DIE ZEIT: Die Uni Eichstätt gilt vielen als verschlafene Provinzhochschule. Sie sind angetreten, die einzige katholische Universität des deutschen Sprachraumes aus dem Dämmerschlaf zu reißen.

Gregor Maria Hanke: So negativ sehe ich die Einschätzung unserer Alma Mater nicht. Immerhin stehen wir in vielen Rankings, auch den Untersuchungen des Centrums für Hochschulentwicklung, die regelmäßig in der ZEIT veröffentlicht werden, mit unserem breiten Studienangebot außerordentlich gut da. Gerade haben wir großes Lob für unsere Bibliothek erhalten. Aber es stimmt: Das spezielle Profil dieser katholischen Universität muss geschärft werden.

ZEIT: Ist es nicht selbstverständlich, dass eine katholische Universität auch ein katholisches Profil hat?

Hanke: Natürlich wurde das gleich zu Anfang in die Stiftungsverfassung der Universität hineingeschrieben. Doch in der schweißtreibenden Aufbauarbeit ist dieser Aspekt vielleicht etwas in den Hintergrund getreten. Wir müssen uns jetzt fragen: Was haben wir da eigentlich aufgebaut? Jetzt muss die Feinjustierung kommen. Das sehe ich als meine Aufgabe an.

ZEIT: Haben Ihre Vorgänger die Zügel schleifen lassen?

Hanke: Es wäre ungerecht, meinen Amtsvorgängern vorzuwerfen, sie hätten nicht genug auf das katholische Profil geachtet. Die Aufbauarbeit wurde ja erst 1989 mit der Errichtung der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät abgeschlossen. Eigentlich sollte sogar noch eine juristische Fakultät aufgebaut werden. Doch dann wurden sowohl beim Staat als auch bei der Kirche die Mittel knapp. Die Kürzungen, denen etwa der Diplomstudiengang Psychologie zum Opfer fiel, haben uns in gewisser Weise paralysiert. Aber ich denke, jetzt ist das Selbstvertrauen wieder da.

ZEIT: Was ist eigentlich das Besondere an Eichstätt?

Hanke: Zunächst haben wir hier in Eichstätt vorzügliche Studienbedingungen. Wir haben eine richtige Campusatmosphäre. Die Wege zwischen Lehrenden und Studierenden sind kurz, auch die Wege der Studierenden untereinander. Das schlägt sich, wie gesagt, in vorzüglichen Rankings nieder. Ich erinnere nur an unseren viel gelobten Journalistikstudiengang oder die BWL in unserer Außenstelle in Ingolstadt.

ZEIT: Das allein kann es aber in Ihren Augen wohl nicht sein.

Hanke: Richtig. Die Universität Eichstätt ist nicht errichtet worden, damit es noch eine weitere staatliche Landesuniversität gibt. Sie hat einen Auftrag, eine Sendung der Kirche: vom christlichen Menschenbild aus in die verschiedenen Teildisziplinen wirken, den gesellschaftlichen Dialog pflegen und auch die berechtigten Anliegen der katholischen Kirche akademisch vertreten, in die Gesellschaft hinein, aber natürlich auch in der internen Forschung.

ZEIT: Geht es etwas konkreter?

Hanke: Der katholische Aspekt muss auf jede Wissenschaft einzeln heruntergebrochen werden. Nehmen Sie die Wirtschaftswissenschaften. Da muss die christliche Soziallehre einfach eine wichtige Rolle spielen. Oder die Problematik des Nord-Süd-Gefälles. Auch ein Geograf könnte sich für Themen interessieren, die für die Kirche relevant sind, etwa den Erhalt der Schöpfung. Und auch in der Pädagogik und Lehrerausbildung, die bei uns eine große Rolle spielt, muss das christliche Menschenbild immer im Hinterkopf sein. Die Theologie wiederum sollte mit allen anderen Studiengängen eng vernetzt sein.

ZEIT: Sie waren vor einigen Monaten, kurz nach Ihrem Amtsantritt, in den USA und haben sich dort einige katholische Universitäten angesehen. Was wird dort anders gemacht als in Eichstätt?

