Jane Birkin "Meine sexuelle Revolution"
Für den Skandalfilm "Blow Up" zog sie sich aus. Sie stöhnte das Liebeslied "Je t’aime". Jane Birkin war das Sexsymbol der 68er. Heute sagt sie: Ich war nur eine Puppe. Die Schauspielerin über ihre Befreiung, die 40 Jahre lang gedauert hat
Sie wohnt im Quartier Saint-Germain-des-Prés, dem Lieblingsviertel der Pariser Intellektuellen. Ihre Wohnung liegt im Hinterhaus, »JMB« steht an der Klingel. Ihr Wohnzimmer ist mit dunkelroter Stofftapete ausgekleidet, drei alte Samtcanapés stehen herum, an den Wänden hängen Familienfotos, es müssen fast hundert sein, auf dem Couchtisch liegen die Tageszeitung Le monde , CD-Rohlinge und Notizen für ein neues Lied, das sie gerade schreibt. Es riecht nach Räucherstäbchen. In einem Korb schläft eine dicke Katze. Ihre Bulldogge Dora kommt hereingeächzt, legt sich auf den Rücken und beginnt zu schnarchen. Jane Birkin trägt Chucks, wie in ihrem Film »Je t’aime«, eine olivefarbene Baggy-Hose und einen grauen Pullover. Sie ist sehr schmal, die Haare sind kurz und verwuschelt. Sie ist ungeschminkt, trägt eine feine Metallbrille. Insgesamt wirkt sie so, als hätte sie keine fünf Minuten gebraucht, um sich fertigzumachen. Sie hat grünen Tee aufgebrüht, gießt allen ein, stützt ihren rechten Arm mit dem linken. »Puh, ist das schwer«, stöhnt sie.
Madame Birkin, im Flugzeug haben wir einen Mann getroffen, der ein großer Fan von Ihnen und Serge Gainsbourg ist. Ein russischer Jude, der jetzt in den USA lebt. Wir sollen Sie grüßen.
Ah, das ist nett. War er schön?
Es ging.
(Sie lacht)
Warum fragen Sie das? Ist es wichtig für Sie, dass ein Mann schön ist?
Nein, das interessiert mich nicht unbedingt. Ich glaube, ich habe da auch nicht dieselben Maßstäbe wie andere Leute. Aber Serge war ja auch russisch-jüdisch. Deshalb fangen da bei mir gleich alle Lampen an zu leuchten. Ich denke: Ach sieh an, vielleicht noch so einer.
Was meinen Sie damit? Einen bestimmten Typ Mann, vielleicht auch ein bisschen Macho?
Nein, überhaupt nicht, ich meine eher einen melancholischen Typ, einen sehr witzigen – so sind alle Völker, die gezwungenermaßen viel unterwegs waren. Ich finde, Humor und die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, sind am Ende das Wichtigste, was man hat. Nehmen Sie Charlie Chaplin oder Woody Allen, die stehen für diese Tradition des Anekdotenerzählens und des Humors.
Sie meinen, dass man lacht, selbst wenn es keinen Grund zum Lachen gibt?
Ja, genau. Das war das Credo von Serge: Es ist besser, aus Angst zu lachen, als zu weinen. Und da ist viel dran.
1969 sind Sie mit Serge Gainsbourg zusammen durch den Song »Je t’aime … moi non plus« mit einem Schlag berühmt geworden. Es war so etwas wie ein gesungener Liebesakt, ein Skandal. Der Papst hat das Lied verboten, in vielen Ländern durfte es nicht gespielt werden. Gainsbourg und Sie waren dann 13 Jahre lang ein Paar, Sie haben eine gemeinsame Tochter, Charlotte. 1991 starb er, aber Sie gehen immer noch auf Tournee mit seinen Liedern. Wie oft denken Sie eigentlich an ihn?
Zwanzig Mal am Tag. Weil man mich dauernd an ihn erinnert.
Das klingt jetzt ein bisschen harsch.
So ist es nicht gemeint. Aber ich werde so oft nach ihm gefragt, dass ich gar nicht mehr dazu komme, von selbst an ihn zu denken.
