Blick in die Kristallkugel

"Unsere Spekulationen über die Zukunft und alle politischen Mutmaßungen sind nichts als Possen", sagte Friedrich der Große. Die Erfahrung lehrt, dass er recht hat. Aber der Mensch lebt nun einmal in der Vorausschau. Dies vor allem anderen unterscheidet ihn vom Tier: Stets versucht er, die Gestalt des Künftigen, "the shape of things to come" (H. G. Wells) zu erahnen, vorauszusagen, ja - vermessen genug - zu planen.

Doch so angestrengt wir auch in die Kristallkugel blicken - mehr als bestenfalls die Verlängerung gestriger und heutiger Trends in die Zukunft werden wir darin nicht entdecken. Der Blick voraus ist immer ein Blick ins Dunkle - heute erst recht, wo galoppierender Wandel die vertrauten Strukturen unserer Lebenswelt so rasch verändert, dass die alten Landkarten, nach denen wir uns bisher orientiert haben, nicht mehr dem Gelände entsprechen, durch das wir uns fortan bewegen werden.

Drei Einsichten

Die beste Wahrsagekugel ist zuweilen der Rückspiegel. Wie dem Autofahrer, der den Vorwärtsgang einlegt und vor dem Start einen vergewissernden Blick nach hinten wirft, so erschließt ein kurzer Rückblick dem Zeitgenossen die derzeit vorherrschenden und für einige Zeit wohl weiterwirkenden Trends. Dabei gewinnt er drei Einsichten.

Erstens: Je ferner man eine Entwicklungslinie in die Zukunft verlängert, desto dünner wird sie. Allenfalls ergibt sich aus solcher Extrapolation ein Wegweiser für die nächsten 15, höchstens 25 Jahre; danach beginnen neue Wirkungszusammenhänge.

Zweitens: Die Welt, ihre Ordnung und ihre Bewegungsrichtung werden sich im nächsten halben Jahrhundert ebenso rapide und rasant ändern wie in den zurückliegenden fünf Jahrzehnten.

Als ich am 1. Januar 1958 zur ZEIT stieß, lag das Ende des Zweiten Weltkriegs gerade 13 Jahre zurück. Die Bundesrepublik und die DDR gingen ihrem neunten Gründungstag entgegen. Stalins Berliner Blockade war zehn Jahre her. Chruschtschows neuerlicher Ansturm auf den freien Westteil der geteilten Stadt lag noch zehn Monate voraus; er kam nach dem Bau der Mauer 1961 erst ein Jahr darauf in der Kuba-Krise zum Erliegen - dem eisigen Gefrierpunkt des Kalten Kriegs, der die Welt damals an den Rand eines Atomkriegs führte und danach noch fast 30 Jahre lang das globale Mächtemuster prägte.

Am selben Tag, an dem ich im Hamburger Pressehaus meinen ersten Schreibtisch bezog, ist die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft ins Leben getreten, die EWG, die Keimzelle der heutigen Europäischen Union. Indien, Pakistan und Indonesien hatten ihre Freiheit schon in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre errungen. Jetzt rüsteten sich in Afrika und Asien die britischen, französischen, belgischen und portugiesischen Kolonien auf die Unabhängigkeit; 400 Jahre europäischer Vorherrschaft über den Globus gingen zu Ende. Im besiegten Japan bastelte Akio Morita, ein Reiskocher-Produzent, der seiner Firma 1958 den Namen Sony gab, an billigen Transistorradios, während ein gewisser Soichiro Honda, der bis dahin Winz-Motoren zum Antrieb von Fahrrädern hergestellt hatte, seine ersten Motorräder baute. China, angetrieben vom zügellosen Ehrgeiz Mao Tse-tungs, war dabei, sich blindlings in das zerstörerische Delirium des Großen Sprungs nach vorn zu stürzen. In Korea aber - dem einzigen Ort, wo der Kalte Krieg je in einen heißen Schießkrieg umschlug - räumten fünf Jahre nach dem Waffenstillstand im Süden wie im Norden die Überlebenden noch immer die Trümmer beiseite. Auf lange Zeit hin schien die Weltordnung eingefroren in der feindseligen Bipolarität von Ost und West, die den wenigen Blockfreien - Nehru, Tito, Sukarno - kaum Raum zur Entfaltung ließ. Bis dann Ende der achtziger Jahre das Eis taute und im weltgeschichtlichen Schollengang die Dinge unversehens wieder in Fluss gerieten.

