärmend und frei, als es noch Überfluß und alle Freiheit für jeden gab«. Wen haben Sie getroffen?

Thalhofer: Auf diese amerikanischen Romantiker bin ich nicht gestoßen. Es waren oft einsame Menschen, die sich freuten, mir ihre Geschichte erzählen zu können. Jeff zum Beispiel, ein 35-jähriger Mann. Wir saßen in seinem Wohnwagen, draußen regnete es in Strömen, selbst innen lief das Wasser an den Wänden hinunter. Jeff hatte keinen Highschoolabschluss und jahrelang vergeblich versucht, in die Armee aufgenommen zu werden. Irgendwann hatte es doch geklappt, zwei Wochen bevor ich ihn kennenlernte, war er aus dem Irak zurückgekommen. Er schaltete seinen Computer an und zeigte mir ein wildes Durcheinander von Bildern. Ich sah seine Freundin lasziv vor der Kamera posieren, dann zerfetzte Menschen im Irak, dann sein Boot und die Familie und schließlich wieder snapshots von Leichenteilen. Der Mann war fertig, redete wirr. Während er sprach, vergaß ich alles um mich herum. Nach drei Stunden fühlte mich wie aus dem Wagen in eine andere Welt gespuckt. Ich stand im Regen, mitten auf einem gottverlassenen Campingplatz in Kansas.

ZEIT: Ihr Projekt heißt »1000 Stories«. Nach welchen Kriterien haben Sie Ihre Interviewpartner ausgewählt?

Thalhofer: Das war ein Zufallsprinzip. Manche traf ich auf der Straße oder im Wal-Mart. Bei anderen habe ich an eine Haustür geklopft und gefragt, ob sie mir aus ihrem Leben erzählen. Je öfter ich das machte, desto öfter hörte ich: »Hey, Mann, eine schöne Idee, die du hast, but be careful, be careful. You should really be careful. Die Leute haben Waffen, und manchmal spaßen sie nicht.«

ZEIT: »In diesem Land bist du ohne Waffe deines Lebens nicht mehr sicher«, heißt es bei Kerouac. Hat Ihnen das Angst gemacht?

Thalhofer: Es hat mich verunsichert, ja. Ich war unvoreingenommen losgefahren, durch die zahlreichen Warnungen verlor ich jedoch mein Gefühl für das, was gefährlich oder ungefährlich ist. Kurze Zeit später saß ich dann vor einem Typen, der plötzlich eine Pistole rauszog. Er sagte: »Wir sind in Louisiana, da gibt es keine Polizei.« Damit wollte er mir zeigen, dass er sich im Ernstfall wehren kann. Ich dachte: »Du musst nur mal auf einen schrägen Vogel treffen, der einfach losballert, dann bist du weg.« Von da an fiel es mir schwerer, Leute anzusprechen. Ohnehin war ich bereits in einer Art Leidensprozess.

ZEIT: Worunter haben Sie gelitten?

Thalhofer: Die Tour wurde immer anstrengender. Ich fuhr und fuhr, führte intensive Gespräche, suchte mir jeden Abend eine neue Unterkunft, stellte die Interviews ins Internet, schlief und fuhr am nächsten Tag weiter. Das strengt enorm an. Zudem war ich mit dem Motorrad auf einem Schlammweg ausrutscht und hatte versucht, es allein wieder hochzuwuchten. Der Rücken schmerzte, die Energie war weg, ich habe mich sehr verloren gefühlt. Dann machte ich eine Pause in einem Bed & Breakfast namens BigR. Das ganze Dorf ging dort ein und aus. Es tat gut, mal drei Tage die gleichen Gesichter zu sehen.

ZEIT: Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Thalhofer: Von den Geschichten der Menschen einmal abgesehen, fand ich es am erstaunlichsten, dass das Gras überall superkurz geschnitten war. In den Parks, an den Grünstreifen der Highways oder in den Privatgärten. Alles frisch gemäht, wann immer man draufschaute. Hunderttausende Amerikaner fahren täglich Millionen von Kilometern, um irgendwo Rasen zu mähen.

ZEIT: Hat sich Ihr Bild von Amerika im Laufe der Reise eigentlich verändert?

