Politische Kultur Wenn die Liebe hinfällt

Das Private bestimmte in diesem Jahr die Politik wie schon lange nicht mehr. Doch der Blick des Publikums hat sich verändert. Es kommt nicht so sehr auf den Sündenfall an, sondern auf den Umgang damit

So politisch, das kann man ohne Übertreibung sagen, war das Private lange nicht mehr wie in diesem Jahr. Wäre dem Politiker Seehofer nicht der private Horst in die Quere gekommen, hieße der Vorsitzende der CSU jetzt vermutlich Horst Seehofer und nicht Erwin Huber. Hätte den Genossen Müntefering nicht ein privater Schicksalsschlag getroffen, wäre Frank-Walter Steinmeier jetzt nicht Vizekanzler und Olaf Scholz nicht Arbeitsminister. Die Republik sähe anders aus, ein Stück weit jedenfalls, wie die Politiker sagen würden. Vielleicht kann man sogar sagen: Der Politiker des Jahres 2007, das war der Politiker als Mensch.

In den verschiedensten Rollen sind uns unsere Politiker als Privatpersonen begegnet: Da war Hildegard Müller, die erste Staatsministerin im Kanzleramt, die eine Babypause machte und sich als konservative Politikerin auch noch das Recht herausnimmt, mit dem Vater des Kindes nicht verheiratet zu sein. Horst Seehofer, der sich nicht zwischen seiner Ehefrau und seiner Geliebten entscheiden konnte, der niedersächsische Regierungschef Christian Wulff, dem das schneller gelang, die Fürther Landrätin Gabriele Pauli, die nach mehr als 15 Jahren bodenständiger Kommunalpolitik plötzlich aus der Rolle und dann auch aus ihrer Partei gefallen ist, der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger, den sein aus den Schienen geratenes Privatleben derart abgelenkt hat, dass er eine politisch höchst unglückliche Rede auf Hans Filbinger hielt. Und natürlich Franz Müntefering, der sich als Politiker verabschiedete, um als Ehemann seine todkranke Frau pflegen zu können, und das so schlicht und groß zugleich tat, dass sein letzter Auftritt zum emotionalen Höhepunkt eines ganzen politischen Jahres wurde.

So verschieden all diese Fälle sind, eins haben sie gemeinsam: Sie haben zumindest zeitweilig die Trennung zwischen »den Politikern« auf der einen und »den Menschen« auf der anderen Seite aufgehoben, sie haben uns »unsere« Politiker als Dramatis Personae präsentiert. Da wurden in der Politik Episoden des Lebens selbst vorgeführt, Politiker handelten beispielhaft, nicht im Sinne des Vorbilds, sondern indem sie öffentlich Konflikte durchlebten, die viele Bürger in ihrem Privatleben erfahren. Und lieferten uns Zuschauern damit die Vorlage, anhand derer wir uns über den Stand unserer Privatmoral versichern konnten. Über Politik spricht nicht jeder jeden Tag – über die Affären von Politikern redet die ganze Republik.

Sicher: Gemenschelt und gesündelt hat es zu allen Zeiten in der Politik, man denke nur an die Affären-Gerüchte, die Willy Brandt, Franz Josef Strauß, Oskar Lafontaine und selbst Helmut Kohl begleitet haben. Was sich geändert hat, ist der Blick des Publikums. Auf die rigiden Moralvorstellungen der Nachkriegszeit, beobachtet der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze, reagierten die 68er zunächst mit einer ebenso zwanghaften Konventionalisierung des Unkonventionellen. Nichts, so Schulze, sei jedoch falscher als die Diagnose von einem Verfall der Werte. Stattdessen habe sich eine »Moral der Fairness« etabliert. Nicht der Sündenfall oder das Unglück selbst ist Gradmesser der Beurteilung, sondern der Umgang des oder der Betroffenen damit.

Selbst in der konservativsten aller Parteien, der CSU, empörte sich fast niemand darüber, dass Horst Seehofer eine Affäre hatte. Nicht einmal, dass daraus ein Kind hervorging, galt als wirklich skandalös. Moralisch war der Konflikt für Seehofer schier unauflösbar: Was wäre das Richtige gewesen? Die Ehefrau und die bereits vorhandenen Kinder, also mindestens die Hälfte des eigenen Lebens verlassen oder eine junge Frau mit Kind »sitzenlassen«, auf ein zweites Leben verzichten? Seehofer selbst hatte diesen Konflikt verursacht. Doch das galt als verzeihlich. Was ihm vorgeworfen wurde, war die Art und Weise, wie der Landwirtschaftsminister damit umging: Dass er sich noch in den Zeitungen mit der Familie zeigte, als in Berlin schon alle über seine Affäre sprachen, dass er sich so lange nicht entscheiden konnte, obwohl er selbst das versprochen hatte. Aus dem empörten »Wie kann man nur?« ist ein abgeklärtes »So kann man’s halt nicht machen!« geworden.