Drittens: Es wird, wie stets in der Geschichte, auch in der vor uns liegenden Epoche Überraschungen geben; das Unvorhergesehene, Unvorhersehbare wird die Zeitläufte mindestens so stark prägen wie das Erwartbare. Keine Langfristprognose hat den Zusammenbruch des Sowjetimperiums vorausgesagt, die Eruption des islamischen Dschihad-Terrorismus, den heraufdräuenden Klimawandel, die rasche Ausbreitung der Informationstechnik und den Siegeszug von Computer, Internet und Handy. Auch künftighin werden wir uns auf allerhand Unerwartetes, ja: Ungeahntes gefasst machen müssen - und mit Glück vielleicht auch auf manches Unverhoffte uns freuen dürfen.

Mit einiger Sicherheit lässt sich sagen, dass drei Faktoren die nächsten Jahrzehnte bestimmen werden: die Demografie, die fortdauernde Globalisierung und - ewig unverändert - die Frage nach Krieg und Frieden.

Der demografische Faktor

Der "demografische Faktor" wird im Allgemeinen auf die Alterung der modernen Gesellschaft bezogen: dem Wandel des herkömmlichen Musters: hohe Geburtenraten - hohe Sterberate - kurze Lebenserwartung zu dem neuen Schema: niedrige Geburtenraten - geringe Sterberate - lange Lebenserwartung. In den fortgeschrittenen Industrieländern, aber auch in China schafft dieser Übergang gewaltige soziale Anpassungsprobleme. Immer mehr Junge müssen für immer mehr Alte sorgen. Der heute sektoral schon spürbare Arbeitskräftemangel wird sich nach 2030 einschneidend verschärfen. Sowohl der Einwanderungsbedarf als auch der Einwanderungsdruck wird sich erhöhen (nach UN-Berechnungen brauchte die EU jährlich 1,6 Millionen Zuwanderer, um ihr Arbeitskräftereservoir konstant zu halten).

Hier geht es mir jedoch nicht in erster Linie um die gesellschaftlichen Folgen und Kosten der Bevölkerungsentwicklung, sondern um deren geopolitischen Konsequenzen. Der demografische Wandel vollzieht sich in den alten Industrienationen schneller als in den Entwicklungsländern. Dort leben heute acht von zehn Erdenbürgern; in 20 Jahren werden es neun von zehn sein: 7,2 von 8 Milliarden Menschen im Jahre 2025, davon allein 4,7 Milliarden in Asien und 1,3 Milliarden in Afrika. Das heißt: Der Westen schrumpft. Um es politisch unkorrekt auf den Punkt zu bringen: Der Anteil der Weißen an der Weltbevölkerung geht drastisch zurück.

Im Jahre 1900 machen die Europäer - im weitesten geografischen Sinn - 20 Prozent der Menschheit aus, ein stolzes Fünftel. Inzwischen ist ihr Anteil auf gerade noch 11 Prozent gesunken. Und er wird weiter fallen: auf knapp 7 Prozent im geografischen Europa zur Mitte des 21. Jahrhunderts und ganze 4 Prozent bis zu seinem Ende. Nimmt man nur die EU-Europäer - gegenwärtig 491 Millionen - in den Blick, so sind die Zahlen noch gravierender. Ihr Anteil an der Weltbevölkerung beträgt heute nur noch 6 Prozent. Nach 2030 wird die Einwohnerzahl abfallen: von 490 auf 450 Millionen im Jahr 2050 - dann 4,5 Prozent der Menschheit.

Im Jahre 1900 machten Europäer und Nordamerikaner fast ein Viertel der Weltbevölkerung aus. 200 Jahre später werden es nur noch ein Neuntel sein. 500 Millionen Europäer und ebenso viele Nordamerikaner werden 8 Milliarden Menschen in der übrigen Welt gegenüberstehen. Zugleich werden die EU-Bürger älter; das Durchschnittsalter steigt auf 44,5 Jahre.

Unverkennbar wird Europa zahlenmäßig an den Rand gedrängt - paradoxerweise in einem historischen Augenblick, wo die Europäer zivilisatorisch und kulturell auf der ganzen Linie gesiegt haben; denn was wäre die Globalisierung in Wahrheit anderes als der Siegeslauf des europäischen way of life rund um den Globus? Die uns herausfordern, wirtschaftlich zunächst, doch - wer weiß? - am Ende womöglich auch machtpolitisch, tun dies mit den Waffen des Fortschritts, wie wir ihn erfunden und die Amerikaner ihn vervollkommnet haben.