Entschuldigen Sie, wenn wir das so offen sagen, aber Gainsbourg war nicht unbedingt ein schöner Mann im klassischen Sinn. Was finden Sie attraktiv an einem Mann?
Ich finde kluge Männer sehr attraktiv, Dirigenten, Komponisten, Forscher. Auf BBC schaue ich mir sehr gern die Filme von David Attenborough an (sie deutet auf ihren Breitbildfernseher, der im Wohnzimmer steht), der Mann weiß so viel über Fledermäuse in ihren Höhlen. Das finde ich toll. Ich habe auch einmal einen Film über Bernstein bei der Arbeit mit seinem Orchester gesehen, diese Intensität, diese Begeisterung, das war großartig. Ein bisschen wie Patrice Chéreau, der Filmregisseur. Wenn der seine Schauspieler dirigiert, dieser Moment der Kreativität, des Schaffens, das ist toll. Und dann gibt es noch diesen Italiener… (Sie wendet sich an ihren Assistenten, der im Nebenzimmer arbeitet) Christophe, wie heißt noch gleich dieser italienische Dirigent, den ich so schön fand im Fernsehen? Es fällt mir nicht mehr ein.
Es ist also die Intensität eines Menschen, die Sie fasziniert?
Ja, und die haben nicht nur junge Menschen. Das ist nichts gegen junge Menschen. Aber ich liebe es, ältere Menschen anzusehen. Ihre Gesichter sind wie Landschaften, ich bewundere diese Falten und Furchen, die sich wie Flüsse im Laufe der Zeit eingegraben haben.
Serge war Russe, Sie sind Engländerin. Aber trotzdem waren Sie das französische Traumpaar, der große Chansonnier und die verführerische junge Frau.
Ich habe die Franzosen von Anfang an geliebt, deshalb hatte ich es leicht. Wenn sie aber arrogant auftreten, wie Amerikaner das oft tun, dann sind die Franzosen Meister darin, einem den Rücken zuzudrehen, so zu tun, als sei man nicht da. Leider ist Frankreich im Moment in einer schlechten Verfassung, vieles kommt mir gerade sehr machohaft vor. Mehr Polizei, mehr Kontrollen, mehr Leute im Gefängnis, ohne dass die Politiker wirklich nach den Ursachen fragen. Wir hätten schon lange etwas in den Banlieues unternehmen müssen. Warum gibt man den Menschen dort nicht das Gefühl, dass sie wichtig sind?
In Deutschland glaubt man immer, dass die Franzosen besonders frei sind, sehr tolerant. Wie fühlen Sie sich denn, mehr als Französin oder als Engländerin?
Ich lebe hier jetzt schon seit vierzig Jahren, ich kann das gar nicht mehr sagen. Aber als ich nach vielen Jahren einmal wieder in England war, habe ich plötzlich gemerkt, wie ich diese britische Herzlichkeit vermisst hatte. Ich musste erst wieder hinfahren, um zu merken, dass sie mir gefehlt hat. Wenn ich in London mit meiner Bulldogge U-Bahn fahre, sagen die Leute: Einen schönen Tag noch, love. Das war wie ein Flashback, mein Vater sagte immer, dass der Polizist da ist, um mir die Uhrzeit zu sagen und den Weg zu weisen. Aber auch die Briten sind nicht unproblematisch. Meine Tochter Charlotte und ich haben festgestellt, dass wir von den Deutschen viel besser behandelt werden als von den Briten. Die Engländer können einfach nicht anders, sie sind immer sarkastisch.
Warum?
Sie können einfach nicht anders, das ist ein Teil ihrer Natur.
Aber Sie selbst sind doch nicht sarkastisch.
Doch, ich auch. Alle Engländer sind es. Es ist stärker als sie. Das ist wie in der alten Geschichte mit dem Skorpion und dem Frosch. Sie wollen aber sicher nicht, dass ich sie erzähle.
Doch, bitte.
