Jane Birkin "Meine sexuelle Revolution"Seite 5/5

Ich fände es sehr schön, wenn ich meinen toten Vater wiedersehen könnte. Mein Vater war mein Held, mein Gott, der lustigste, sarkastischste, moralischste Mann. Er war für mich die absolute Instanz. Nie hätte ich jemanden betrogen oder geschummelt, ich wäre noch nicht einmal mit einem Zweite-Klasse-Ticket in der ersten gefahren. Mein Vater war absoluter Moralist, aber sehr witzig. Erst später habe ich verstanden, wie verletzend das für meine Mutter gewesen ist, dass ich immer nur über ihn sprach. Ich habe meine Mutter erst nach dem Tod meines Vaters entdeckt. Und nachdem meine Mutter gestorben war, war ich viel mit meiner Schwester zusammen. Als meine Mutter starb, saß ich mit meiner Schwester nächtelang an ihrem Bett. In dieser Zeit gab es eine Verbundenheit zwischen uns, so eine ganz enge schwesterliche Solidarität.

Sie haben drei Töchter: Lou, Charlotte und Kate. Ist es für Kate schwierig, dass sie als Einzige keine Schauspielerin ist?

Überhaupt nicht, sie hasst es, fotografiert zu werden, sie steht lieber hinter der Kamera, sie ist Fotografin. Ich durfte sie manchmal fotografieren, aber sie mag es nicht. Sie hat uns alle fotografiert.

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Ist sie das auf dem schwarz-weißen Foto, das hier an der Wand hängt?

Ja, da war sie noch jung, da ist es mir mal gelungen, ein Foto von ihr zu machen. Gott sei Dank machen wir alle so unterschiedliche Dinge, dass wir uns nicht ins Gehege kommen. Lou spielt Theater, Charlotte dreht in Amerika, und ich habe meinen eigenen Film gemacht und gehe wieder auf Tournee. Lou und Charlotte sind schon rein äußerlich so unterschiedlich, dass es da auch keinen Wettbewerb gibt. Und weil ich viel älter bin, gibt es zwischen Charlotte und mir sowieso keine Konkurrenz.

Sind Sie trotzdem manchmal eifersüchtig auf Ihre Töchter?

Ich bereue höchstens, dass ich nach meinem ersten Film nicht gleich professionell weitergemacht habe. Weil ich glaube, es gibt einen Augenblick, den man nutzen muss. Mich hat es so viele Jahre gekostet, ich selbst zu sein, unabhängig vom Einfluss anderer oder vom Zeitgeist zu werden. Und irgendwann hat man dann keine Zeit mehr, man ist einfach zu alt. Dann ist es vorbei, für mich ist es mit den Filmen jetzt vorbei.

Bedauern Sie das?

Nein, ich bedaure es nicht, ich habe eine unglaubliche Karriere gemacht für jemanden, der so wenig Interesse daran hatte. Ich wäre vielleicht eines dieser James-Bond-Girls geworden, wenn ich nicht die Männer getroffen hätte, die so viel mehr Ehrgeiz für mich hatten als ich selbst.

Sie sind jetzt 61. Glauben Sie auch, dass ältere Frauen sich heute viel stärker fühlen als Frauen früherer Generationen?

Ich glaube, dass wir alle viel jünger sind. Mit 61 wäre man früher in ein Altenheim gekommen. Man spricht heute ja schon von der Schönheit der 60-Jährigen. Aber letztlich heißt das nicht viel. Ich bin 61 und eine Frau. Damit komme ich auf keine Titelseite mehr. Die Presse tut nichts für uns.

Doch, Sie kommen auf das Cover unseres Magazins.

Dann sind Sie der Champion. Aber im Ernst, ich glaube, dass liegt daran, dass meistens doch immer noch Männer darüber entscheiden, welche Frauen groß in die Zeitung kommen.

Die Frauen haben noch nicht gewonnen?

Nein. Wenn das Älterwerden so super ist, wo sind denn die Beweise? Ich sehe sie nirgends, niemand sagt, wie toll es ist, dass man jetzt faltige Hände hat. Ich glaube, es gibt so einen Moment zwischen 50 und 60, da ist es plötzlich vorbei. Da hört man auf zu kämpfen. Da ist man nicht mehr im Wettbewerb.

Ist das auch eine Entlastung?

Es ist eine großartige Entlastung. Ich sage mir, ich werde jetzt kein Lifting mehr machen, das hätte ich vor zehn Jahren machen können, aber jetzt werde ich mich mit dem durchschlagen, was ich habe. Entweder man liebt mich, so wie ich bin, oder nicht. Voilà, so ist es.

Jane Birkin wurde 1946 in London geboren. Ihre erste Filmrolle als nacktes Mädchen im Film »Blow Up« war 1966 ein Skandal. Ein noch größerer war das Liebeslied »Je t’aime«, das sie wenig später mit ihrem Partner Serge Gainsbourg eher stöhnte als sang. Fortan sang sie und spielte, nach der Trennung von Gainsbourg Anfang der Achtziger, in zunehmend ernsteren Rollen. Seit Kurzem führt sie auch Regie. Jane Birkin hat drei Töchter von drei Männern. Im Februar wird sie in Berlin, Hamburg, Frankfurt und Dortmund singen

Das Gespräch führten Christine Meffert und Matthias Stolz

 
Leser-Kommentare
    • hagego
    • 04.01.2008 um 22:59 Uhr

    Die Faszination eines Films ("Blow Up"), eines Chansons ("Je t'aime") oder eines Theaterstückes (um ein ganz anderes Beispiel zu nennen: "Der Stellvertreter") hinterlässt  in der Zeit des Entstehens zumeist einen sehr viel intensiveren Eindruck, als wenn man, bleiben wir mal beim Film, diesen Streifen Jahre später oder Jahrzehnte später nochmals sieht. Aber jetzt kommt das Merkwürdige, das Denkwürdige: Diese These gilt nicht für die ganz großen und wichtigen Filme. "Blow Up" ist hierfür ein sehr markantes Beispiel.Würde man versuchen, die Geschichte des Films sozusagen chronologisch wiederzugeben, wäre das mit Schwierigkeiten verbunden. Geht es wirklich nur um den Mord, den ein zufällig anwesender Fotograf (hervorragend: David Hemmings) mit der Kamera aufnimmt? Geht es um die Politisierung der Jugend, der Studenten? Geht es um die sexuelle Befreiung aus den Klauen der Tradition? Oder geht es gar um neue stilistische Möglichkeiten, einen Film in zeitgemäßere Formen zu gießen? Oder geht es Ende der 60er Jahre um Sex, Auflehnung und den "Duft der Individualität"? Viele Fragen. Pauschal sind sie gar nicht zu beantworten. Der Film wirft - in Ansätzen - dem Publikum ein paar Antworten in die Ränge. Aber die Bedeutung des Films "Blow Up" ergibt sich eben nicht aus eventuellen Antworten, sondern aus den Fragen, die einerseits der Film, andererseits das Publikum, stellen.Und Jane Birkin hatte das Glück, durch ihre juvenile Darstellung, diesem Film auch ein wenig ihren Stempel aufzudrücken. Vielleicht spürt man dies sogar jetzt, 40 Jahre nach dem Entstehen, deutlicher als damals.Mit "Blow Up" ist Michelangelo Antonioni 1966 ein weit über seine Zeit hinaus ragender Film geglückt.

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