Europa wird all seinen Genius, sein Integrationsvermögen und seinen Überlebenswillen aufbieten müssen, wenn es sich in der heraufdämmernden Welt von morgen behaupten will. Der demografische Faktor nagt nicht nur an unserer Rentenformel, er schwächt unsere Weltstellung. Was den Europäern an Masse abgeht, werden sie künftig durch Artgewicht, Dynamik und Einfallsreichtum ersetzen müssen. Vor allem aber: durch forcierte Willenseinheit.

China und Indien

Nun zur Globalisierung. In ihrem Zeichen wird die Weltwirtschaft in den nächsten Jahrzehnten weiter wachsen - unaufhaltsam, wiewohl regional ungleich. Die vier größten Schwellenländer - die sogenannte BRIC-Gruppe: Brasilien, Russland, Indien und China - werden am stärksten von der Entwicklung profitieren, daneben in Asien Malaysia, Thailand, Vietnam, Indonesien und Korea, in Lateinamerika Mexiko, Chile, Argentinien. Hingegen hinkt Schwarz-Afrika nach wie vor zurück. Seine 5 bis 6 Prozent Wachstum in jüngster Zeit sind sehr uneben verteilt; sie begünstigen vor allem die rohstoffreichen Staaten. Überall südlich der Sahara behindern kleine Märkte, mangelhafte Infrastruktur, niedrige Sparraten die Entwicklung. Die dortigen Nationalökonomien gründen zumeist auf Rohstoffen und deren Preisen auf dem Weltmarkt; wirtschaftliche Diversifizierung findet kaum statt; der private Sektor hat wenig Entfaltungsmöglichkeiten. Dazu kommen vielerorts die Pest der Korruption, bad governance - katastrophale Regierungsführung - und löchrige Bildungssysteme. Nur Südafrika darf dank seiner gut entwickelten Infrastruktur und dem soliden Geschäftssinn seiner Unternehmer ein besseres Abschneiden als die übrigen Länder erhoffen, in denen die Bevölkerungsexplosion - in Afrika auf 2 Milliarden Menschen bis zur Jahrhundertmitte - allen wirtschaftlichen Fortschritt zu untergraben droht.

Die Musik wird in den nächsten Jahrzehnten in Asien spielen, zumal in China und Indien. Das amerikanische National Intelligence Council prognostiziert, dass China 2025 die zweitgrößte, Indien die viertgrößte Nationalökonomie der Welt sein wird. Asiens Anteil am Weltsozialprodukt, in Kaufkraftparität berechnet, wird bis 2030 von 24 Prozent im Jahr 2000 auf 38 Prozent ansteigen, während der Anteil der OECD-Länder von 55 auf 40 Prozent zurückgeht. Zugleich wird sich der asiatische Anteil am Welthandel, der sich im Zeitraum 1984 bis 2004 auf über 21 Prozent verdoppelte, weiterhin stetig erhöhen. Dabei zeichnet sich jetzt bereits ab, dass Asien - China und Indien voran - in der nächsten Phase der Globalisierung sich nicht mit der Rolle der verlängerten Werkbank oder des back office der Welt begnügen werden. Zunehmend treten sie als globale Großinvestoren in Erscheinung, die sich - wie ja auch Singapur und die Golfstaaten - in die Industrie-Unternehmen, die Banken oder Luftfahrtgesellschaften der OECD-Länder einkaufen, und im Übrigen als weltweit agierende Konkurrenten um Rohstoffe wie als industrielle Wettbewerber, die nicht länger bloß T-Shirts und Turnschuhe herstellen, sondern Automobile, Flugzeuge, Weltraumraketen.

Wiederum erhebt sich hier die Frage: Wo bleiben angesichts des rasanten asiatischen Aufschwungs die alten Industriestaaten? Wo bleibt die Atlantische Gemeinschaft? Wo bleibt Europa?