Immerhin: CSU-Chef ist Seehofer zwar nicht geworden, als Minister zurücktreten musste er aber auch nicht. Sowohl der Kanzlerin als auch CSU-Chef Stoiber hatte Seehofer seinen Rücktritt angeboten, falls er als zu große Belastung wahrgenommen werde, beide sahen das nicht so. Der 58-Jährige selbst blickt mit »zwiespältigem Gefühl« auf das Jahr zurück. Wiederholen müsse er das nicht, sagt er und lacht, aber es gebe »auch ein Stück Genugtuung, dass ich das durchgestanden habe. Dass das gelingt, war ja nicht zu jedem Zeitpunkt gewährleistet.« Sich im Konjunktiv des Hätte und Wäre zu verstricken und mit der verpassten Chance zu hadern hat der Politiker Seehofer dem Menschen Horst untersagt, stattdessen behandelt er sich selbst als exemplarischen Casus. »Ich glaube«, sagt er, »dass mein Fall, so schmerzlich er für mich war, Erleichterung für viele andere im Umgang mit solchen Sachen geschaffen hat. Da ist ein Stück Begradigung, der Umgang ist unbefangener, normaler geworden.«

Als Fotos des EU-Kommissars Günter Verheugen am FKK-Strand auftauchten, da wandte sich Empörung nicht gegen den hosenlosen Politiker, sondern gegen die Paparazzi und die Zeitungen, die ihn so bloßgestellt zeigten, im wahrsten Sinne des Wortes. Zwar richteten sich an Politiker als öffentliche Mandatsträger besondere Erwartungen. Aber es gebe eben auch »ein Gefühl für die Würde des Würdenträgers und das Bedürfnis, dass diese Würde erhalten bleiben soll«, sagt Schulze – auch wenn jeder wisse, dass auch der Würdigste gelegentlich profane Bedürfnisse habe.

Das Interesse an privaten Informationen über Politiker, der Druck, sich zu zeigen, als Mensch, sei größer geworden, sagt Hildegard Müller. Nach der Geburt ihrer Tochter bestürmten sie die bunten Blätter mit Wünschen nach Fotos. Müller ließ sich einmal mit Baby ablichten, in einem Stadium, in dem gewährleistet war, dass das Kind später nicht wiederzuerkennen sein würde. Die erste Staatsministerin überhaupt, die dann auch noch eine Babypause macht, und die Kanzlerin, die sagt: »Ich will, dass du das schaffst« – Müller hätte zu einer Ikone der Familienpolitik werden können, wenn sie gewollt hätte. Sie hat sich entschlossen, weniger Mensch zu zeigen, um mehr Mensch bleiben zu können.

Mit dem Privaten und dem Menscheln ist das nämlich so eine Sache. Einerseits, so scheint es, gibt es so viele Privatfotos von Politikern wie nie zuvor. Ursula von der Leyen im Kreis ihrer Lieben, die Europa-Abgeordnete Silvana Koch-Mehrin mit nacktem Babybauch à la Demi Moore, die Kanzlerin beim Wandern, Roland Koch mit seiner Frau auf einer Gartenbank und so weiter. Doch in der Mehrzahl der Fälle handelt es sich um inszenierte Privatheit, echte Homestorys sind rar. Kaum ein Politiker kommt heute noch auf die Idee, Journalisten zu sich nach Hause einzuladen, wie das in Bonn noch Usus war, oder sich wirklich auf der eigenen Gartenbank ablichten zu lassen.

Stattdessen haben sich viele Politiker ein politisch korrektes Privatleben zugelegt: Fährt der Politiker in den Urlaub, nimmt er natürlich eine Biografie mit, mindestens von Bismarck, die Ehefrau ist ehrenamtlich tätig, der Sohn hat ein Stipendium oder spielt Klarinette, und die ältere Tochter ist gerade in Amerika oder in Neuseeland. Fragt ein buntes Blatt, was die Ministerfamilie an Weihnachten, Ostern oder Neujahr macht, entwirft ein Referent ein publikumstaugliches Freizeitvergnügen. Es ist eine sorgsam austarierte Pseudoprivatheit, die mehr über die jeweilige Vermutung der Medien über ihr Publikum als über Politiker sagt.