Thalhofer: Ja. Je länger ich unterwegs war, desto deutlicher fielen mir die kulturellen Unterschiede zwischen Europäern und Amerikanern auf. Mit jeder Meile wurde mir das Land fremder. Ich war einmal eine längere Zeit in Ägypten gewesen. Dort dachte ich immer: Du bist ein Amerikaner, du unterhälst dich auf der Basis amerikanischer Kultur, du siehst amerikanische Filme, hörst amerikanische Musik. Während dieser Reise wurde mir richtig deutlich, wie schön es ist, in Europa zu leben. Mit dem Begriff der großen Freiheit in Amerika kann ich nicht mehr so viel anfangen. Ich finde das Land eher klaustrophobisch und die meisten Menschen übertrieben gesetzes- und obrigkeitshörig. Im Alltag führt das dann zu urkomischen Situationen.

ZEIT: Können Sie ein Beispiel nennen?

Thalhofer: Eines Abends ging ich in einen Wal-Mart. Ich hatte Bock auf ein Bier. Es gab allerdings nur Six-Packs, stattdessen entschied ich mich für vier kleine Fläschchen Orangensaft mit Wodka. Ich kam allerdings nur bis zur Kasse. Die minderjährige Kassiererin durfte mir keinen Alkohol verkaufen und holte ihre ältere Kollegin. Die prüfte meinen Führerschein und sagte: »Eigentlich akzeptieren wir nur Ausweise aus Mississippi.« Sie rief den Manager, während die Schlange an der Kasse länger und länger wurde. Die Leute schauten mich an wie einen Schwerverbrecher. Der Manager sagte, dass er einen deutschen Führerschein grundsätzlich akzeptiere, meinen jedoch nicht, er sehe manipuliert aus. Zum Schluss habe ich mir an einer Tankstelle eine Flasche Bier gekauft. Die kleinste Flasche misst fast einen Liter. In Amerika ist alles groß.

ZEIT: So schafft man sich brave Bürger. Mit Kerouacs Plädoyer fürs ungebremste Leben hat das wenig zu tun.

Thalhofer: Kerouac hat den ewigen Reiz der populären Subkultur beschrieben, aber auch ihr ewiges Scheitern. Sein Protagonist sehnt sich im Grunde seines Herzens doch auch nur nach einer gewöhnlichen und geregelten Existenz. Es ist ein sehr amerikanisches Buch.

Interview: Tomas Niederberghaus

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 29.12.2007 um 15:01 Uhr

    Der Herr Thalhofer hat also Leute angesprochen, ob sie von ihrem Leben erzaehlen wuerden..., und auch an Tueren geklingelt, oder sie im Parking Lot angesprochen....Nun, ich bin Amerikaner, dem es immer wieder auffaellt, dass Europaer schlicht kein Konzept von Privatsphaere haben, die fuer einen Amerikaner sehr, sehr wichtig ist. Ich bin deshalb nicht ueberrascht, dass Herr Thalhofer nur mit Weirdos Kontakt bekommen hat.Wenn jemand an meiner Haustuere klingeln wuerde, und fragen wuerde, ob ich von meinem Leben erzaehle, wuerde ich 911 anrufen und den Typ abtransportieren lassen. Und wenn er mich im Parking Lot ansprechen wuerde mit einem solchen Wunsch, wuerde ich ihn einfach stehen lassen. Und ja, je nachdem wie er fraegt, und wie sich der andere angerempelt fuehlt, kann ein hitziger Typ auch mal zum Schiesseisen greifen. Ich bin sicher, dass mindestens 90 Prozent der Amerikaner so reagieren wuerden wie ich.

  1. Man ist immer wieder überrascht, wie erstaunlich uninformiert der Durchschnittsdeutsche über Amerika ist.  Wenn man aber solche zweifellos wohlgemeinten, naiven Versuche des Kennenlernens in der Zeitung liest, erkennt man, aus welchen Quellen die Leute ihre Informationen beziehen.
    Man stelle sich nur einen naiven Amerikaner vor, der mit dem Motorrad Deutschland durchquert, um bei fremden Leuten zu klingeln oder sie gar auf der Straße anzuquasseln, um Informationen über uns zu sammeln.

