Religion Gott lässt uns wählen

Es ist eine Legende, dass Religion kriegerisch und autoritär sein müsse. Eine Entgegnung auf Ulrich Beck

In den sozialwissenschaftlichen und philosophischen Diskussionen ist gegenwärtig von einem Irrtum über den nur vermeintlich humanen Charakter der Religion zu hören. Der Herr sei kein Hirte, die Schöpfungsidee beruhe auf einer Gotteswahn-Vorstellung, der eifernde Gott stifte Gläubige zum Kampf an. In diesen Chor hat nun auch Ulrich Beck eingestimmt: Gott, genauer der Gott der monotheistischen Offenbarungsreligionen, sei gefährlich, schreibt er in der ZEIT .

Wer wollte bestreiten, dass trotz der Friedlichkeit, die die meisten Religionsvertreter ihren Religionen zuschreiben, zahllose Gewaltakte im Namen Gottes geführt worden sind und geführt werden? Der Glaube kann Berge versetzen, heißt es, um die positive Kraft zu beschreiben, die der Mensch aus dem Glauben ziehen kann. Diese Kraft kann sich aber auch ins Negative wenden und zu zerstörerischen, ja mörderischen Taten motivieren. Aber ist dies eine Folge des absoluten Wahrheitsanspruchs, der von den weltgesellschaftlich wirksamsten Religionen, dem Christentum und dem Islam, aufgestellt wird und auf Geltung drängt, wie Ulrich Beck meint?

Mit Blick auf die Geschichte des Christentums – die Inquisition, die Kreuzzüge, die oft gewalttätige Mission – und auch angesichts der keineswegs besseren Bilanz des Islams erscheint die Antwort naheliegend. Aber durch die Religion inhaltlich gerechtfertigt ist der Zwang zum Glauben nicht. Sowohl die Bibel als auch der Koran haben den Grundsatz, dass sich ein wahrhaftiger Glaube nicht erzwingen lasse, sondern auf einer freien Entscheidung zugunsten der Wahrheit Gottes beruhe. In den Religionen der Gottesoffenbarung wird der Mensch als ein Subjekt vorgestellt, das zu einer freien Gewissensentscheidung berufen ist.

Dies ist schon das Thema der Paradiesgeschichte, in der Eva sich aufgrund einer eigenen Entscheidung entschließt, die Frucht vom Baum der Erkenntnis zu essen. Als Ebenbild Gottes hat der Mensch Anteil an den göttlichen Fähigkeiten des Erkennens, Bewertens und Entscheidens. Aber diese Fähigkeiten führen nicht automatisch zu »guten« Entscheidungen. Im Gegenteil, Eva entschließt sich ja nach dem Gespräch mit der Schlange, das göttliche Gebot zu übertreten. Es wäre eine sehr verengte Sichtweise, in der Religion nur das orthodoxe Moment zu sehen und nicht das paradoxe, wonach es neben dem Gottesrecht auch die freie Entscheidung gibt, dieses anzunehmen – oder zu verwerfen.

Hier die Herrschaft, dort das Heil

Gleichwohl hat es im Christentum eine unfassbar lange Zeit gebraucht, bis sich die christlichen Würdenträger zu dieser Wahrheit durchgerungen haben: dass um der inneren Freiheit willen ein Zustand äußerer Freiheit notwendig ist, der von einer irdischen Macht garantiert werden muss. Mit der äußeren Freiheit ist das Recht gemeint, einen Glauben zu haben, nicht zu haben, abzulegen oder zu wechseln. Eine umfassende Religionsfreiheit in diesem Sinne kann es nur in einer politischen Ordnung geben, die religiös und weltanschaulich neutral ist. In dieser Ordnung sind irdische Herrschaft und jenseitiges Heil getrennt. Weder erfüllt die irdische Herrschaft eine Funktion für die Erlangung des ewigen Heils, noch vermag die Religion den irdischen Herrschern einen Glanz göttlicher Weihen zu verleihen. Auch darf die weltliche Herrschaft nicht eine Religion der anderen vorziehen. Europa hat diese religionspolitische Ordnung vor dem Hintergrund einer jahrtausendelangen Erfahrung hervorgebracht, in der um die rechte Zuordnung der weltlichen und der transzendenten Sphäre gerungen wurde. Diese Erfahrung einer grundlegenden Gewaltenteilung ist allerdings eine westliche. Im orthodoxen Christentum hat es eine solche Entwicklung in dieser Form nicht gegeben, und mehr noch stellt sich die Sache im Islam anders dar. Aber deswegen muss der westliche Weg zur Trennung von Religion und politischer Ordnung nicht der einzig mögliche sein.

