Leider haben sie sich rar gemacht. Die Träumer und Spinner, Fantasten und Verrückten, für die das Kino ein Raum ist, der sich vor allem mit den eigenen Privatmythologien füllen lässt. Wes Anderson ist einer von ihnen. In leisen Komödien wie Die Royal Tenenbaums und Life Aquatic – Die Tiefseetaucher behandelt er die Leinwand wie ein erweitertes Jugendzimmer. So entstehen seltsam stilisierte Lebenslandschaften und Wohnhöhlen mit verwunschenem Charme. Wahlweise können sie die Gestalt eines New Yorker Backsteinhauses, eines dickbäuchigen Forschungsschiffes oder, wie in seinem neuen Film The Darjeeling Limited, eines altmodischen Eisenbahnwaggons annehmen. Zusammengehalten werden diese geschlossenen Ausstattungswelten durch akribisch abgestimmte Farbgebung, Popsongs und einen liebevollen, ans Animistische grenzenden Umgang mit Gegenständen. Diese Schutzräume und Refugien baut Anderson für Figuren, die durch verkorkste Familien- und Liebesgeschichten, Macken und Neurosen zusammengeschmiedet sind. Stets behandelt er seine kleinen Menagerien und Exzentrikerversammlungen mit Umsicht, Aufmerksamkeit und großer Zärtlichkeit.

Wie alle Anderson-Helden schleppen auch die Hauptfiguren von The Darjeeling Limited allerlei sichtbares und unsichtbares Gepäck mit sich. Von Anfang an ziehen ihre riesigen, mit Palmen und Affen bedruckten Lederkoffer unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die luxuriösen Monstren sind ein gutes Beispiel dafür, dass eine Metapher bei Anderson zunächst einmal schön anzusehen ist. The Darjeeling Limited handelt von drei Brüdern, die sich ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters auf eine spirituelle Reise durch Indien begeben. Adrien Brody, Owen Wilson und Jason Schwartzman (er ist neben Anderson und Roman Coppola auch Koautor des Films) spielen diese drei mannhaften Jungs oder jungenhaften Männer, die zunächst wenig mehr zu verbinden scheint als ihre Vorliebe für exzentrische Kleidung und ein Leben in unterschiedlichen Verzweiflungsgraden. Jack (Jason Schwartzman), der jüngste und kleinste, trägt seine Anzüge barfuß. Er trauert seiner letzten Liebe hinterher, schreibt selbsttherapeutische Kurzgeschichten und sorgt mit seiner iPod-Anlage für den atmosphärischen Sound der Reise. Peter (Adrien Brody) versteckt sich hinter Sonnenbrillen und fürchtet sich vor dem Vaterwerden. Francis (Owen Wilson), der Älteste, hat einen notdürftig als Motorradunfall getarnten Selbstmordversuch hinter sich und trägt seinen Kopfverband wie einen Turban der Schmerzen. Außerdem versucht er sich als spiritueller Reiseleiter und Lebensberater seiner Brüder. Auf ihrer Zugfahrt durch die indische Landschaft begegnen die Brüder schönen Frauen, giftigen Schlangen und den Mustern ihrer Kindheit. Dazu schlucken sie in Mengen Antidepressiva, interessante Pillen und opiathaltige Hustensäfte.

Das Angenehme – und eben auch Adoleszente – an Wes Andersons Filmen ist, dass sie auf vielen Ebenen funktionieren und sich auf emphatische Weise für keine entscheiden mögen. The Darjeeling Limited ist Vatersuche, Familientherapie, Generationenbild, spirituelles Zeitgeistgemälde und Roadmovie über die recht verbreitete Art, die Welt zu bereisen, ohne sie zu sehen.

Auf den ersten Blick geht es um unterdrückte Trauer und den Versuch der drei Brüder, die Erinnerung an eine zwiespältige Vaterfigur in die Gegenwart zu retten. In einem surrealen Kurzauftritt zu Beginn erscheint Bill Murray als Symbolvater, der mit einem der Söhne dem losfahrenden Zug hinterher läuft. Während die beiden in Zeitlupe über den Bahnsteig hechten, erklingt This Time Tomorrow von den Kinks: »I’ll leave the sun behind me / And I’ll watch the clouds as they sadly pass me by«. Der Junge erwischt den letzten Waggon, der Alte nicht. Mit dem schneller werdenden Zug begibt sich die Kamera auf Reisen, während in der Ferne Bill Murrays zerknautschtes Gesicht verschwindet. Die Melancholie der Szene wird den Film begleiten.

Am Ende rennen die drei Brüder noch einmal einem Zug hinterher. Sie erreichen ihn nur, indem sie in letzter Sekunde ihre Lederkoffer auf den Bahnsteig werfen. Zusammen ergeben die beiden Bahnhofszenen eine Klammer. Und die einfache, aber eben auch wichtige Erkenntnis, dass man sich eine Geschichte nur vergegenwärtigen kann, indem man sie zurücklässt.

Der Weg zu dieser Erkenntnis führt in The Darjeeling Limited über eine schier unglaubliche Aneinanderreihung spiritueller Rituale. Mit zärtlich-ironischem Blick auf die westlichen Sinnsucher entwickelt Andersons Film einen eigenen Erzählrhythmus aus dem Anzünden von Räucherstäbchen, dem Klingeln winziger Glöckchen, dem Niederknien und Händefalten, dem Inhalieren von Blütenblätterdämpfen, Schreinbesuchen, Bet- und Meditationssitzungen, Guru-Audienzen und seltsamen Pfauenfederritualen. Und doch ist Indien auf diesem Trip nicht einfach ein Lifestylesupermarkt für andächtige Eso-Touristen. Wes Anderson liebt seine spätpubertären Brüder viel zu sehr, um ihnen nicht ihren eigenen, mit allem Ernst erzählten Entwicklungsroman zu gönnen. Dass man sich nicht ewig in einem fahrenden Jugendzimmer vor dem Leben verstecken kann, deutet sich schon an, als sich der Zug auf offener Strecke »verfährt«. Der erzwungene Halt in der indischen Pampa bringt die drei zum ersten Mal in Kontakt mit einer Landschaft, die sie zuvor nur als pittoresken Fensterfilm an sich vorbeiziehen ließen.

Das Jugendzimmer öffnet sich: Jack, Peter und Francis werden in einen fatalen Unfall verwickelt. Ein kleiner Junge ertrinkt in einem Fluss. Im Heimatdorf des Kindes nehmen sie an einer weiteren Serie von Ritualen teil – die aber durchaus ihren Sinn haben. Diese Szenen, in denen Anderson aus Jean Renoirs 1951 ebenfalls in Indien gedrehtem Film Der Strom zitiert, sind das Herz von Darjeeling Limited. Bei Renoir öffnet sich aus den Aufnahmen des Wassers, der Bäume und Pflanzen eine tiefe Spiritualität: Demut gegenüber einer Landschaft und der eigenen Vergänglichkeit. Bei Renoir stirbt ebenfalls ein kleiner Junge, doch der Film bettet seinen Tod ein in den Fluss des Lebens, den die Kamera fortwährend entdeckt. Und mit Renoirs weiser Rückendeckung kann auch in The Darjeeling Limited alles zusammenfließen: ein indisches Dorf und eine New Yorker Familie, vergangene und gegenwärtige Verluste, eine ländliche Begräbnisprozession und das pathetische Zitat des Abbey Road- Plattencovers von den Beatles. Über den Umweg der Film- und Popgeschichte können sich die drei Helden schließlich den Todes- und Verlusterfahrungen stellen, denen sie zuvor auf recht komfortable Weise davonfuhren.