Rauchen

Die letzte Zigarette

Um rauchen zu können, zog der Schriftsteller David Sedaris sogar nach Europa. Pech gehabt, denn das Verbot eilt ihm hinterher. Jetzt hat er doch aufgehört. Ein Gespräch

DIE ZEIT: Mr. Sedaris, Sie haben mal gesagt, Sie würden eher nach Osteuropa ziehen als mit dem Rauchen aufzuhören. Und jetzt haben Sie es doch getan.Was ist passiert?

David Sedaris: Ich gehe viel auf Lesereisen – gerade in den USA. In den letzten Jahren wurden dort alle guten Hotels wie das Ritz-Carlton in Nichtraucherhotels umgewandelt. Was mich zutiefst getroffen hat. Als ich letztes Jahr nach Lawrence im Bundesstaat Kansas kam, wohnte ich vor den Toren der Stadt, in einem ungelüfteten Raucherhotel, umringt von Fast-Food-Läden. Auf meiner Fernbedienung fand ich Spermaspuren. Da sagte ich mir, so geht das nicht weiter.

Sie haben sofort aufgehört?

Erst nach der Lesereise stand mein Entschluss fest. Das war vor einem Jahr. Freunde rieten mir, entweder die Möbel zu verrücken oder an einen Ortswechsel zu denken. Sehen Sie, ich bin kein Typ, der Möbel schleppt. Ich fuhr für drei Monate nach Japan.

Gab es einen schwachen Moment?

Nur einmal. Gegenüber unserem Hotel, in einem kleinen Kellerladen, wurden Zigaretten verkauft – und sie waren so verdammt günstig. Ich dachte, eine Packung kaufe ich, nur um eine einzige Zigarette anzuzünden und mir selbst zu beweisen, dass ich sie gar nicht mehr mag. Aber allein der Gedanke, dass ich einen Rückfall erleiden könnte, machte mich völlig verrückt. Für eine halbe Stunde war ich nervös, zitterte, rutschte in meinem Sessel herum und kämpfte gegen das Bedürfnis an.

Hatten Sie Entzugserscheinungen erwartet?

Ich dachte, ich würde ausflippen, unter Krämpfen leiden und ungenießbar sein. Meine Stimmung veränderte sich aber überhaupt nicht. Wenn mich das Bedürfnis nach einer Zigarette überkam, sagte ich mir: Warte noch fünf Sekunden! Und dann ging das Gefühl vorüber.

Haben Sie sich dafür belohnt?

Ja, manchmal mit einem Stück Torte.

Dafür sehen Sie fit aus.

Meine Taktik bestand darin, nach einem Ausgleich zu suchen, der mir nicht erlauben würde, dabei zu rauchen – und ich begann zu schwimmen. Die erste Bahn in Tokyo war furchtbar. Ich dachte nur: Ich hasse es, ich hasse es, ich hasse es! Aber nie: Wie schön wäre jetzt eine Zigarette. Danach fühlte ich mich matt, aber ich wollte weitermachen. Jetzt schwimme ich seit elf Monaten regelmäßig. Es gibt wenige Dinge, auf die ich in meinem Leben stolz bin, darauf schon.

Sie schreiben eine Geschichte darüber.

Sie wird in meinem neuen Buch erscheinen, das in den USA im Juni veröffentlicht wird. Die Botschaft ist klar: Es ist gar nicht so schwer aufzuhören.

Vor allem, wenn einen der Partner unterstützt.

Das war der einzige komische Aspekt. Mein Partner Hugh sagte mir früher, ich würde wie ein Aschenbecher stinken – und lüftete demonstrativ unsere Wohnung. Als ich aufhörte, meinte er: David, das musst du nicht, mach einfach weiter. Ich denke, er glaubte nicht daran, dass ich es tatsächlich schaffen könnte.

Wie lief es, als Sie wieder zurück in Europa waren, wo Sie leben?