Trennung bedeutet nicht Verdrängung. Es gibt keinerlei Hinweise, dass Gesellschaften, in denen Religion verdrängt wird, friedvoller wären. Gewalt ist etwas, was zum Menschen gehört. Nicht die Religion hat den Nationalstaat zu der Brutalität entfesselt, die in den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts wütete, sondern die jeweiligen säkularen Heilserwartungen, die im Nationalsozialismus und im Kommunismus behauptet wurden. Auch mit irdischen Heilsversprechen kann der fundamentalistische Furor entfacht werden. Der größte Zivilisationsbruch, den die Menschheit kennt, ist von einer Ideologie ausgegangen, die planmäßig und mit modernen Arbeitstechniken einer Gruppe von Menschen das Menschsein abgesprochen hat und sie zu vernichten suchte. Seine politischen Führer blickten nicht in den kritischen Spiegel einer Gerechtigkeitsidee, die über das staatliche Recht hinausweist. Sie haben sich angemaßt, zu entscheiden, wer und mit welchen Rechten Mensch ist.

Der Gekreuzigte bewahrt in der Erniedrigung seine Würde

Menschenwürde und Menschenrechten wohnt ein Geltungsanspruch inne, der nicht erst durch den staatlichen Willen begründet wird. Die Idee einer dem Menschen als Menschen zukommenden personalen Würde begründet sich in seinem Vermögen, Entscheidungen zu treffen, die er vor seinem Gewissen zu rechtfertigen vermag. Wie immer man nun diese Fähigkeit moralischen Urteilens begründen mag, ob mit der transzendenten Idee der Gottebenbildlichkeit wie im biblischen Verständnis oder im Kantschen Sinne mit einer transzendentalen Vernunftnatur, die es dem Menschen erlaubt, von seinen eigenen Interessen zu abstrahieren – in jedem Fall handelt es sich um eine unbedingte Würde, die ebenso wenig wie die aus ihr abzuleitenden Rechte verlierbar ist.

In der Gestalt des gekreuzigten Gottessohnes verdichtet sich die Vorstellung einer unverlierbaren Würde. In der Zurschaustellung des qualvollen Todes mit dem Ziel der absoluten Erniedrigung des Menschen bewahrt der Gekreuzigte trotz der äußeren Umstände doch seine innere Würde. Dass die Würde in diesem Sinne unantastbar ist, diese Erkenntnis hat ihren geistesgeschichtlichen Ursprung im Zentrum der christlichen Überlieferung. Das Prinzip der Unantastbarkeit der Menschenwürde hat sich in positivrechtlicher Gestalt nicht nur im Grundgesetz, sondern auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte niedergeschlagen. In einigen politischen Dokumenten kommt explizit eine religiöse Tradition zum Ausdruck, besonders eindrucksvoll in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten: »Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht: dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden…« Unter der Bedingung des Pluralismus gibt es selbstverständlich unterschiedliche Begründungszugänge, die gleichermaßen Legitimität beanspruchen können, religiöser wie philosophischer Natur – aber zu behaupten, Religion sei gewissermaßen die Vernichterin der Idee einer gleichen Würde, ist historisch wie systematisch absurd.

Eine weitere These von Ulrich Beck ist ebensowenig plausibel. Es ist nicht ersichtlich, wieso Religionen nur dann zu interreligiöser Toleranz fähig sein sollten, wenn ihr Ziel nicht Wahrheit, sondern Frieden hieße. Ein global geführter Dialog über Grundfragen menschlicher Existenz und über das Zusammenleben in der Weltgesellschaft soll also dann nicht zum irdischen Frieden führen können, wenn seine Beteiligten auf der Wahrheit ihrer Position bestehen.

