Vor Jahrhunderten war Forschung eine übersichtliche Angelegenheit. Eine schiefe Ebene, ein paar Kugeln – und die Fallgesetze waren erkannt; ein Klostergarten, ein paar Erbsen – und die Vererbungsregeln waren gefunden. Es brauchte vor allem einen klugen Kopf, hieß er nun Galileo Galilei oder Gregor Mendel. Heute brauchen kluge Köpfe für ihre Entdeckungen oft riesige und hoch komplizierte Maschinen – und deshalb viel Geld. Häufig kann weder ein Forscher noch eine Universität, ja noch nicht einmal ein Staat die Hypothek auf den Erkenntnisgewinn allein tragen. Wissenschaft wird zur Teamarbeit, auch zwischen Nationen. Viele Milliarden Euro haben die Staaten der Erde bereits in spektakuläre Experimente gesteckt – und der Trend zur Großforschung wird sich in Zukunft noch verstärken.

Die größte Maschine der Welt geht 2008 in Betrieb. Mit dem Teilchenbeschleuniger LHC wollen Physiker im Genfer Forschungszentrum Cern ins Innerste der Materie schauen. 20 Nationen haben zusammengelegt, um fast vier Milliarden Euro für die Teilchenschleuder aufzubringen. Der Deutsche Rolf-Dieter Heuer wurde soeben an die Spitze des gigantischen Unternehmens gewählt .

Wissenschaftliche Erkenntnis ist jedoch nur eines der Ziele solcher internationalen Großprojekte. Auch der organisierte Kampf gegen Infektionskrankheiten wie Polio und Influenza erfordert staatenübergreifende Zusammenarbeit. Ähnliches gilt für Warnsysteme gegen Naturkatastrophen oder die Überwachung von Atombombentests. Das derzeit am heftigsten diskutierte Problem globalen Ausmaßes, der Klimawandel, wird seit 20 Jahren von einem internationalen Wissenschaftlergremium begutachtet: dem IPCC. Vor zwei Wochen hat der Weltklimarat den Friedensnobelpreis entgegengenommen. Dabei forscht er gar nicht selbst, sondern sortiert nur die widersprüchlichen Ergebnisse der Klimaforschung.

Ordnung in eine unübersichtliche Welt zu bringen war um 1900 auch das Ziel der ersten erdumspannenden Projekte: der Weltzeit und der Standardisierung der Maßeinheiten. Durch die Beschleunigung des Verkehrs und der Kommunikation fielen die Unterschiede zwischen den Ländern auf und wurden zunehmend lästig, manchmal sogar gefährlich. Züge stießen zusammen, weil die Uhren der Lokführer unterschiedlich gingen. Politische Einigung, nicht wissenschaftliche Erkenntnis war die große Leistung der ersten Weltprojekte.

Dass man eine Aufgabe überhaupt im Weltmaßstab angehen könnte, diese Idee hatten die Weltausstellungen befördert. Im Zuge der Industrialisierung trafen sich erstmals 1851 die Staaten der Erde zur Leistungsschau in London, im eigens errichteten Crystal Palace: die ganze Welt unter einem Dach. Technische Faszination und Amüsements machten die Ausstellungen zu einem großen Erfolg.

Lange wetteiferten die Nationen darum, wer die besten Ingenieure, den größten technischen Fortschritt aufzubieten habe. Zu einer echten staatenübergreifenden Zusammenarbeit kam es erst im 20. Jahrhundert, nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Kernphysiker waren die Ersten, die ein solches Großunternehmen ins Leben riefen. Denn für die Suche nach den immer flüchtigeren Bausteinen der Materie mussten sie immer größere Maschinen bauen. Vor allem die kleineren europäischen Staaten stießen schnell an ihre finanziellen Grenzen. 1954 gründeten zwölf Nationen den Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire (Cern). Neben Erkenntnisdrang verband die Initiatoren auch das Streben nach Frieden. Das Gelände des Cern gehört zu keinem Staat, es ist exterritorial, ähnlich dem Areal der Vereinten Nationen in New York. Auf diesem außerstaatlichen Experimentierfeld konnte geprobt werden, was auf militärischem und politischem Terrain noch zu heikel schien: die Kooperation einstiger Feinde. Nach dem Kalten Krieg wurde das Friedensstreben gar zur alleinigen Triebfeder für das teuerste Forschungsprojekt überhaupt. Die Internationale Raumstation wurde einzig und allein mit dem Ziel gestartet, Ost und West im All zu vereinen.

Die Zusammenarbeit zwischen Staaten war nie notwendiger als heute. Komplexe globale Probleme wie der Klimawandel sind nur gemeinsam zu bewältigen. Die Wissenschaft übernimmt dabei eine Vorreiterrolle: Die Forscher üben sich schon lange darin, zentrale Fragestellungen mit Kollegen in aller Welt zu erörtern. Diese Kultur der Kooperation könnte auch für die politische Zusammenarbeit den Weg bahnen. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass es durchaus Beispiele für gelungene Weltprojekte gibt. Die Einführung der Universalzeit war seinerzeit eine hochpolitische Angelegenheit; jahrelange Diskussionen waren nötig, um die nationalen Interessen abzuwägen und sich auf die Lage des Nullmeridians zu einigen. Heute erscheint uns das Zeitzonensystem selbstverständlich. Die globalen Probleme der Moderne sind zweifellos vielschichtiger, in ihnen vermischen sich wissenschaftliche mit politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Faktoren. Außerdem erfordern sie Entscheidungen bei unsicherer Erkenntnislage und bei schwindendem Glauben in die Heilkraft des wissenschaftlichen Fortschritts. Dennoch machen die historischen Beispiele Hoffnung, dass die Menschheit sich – wenn es sein muss – doch zusammenraufen kann.

Denn nicht nur die Herausforderungen haben globale Ausmaße angenommen, sondern auch die Mittel, ihnen zu begegnen. Das Internet lässt die Welt zusammenrücken, es verbindet Wissenschaftler – und öffnet die Forschung für jedermann. Mit Programmen wie SETI@home können sich alle Computerbesitzer mit Internetanschluss an Großrechenprojekten beteiligen. Und als Nächstes kommt das crowdsourcing, die Verteilung der Arbeit auf viele. Die Nasa hat es vorgemacht: Sie ließ Tausende Hobbyastronomen Teleskopaufnahmen der Marsoberfläche auswerten. Nach sechs Monaten hatten die Amateursterngucker 66.000 Marskrater exakt markiert. So wird Wissenschaft zum Weltprojekt für alle.