Jane Birkin "Meine sexuelle Revolution"

Für den Skandalfilm "Blow Up" zog sie sich aus. Sie stöhnte das Liebeslied "Je t’aime". Jane Birkin war das Sexsymbol der 68er. Heute sagt sie: Ich war nur eine Puppe. Die Schauspielerin über ihre Befreiung, die 40 Jahre lang gedauert hat

Sie wohnt im Quartier Saint-Germain-des-Prés, dem Lieblingsviertel der Pariser Intellektuellen. Ihre Wohnung liegt im Hinterhaus, »JMB« steht an der Klingel. Ihr Wohnzimmer ist mit dunkelroter Stofftapete ausgekleidet, drei alte Samtcanapés stehen herum, an den Wänden hängen Familienfotos, es müssen fast hundert sein, auf dem Couchtisch liegen die Tageszeitung Le monde , CD-Rohlinge und Notizen für ein neues Lied, das sie gerade schreibt. Es riecht nach Räucherstäbchen. In einem Korb schläft eine dicke Katze. Ihre Bulldogge Dora kommt hereingeächzt, legt sich auf den Rücken und beginnt zu schnarchen. Jane Birkin trägt Chucks, wie in ihrem Film »Je t’aime«, eine olivefarbene Baggy-Hose und einen grauen Pullover. Sie ist sehr schmal, die Haare sind kurz und verwuschelt. Sie ist ungeschminkt, trägt eine feine Metallbrille. Insgesamt wirkt sie so, als hätte sie keine fünf Minuten gebraucht, um sich fertigzumachen. Sie hat grünen Tee aufgebrüht, gießt allen ein, stützt ihren rechten Arm mit dem linken. »Puh, ist das schwer«, stöhnt sie.

Madame Birkin, im Flugzeug haben wir einen Mann getroffen, der ein großer Fan von Ihnen und Serge Gainsbourg ist. Ein russischer Jude, der jetzt in den USA lebt. Wir sollen Sie grüßen.

Ah, das ist nett. War er schön?

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Es ging.

(Sie lacht)

Warum fragen Sie das? Ist es wichtig für Sie, dass ein Mann schön ist?

Nein, das interessiert mich nicht unbedingt. Ich glaube, ich habe da auch nicht dieselben Maßstäbe wie andere Leute. Aber Serge war ja auch russisch-jüdisch. Deshalb fangen da bei mir gleich alle Lampen an zu leuchten. Ich denke: Ach sieh an, vielleicht noch so einer.

Was meinen Sie damit? Einen bestimmten Typ Mann, vielleicht auch ein bisschen Macho?

Nein, überhaupt nicht, ich meine eher einen melancholischen Typ, einen sehr witzigen – so sind alle Völker, die gezwungenermaßen viel unterwegs waren. Ich finde, Humor und die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, sind am Ende das Wichtigste, was man hat. Nehmen Sie Charlie Chaplin oder Woody Allen, die stehen für diese Tradition des Anekdotenerzählens und des Humors.

Sie meinen, dass man lacht, selbst wenn es keinen Grund zum Lachen gibt?

Ja, genau. Das war das Credo von Serge: Es ist besser, aus Angst zu lachen, als zu weinen. Und da ist viel dran.

1969 sind Sie mit Serge Gainsbourg zusammen durch den Song »Je t’aime … moi non plus« mit einem Schlag berühmt geworden. Es war so etwas wie ein gesungener Liebesakt, ein Skandal. Der Papst hat das Lied verboten, in vielen Ländern durfte es nicht gespielt werden. Gainsbourg und Sie waren dann 13 Jahre lang ein Paar, Sie haben eine gemeinsame Tochter, Charlotte. 1991 starb er, aber Sie gehen immer noch auf Tournee mit seinen Liedern. Wie oft denken Sie eigentlich an ihn?

Zwanzig Mal am Tag. Weil man mich dauernd an ihn erinnert.