    • Anonym
    • 29.12.2007 um 17:19 Uhr

    Bin auch Amerikaner und höre oft das Klischee von Deutschen die eine Zeit in Amerika waren, die Leute wäre da viel offener und wären weniger auf Privatheit und für-sich-sein bedacht als hier. Das kommt einfach auf die Region an, in beiden Ländern, und auch oft Stadt oder Land. Aber es stimmt schon, das Unwissen ist riesig. Ich denk das ist zum einen so weil man denkt dadurch das man soviel von Amerika sieht in Filmen, kennt man das ja irgendwie alles. Das fängt aber schon damit an, das diese angebliche "Offenheit" total mißverstanden wird. Das ist einfach nur politeness. Die Trennung zwischen Privatleben und "Öffentlichkeit" ist halt einfach eine andere als in Deutschland. Einfach eine andere Kultur, ja doch so kann man es sagen. Das die weißen Amerikaner aus Europa abstammen mag schon sein, damit hat es sich aber mit den Ähnlichkeiten. Das muss man einfach annehmen. Genauso fällt es keinem ein, Russen, Chinesen oder so irgendwie abzuqualifieren nur weil sie "anders" als Europäer sind, und darum erstmal "befremdlich" erscheinen. Nur bei Amerika ist das so, weil man denkt die sind ja "wie wir". Was mich aber immer am meisten erstaunt ist das unwissen bezüglich der sehr engen Bindung der Amerikaner gerade an Deutschland, hier wird das oft so gesehen als ob diese Bindung zwischen Briten und Amerikanern da wäre. Naja das mag bei britischstämmigen schon so sein, allgemein aber nicht. Man ist eher gelangweilt von UK. Dagegen kriegen die meisten Leute glasige Augen, wenn man sagt man lebt in Germany. Auch weil die Deutschamerikaner die größte einzelne Ethnie in den USA stellen - ja die größte. Darum sind die US auch viel mehr von deutschen Einwanderern beeinflußt als man sich hier klar ist, darum ist gerade aus Deutschland der Vorwurf von Kulturimperialismus extrem lächerlich. Sehr vieles was hier als typisch amerikanisch herkommt stammte eigentlich ursprünglich aus Deutschland, wurde hier nur "vergessen" und kam dann eben wieder zurück. Das wissen darüber geht bei den meisten, wenn überhaupt, aber gerade mal soweit das der Erfinder der Jeans der Levi Strauss aus Deutschland stammte. Das geht aber viel tiefer in die Alltagskultur und Mentalität der Amerikaner. Und zumeist ist Deutschland auch das einzige andere Land worüber Amerikaner sagen würden, das "taugt" was. Daran kann man sich ein Beispiel nehmen. Durch den ausgeprägten Selbsthass der hier aber seit den Hippies (68) gepflegt wird und der sich schon längst "verselbstständigt" hat werden die Stärken dieses Landes von den Deutschen selber aber gar nicht mehr wahrgenommen, leider. Auch nicht die eigene Bedeutung. Ja was glaubt ihr wieviele Amerikaner mir gesagt haben, das Chancellor Merkel sich so für Klimaschutz einsetzt auf der Weltbühne hat in der öffentlichen Diskussion in den US schon Eindruck gemacht und auch viele Konservative zum grübeln gebracht. Dies ist das 3. größte Industrieland der Erde, ja was glaubt ihr denn, natürlich wird das überall wahrgenommen was hier geschiet. Das Interview liest sich wie ein enttäuschtes Kind das so schöne Geschichten über eine Kirmes las, als es dann mal hinkam war es ganz enttäuscht dass das Karussel kleiner als gedacht war, die Farbe teils schon abblättert und es eben "nur eine ganz normale Kirmes" ist. Ob geliebt oder gehasst, die USA werden immer irgendwie übertrieben Dargestellt. Dieser Amerikafreund der sich Zeit nahm das Land zu erkunden war von der "Normalität". Wohl auch weil man diese amerikanische Selbstinszenierung in Deutschland nicht kennt, sich hier sehr sachlich und teils viel zu sachlich und antiseptisch gibt. Irgendwie geht man davon aus, das sei "normal" - also kann das Image von Amerika das als "Marke" weltweit aufgebaut wird doch gar nicht so erfunden sein. Ist es aber, es ist ein ganz normales westliches Land - wo man jedes Klischee bestätigt finden wird, egal ob gute oder schlechte. Es hat über 300.000.000 Einwohner und ist genauso vielseitig. Nur bitte liebe Amerikafans oder Antiamerikanisten, lernt es doch einfach mal selbst kennen!

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