Die beiden sitzen am Fluss, und der Skorpion fragt den Frosch: Kannst du mich mit auf die andere Seite nehmen? Der Frosch sagt: Ich werde dich doch nicht auf meinen Rücken nehmen, du wirst mich stechen. Da sagt der Skorpion: Da wäre ich schön dumm, ich würde schließlich mit dir untergehen. Von diesem vernünftigen Argument überzeugt, nimmt der Frosch den Skorpion auf den Rücken und springt in den Fluss. Auf halber Strecke spürt der Frosch einen Schmerz im Rücken und schreit: Au, warum hast du das getan? Der Skorpion sagt: Ich weiß auch nicht, es ist stärker als ich.
Kennen Sie das auch von sich? Was ist stärker als Sie selbst?
Manchmal gibt es Tage, an denen man sehr sensibel ist, und wenn man dann berührt wird, muss man weinen. Manchmal ging es mir schon beim Friseur so, wenn er fragte: Wollen Sie auch eine kleine Massage? Dann habe ich nein gesagt, weil ich wusste, ich müsste losheulen, wenn er mich jetzt berührte. Oft finde ich den Grund dafür erst später. Das ist, wie wenn man seine Träume erst später versteht. Dann fällt mir ein, ach ja, heute habe ich an einen wichtigen Menschen gedacht, heute habe ich die Straße überquert, wo ich ihn einmal getroffen habe.
Wann werden Sie melancholisch?
Ach, das hat oft ganz profane Gründe, zum Beispiel an so einem verregneten Tag wie heute. Aber eigentlich bin ich Optimistin, auch wenn man so etwas natürlich leichter ausspricht, als dass man es lebt. In schweren Momenten denke ich oft, vielleicht geht der liebe Gott eben gerade sehr geheimnisvolle Wege, um seine Wunder zu tun. Mein Vater hat das immer so gesagt. Heute verstehe ich vielleicht noch nicht, warum alles so zum Verzweifeln ist, aber irgendwann werde ich es verstehen.
Es klingt, als seien Sie religiös.
Nein, überhaupt nicht, es gab eine Phase, da wollte ich es gern sein, als ich zwölf war, das war so eine mystische Phase in meinem Leben, weil ich da im Internat war und weil ich sehr hysterisch war. Ich wollte unbedingt Missionarin werden. Nur weil mich meine Mutter etwas beruhigt hat, bin ich nicht sofort nach Afrika aufgebrochen. Aber ich bereue es manchmal schon. Ich wäre sehr gern Krankenschwester geworden.
Statt Krankenschwester sind Sie zur Ikone der sexuellen Befreiung durch die 68er geworden. Schon vor »Je t’aime« wurde Ihre Nacktszene in Michelangelo Antonionis Film »Blow Up« weltberühmt.
Na ja, das war eher Zufall. Ich bin zu den Studios gegangen, mein Cousin war Carol Reed, der Regisseur, er hat den Dritten Mann mit Orson Welles in der Hauptrolle gedreht. Carol hat gesagt, da wäre so ein Italiener, der hätte was vor. Ich wusste gar nicht, worum es ging. Ich war keine Schauspielerin, ich war einfach ein kleines Mädchen. Aber ich bin hingegangen in einem sehr kurzen Rock. Man sagte mir, ich solle meinen Namen sehr groß auf eine Wand schreiben. Ich habe recht klein angefangen zu schreiben, da haben sie gesagt: Viel größer! Und ich habe größer geschrieben. Dann kam ein Italiener und hat gefragt, warum ich meinen Namen so groß schreiben würde, ob ich dächte, dass ich so den Regisseur beeindrucken könnte? Was für ein Albtraum! Ich habe angefangen zu weinen, ich wollte sofort verschwinden. Aber dann hat mich Antonioni zurückgehalten, hat gesagt: Es ist gut, das ist alles, was ich wissen wollte, ich wollte wissen, ob Sie sensibel sind.
Und wie ging es dann weiter?