Lassen wir uns nicht ins Bockshorn jagen. China und Indien sind aus den Startlöchern heraus, aber sie sind noch lange nicht am Ziel, sie sind aufstrebend, doch noch nicht arriviert. Sie mögen bald die zweit- und viertgrößte Nationalwirtschaft darstellen, aber ihr Prokopfeinkommen wird noch auf Jahrzehnte weit unter dem der entwickelten Welt liegen. Nach den Berechnungen von - beispielsweise - Goldman Sachs werden die Chinesen bis 2050 beim Prokopfeinkommen gerade einmal auf 40 Prozent des US-Niveaus kommen und die Inder noch ein gutes Stück darunter bleiben. Die Menschen im Westen werden es also noch auf lange Zeit besser haben.

Im Reich der Mitte wie auf dem Subkontinent öffnet sich überdies die Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Stadt und Land, zwischen Jung und Alt. Die Chinesen könnten alt werden, ehe sie reich werden - aus den heute 150 Millionen Rentnern über 65 werden bis zur Mitte des Jahrhunderts 400 Millionen. Die Inder haben das umgekehrte Problem: Die Hälfte der Bevölkerung ist nach 1980 geboren; jedes Jahr muss das Land 15 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen. Von einem Sicherheit gewährenden sozialen Netz kann in beiden Staaten kaum ansatzweise die Rede sein, und schon gar nicht von sozialer Gerechtigkeit. In China besitzt 1 Prozent der Bürger 60 Prozent des Reichtums im Lande; einen krasseren Kapitalismus gibt es nirgendwo in der Welt, nicht einmal in Indien, wo die gesellschaftlichen Gegensätze ebenfalls erschreckend sind. Aus solchen Gegensätzen können jedoch rasch Spannungen werden, die sich hier wie dort gewaltsam entladen mögen - 80.000 Demonstrationen jährlich in China und in Indien die Naxalitenbewegung könnten nicht bloß vernachlässigbare Ausnahmen sein, sondern ernst zu nehmende Turbulenz-Vorboten.

Drei weitere Erwägungen mögen der mancherorts grassierenden panischen Angst vor Asien entgegenwirken.

Zum einen: Noch sind die asiatisch-pazifischen Wirtschaftswunder vor allem exportgetrieben. Immer kräftiger bildet sich indes in der Region eine Mittelschicht aus; jeweils 250 bis 300 Millionen mit mehr als 3000 Dollar jährlichem Prokopfeinkommen sind es heute schon in Indien und China. Deren wachsende Nachfrage wird den auf alten Industriestaaten lastenden Einfuhrdruck mindern und den westlichen Exporteuren neue Marktchancen eröffnen.

Zum anderen: Die Bäume werden auch in den beiden Riesenreichen nicht in den Himmel wachsen. Wie zuvor in Japan und den asiatischen Tigerstaaten wird es Rückschläge geben, Krisen und Wachstumseinbrüche. Schon heute steigt übrigens in China wie in Indien nicht nur die Produktivität, es steigen auch die Löhne; dies wird ihren Kostenvorteil fortschreitend verringern.

Zum Dritten: Chinesen und Inder verdanken ihren neuen Wohlstand der Verflochtenheit in die Weltwirtschaft. Sie würden ihn aufs Spiel setzen, wollten sie im Nebeneinander von Kooperation, Wettbewerb und ganz normalem Streit um faire Regeln, Gegenseitigkeit und eigenen Vorteil - auf Konfrontation setzen. Nichts deutet darauf hin, dass sie dies wollen. Umgekehrt gilt für den Westen: Einbinden müssen wir die Aufsteiger, nicht aus Angst zu Gegnern machen.

Krieg und Frieden

Bleibt die Schicksalsfrage nach Krieg und Frieden im 21. Jahrhundert. Machen wir uns nichts vor: Es wird Kriege geben, Bürgerkriege, auch Umstürze, Revolutionen, Staatszerfall, Anarchie. Der Befund bleibt gültig, den Halford Mackinder, der Erfinder des Begriffs "Geopolitik", l919 formuliert hat: "Der wäre ein kühner Optimist, der hinsichtlich des künftigen Friedens der Welt auf einen Mentalitätswandel der Völker setzen wollte." Das war gut kantisch gedacht. Schon der Königsberger Weise hatte in seinem Traktat Zum Ewigen Frieden befunden, "dass es mit dem Menschengeschlecht nie besser bestellt sein werde, und könne".