Hanke: Alle privaten Universitäten in den USA, nicht nur die katholischen, haben einen viel stärkeren Rückbezug zum jeweiligen Träger. Ich glaube, wir sind hier in Deutschland zu sehr auf den Staat fixiert. In den USA ist es selbstverständlich, dass der Träger, seinem Interesse entsprechend, der Hochschule Ziele und Leitlinie vorgibt, wie sie sich entwickeln soll, welche Inhalte zu akzentuieren sind.

ZEIT: Sollen die Professoren ans Gängelband?

Hanke: Die hierher berufenen Professoren müssen sich vor Augen führen, wer hinter dieser Institution steht. Sie müssen sich loyal zur Kirche und ihren Anliegen verhalten, müssen sich zum christlichen Menschenbild bekennen. Auch wenn sie selbst keine Katholiken sind. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Mit Gängelei hat das nichts zu tun.

ZEIT: Wollen Sie auch andere Studenten? Bislang kommen wohl die wenigsten, weil sie unbedingt an einer katholischen Universität studieren wollen. Für die meisten zählen wahrscheinlich die familiäre Atmosphäre und die guten Studienbedingungen.

Hanke: An US-Hochschulen wie Notre Dame ist es faszinierend zu sehen, dass junge Menschen diese Universität aus wissenschaftlichem Eros wählen, aber auch, weil sie sich ganz entschieden zum Glauben bekennen oder sich zumindest damit auseinandersetzen. Das ist da sehr gut spürbar.

ZEIT: Einen Glaubenstest bei der Einschreibung wird es nicht geben?

Hanke: Wenn die Universität ein klares Profil zeigt, wird das automatisch solche Studierenden hierher führen, die bewusst diesen Ort wählen, weil sie sich neben der wissenschaftlichen Arbeit mit dem Glauben und der kirchlichen Botschaft befassen wollen. In diesem Zusammenhang möchte ich auch die Hochschulseelsorge verbessern. Wir haben zwar eine sehr rührige katholische Hochschulgemeinde. Trotzdem sollte die Seelsorge an dieser Universität eine noch größere Rolle spielen als bisher. In Notre Dame zum Beispiel kommen auf 12000 Studierende allein 300 Hochschulseelsorger. Da gibt es, auch geistig-menschlich, ein ideales Betreuungsverhältnis.

ZEIT: Warum sieht man nie eine Professorin oder einen Professor der Katholischen Universität Eichstätt in Talkrunden im Fernsehen, wenn es um aktuelle kirchliche Fragen wie die Kinderbetreuung geht?

Hanke: Unsere Universität müsste in der Tat mehr nach außen treten. Wenn sich der Papst etwa, wie in seiner Regenburger Vorlesung, mit dem Verhältnis zwischen Christen und Moslems beschäftigt, muss die Uni präsent sein. Sie sollte auch stärker in die Kongressarbeit und die Arbeit in wissenschaftlichen Foren einsteigen. Und sie sollte als Dienstleister für die katholische Kirche fungieren. Doch das alles ist natürlich sehr zeitintensiv. Da sind wir dann beim Thema der Ausstattung. Ich sage ganz offen: Wir brauchen mehr Geld für mehr Personal, Ausstattung, Projekte. Man kann nicht erwarten, dass wir die volle Lehre abdecken und dann noch mal draufsatteln.

ZEIT: Gibt es Verhandlungen über mehr Geld?

Hanke: Papst Benedikt XVI. hatte sich beim Adlimina-Besuch der deutschen Bischöfe im November 2006 zur Zukunft der Universität geäußert. Wenn ich ihn richtig interpretiere, liegt ihm daran, die Uni auf eine breitere Basis zu stellen. Mit allen deutschen Bischöfen als Träger. Ich kann verstehen, dass da nicht jeder meiner bischöflichen Mitbrüder ein Hosianna anstimmen wird, weil das mit finanziellen Belastungen verbunden ist. Aber nach ersten Gesprächen denke ich, da ist etwas in Bewegung gekommen.

Das Gespräch führte Georg Etscheit