Dieser unglaublich elegante Mann gab mir zwei Seiten Manuskript, die ich auswendig lernen sollte. Und er sagte zu mir: Ich muss Sie warnen, Sie sollen komplett nackt spielen. Sie haben eine Nacht, um darüber nachzudenken, aber ich hätte Sie gern. Also bin ich nach Hause gegangen zu meinem ersten Mann, John Barry, dem Komponisten der James-Bond-Musik. Barry hat gelacht, als ich ihm von der Nacktszene erzählte, und sagte: Ausgerechnet du, die alle Lichter ausmacht, wenn du mit mir ins Bett gehst. Das bringst du nie! Und er sagte, das sei schade, weil Antonioni einer der größten Regisseure der Welt sei, was ich gar nicht wusste. Das hat mich so geärgert, dass ich es erst recht gemacht habe.
Und wie liefen die Dreharbeiten?
Antonioni war sehr nett, aber er konnte auch ausflippen, wenn etwas nicht klappte. Er war ein Architekt, in allem sehr genau. Auch als wir nackt waren, sollte man kaum unsere Brüste sehen. Nun, das war bei mir kein Problem, da ich keine hatte. Ich habe mich immer vor der Kamera versteckt, aber mein Filmpartner David Hemmings hat gesagt: Du musst dich vor mir verstecken, nicht vor der Kamera. Ich hatte solche Angst, dass man zwischen meinen Beinen irgendetwas Unschönes sieht.
Und dann kam der Skandal?
Ich war zu schwanger, um mit nach Cannes zu den Filmfestspielen zu fahren. Ich habe meine Mutter in den Film geschickt in die Kings Road, um zu schauen, ob ich eine Dummheit gemacht hatte. Die Schlange vor den Kinos in London war damals endlos. Ich war auch ein bisschen stolz, dass sie sich in die Schlange stellen musste. Und hinterher habe ich sie gefragt. Also was habe ich genau gemacht? Mama sagte: Ach, man sieht nicht mehr als bei Kindern, die im Schwimmbad herumhüpfen, es ist entzückend.
2008 jährt sich 1968 zum vierzigsten Mal. Welche Farbe kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an dieses Jahr denken?
Das war das Jahr, als ich nach Frankreich kam. Kurz vor der Revolution, überall waren die Barrikaden, und überall war dieser Idealismus zu spüren, eine Fülle von Farben, alles war bunt.
War Paris offener als heute?
Ich weiß nicht, ob es offener war, aber es war eine Bewegung für die anderen, es war eine altruistische Bewegung.
Einige 68er waren gar nicht so selbstlos.
Na ja. Es ging auch um die sexuelle Befreiung und all das. Aber ich selbst habe davon wenig profitiert.
Sie wollen allen Ernstes sagen, Sie hätten nichts davon gehabt?
Nein, ich war verheiratet, ich hatte meinen Mann, ich habe John Barry angebetet. Außerdem war ich 1968 schwanger. Was ich im Film gemacht habe, hat nichts mit meinem privaten Leben zu tun. Und nachdem mich John sitzen ließ, bin ich auf Serge gestoßen. Aber einfach war es nicht, weil Serge gerade von Brigitte Bardot verlassen worden war. Wir waren beide sehr unglücklich.
Was hat 68 für Sie bedeutet?
Es war eine kulturelle Revolution – auch eine Bewegung gegen das Geld, das sah man schon an der Mode. Die Miniröcke, die die Mädchen trugen, waren billig und sahen trotzdem super aus. Ich fand das toll, dass auch die Mode nicht mehr nur für die Reichen da war. Dass man plötzlich glaubte, die Leute könnten es auch aus eigener Kraft schaffen, ohne Geld im Rücken.
Waren Sie eine Rebellin?
Nein, überhaupt nicht.
Sie waren wirklich ganz brav?
Ich habe ein Mädcheninternat in England besucht, meine Eltern hatten mir streng verboten, in Clubs zu gehen. Nach Frankreich ging ich nur, um die Sprache zu lernen und Pralinen zu essen. Kaum war ich durch einen Zufall Schauspielerin in einem Musical geworden, war ich auch schon schwanger von dem Komponisten, meinem Mann. Er ging nach Amerika. Und ich habe mit meinem riesigen Bauch auf ihn gewartet. Das war meine sexuelle Revolution.
