Schule Von der Knolle zur Suppe

Schleswig-Holsteins Schulen führen das Fach »Gesundheit und Ernährung« ein

Auf einem Rollwagen stehen zehn bunte Tellerchen aus Kunststoff bereit, jeweils mit einer Möhre, etwas Brühpulver, Buchstabennudeln und Kräutern versehen. Auf dem Poster an der Wand lacht dem Betrachter ein fröhliches Männchen entgegen, das mit Obst und Gemüse jongliert. Und nebenan hat Karin Henningsen gerade acht Lernstationen auf Kochinseln aufgebaut, Thema: »Die Kartoffel – eine tolle Knolle!« Die ordentlich aufgereihten Kittel neben der Tür wirken angesichts dieser kindgerechten Szenerie riesengroß. Ein Schüler müsste die Ärmel viermal umkrempeln, um in der Lehrküche die geplante Gemüsesuppe zubereiten zu können. Doch für die Schützlinge von Frau Henningsen sind die weißen Schürzen gerade richtig. Ihr Grundschulbesuch ist zehn bis zwölf Jahre her, jetzt studieren sie das Fach »Gesundheit und Ernährung« im Bachelorstudiengang Vermittlungswissenschaften – dem reformierten Lehramtsstudium an der Universität Flensburg. »Kompetenzen der Nahrungsmittelzubereitung« heißt das Seminar, das die Studenten im dritten Semester belegen.

Eine von ihnen heißt Christina Reiners, 20. Zusammen mit ihren Kommilitonen zieht sie im Fünfminutentakt von einer Lernstation zur nächsten und macht sich dabei immer wieder Notizen auf ihrem Übungszettel: Welche Kartoffelsorten gibt es? Wie sehen die Verpackungen von festkochenden aus? Und für welche Gerichte eignen sich eher mehlige? Zur Hilfe hat Karin Henningsen jede Menge Anschauungsmaterial bereitgelegt, dazu Rezeptheftchen und kleine Probierteller. Später wird sie den Studenten beibringen, mit welcher Technik man die Knolle schält, wie man eine Gemüsesuppe daraus kocht und welcher Topf sich dafür eignet. Weil die Studenten das ihren eigenen Schülern vermitteln sollen, gestaltet die Dozentin den Unterricht so, wie er in einer Schule ablaufen könnte.

Christina Reiners plant, noch einen Master in Vermittlungswissenschaften obendrauf zu setzen und Lehrerin für Grund-, Haupt- und Realschulen in Schleswig-Holstein zu werden – für Musik und ein Fach, das es so bislang noch nicht gab: Der Unterricht in Ernährungs- und Verbraucherbildung soll zum Schuljahr 2008/09 die klassische und etwas verstaubte Hauswirtschaftslehre an Schleswig-Holsteins Schulen ablösen und mit einem aufwendig reformierten Lehrprogramm an den Start gehen. Der Zeitpunkt ist günstig, denn die Förder-, Haupt- und Realschulen des Bundeslandes werden im kommenden Jahr zu Regional- und Gemeinschaftsschulen umgewandelt und die Stundentafeln flexibler gestaltet. Für ein neues Fach konnte so mehr Raum geschaffen werden. Statt sich nur dem Kochen zu widmen, wird es alle Basiskompetenzen für die tägliche Lebensgestaltung und Gesundheitsförderung aufgreifen: Wie gehe ich mit der Angebotsvielfalt in Supermärkten um? Woran erkenne ich, ob das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt? Wie gestalte ich eine Mahlzeit ausgewogen und nahrhaft?

Insgesamt neun Bildungsziele hat die Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung (Revis) im Sinn, deren Fachgruppen von 2003 bis 2005 ein entsprechendes Unterrichtskonzept auf der Basis eines europäischen Curriculums entwickelt haben. Ines Heindl, Leiterin des Instituts für Ernährungs- und Verbraucherbildung an der Uni Flensburg, hat sich maßgeblich an dem Prozess beteiligt und das Konzept an mehreren Schulen ertestet. »Die Eltern kommen ihren Pflichten hier leider immer weniger nach. Deshalb wird die Verantwortung in diesem Bereich auf die Schulen übertragen«, sagt Heindl. Nur so könne man in einer Überflussgesellschaft für Aufklärung sorgen, die erschreckende Zunahme essgestörter und fettleibiger Kinder eindämmen und das Gesundheitssystem langfristig entlasten.

Auf Christina Reiners’ Stundenplan stehen neben der klassischen Nahrungsmittelzubereitung auch Seminare zur Störbarkeit des Essverhaltens, Module zur Armutsproblematik und Übungen zur Prävention und Gesundheitsförderung. Im zweisemestrigen Masterstudiengang, der sich noch in der Konzeptionsphase befindet, soll dann die Didaktik im Fordergrund stehen: Wie können Schulkinder mit Freude und Neugierde an das Thema herangeführt werden? Wie muss der Lehrstoff aufbereitet sein, damit er die Lebenswelten der Kinder trifft? Und wie kann man das Fach darüber hinaus sinnvoll mit der Schulverpflegung koppeln? »Der beste Unterricht ist unnütz, wenn die Schüler mittags vor lauwarmen Fertiggerichten in einer Schulkantine sitzen«, sagt Ines Heindl. »Sie sollten das vorfinden, was sie in der Stunde zuvor gelernt haben.«

