Debütroman
Sehnsuchtsorte eines mongolischen Mädchens
Die Tschechin Petra Hůlová richtet sich in ihrem wohltuend unzeitgemäßen Debütroman auch gegen eine Vereinfachung der Welt
Wenn bei uns daheim Schoroo ist, fliegen rund ums Ger Plastiktüten in die Luft«. Mit diesem ersten Satz versetzt die Stimme des Nomadenmädchens Dzaja den Leser aus dem Stand in ein fremdes Land, das selten den Weg in die europäische Literatur findet: die Mongolei. Die Familiengeschichte aus dem Hochland, das so fatal zwischen russischem und chinesischem Riesen klemmt, katapultierte den ersten Roman der Tschechin Petra Hůlová, Pamět’ mojí babičce, 2002 im Handumdrehen auf die heimatliche Bestsellerliste. Die Autorin stieg zur neuen Stimme der tschechischen Literatur auf und hat in ihrer Heimat bereits weitere Romane veröffentlicht.
Kurzer Abriss meines Lebens in der mongolischen Steppe heißt dieser erste Roman auf Deutsch und wirkt in der Landschaft der deutschen Gegenwartsliteratur angenehm unzeitgemäß. Nikita Michalkows preisgekrönter Film Urga brachte Hůlová darauf, Mongolistik zu studieren. Ihr literarisches Thema aber ist die Familie. Das werden die folgenden Romane zeigen, an denen Luchterhand sich bereits die Rechte gesichert hat. Die fremde Kulisse scheint Hůlová jedoch den Einstieg erleichtert zu haben. Sprachlich öffnet die mongolische Steppe Schleusen, so frei und wortreich lässt die Autorin ihre Frauenfiguren erzählen.
Dzaja, die irritierend naiv klingt, gibt den Ton an, bis in der zweiten Hälfte des Romans vier weitere Frauen aus der Familie einfallen. Als junge Frau sucht Dzaja in der Hauptstadt Ulan Bator ein vages Glück. Zwischen tristen Plattenbauten und den blendenden Lichtern der Großstadt nimmt es nach lapidar erzählten Grausamkeiten das schlechte Ende mit ihr, vor dem der Vater sie einst warnte. Die Roten Berge der Kindheit werden zum Sehnsuchtsort, an den sich Dzaja in Rückblenden klammert.
»Wir ritten im Galopp, weil Maggi jammerte, die Stute würde sicher schon gebären, hinter uns sank in den Wolken von Gobistaub die müde tyrannische Scheibe zur Erde herab, und als ich mich zu Nara umdrehte, galoppierte sie in der Sonne wie eine Yuan-Prinzessin im Rahmen eines goldenen Bildes, und jedes einzelne Haar leuchtete wie bei den Russinnen, die in unserem Somonzentrum lebten.« Hůlová lässt ihre Erzählerin in den Zauberkasten des poetischen Realismus greifen, taucht die mongolische Steppe und ihre Bewohner in leuchtende Farben. Der Übersetzerin Christa Rothmeier und ihrem feinen Gehör für den Ton der Figuren ist es zu verdanken, dass die Gratwanderung zwischen Poesie und Kitsch im Deutschen gelingt.
Altmodisch wirkt die Erzählweise Hůlovás. Sie lässt sich Zeit, bewegt sich sprachlich nah an einer blumigen Mündlichkeit, schwelgt in ihren Bildern. Je länger man der Melodie des Romans folgt, umso mehr schwindet der Eindruck von Naivität, den man vorschnell von der Erzählerin auf den Roman überträgt. Das lässt sich nicht nur inhaltlich begründen, sondern auch formal: mit den wechselnden Blickwinkeln im zweiten Teil des Romans. Die mit Bedacht geknüpften Lebensfäden überlagern sich zu einem komplexen Muster, das vor allem eines zeigt: Die Lage ist weniger eindeutig, als es zunächst scheint. Hůlová verfällt keineswegs dem verführerisch einfachen Gegensatz von entfremdetem Stadtleben und glücklicher Landidylle. Den Roten Bergen steht zwar der städtische »Fleischmarkt« gegenüber, aber zwischen den Zeilen wird die streng patriarchale Hierarchie, die historisch bedingte Fremdenfeindlichkeit und die daraus resultierende Enge der Nomadengemeinschaft sichtbar. Nicht umsonst flüchtete Dzaja in die Unabhängigkeit verheißende Stadt. Unter dem Blick ihrer eigenen Tochter Dolgorma wird sich die ländliche Poesie vollends zur »am Staub erstickenden Misere« verflüchtigen. Eine alternative Utopie bietet Hůlová nicht an.
Das Leben zerrinnt ihren Figuren zwischen den Fingern. Mit ihm versinkt eine Welt von herber Poetik in der Zwischenzeit einer beginnenden Emanzipation, zerrieben von der Sehnsucht nach Geborgenheit in alten Mustern und dem noch ziellosen Versuch, selbstbestimmt zu leben. Ein reiches und eigensinniges Debüt.
- Datum 28.12.2007 - 11:32 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.12.2007 Nr. 01
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