Eine Ausnahme macht da wohl nur Europa. Es hat nach den verheerenden Kriegen des 20. Jahrhunderts aus der Geschichte gelernt und 1000 Jahren Bruderkrieg den Rücken gekehrt. Zwar schwelen an seinem blutgetränkten Balkanrand alte Feindschaften fort, doch erscheinen sie beherrschbar nach einer Durchgangsphase, die gekennzeichnet ist von Krypto-Kolonien der EU, überführbar in eine friedliche Koexistenz der Balkanvölker unter dem Dach der Europäischen Union.

Nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums droht Europa keine Gefahr mehr von irgendeinem auf Expansion und Vorherrschaft erpichten Staat. An die Stelle der sowjetischen Bedrohung ist der grenzüberschreitende Dschihad-Terrorismus getreten, aber doch nur partiell. Er wird uns noch einige Zeit in Atem halten, mit sporadischen Attentaten und Attacken, deren Umfang und Tödlichkeit durchaus zunehmen mögen. Aber er wird nicht in gleicher Weise das Überleben unserer Nationen bedrohen wie ehedem der atombewehrte Systemkonflikt zwischen Ost und West.

Das Gleiche gilt für Amerika. Die Vereinigten Staaten sind keine existenziellen Bedrohung mehr ausgesetzt, die von einem Staat ausgeht. Russland und China betreiben Großmachtpolitik, nicht Konfrontationspolitik. Sie werden ihre Interessen verteidigen und durchzusetzen suchen, wie dies Großmächte seit jeher getan haben, und dies wird auch nicht ohne Friktionen abgehen. Doch strebt weder Moskau noch Peking die Weltherrschaft an.

Washington aber? Die sich heute schon abzeichnende Multipolarität wird der Allmacht der USA Schranken setzen. Indes bleiben sie militärisch wie wirtschaftlich ein Schwergewicht. Sie werden nicht mehr viel im Alleingang durchdrücken können, aber keines der großen Weltprobleme wird sich ohne sie lösen lassen.

Der Dschihad-Terrorismus wird die Amerikaner - wie die Europäer - weiterhin bedrohen; erst recht nach dem Fiasko des Iraks, wo George W. Bush den bigotten Brutalinskis ein neues Übungsfeld, einen frischen Motivationsschub und ein erweitertes Rekrutierungsreservoir eröffnet hat. Doch geht es dabei nicht um die äußere, sondern vielmehr um die innere Sicherheit. Und der "Krieg" gegen den Terror wird nach aller historischen Erfahrung bald zu dem werden, als was er von allem Anfang an hätte begriffen werden müssen: letztlich eine lang anhaltenden, mühsame, immer wieder von tragischen Ereignissen interpunktierte Polizeiaktion gegen die Terroristen, ihre Verfolgung, Überwältigung, Ausräucherung. Eine Weile noch wird al-Qaida, werden auch ihre Ableger und Nachahmer ihr Unwesen treiben; dann werden sie verschwinden wie vor ihnen die Gefolgsleute des Mahdi, die Anarchisten um den Fürtsen Kropotkin oder auch, im eigenen Land, die terrortrunkene RAF der 1970er Jahre. Dies wird umso rascher geschehen, je wirksamer die politischen und sozialen Verhältnisse sich bessern, auf deren Humus von Aussichtslosigkeit und Verzweiflung der islamische Terror gedeiht.

Einen erdumspannenden Krieg, den Dritten Weltkrieg, wird es nicht geben. Der Westen wird an Einfluss verlieren, die Welt nicht mehr dem weißen Mann gehören. Gewiss auch werden die nicht-westlichen Kulturkreise ihre eigenen Werte und Prinzipien gegenüber dem Universalismus-Anspruch des westlichen Wertesystems herauskehren. Aber dass es deswegen zu einem Kampf der Kulturen kommen müsste, ist keineswegs gesagt. Sehr viel mehr Wahrscheinlichkeit als der Huntington'sche Krieg der Zivilisationen hat der Krieg innerhalb der Zivilisationen für sich.

Dies gilt zumal für den Islam, wo sich die Frontlinien zwischen Sunni und Shia zusehends verhärten. Zugleich manövriert sich die arabische Welt immer tiefer in eine vorrevolutionäre Situation hinein. In Saudi-Arabien wird die wahabitische Orthodoxie den Schmarotzerfeudalismus der 5000 Prinzen nicht auf ewig vor dem Ansturm der Moderne bewahren können. In den Golfstaaten jedoch, in denen Fremdarbeiter aus Pakistan, Bangla Desh und Indien die Mehrheit der Arbeitskräfte ausmachen, in den Vereinigten Arabischen Emiraten sogar die Mehrheit der Bevölkerung, wäre es fast ein Wunder, wenn sich nicht über kurz oder lang ein Spartakus fände, der zum Aufstand der Sklaven aufruft.

