Depressionen Leben im Schatten
Kirsten Hass sammelte hunderte Beiträge Depressiver aus Internetforen. Ein Interview
Sie haben mit vier weiteren Autoren das Buch »Schattendasein – das unverstandene Leiden Depression« geschrieben. Was ist besonders daran?
Bisher gab es nur entweder Fachbücher von Spezialisten oder Erfahrungsberichte Einzelner. Wir dagegen haben die Beiträge hunderter Betroffener, sogenannte Postings, aus dem Internetforum des Kompetenznetzes Depression ausgewertet.
Die Forumsteilnehmer schildern sehr persönliche Erfahrungen. Sind alle Beiträge echt?
Ja, die Inhalte sind authentisch. Wir wollten die Vielschichtigkeit depressiven Erlebens abbilden, denn es kann jeden treffen, Hochschulprofessoren wie Bauarbeiter. Aber wir haben natürlich Umgangssprachliches und die Rechtschreibung korrigiert und aus rechtlichen Gründen die Namen der Medikamente durch die Wirkstoffklassen ersetzt.
Die Autoren haben sich über das Forum kennengelernt. Ist es also ein Fachbuch von Laien?
Vier von uns sind oder waren selbst depressiv, eine Autorin hat ihren depressiven Ehemann über lange Zeit begleitet. Es war uns wichtig, dass alle Passagen von einem Arzt gegengelesen und geprüft wurden. Wir berichten über Medikamente und Psychotherapien, das muss ja fachlich richtig sein.
War die Arbeit nicht zu eng am selbst Erlebten?
Es ist immer ein Teil Aufarbeitung dabei, auch wenn wir alle mit unserer eigenen Geschichte durch waren. Wenn man die Postings sichtet und bearbeitet, machen viele Schilderungen betroffen, weil sie dem ähneln, was man selbst erlebt hat.
Depressiv zu sein ist eine Art Stigma. War es für Sie als Autoren jetzt schwer, sich zu outen?
Gerade um dieses Tabu zu brechen, muss man an die Öffentlichkeit gehen. Es ist eine Erkrankung und bedeutet nicht, dass man einen schwachen Charakter hat oder faul ist oder was sonst noch für komische Vorurteile kursieren. Bei mir hat es beinahe drei Jahre gedauert, bis ich die Diagnose annehmen und langsam an die Öffentlichkeit gehen konnte. Wir haben allerdings eine Autorin im Team, die unter Pseudonym schreibt, weil sie Angst vor negativen Auswirkungen im Job hat.
Sie sprechen von der besonderen »Kompetenz der Betroffenen«. Gibt es denn Defizite in der herkömmlichen Therapie?
Das war einer der Hauptgründe für mich, dieses Buch zu machen. Es gibt frustrierende Erlebnisse in der Behandlung, mit der Medikation, in der Interaktion zwischen Patient und Arzt. Es läuft viel schief, und das führt dazu, dass Depressive oft lange mit dieser Krankheit zu tun haben und sie schlimmstenfalls chronisch wird.
Kann man Ihr Buch auch praktisch anwenden?
Absolut, zum Beispiel in Fragen zum Krankengeld. Viele sind länger arbeitsunfähig und fragen sich, wie soll ich mich versorgen? Was man da machen kann, steht unter anderem in unserem Buch.
Interview: Stephanie Janssen
- Datum 09.01.2008 - 13:08 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03.01.2008 Nr. 02
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