Sie wurden trotzdem ein Sexsymbol. Haben Sie das genossen?
Manchmal signiere ich heute noch nach einem Konzert das Foto, auf dem ich nackt an eine Heizung gefesselt bin. Ich finde mich darauf sehr schön. Aber tatsächlich gibt es, glaube ich, selbst heute keine Schauspielerin, die so etwas tun würde. Es war Serge, der mich für dieses Foto fesselte. Ich mochte es gar nicht. Ich mochte schon das Lied Je t’aime nicht. Aber ich glaube, für meine Kinder war es schwieriger als für mich. Andererseits mochten mich die Leute ja, ich war ja nie so eine gefährliche Frau wie die Bardot, ich war nicht perfekt, und ich blieb bei meinem Mann. Ich war kein Risiko. Die Bardot schon, sie nahm sich die Männer anderer Frauen.
Sie waren verheiratet und dennoch der Traum der Männer?
Ja, aber es war Serge, der mich so inszeniert hat.
Nachdem Sie Gainsbourg verlassen hatten, sagten Sie: »Ich wollte nicht mehr seine Puppe sein.« Mussten Sie ihn verlassen, um sich zu emanzipieren?
Ja, ich war eine Puppe. Aber so einfach lässt sich die Trennung nicht erklären.
Glauben Sie, dass Ihre Töchter heute emanzipierter sind?
Sie sind jedenfalls überhaupt keine Puppen. Wenn ich mit John Barry geschlafen habe, hatte ich auf dem Nachttisch einen Kajalstift liegen. Ich hatte solche Angst, dass er wach wird und merkt, dass ich gar nicht so große Augen habe. Ich lebte immer in der Angst, ihm zu missfallen. Das war auch das Diktat der Mode. Wir Mädchen mussten alle Augen wie Margeriten haben und lange Haare mit Pony. Es ging überhaupt nicht um Persönlichkeit. Meine Tochter Charlotte trägt überhaupt kein Make-up. Sie lässt sich nichts diktieren. Kate, meine älteste Tochter, hat, als sie gerade mal 20 war, schon als Sozialarbeiterin mit Drogenabhängigen gearbeitet. Und meine dritte Tochter, Lou, hatte mit 20 schon ein Kind. Sie erledigte alles allein, verlangte nichts von dem Mann. Sie ist absolut emanzipiert.
Also sind sie emanzipierter als Sie?
Ja, auch weil sie kultivierter sind.
Ihre Lebensgeschichte kann man aber auch als die Geschichte einer Befreiung von den dominanten Männern, als Geschichte einer Emanzipation lesen? Sie machen jetzt selbst Filme, Sie schreiben Ihre eigenen Chansons.
Ja, aber ich wurde kultiviert durch die Männer. Das machte ihren Charme für mich aus. Sie waren so intelligent, und ich habe mich für so dumm gehalten. Serge hat mich mit seinen Chansons bekannt gemacht, Jacques Doillon, mein dritter Ehemann, hat mit mir ernste Filme gemacht hat, vorher hatte ich nur Puppenrollen. Bei ihm musste ich plötzlich eine nervöse Depressive spielen, mit Michel Piccoli als Vater. Ich musste bis an meine Grenzen gehen. Vorher war ich höchstens auf Filmfestivals, um auf dem Schoß von Jack Nicholson zu sitzen oder mit Serge zu lachen. Ich hatte zehn Jahre lang ein sehr lustiges Leben, es war eine sorglose Zeit mit Serge. Mit Doillon war ich dagegen oft sehr allein, weil er drei Filme im Jahr machte. In dieser Zeit wurde ich wirklich unabhängig. Aber als mich Doillon Anfang der neunziger Jahre verließ, bin ich sehr unglücklich geworden. Serge und mein Vater waren gerade erst gestorben. Ich hatte keinen Rückhalt mehr.
Was haben Sie damals getan, um darüber hinwegzukommen?