Aber es kommt nicht darauf an, ob Gläubige eine exklusive Sichtweise vertreten, wonach nur die eigene Religion zum Heil führen kann, oder eine pluralistische, wonach alle Wege zu Gott und zur Ewigkeit gleich gültig sind – sondern es kommt auf den Einsatz der Mittel an. Nicht die Mission für den als wahr erkannten Weg zum Heil an sich ist ein Problem; sie wird es erst, wenn dabei Zwang verwendet wird. Wenn die aus der Binnenperspektive der Gläubigen jeweils gültige Wahrheit friedvoll angeboten wird, muss Wahrheit nicht durch Frieden ersetzt werden. Ohnehin kann die Suche nach Wahrheit nicht durch einen Willensbeschluss aus der Welt geschafft werden. Und ebensowenig durch die postmoderne »Wahrheit«, dass es keine Wahrheit gebe.

Man muss den Fanatikern die Rechtgläubigkeit absprechen

Gewiss: die Nachrichtenlage ist in der Regel vom Unfrieden zwischen den Anhängern unterschiedlicher Religionen geprägt. Aber die Religion selbst kann nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass die mit ihr freigesetzten Energien destruktiv, gar tötend eingesetzt werden. Dieser Umstand verlangt freilich auch eine nicht nachlassende Anstrengung durch die Autoritäten in den Religionsgemeinschaften, den gewalttätigen und gewaltbereiten Fanatikern ihre Rechtgläubigkeit abzusprechen.

Was allerdings über dem sprengenden, gefahrvollen Potenzial der Religion nicht aus dem Blickfeld geraten darf, ist ihre Kraft, Zusammenhalt zu stiften. Auch die Integration der Weltgesellschaft ist auf Quellen angewiesen, aus denen sich die Solidarbereitschaft ihrer Mitglieder schöpft. Eine dieser Quellen ist die Religion. In ihren ethischen Prinzipien weisen die Weltreligionen einen gemeinsamen Kern auf. Der interreligiöse Konsens enthält die Anerkennung des Anderen als gleichberechtigt, den Schutz der Schwachen, die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen, das Prinzip der Friedlichkeit und Toleranz im globalen Miteinander – und vor allem das Bewusstsein, dass wir eine Menschheit bilden, deren Angehörige füreinander verantwortlich sind. Dass es gerade heute angesichts der weltumspannenden Abhängigkeiten eines solchen Gefühls der Gemeinschaftlichkeit bedarf und dass die Religionsgemeinschaften ihre Verantwortung dafür wahrnehmen, dieses Gefühl zu befördern, zeigt die Erklärung des »Parlaments der Weltreligionen«, in der die hier genannten ethischen Prinzipien festgehalten sind. Es zeigt sich auch in dem transnationalen Engagement vieler zivilgesellschaftlich aktiver Frauen und Männer, die sich ihren Mitmenschen verpflichtet fühlen und deren Motivation oftmals religiös fundiert ist.

Die Gegenwart zeigt also ein ambivalentes Bild. Gewiss kann die Religion für partikulare Zwecke instrumentalisiert werden und Konflikte anheizen. Aber zugleich stellt die Religion selbst die Hoffnung dar, dass der Mensch seiner Gefährdung nicht erliegt.

Tine Stein arbeitet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. 2007 erschien von ihr das Buch »Himmlische Quellen und irdisches Recht. Religiöse Voraussetzungen des freiheitlichen Verfassungsstaates« im Campus-Verlag

 
Leser-Kommentare
    • howdy
    • 25.01.2008 um 7:09 Uhr
    1. KARMI

    KARMI sagt howdy
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    Die Autorin argumentiert teilweise unrichtig. Der Islam laesst eine Wahl Gottes nicht zu. Der Austritt aus dieser Religion wird per Scharia mit Tod bestraft. Im uebrigen ist es eine Sache, Religion philosophisch ueberhoeht zu interpretieren und eine andere, die tatsaechliche Situation im Kampf um religioese Vormacht zu sehen. Es hilft nicht, anzunehmen dass es auch tolerante Glaeubige gibt, wenn zur gleichen Zeit von Rom behauptet wird, die einzig wahre Religion zu vertreten, und wenn der Islam sich traditionell verpflichtet sieht, den Rest der Welt mit Schwertern zu bekehren. Tatsache ist, ohne Religion ware die Welt eine bessere.

