Ulrich O. ist entsetzt. Der Chemiker, der Firmen in Umweltschutzfragen berät, ist im Internet auf einen "CO₂-Rechner" des Umweltbundesamtes (UBA) gestoßen. Damit kann man sich nach ein paar Mausklicks die in einem Jahr selbst verursachte Kohlendioxidemission ausrechnen lassen. Das Programm führt zu diesem Zweck eine kleine Lebensstilanalyse durch. O., ein Autofahrer, der aber möglichst oft Bahn und Fahrrad nutzt, der mit Erdgas heizt und Ökostrom bezieht, durfte sich freuen. Der UBA-Rechner attestierte ihm ein vergleichsweise klimafreundliches Leben. Knapp sieben Tonnen Kohlendioxid gehen auf O.s Konto. Das liegt zwar deutlich über den 2,5 Tonnen, die das UBA gerade noch als "nachhaltig" akzeptiert. Aber er verheizt doch weit weniger als der Durchschnittsdeutsche, der es auf elf Tonnen bringt. Leider fiel dem Mann dann noch eine Kleinigkeit ein, die er vergessen hatte: eine Indienreise. Und mit einem Schlag war seine vorbildliche Bilanz zum Teufel. 4,2 Tonnen CO₂ allein für den Flug von Frankfurt nach Neu-Delhi und zurück veranschlagte der UBA-Rechner.

Dass, wer fliegt, ein Ökosünder und Klimaschädling ist, dämmert Lust- wie Geschäftsreisenden allmählich. Spätestens seit dem IPCC-Report (Intergovernmental Panel on Climate Change) der Vereinten Nationen vor einem Jahr gilt die Fliegerei als bedenklich. Auf der anderen Seite locken die Gesellschaften mit immer mehr günstigen Tarifen. Und so wird unvermindert weiter geflogen. Aber das schlechte Gewissen reist mit.

Ulrich O. und anderen schuldbewussten Flugreisenden wird geholfen – durch die Möglichkeit einer "Klimaspende". Die Idee: Man überweist zum Ausgleich dafür, dass man mit der Fliegerei das Klima schädigt, Geld an ein Projekt, das den CO₂-Ausstoß auf der Erde verringert. Das nützt dem Klima, beruhigt und ist steuerlich absetzbar. Dieser "moderne Ablasshandel", wie das Geschäft mit dem schlechten Gewissen gern bespöttelt wird, ist im letzten Jahr zu einem boomenden Wirtschaftszweig geworden, der vor allem mit seinen Onlineangeboten die gesamte Reisebranche durchsetzt. Unter denen, die das Geld einsammeln und verteilen, sind aufrechte Umweltschützer ebenso wie findige Geschäftemacher.

"Klimakompensationen", die es erlauben, eine Flugreise "klimaneutral" zu gestalten, begegnet der Kunde heute oft schon bei der Buchung. Nutzt man zum Ticketkauf das Internetportal von TUIfly, lastminute.de oder Opodo, findet sich am Ende des Buchungsvorgangs ein entsprechendes Angebot zwischen "Alles-sorglos-Paket", Mietwagenbuchung und dem 25-Euro-Gutschein einer Parfümeriekette. "Helfen Sie der Umwelt", bittet TUIfly. lastminute.de lockt: "Hier können Sie jetzt einen Beitrag zum Klimaschutz leisten." Bei den großen Airlines wie Lufthansa, British Airways (BA) oder Air France muss man ein bisschen suchen, doch unter dem Begriff "Information" im Auswahlmenü kommt man meist voran. Dann muss man zum Beispiel bei BA "Respekt vor unserer Welt" zeigen, um schließlich zu einem "Emissionsrechner" zu gelangen.

Wer in das digitale Formular Start- und Zielort einträgt, die Zahl der Reisenden, eventuell auch Details zu Flug und Flugzeugtyp – dem liefert der CO₂-Rechner die entsprechenden Emissionswerte und einen daraus resultierenden "Kompensationsbetrag". Beispiel TUIfly: Hamburg nach Neapel und retour, eine Person. Die anteiligen Emissionen betragen 228 Kilo CO₂, dafür berappt der Fluggast 4 Euro. Einfach – und nicht einmal teuer! Überweist man das Geld, erhält man ein Zertifikat. Das kann man sich über den Schreibtisch hängen und den Flug leichten Herzens genießen.

Wer genauer hinschaut, findet klimaneutrales Fliegen nicht mehr ganz so einfach und billig. Buche ich zum Beispiel direkt bei der Lufthansa, emittiere ich laut dortigem CO₂-Rechner statt 228 auf einmal 370 Tonnen CO₂. Zu zahlen wären 7 Euro. Organisiere ich den Flug über den Schweizer Globetrotter Travel Service, pustet mein Flugzeug für die gleiche Strecke anteilig sogar 580 Tonnen CO₂ in die Luft; die Klimaneutralität kostet mich plötzlich 14 Euro. Mit noch mal 200 Tonnen Emissionen mehr belasten die besonders auf Umweltschutz bedachten Mitglieder des Forums anders Reisen mein Schadstoffkonto. Kompensation für 780 Kilogramm CO₂ bis Neapel und zurück gibt es hier erst ab 17 Euro. Beim Ökoveranstalter zahle ich also mehr als das Vierfache des Billigstangebotes.