Ich bin nach Sarajevo gefahren, mitten im Krieg, für eine Hilfsorganisation.
War das eine Art Therapie?
Genau das war es.
Und heute leben Sie allein?
Seit sechs Jahren lebe ich jetzt allein. Es ist schwer. Da ich Optimistin bin, möchte ich nicht glauben, dass es noch lange so bleiben wird. Ich schreibe meine Lieder, ich habe meine Töchter, und ich habe Dora, meinen Hund, und ich gehe auf Tournee, ich sehe die Welt.
Sie hatten drei Ehemänner, ihre Biografie ist ganz schön kompliziert. Welchen Mann würden Sie gern wiedersehen, wenn es möglich wäre?
Ich fände es sehr schön, wenn ich meinen toten Vater wiedersehen könnte. Mein Vater war mein Held, mein Gott, der lustigste, sarkastischste, moralischste Mann. Er war für mich die absolute Instanz. Nie hätte ich jemanden betrogen oder geschummelt, ich wäre noch nicht einmal mit einem Zweite-Klasse-Ticket in der ersten gefahren. Mein Vater war absoluter Moralist, aber sehr witzig. Erst später habe ich verstanden, wie verletzend das für meine Mutter gewesen ist, dass ich immer nur über ihn sprach. Ich habe meine Mutter erst nach dem Tod meines Vaters entdeckt. Und nachdem meine Mutter gestorben war, war ich viel mit meiner Schwester zusammen. Als meine Mutter starb, saß ich mit meiner Schwester nächtelang an ihrem Bett. In dieser Zeit gab es eine Verbundenheit zwischen uns, so eine ganz enge schwesterliche Solidarität.
Sie haben drei Töchter: Lou, Charlotte und Kate. Ist es für Kate schwierig, dass sie als Einzige keine Schauspielerin ist?
Überhaupt nicht, sie hasst es, fotografiert zu werden, sie steht lieber hinter der Kamera, sie ist Fotografin. Ich durfte sie manchmal fotografieren, aber sie mag es nicht. Sie hat uns alle fotografiert.
Ist sie das auf dem schwarz-weißen Foto, das hier an der Wand hängt?
Ja, da war sie noch jung, da ist es mir mal gelungen, ein Foto von ihr zu machen. Gott sei Dank machen wir alle so unterschiedliche Dinge, dass wir uns nicht ins Gehege kommen. Lou spielt Theater, Charlotte dreht in Amerika, und ich habe meinen eigenen Film gemacht und gehe wieder auf Tournee. Lou und Charlotte sind schon rein äußerlich so unterschiedlich, dass es da auch keinen Wettbewerb gibt. Und weil ich viel älter bin, gibt es zwischen Charlotte und mir sowieso keine Konkurrenz.
Sind Sie trotzdem manchmal eifersüchtig auf Ihre Töchter?
Ich bereue höchstens, dass ich nach meinem ersten Film nicht gleich professionell weitergemacht habe. Weil ich glaube, es gibt einen Augenblick, den man nutzen muss. Mich hat es so viele Jahre gekostet, ich selbst zu sein, unabhängig vom Einfluss anderer oder vom Zeitgeist zu werden. Und irgendwann hat man dann keine Zeit mehr, man ist einfach zu alt. Dann ist es vorbei, für mich ist es mit den Filmen jetzt vorbei.
Bedauern Sie das?
Nein, ich bedaure es nicht, ich habe eine unglaubliche Karriere gemacht für jemanden, der so wenig Interesse daran hatte. Ich wäre vielleicht eines dieser James-Bond-Girls geworden, wenn ich nicht die Männer getroffen hätte, die so viel mehr Ehrgeiz für mich hatten als ich selbst.
Sie sind jetzt 61. Glauben Sie auch, dass ältere Frauen sich heute viel stärker fühlen als Frauen früherer Generationen?
Ich glaube, dass wir alle viel jünger sind. Mit 61 wäre man früher in ein Altenheim gekommen. Man spricht heute ja schon von der Schönheit der 60-Jährigen. Aber letztlich heißt das nicht viel. Ich bin 61 und eine Frau. Damit komme ich auf keine Titelseite mehr. Die Presse tut nichts für uns.