  1. Zitat aud em Artikel
     
    "...als auch der Koran haben den Grundsatz, dass sich ein wahrhaftiger Glaube nicht erzwingen lasse, sondern auf einer freien Entscheidung zugunsten der Wahrheit Gottes beruhe."
     
    Wo hat der/die Verasser/in denn diese Weisheit her? Der Koran sagt gerade das glatte Gegenteil. Wenn nur die Mekka-Suren als zugrundegelegt werden, könnte man auf obige Aussage kommen. Da aber nach herrschender Lehre die Medina-Suren bei Widersprüchlichkeit die Mekka-Suren aufheben, ist die Aussage des obigen Zitats schlicht und einfach falsch.
     
     Im Islam Haus des Islam wird die Wahl des Glaubens keineswegs dem Subjekt als freie Entscheidung überlassen. Vielmehr haben die Schutzbefohlenen, sprich die Schriftverfälscher die Wahl zwischen Schutzgeld und Konversion, der Polytheist, Atheist und Agnostiker die Wahl zwischen Konversion und Tod und der Moslem hat keine Wahl, er darf nicht konvertieren.

  2. Zitat aus dem Artikel:
     
    "Gewiss: die Nachrichtenlage ist in der Regel vom Unfrieden zwischen den Anhängern unterschiedlicher Religionen geprägt. Aber die Religion selbst kann nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass die mit ihr freigesetzten Energien destruktiv, gar tötend eingesetzt werden."
     
    Dieses Zitat halte ich für gedankenlos bis verantwortungslos. Bibel-, Koran- und Hadithlesen kann helfen. Ebenso kann helfen über die gescheiterte gewaltsame Einführung des Monotheismus durch Echnaton und Nofrete etwa 1300 vor Christus zu lesen.

    • Anonym
    • 12.03.2008 um 16:09 Uhr

    sprechet:Tatsache ist, ohne Religion waere die Welt eine bessere.Massenmörder wie Hitler, Mao, Stalin, Pol Pot und Kim Ir Sen waren areligiöse Menschen. Konfessionfrei.

  3. Es gibt keinen persoenlichen, aktiven, gestalterischen Gott. Die Naturwissenschaften schliessen das aus.
    Religionen sind gefaehrlich, weil sie eschatologisch sind. Religiositaet ist teilweise angeboren, stellt aber auch eine durch kulturelle Evolution bedingte Transformation ererbter archaischger mentaler Module dar, was ihre ubiquitaere Verbreitung in den unterschiedlichsten Kulturkreisen erklaert.
    Religiositaet mag durchaus in der Vergangenheit evolutionaere Vorteile gehabt haben - d.h. nicht, dass Religiositaet nicht irgenwann maladaptiv werden koennte. Religionen sind heutzutage gefaehrlicher und kontraproduktiverv denn je.
    Man kann die Probleme des 21. Jahrhunderts nicht mit den mentalen Werkzeugen der Steinzeit loesen. 
    Ich bin solche Artikel wie den hier vorliegenden wirklich leid. Warum verschwenden Menschen nur ihre wertvolle Lebenszeit mit der Erstellung solchen Bloedsinns?  

    • lamalo
    • 12.03.2008 um 16:45 Uhr

    areligioes waren stimmt so nicht. Von Hitler ist in dieser Hinsicht nichts Genaues bewiesen, Stalin sollte nach dem Wunsch seiner Mutter Priester werden. Es ist jedoch nebensaechlich, weil die Schandtaten nicht im Namen eines Atheismus begangen wurden. Jedoch gibt es eine Unzahl von Verbrechen, die im Namen einer Religion begangen wurden. Toleranz ist eher im Unglauben daheim als in einer Religion.
    Den Ausfuehrungen von Albert ist nichts hinzuzufuegen, besser kann man es nicht auf den Nenner bringen!

  4. Mehr wird eigentlich nicht gebraucht.

  5. Ich bitte um juristischen Rat.

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