Ohnehin bleibt der Nahe Osten ein Unruheherd. Die Nachbeben des Irak-Kriegs und der UN-Intervention in Afghanistan sind noch lange nicht ausgestanden. Auch wird der arabisch-israelische Schwelbrand angesichts der Unbeugsamkeit, der Zerrissenheit und inneren Schwäche der Gegner wohl noch Jahre weiterglimmen; und aus der Glut könnten immer wieder einmal Flammen schlagen. Es wird aller Vernunft und Entschlossenheit der nahen und fernen Patronage-Mächte bedürfen, um neue Großfeuer zu verhüten.

Auch Afrika südlich der Sahara wird ein Unruheherd bleiben, ein Hort der Instabilität und ein Paukboden endemischer Gewaltsamkeit. Aufruhr, Stammeskonflikte, Vergewaltigungskampagnen werden weiterhin mehr Schlagzeilen machen als gesellschaftlicher Fortschritt. In Westafrika, in Zentralafrika und der Region der Großen Seen nehmen die Auseinandersetzungen kein Ende. Den Prognosen der Afro-Pessimisten kommt wohl mehr Wahrscheinlichkeit zu als denen der Afro-Optimisten.

Eine potenzielle Walstatt des 21. Jahrhunderts ist Asien. Wenn es nicht alle Staatskunst aufbietet, deren es fähig ist, könnte es leicht sein, dass sein 21. Jahrhundert so kriegerisch abläuft wie Europas 20. Jahrhundert. Zwischen Bosporus und Beringstraße gibt es vielfältige Stress- und Verwerfungslinien. Gravierende Grenzstreitigkeiten sind ungelöst. Die Streitfragen Kaschmir, Taiwan und Korea könnten nicht nur die Region erschüttern. Im chinesisch-japanischen Verhältnis wirken entzweiende historische Erinnerungen nach. Die Konfliktträchtigkeit des Ringens um Rohstoffe, Energiequellen, Nahrung und - nicht zu unterschätzen - Wasser ist gegenwärtig noch kaum abzusehen. Dabei fehlt es der Region bis heute an multilateralen Institutionen, in deren Rahmen sich Spannungen gütlich abbauen ließen. Im Übrigen steht gegen die Versicherung Chinas, es strebe einen "friedlichen Aufstieg" an, und gegen die indische Berufung auf Mahatma Gandhis Gewaltlosigkeit die historische Erfahrung, dass aufsteigende Mächte leicht in die Versuchung geraten, den Status quo über den Haufen zu werden und mindestens ihre Nachbarn mit Tücke, Druck oder auch Gewalt in die Botmäßigkeit zu zwingen.

Fünf Linien in die Zukunft

Zum Schluss noch fünf Linien, die sich unterschwellig oder offen durch die nächsten Jahrzehnte ziehen werden.

1. Die Verbreitung von Kernwaffen wird vorangehen - langsamer, als zu Beginn des Atomzeitalters prophezeit, doch umso unaufhaltsamer, je stärker sich einzelne Staaten bedroht wähnen. Dass das westliche Bündnis das atomwaffenlose Jugoslawien angegriffen hat, hat schon den indischen Atomehrgeiz angestachelt. Ähnliche Erwägungen mögen auch andere beseelen. Hinzu kommt die Erfahrung, dass die Supermacht offenbar erst dann zu Gespräch und Verständigung bereit ist, wenn ein Land sich atomar bewaffnet hat - siehe Indien und Nordkorea. Wenn den Iranern ihre Atomwaffenambitionen nicht auf diplomatischem Wege ausgeredet werden können, im Rahmen eines großen Handels, der auch das amerikanisch-iranische Verhältnis entgiftet, werden sich die Mächte auch in diesem Fall damit abfinden und auf die alten Hausmittel setzen müssen: Eindämmung und Abschreckung. Die Alternative Krieg könnte leicht zur Weltkatastrophe gedeihen.

