Ein pensionierter Schuldirektor wird in einem Münchner U-Bahnhof fast zu Tode geprügelt, weil er zwei aggressive Jungmachos gebeten hat, nicht zu rauchen. Wer von diesem Vorfall hört, ist entsetzt. Die Solidarität der Mehrheit gilt dem alten Herrn; seinen Mut halten wir für vorbildlich.

Das war nicht immer ganz so: Es gab auch Zeiten, da solches Eintreten für Recht und Hausordnung von vielen – nicht allen! – als etwas spießig und autoritär betrachtet worden wäre. Inzwischen aber ist es akzeptabel, von einem Kontinuum zwischen scheinbar belanglosen Regelübertretungen und schweren Straftaten zu sprechen. Nicht jeder Schulschwänzer wird zum Verbrecher, aber viele Kriminelle haben in ihrer Jugend unter anderem die Schule geschwänzt: Wer dies sagt, gilt heute nicht mehr als reaktionär. Das ist ein Diskussionsfortschritt.

Jeglichen Fortschritt vermissen lassen hingegen die Reaktionen auf den Umstand, dass der eine Täter im Münchner U-Bahnhof ein Türke, der andere ein Grieche ist. Das Stichwort »Ausländer« löst immer noch den gedanklichen Autopiloten aus, und zwar den konservativen wie den linksliberalen.

Der hessische CDU-Wahlkämpfer Roland Koch, der Unions-Fraktionsvorsitzende im Bundestag Volker Kauder und Bayerns neuer Ministerpräsident Günther Beckstein kennen die Ressentiments, die sich zur Bedienung in der Bild- Zeitung anbieten (»Wir haben zu viele kriminelle junge Ausländer«), und möchten am liebsten das ganze Problem abschieben – entweder ins Erziehungscamp oder gleich in die Türkei. Die Linksliberalen reagieren mit routinierter Abscheu auf diese »Ausländerfeindlichkeit« und »Stimmungsmache« – und kommen so wieder einmal glücklich darum herum, sich den real existierenden Integrationsdefiziten vieler – nicht aller! – Einwandererfamilien ernsthaft zu stellen.