Jetzt wäre also eine Lücke, zwischen Jahr und Jahr, gleich geht es weiter, und zwischendurch könnte ein Buch Platz finden, das auf die Schwelle passt. Eine Antrittsvorlesung, die das Jahr 2007 aufs Eigensinnigste vertreten kann: als eine Art Programmschrift der Geisteswissenschaften, die sie aber mit keiner Silbe beansprucht zu sein. Die Vorlesung wurde gehalten, bevor das sogenannte Jahr der Geisteswissenschaften begann, wurde während des Jahrs zum Buch überarbeitet und ist als solches im Herbst 2007 zum Ende der ganzjährigen Selbstbesinnung des Geistes erschienen: Über das Zaudern von Joseph Vogl, jetzt also Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaftler an der Humboldt-Universität zu Berlin. Das kleine Buch hält zwischen Nachdenken, Ratlosigkeit und Handeln so konzentriert die Schwebe, dass man es als exemplarisches Zaudern ansehen kann.

Wer zaudert, stellt das Handeln infrage, jeder von Vogls Zaudernden auf andere Weise. Warum zögert vor 2500 Jahren in der Orestie des Aischylos der Held, bevor er seine Mutter Klytaimnestra ersticht? Wieso verwandelt Friedrich Schiller in seiner Dramatisierung des Wallenstein- Stoffs den Feldherrn pünktlich zum Jahrhundertwechsel um 1800 in einen Zauderer, der auf heillose Weise sich selbst in einem Meer der Möglichkeiten im Wege steht? Wie lässt sich der »dauerhaft gezauderte Weg« beschreiben, den Kafkas Figur K. in ihren Labyrinthen nimmt? Man wird zögern mit einer Antwort, nachdenken, Gründe finden, einen theoretischen Rahmen spannen, verwerfen, Analogien suchen, lesen, lesen, Deutungszusammenhänge probieren, Begriffe, die Sache wird nicht so mir nichts, dir nichts zu klären sein. Auch wenn rundum alle medial schlagfertig sind: Das Zaudern hält inne, wie es das Denken unweigerlich tut.

Dieses Buch geht deshalb, von Detail zu Detail, dem Nichthandeln nach, der Zäsur, den Unterbrechungen, es interessiert sich für die Zeit zwischen »nicht mehr« und »noch nicht«, mit der es das Denken, aber auch die Hoffnung zu tun hat. Der Seelentheoretiker Sigmund Freud hat in Jenseits des Lustprinzips vom »Zauderrhythmus des Lebens« gesprochen, der aus einem Vorwärtsstürmen und Zurückweichen zugleich bestehe. Das Wort vom »Zauderrhythmus« gefällt Vogl, er erfindet noch »Zauderverfahren«, »Zauderfunktionen« und »Zaudersysteme« hinzu. Und weil dies eine Antrittsvorlesung ist, nicht mehr die systematische Schwerstmonografie einer deutschen Habilarbeit, weil der Mann also erleichtert ist, nimmt Vogl sich auch die Freiheit, zu zaubern, mit dem Zaudern zu zaubern. Das Zaudern ist seine Methode und zugleich auch sein Gegenstand.

Theoretisch schließt er an seinen Lehrmeister Deleuze an, fasst also die Figuren des Zauderns als »indirekte Darstellung der Zeit« auf und setzt sich mit Deleuze’ Theorie des Affekts auseinander, was allerhand lästigen Begriffsüberschuss mit sich bringt, den auch wissenschaftliche Stars, lange nach den schwersten theoretischen Modeerkrankungen der achtziger Jahre, oft noch nicht los sind. Das Thema seines Buchs, sagt Vogl, sei »weniger ein fest umrissener Gegenstand als eine offene Frage«. Auch dies kann misstrauisch machen angesichts von Kulturwissenschaften, die sich in ihren Moden gern selbst banalisieren und verwässern, bis keiner mehr weiß, welche Frage hier mit welchen Mitteln anhand welcher Quellen geklärt werden sollte.

Daran aber lässt Vogl keinen Zweifel. Die Quellen, in denen er nach Spuren des Zauderns sucht, sind nicht nur in der Literatur, sondern in den Archiven vieler Disziplinen zu finden, sie umfassen Freuds Überlegungen zu Michelangelos Moses- Skulptur ebenso wie die Bibel, die Werke von Aristoteles, Aischylos, Leibniz, sie umfassen die Mathematik Hermann Hankels und David Hilberts oder auch Akten der Psychiatriegeschichte, die um 1900 Willensschwächen, »krankhafte Unentschlossenheit« dokumentieren: allesamt Quellen geistiger Tätigkeit. Vogl sucht, als Schüler seines anderen Lehrers Michel Foucault, nicht den hermeneutisch verstandenen Sinn eines Werks, sondern, quer durchs Diskursbeet, Indizien des Zauderns in der Kulturgeschichte, ob es nun ethisch oder affektiv motiviert ist, theoretisch, politisch oder sozial, seelisch oder epochal oder alles zugleich. Vogl hat das Zaudern aus allen Ecken zusammengetragen.

Sein Konstanzer Kollege Albrecht Koschorke hat jetzt in einem Essay daran erinnert, ein wesentlicher Teil der Geisteswissenschaften bestehe nun mal darin, »Erkenntnisse um ihrer selbst willen zu sammeln, zu ergänzen, zu vertiefen« und diese an neue theoretische Fragen zu knüpfen. Dies könne – nur wisse man eben nie, wo und wie – den »Nährboden für Innovationen« bilden, die Menschen bewegen. Das ist es, was guter Geisteswissenschaft, deren Quellenbestände ja endlich sind, im günstigen Fall glückt.

Hier glückt es. Der Krieg, die Gewalt, die Gefahr, das Gesetz – die jüngere französische Philosophie steht Pate – interessieren Vogl seit Langem. Auch im neuen Buch sind es vor allem Schreckenszusammenhänge, in denen die Zaudernden stehen. Die sind zentrale Figuren der Geschichte und Kunst, Männer, allesamt einschlägig beforscht. Auch das Zaudern, wen würde das wundern, ist längst bemerkt worden, ob von Freud selbst, vom Altphilologen Snell, von Goethe schon oder dem Philosophen Walter Benjamin. Vogl nun tritt mit ihnen allen in seinem Text ins Gespräch, stellt sie in den Rahmen seiner eigenen theoretischen Neugier und bringt so die Zaudernden in Zusammenhang: Sie alle agieren historisch an Orten, an denen sie es mit Unausweichlichkeiten zu tun bekommen, die sie gern bestreiken würden, wüssten sie nur, wie das ginge.