In der Realschule Süderbrarup wird deshalb gemeinsam in hellen Räumen und von weißen Tischdecken gegessen – und zwar das, was etwa 20 Schüler der Stufen neun und zehn und einige Küchenhilfen in der Region eingekauft und während des Unterrichts im Fach »Cafeteria« frisch zubereitet haben. »Wir wollen die Schüler nicht belehren«, sagt die 57-jährige Schulleiterin Jutta Mroczkowski, »sondern überzeugen, dass ein frisch gekochtes Essen aus gesunden Zutaten einfach in der Herstellung und zugleich schmackhaft sein kann.« Fertiggerichte seien in der Lehrküche deshalb tabu. Stattdessen dürfen die Schüler ihre Lieblingsgerichte kochen und lernen nebenbei Teamfähigkeit, Arbeitsorganisation und Zeitmanagement – schließlich wollen von montags bis mittwochs, an den Tagen mit Nachmittagsunterricht, 60 bis 80 Schüler bewirtet werden.

Für Ines Heindl ist die Einrichtung eine Vorzeigeschule. Mittlerweile kommen fast wöchentlich Besucher, um den jungen Köchen über die Schulter zu schauen und sich für die Umsetzung des neuen Fachs in der eigenen Schule etwas abzuschauen. Heindls Studenten werden dann noch nicht mit ihrem Studium fertig sein. »Stattdessen haben wir Kapazitäten geschaffen, um das vorhandene Lehrpersonal entsprechend fortzubilden und ihnen Ideen für den Start in ihren Schulen mitzugeben«, sagt Heindl.

Christina Reiners freut sich auf ihren Job. Schon für ihr Referendariat hat sie große Pläne: die Schulkantine verschönern, mit den Kindern Biobauernhöfe und Einkaufsmärkte besuchen, morgens gemeinsam frühstücken. »Vielleicht kann ich meinen Schülern so etwas von dem schenken, was ich selbst innerhalb meiner Familie erleben durfte: Spaß am Kochen, Lust auf leckeres Essen und gute Gespräche bei Tisch.«

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Leser-Kommentare
    • goi76
    • 08.01.2008 um 22:16 Uhr

    tolle idee! super! unsere esskultur verkommt nämlich langsam.viele essen nur noch nebenbei, beim fernsehen, kino, vorm pc... essen ist zur nebensache geworden, schnell zwischendurch was reinschieben... was ist egal. gesunde ernährung ist für viele kinder, gerade aus sozial schwachen familien kein thema. schade, dass einem die schule sowas beibringen muss, und nicht die familie ... zusammen kochen, am tisch essen, sich unterhalten... gut, dass das mal jemand anpackt!

    • Anonym
    • 11.01.2008 um 23:10 Uhr

    Zum Beispiel mit einem Aufsatz in Deutsch zum Thema "warum sind sie so dick und was können wir tun"?Fiktiver Schülerbeitrag aus einer 5. Klasse:Mein Klassenkamerat Erwin. Der ist dick. Der isst zufiel. Vor allem bei Mc. D. Würde er weniger essen, were er weniger dick, wie er isst. Ich glaube, würden fiele weniger essen, wie sie tuhn, wären fiele auch weniger dick. Das sollen wir nun lernen. das isst gut. Und wie weniger essen ohne Mc. D. get, sollen wir lernen. Ich selpst esse nicht zufiel und möchte eher in Mathematick unt Deutsch mehr lernen.

  1. SOG-Wirkung entsteht, wenn jemand selbst interessiert seinen Erfahrungsweg geht und durch seine Begeisterung über seine entdeckten und ihm nun zur Verfügung stehenden POTENTIALE andere mitreißt. Genau das wäre an sich auch die Definition des Wortes Lehrer, nur: Wer von den Unterrichtsvollzugsbeamten dieser Tage weiß noch, was das Wort Lehrer ursprünglich bedeutet?
    Mit mitreißendem Beispiel vorausgehen, das ist Lehren. Beim Unterrichtetwerden dagegen hat man sich immer unten nach dem zu richten, was einem von oben aufgezwungen wird. Als Ich-kann-Schule-Lehrer schiebe und treibe ich nicht hinten sondern ich ziehe vorneweg - das ist ErZIEHung, im Gegensatz zur üblichen ErDRÜCKung, die wir immer noch ErZIEHung nennen. Es ist doch richtig wohltuend, hier mal ein Beispiel für etwas, was ZIEHT zu lesen.
    Letztlich bekommen wir auf die Instanz, die das Essverhalten steuert - und das ist mitnichten der bewusste Verstand, den wir pädagogisch völlig unnützerweise überstrapazieren - am leichtesten und besten Einfluss, wenn wir uns was einfallen lassen, was ZIEHT. Eine einfache GESTE von unten (lat. "sub") hinauf genügt: mit SUB-SUG-SOG-GESTION macht man das schon ewig. Aber Suggestion bitte nicht als Technik sondern als achtsamen Umgang mit den unbewussten Kräften des Geistes! Gute Erfolge wünscht
    Franz Josef Neffe

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