Das klingt jetzt ein bisschen harsch.

So ist es nicht gemeint. Aber ich werde so oft nach ihm gefragt, dass ich gar nicht mehr dazu komme, von selbst an ihn zu denken.

Entschuldigen Sie, wenn wir das so offen sagen, aber Gainsbourg war nicht unbedingt ein schöner Mann im klassischen Sinn. Was finden Sie attraktiv an einem Mann?

Ich finde kluge Männer sehr attraktiv, Dirigenten, Komponisten, Forscher. Auf BBC schaue ich mir sehr gern die Filme von David Attenborough an (sie deutet auf ihren Breitbildfernseher, der im Wohnzimmer steht), der Mann weiß so viel über Fledermäuse in ihren Höhlen. Das finde ich toll. Ich habe auch einmal einen Film über Bernstein bei der Arbeit mit seinem Orchester gesehen, diese Intensität, diese Begeisterung, das war großartig. Ein bisschen wie Patrice Chéreau, der Filmregisseur. Wenn der seine Schauspieler dirigiert, dieser Moment der Kreativität, des Schaffens, das ist toll. Und dann gibt es noch diesen Italiener… (Sie wendet sich an ihren Assistenten, der im Nebenzimmer arbeitet) Christophe, wie heißt noch gleich dieser italienische Dirigent, den ich so schön fand im Fernsehen? Es fällt mir nicht mehr ein.

Es ist also die Intensität eines Menschen, die Sie fasziniert?

Ja, und die haben nicht nur junge Menschen. Das ist nichts gegen junge Menschen. Aber ich liebe es, ältere Menschen anzusehen. Ihre Gesichter sind wie Landschaften, ich bewundere diese Falten und Furchen, die sich wie Flüsse im Laufe der Zeit eingegraben haben.

Leser-Kommentare
    • hagego
    • 04.01.2008 um 22:59 Uhr

    Die Faszination eines Films ("Blow Up"), eines Chansons ("Je t'aime") oder eines Theaterstückes (um ein ganz anderes Beispiel zu nennen: "Der Stellvertreter") hinterlässt  in der Zeit des Entstehens zumeist einen sehr viel intensiveren Eindruck, als wenn man, bleiben wir mal beim Film, diesen Streifen Jahre später oder Jahrzehnte später nochmals sieht. Aber jetzt kommt das Merkwürdige, das Denkwürdige: Diese These gilt nicht für die ganz großen und wichtigen Filme. "Blow Up" ist hierfür ein sehr markantes Beispiel.Würde man versuchen, die Geschichte des Films sozusagen chronologisch wiederzugeben, wäre das mit Schwierigkeiten verbunden. Geht es wirklich nur um den Mord, den ein zufällig anwesender Fotograf (hervorragend: David Hemmings) mit der Kamera aufnimmt? Geht es um die Politisierung der Jugend, der Studenten? Geht es um die sexuelle Befreiung aus den Klauen der Tradition? Oder geht es gar um neue stilistische Möglichkeiten, einen Film in zeitgemäßere Formen zu gießen? Oder geht es Ende der 60er Jahre um Sex, Auflehnung und den "Duft der Individualität"? Viele Fragen. Pauschal sind sie gar nicht zu beantworten. Der Film wirft - in Ansätzen - dem Publikum ein paar Antworten in die Ränge. Aber die Bedeutung des Films "Blow Up" ergibt sich eben nicht aus eventuellen Antworten, sondern aus den Fragen, die einerseits der Film, andererseits das Publikum, stellen.Und Jane Birkin hatte das Glück, durch ihre juvenile Darstellung, diesem Film auch ein wenig ihren Stempel aufzudrücken. Vielleicht spürt man dies sogar jetzt, 40 Jahre nach dem Entstehen, deutlicher als damals.Mit "Blow Up" ist Michelangelo Antonioni 1966 ein weit über seine Zeit hinaus ragender Film geglückt.

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