2. Die "dritte Welle" der Demokratisierung hat ihren Höhepunkt vermutlich bereits überschritten. Auf jeden Fall ist die Strategie gescheitert, Demokratie mit Waffengewalt auszubreiten. Demokratie kann nicht importiert werden, schon gar nicht auf Bajonettspitzen. Sie muss auf eigenem Boden wachsen. Dabei werden gänzlich verschiedene Gewächse entstehen. Zumal dort, wo das Unterfutter der liberalen Demokratie fehlt, nämlich Rechtsstaatlichkeit, freie Medien, Schutz des Privateigentums, konkurrierende Parteien und eine verantwortliche, rechenschaftspflichtige Regierung, ist die Gefahr groß, dass Wahlen lediglich "illiberale Demokratien" hervorbringen, wie Fareed Zakaria dies genannt hat. Die Zukunft der Demokratie liegt vornehmlich in den alten Demokratien. Sie dort zu bewahren und zu festigen, wird die oberste Aufgabe bleiben. Ein Recht, gar eine Pflicht zum Prinzipienexport qua militärischer Intervention besteht in keinem Falle. Bewaffnetes Eingreifen mag bei Völkermord unumgänglich sein, aber selbst da werden wir öfter Nein sagen müssen, als wir Ja sagen können. Daseinszweck der Nato, wenn sie überhaupt noch einen haben soll, ist es, ihre Mitglieder gegen äußere Bedrohungen und Angriffe zu verteidigen; eine Weltpolizei oder gar ein Missionarsschwert ist sie nicht - wie wir uns auch nicht einreden sollten, es sei die Aufgabe der Bundeswehr, dafür zu sorgen, dass muslimische Mädchen in die Schule gehen können. Hüten wir uns vor einem auftrumpfenden moralischen Imperialismus, bei dem der Ehrgeiz allemal größer sein wird als die Mittel, die unsere Gesellschaften bereit sind, dafür bereitzustellen. Für die Menschenrechte einzutreten heißt ebenfalls, sie zuvörderst zu Hause hochzuhalten. Gegenüber anderen ist naming and shaming die beste Methode. Dabei müssen die Regierungen nicht immer am lautesten vorangehen; hier eröffnet sich vielmehr den zivilgesellschaftlichen Organisationen ein weites Feld. Stille Diplomatie wird in der Regel mehr erreichen als Schaufensterpolitik. Kriecherisches Scharwenzeln um notorische Menschenrechtsverletzer ist verachtenswert, doch der Balanceakt zwischen Moralpolitik und Realpolitik wird immer schwierig bleiben.

3. Die Erwartung, dass Wirtschaftswachstum gleichsam automatisch die Demokratie befördert, wird enttäuscht werden. Harry Rowen, der frühere Präsident der Rand Corporation, sagte 1996 voraus, China werde 2015 eine "teilweise freie" Demokratie sein, da es dann, nach Kaufkraftparität bemessen, ein Prokopfeinkommen von 8000 US-Dollar erreiche. Jüngst schob er die Prognose nach, im Jahre 2025 werde das chinesische Sechstel der Menschheit mit einem Prokopfeinkommen von dann 14.000 US-Dollar in einem völlig freien Land leben. Indessen deutet vieles darauf hin, dass China einen ganz anderen Weg geht: den Weg zu einem autoritären Kapitalismus, in dem die Bürger durch wirtschaftliche Betätigungsfreiheit und wachsenden Wohlstand bestochen werden, die Einparteienherrschaft des kommunistischen Regimes fraglos und klaglos, ja: aus vollem Herzen zustimmend hinzunehmen. Ganz neu wäre das nicht: Schon Jacob Burckhardt hat ja festgestellt: "Die Massen wollen Ruhe und Verdienst; kann ihnen Republik oder Monarchie dies gewähren, so halten sie mit." Ein ähnlicher autoritärer Kapitalismus könnte sich auch in Russland herausbilden. In Zentralasien, Afrika und Lateinamerika liebäugeln ebenfalls viele mit diesem Alternativmodell zum westlich-demokratischen Kapitalismus. Die Einsicht drängt sich auf, dass zwar alle Demokratien freie Marktwirtschaften sind, jedoch nicht alle Marktwirtschaften notwendigerweise Demokratien sein müssen. Die Erkenntnis setzt sich durch, dass Francis Fukuyama irrte, als er 1989 den Triumph des Verbundmodells Demokratie/freier Markt ausrief und zugleich das "Ende der Geschichte" proklamierte - ein Irrtum, den George W. Bush in seiner Nationalen Sicherheitsstrategie von 2002 wiederholte, worin er den "entscheidenden Sieg für die Kräfte der Freiheit und das einzig funktionierende Modell für nationalen Erfolg" feierte - "Freiheit, Demokratie und freies Unternehmertum". Es läuft offenbar auch anders. Und die Geschichte geht weiter. Die "Jahrhunderte der Langeweile", die Fukuyama uns mehr androhte als verhieß, werden wir nicht erleben.