Der erste Tag in Paris war schlimmer als die drei Monate in Tokyo. Früher hatte ich die Angewohnheit, eine Zigarette anzuzünden, sobald das Telefon klingelte – noch bevor ich das Gespräch entgegennahm. Die ersten Male musste ich Telefonate unterbrechen und auflegen. Ich konnte einfach nicht mehr.

Wie erklären Sie es Ihren Freunden?

Auf einer Party traf ich einmal die Frau meines früheren deutschen Verlegers. Sie erzählte mir, Ihre Freunde würden nicht mehr rauchen. Sie sagte: „They have finished with their smoking.“ Eigentlich meinte sie: „They have quit smoking“ – aber das leicht falsche Englisch suggerierte, ihnen wären bei der Geburt eine bestimmte Anzahl von Zigaretten in die Wiege gelegt worden, die sie jetzt verbraucht hätten. Ich fand, das war eigentlich ein gutes Bild. So erkläre ich heute, wenn mich jemand fragt: „I have finished with my smoking.“

Sind Sie ein militanter Nichtraucher?

Nein, ich erlaube Freunden, in meiner Wohnung zu rauchen. Kürzlich verzichtete eine Freundin darauf, in ihrer Wohnung zu rauchen – um mich nicht in Versuchung zu führen. Aber das möchte ich nicht. Mit der Versuchung muss ich selber fertig werden.

In Frankreich und Deutschland wird es ab 1. Januar nicht mehr möglich sein, in Restaurants zu rauchen.

Amerikanische Verhältnisse wird es trotzdem nie in Europa geben. Der Grad an Selbstgerechtigkeit existiert hier nicht. In den USA stehen Sie auf dem Bürgersteig, rauchen eine Zigarette, und Passanten werfen Ihnen verächtliche Blicke zu.

Davor sind Sie jetzt gefeit.

Ich kann wieder ins Ritz-Carlton! Nur als ich dort im Frühjahr übernachtete, merkte ich, dass die Menschen nicht besser waren, sondern ganz schöne Arschlöcher. Männer mit Pferdeschwanz, die ins Handy schrien. Reiche Paare, die unhöflich zum Personal waren. Ich dachte: Dafür habe ich aufgehört?

Ist Ihr Leben als Nichtraucher nicht besser?

Manche behaupten, das Essen würde besser schmecken. Kann ich nicht bestätigen. Ich habe bemerkt, dass meine Hautfarbe sich veränderte – von Aschgrau zu Grau mit rosa Einfärbungen.

Was waren Ihre besten Rauchermomente?

Immer nach dem Weinen. In meinem Hotelzimmer in Pittsburgh sah ich mir einmal eine Schnulze an, Stepmom mit Julia Roberts und Susan Sarandon. Am Ende heulte ich wie ein Schlosshund, zündete mir eine Zigarette an – sie tröstete mich. Leider klopfte es an der Tür. Der Zimmerservice brachte Essen. Ich wollte nicht rauchend und heulend erwischt werden. Also ging ich ins Bad, spritzte mir Wasser ins Gesicht, öffnete die Tür und sagte: Ach, ich muss allergisch auf etwas hier reagieren.

Und der beste Nichtrauchermoment?

Als ich wieder mal an einem schäbigen Hotel vorbei ins Four Seasons fuhr.

Das Gespräch führte Ulf Lippitz

Der amerikanische Bestsellerautor („Nackt“) war Ende der neunziger Jahre von New York nach Paris gezogen und hatte seinen Schritt mit der zunehmenden Diskriminierung von Rauchern in den USA begründet. Auf Deutsch erschien von Sedaris, 51, zuletzt „Nachtprogramm“ im Heyne Verlag.

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Leser-Kommentare

  1. ...so werden die Schafe (das Volk) halt vom Schafhüter (Staat) umerzogen - geht doch mit dem Aufhören! Die Alkohollobby wird man aber niemals plattkriegen...

  2. um ein Buch zu schreiben und dies dann auch noch erfolgreich zu promoten.
    Ich werde mir dieses Buch auf jeden Fall NICHT antun.

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  • Von Ulf Lippitz
  • Datum 2.1.2008 - 09:07 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 27.12.2007 Nr. 01
  • Kommentare 2
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