Doch, Sie kommen auf das Cover unseres Magazins.
Dann sind Sie der Champion. Aber im Ernst, ich glaube, dass liegt daran, dass meistens doch immer noch Männer darüber entscheiden, welche Frauen groß in die Zeitung kommen.
Die Frauen haben noch nicht gewonnen?
Nein. Wenn das Älterwerden so super ist, wo sind denn die Beweise? Ich sehe sie nirgends, niemand sagt, wie toll es ist, dass man jetzt faltige Hände hat. Ich glaube, es gibt so einen Moment zwischen 50 und 60, da ist es plötzlich vorbei. Da hört man auf zu kämpfen. Da ist man nicht mehr im Wettbewerb.
Ist das auch eine Entlastung?
Es ist eine großartige Entlastung. Ich sage mir, ich werde jetzt kein Lifting mehr machen, das hätte ich vor zehn Jahren machen können, aber jetzt werde ich mich mit dem durchschlagen, was ich habe. Entweder man liebt mich, so wie ich bin, oder nicht. Voilà, so ist es.
Jane Birkin wurde 1946 in London geboren. Ihre erste Filmrolle als nacktes Mädchen im Film »Blow Up« war 1966 ein Skandal. Ein noch größerer war das Liebeslied »Je t’aime«, das sie wenig später mit ihrem Partner Serge Gainsbourg eher stöhnte als sang. Fortan sang sie und spielte, nach der Trennung von Gainsbourg Anfang der Achtziger, in zunehmend ernsteren Rollen. Seit Kurzem führt sie auch Regie. Jane Birkin hat drei Töchter von drei Männern. Im Februar wird sie in Berlin, Hamburg, Frankfurt und Dortmund singen
Das Gespräch führten Christine Meffert und Matthias Stolz
- Datum 13.08.2009 - 11:20 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03.01.2008 Nr. 02
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Die Faszination eines Films ("Blow Up"), eines Chansons ("Je t'aime") oder eines Theaterstückes (um ein ganz anderes Beispiel zu nennen: "Der Stellvertreter") hinterlässt in der Zeit des Entstehens zumeist einen sehr viel intensiveren Eindruck, als wenn man, bleiben wir mal beim Film, diesen Streifen Jahre später oder Jahrzehnte später nochmals sieht. Aber jetzt kommt das Merkwürdige, das Denkwürdige: Diese These gilt nicht für die ganz großen und wichtigen Filme. "Blow Up" ist hierfür ein sehr markantes Beispiel.Würde man versuchen, die Geschichte des Films sozusagen chronologisch wiederzugeben, wäre das mit Schwierigkeiten verbunden. Geht es wirklich nur um den Mord, den ein zufällig anwesender Fotograf (hervorragend: David Hemmings) mit der Kamera aufnimmt? Geht es um die Politisierung der Jugend, der Studenten? Geht es um die sexuelle Befreiung aus den Klauen der Tradition? Oder geht es gar um neue stilistische Möglichkeiten, einen Film in zeitgemäßere Formen zu gießen? Oder geht es Ende der 60er Jahre um Sex, Auflehnung und den "Duft der Individualität"? Viele Fragen. Pauschal sind sie gar nicht zu beantworten. Der Film wirft - in Ansätzen - dem Publikum ein paar Antworten in die Ränge. Aber die Bedeutung des Films "Blow Up" ergibt sich eben nicht aus eventuellen Antworten, sondern aus den Fragen, die einerseits der Film, andererseits das Publikum, stellen.Und Jane Birkin hatte das Glück, durch ihre juvenile Darstellung, diesem Film auch ein wenig ihren Stempel aufzudrücken. Vielleicht spürt man dies sogar jetzt, 40 Jahre nach dem Entstehen, deutlicher als damals.Mit "Blow Up" ist Michelangelo Antonioni 1966 ein weit über seine Zeit hinaus ragender Film geglückt.
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