4. Der Nationalstaat in seiner überkommenen Gestalt ist unwiederbringlich dahin. Einst ruhte er auf drei Herrschaftssäulen: der Verfügung über sein Hoheitsgebiet, das Wirtschaftsgeschehen und seine Umwelt. In der Epoche der Globalisierung und der technischen Innovation sind zwei dieser Säulen zerborsten: die Herrschaft über das Wirtschaftsgeschehen und die autonome Gestaltung der eigenen natürlichen Umgebung. Die Geschäftswelt kennt keine Grenzen, auch der saure Regen nicht. Globale Probleme wie Klimawandel, Überfischung und Verseuchung der Meere; Artensterben, Wassermangel oder ansteckende Krankheiten erfordern internationale, supranationale Zusammenarbeit. Doch fehlt es an Institutionen und Organisationen, die sich der neuen Probleme mit Aussicht auf Erfolg bemächtigen können. Der Umbau der Vereinten Nationen, der Weltbank und des Weltwährungsfonds - alles Einrichtungen von anno 1945 - wird da immer gewichtiger, desgleichen die Schaffung neuer Einrichtungen zur Bewältigung der aktuellen Herausforderungen nach dem politischen und ökonomischen Schnittmuster der heutigen Welt. Eine Phase weltpolitischer Architektur muss die Phase kleinmütiger Klempnerei ablösen. Bis es dahin kommt, wird man sich pragmatisch mit Ad-hoc-Gremien wie der Kontaktgruppe für den Balkan, dem Nahost-Quartett,dem EU/US-Verhandlungsteam für Iran oder die Sechsparteiengespräche über Nordkorea behelfen müssen. Auch hier wird es entscheidend darauf ankommen, dass Europa zusammenhält, mit einer Stimme spricht, sich zur Willensmacht bildet und eine tragfähige Basis der Zusammenarbeit mit einem aufs Neue kooperativen Amerika zimmert.

5. Der Satz des John Meynard Keynes wird uns durch die nächsten Jahrzehnte begleiten: Es werde sich die zentrale Diskussion über die Zukunft des Menschengeschlechts darum drehen, wie viel Spielraum man "den geldmachenden und ins Geld verliebten Instinkten als den Hauptantrieben der Wirtschaftsmaschine" einräumen dürfe - jener "ansteckenden Gier" und jenem "irrationalen Überschwang", den der frühere Fed-Chef Alan Greenspan so beredt gegeißelt hat. Die derzeitige Diskussion über die Managergehälter ist da nur der Vorbote einer tiefschürfenden Debatte über die Neue Soziale Frage: wie der Ungerechtigkeit, der Ungleichheit, der immer breiteren Kluft zwischen Arm und Reich innerhalb der Länder und zwischen den Ländern der Erde zu begegnen sei; inwieweit das freie Wirtschaften auf dem Markt und die Bewahrung sozialer Sicherheit auf einen Nenner gebracht werden können; ob der Kapitalismus Wettbewerbsfähigkeit mit gesellschaftlicher Solidarität zu verbinden lernt. Meine Prophezeiung: Die Neoliberalen werden dabei ebenso auf der Strecke bleiben wie im politischen Raum die Neokonservativen. Wenn nicht, wird der Kapitalismus im 21. Jahrhundert dasselbe Schicksal erleiden wie der Sozialismus kommunistischer Ausprägung im 20. Jahrhundert: Er wird an seiner menschenfeindlichen Schnödigkeit zugrunde gehen.

Kein Ende der Geschichte
"Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert", sagt - in dem Roman Der Gepard - Tancredi zu seinem Onkel, dem Fürsten Giuseppe Tomaso di Lampedusa. So ist es in der Tat. Aber zugleich werden wir gut daran tun, uns auf die weise Erkenntnis Jean Monnets einzurichten: "Der Wandel, der aus dem Verändern entsteht, ist unvorhersagbar."