Die politisch-privaten Episoden des vergangenen Jahres sind sehr verschieden, und sie erzählen verschiedene Geschichten. Selten wurde das Private bewusst über das Politische gestellt wie von Hildegard Müller und, tragischer und zugleich politisch gravierender von Franz Müntefering. Viel öfter funkte es dazwischen, als Störfaktor wie bei Seehofer und Oettinger. Wo an jeder Ecke ein Leserreporter lauert, wird mehr Privates bekannt, aber es ist auch mehr möglich. Spätestens seit Schröder und Fischer kann man sich scheiden lassen, sogar mehrfach, sogar als Konservativer. Doch selbst im Scheitern hatten die privaten Lebensentwürfe meist noch nach politisch korrekten, festen Regeln zu erfolgen: Handelt es sich um einen konservativen Politiker, ist die neue Frau an seiner Seite gern blond, adrett, intelligent, aber nicht erfolgreicher als er, jung genug, um Kinder zu bekommen und ihm ein zweites Leben zu schenken, aber auch wieder nicht so jung, dass es nach Professor Unrat aussieht. Ein Kind ist gut, wenn die Gattin davon weiß, denn das deutet daraufhin, dass es etwas Ernsthaftes ist. Ist der Politiker rot oder grün, versteht er sich toll mit seinen früheren Frauen und Kindern und lädt alle zu seinen Hochzeiten ein. Wer homosexuell ist wie Klaus Wowereit oder Guido Westerwelle, kann sich gefahrlos outen – aber die meisten tun es doch lieber erst, wenn sie einen festen Partner zum Vorzeigen haben. Scheitern ja, aber bitte politisch korrekt. Ein bisschen Sündenfall darf sein, aber ein bisschen Ordnung muss schon auch dabei sein. Wer die alte Ordnung nicht wie Christian Wulff schnell durch eine neue ersetzen kann, wer keine neue heile Welt darstellen kann wie Günther Oettinger, wer sich nicht bald wieder einfügen kann ins Gewohnte wie Gabriele Pauli, für den heißt es nach wie vor: Bitte Anschnallen, es könnten Turbulenzen auftreten.

Also alles wie immer, nur mit neuen Klischees? Nein, etwas war wirklich anders in diesem letzten Jahr, jedenfalls ist es zum ersten Mal fassbar geworden. Zum einen sind es die Frauen, die nicht mehr mitspielen: Cécilia Sarkozy, die ihren Gatten erst stehen- und dann ganz verlässt, Präsident hin oder her. Inken Oettinger, die baden-württembergische First Lady, die zum Damenkränzchen nicht erscheint und offen erklärt, wenn der Gatte spät nachts von all seinen wichtigen Terminen heimkehre, dann habe sie »kein Interesse mehr«.

Emanzipiert haben sich nicht nur die Frauen, das ist das Neue an den Geschichten von Horst Seehofer, Franz Müntefering oder Günther Oettinger, so unterschiedlich sie im Einzelnen auch sind, sondern das Private selbst: Es muckt auf, es will dem Politischen nicht mehr dienstbar sein. Für die Politiker steckt darin die Chance auf mehr echtes Privatleben und Freiheit. Und für uns? Wir könnten echte Menschen statt falscher Homestorys zu sehen bekommen. Denn dass auch Politiker nur Menschen sind, das haben wir eh immer geahnt.

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Leser-Kommentare
    • pewoma
    • 29.12.2007 um 20:28 Uhr

    Das Private hat sich emanzipiert, bestimmt nun die Politik? Das Private "muckt auf, will dem Politischen nicht mehr dienstbar sein?" Dem kann ich leider nur sehr bedingt zustimmen.

    Das Private wird vielmehr dem Politischen dienstbar gemacht. Und es geht dabei weniger um ein politisch korrektes Privatleben. Es geht auch nicht um politisch korrektes Scheitern eines öffentlich gemachten Privatlebens.
    Nur um ein Beispiel zu nennen: Was bitte ist politisch korrekt an einem Politiker, der sich nach gescheiterter Ehe auf Kosten eines befreundeten Milliardärs sowie steuerzahlender Normalbürger mit der neuen Freundin in Ägypten sonnt?
    Seien wir ehrlich: Politiker, die ihr Privatleben inszenieren, tun dies, weil es einfacher ist als ein solides politisches Programm auszuarbeiten und zu verfolgen. Die Medien und die meisten Zuschauer, -hörer, und Leser fressen einem nur so aus der Hand, und inszenierte Dramen füllen deren Hirne mit privaten Stories über Politiker, die, anders als komplexe politische Sachverhalte, auch bei der nächsten Wahl noch im Gedächtnis haften.
    Geschieht dies, wie der Artikel behauptet, weil das Interesse an privaten Stories über Politiker größer geworden ist?
    Nein, es geschieht weil Politiker und Medien zusammenarbeiten, um langweilige Inhalte durch einschaltquotenträchtige Privatgeschichten zu ersetzen. Zu welchem Zweck? Um sich mit Hilfe der Medien selbst zu inszenieren. Und um dann Politik hinter geschlossenen Türen machen zu können, ohne störende Öffentlichkeit.
    Was bleibt auf der Strecke? Der Diskurs über politische Inhalte, und damit die Grundlage jeder demokratischen Politik.

  1. An ihren Taten sollt Ihr sie erkennen! Nicht an den von der Bewußtseinsindustrie aufgeblasenen Menscheleien der Machthaber. Schreibt doch mal was über das Privatleben der Hartz-IV-Betroffenen, über die neuen Anrechnungssvorschriften für Kleinunternehmer und die Krankenhaus-Patienten, denen jetzt das Essengeld von ihrem Almosen abgezogen wird...

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