Entscheidende Erkenntnisse der Kulturgeschichte kulminieren häufig in griffigen Sätzen. Der Satz »Und sie bewegt sich doch«, gerne Galileo Galilei zugeschrieben, gehört dazu. Oder die Formulierung eines bärtigen Revoluzzers, der im 19. Jahrhundert postulierte: »Das Sein bestimmt das Bewusstsein.« Auch das 20. Jahrhundert hat einen solch unhintergehbaren Satz, der unabhängig von seiner Richtigkeit das Denken in ein Davor und ein Danach teilt. Wir verdanken ihn einer im Jahr 1908 geborenen französischen Intellektuellen und Schriftstellerin, die 41 Jahre alt war, als sie ihn, mit großer Wahrscheinlichkeit am Tisch eines Pariser Kaffeehauses, zu Papier brachte. Er lautet: »Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.«

Diese Französin, Tochter aus gutem, aber recht mittellosem Haus – ein gesellschaftlicher Nachteil, der sich in den individuellen Vorteil eines eminenten Bildungseifers und einer emanzipierten Bildungslaufbahn verwandelte –, Simone de Beauvoir also, ist die Urheberin einer Schrift, die sich universalistischer und radikaler als jede andere je zuvor mit der Frage befasst, was es eigentlich für die eine Hälfte der Menschheit bedeutet, von der anderen gegängelt und idealisiert, unterdrückt und mythisiert, definiert und penetriert und alles in allem für ziemlich dumm verkauft zu werden; sowie mit der Frage, wie sich das Verhältnis der Geschlechter aus dieser Asymmetrie lösen, wie die weibliche Hälfte über Kochen, Bügeln und Gebären hinaus- und in die Lage transzendenten Seins hineinwachsen kann. Die Schrift, deren Veröffentlichung einschlug wie eine Bombe, vom Vatikan auf den Index gesetzt wurde, von ausgewiesenen Reaktionären ebenso verabscheut wurde wie von Albert Camus und noch drei Jahrzehnte später abstruse Alliancen zwischen sexualfeindlichen Saubermännern und feministischen Anhängerinnen des Differenzprinzips schuf, trägt den Titel Le Deuxième Sexe, im Deutschen Das andere Geschlecht, und liegt mit rund 1000 Seiten als exzentrisches Gewicht in der Hand.

Liest man den Brocken heute, fallen bald zwei Dinge auf. Erstens: Die empirische Geschlechterwelt, die hier beschrieben wird, ist einfach nicht mehr unsere. Beauvoirs sachlich-sezierende Polemik gegen die bürgerliche Ehe beispielsweise verpufft in einer Zeit, die nicht mit der gesetzlichen Diskriminierung von Ehefrauen ihre Not hat, sondern mit undiskriminierten Menschen, die sich am Geburtstag selbst zuprosten und im Internet auf Partnersuche gehen. Zweitens: Das zeitlose Weiblichkeitstheorem »Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es«, dieser Kerngedanke des Anderen Geschlechts, er steht bis heute rumorend zur Debatte. Denn dieser Satz spukt durch die Kulissen, wann immer das Frauenthema oder einer seiner Aspekte auf der Bühne erscheint. Während das Problem des Heliozentrismus seit Galilei als erledigt gelten kann und das Problem, ob das Sein das Bewusstsein bestimmt oder umgekehrt, auf der Reservebank Platz genommen hat und die Halbzeitergebnisse der Pränatal- oder der Hirnforschung abwartet, hält uns das Problem, wie wir Mann und Frau sind und werden, wie sich Natur und Kultur, Biologie und Sozialisiertheit im Geschlechterentwurf jeweils durchsetzen, ziemlich auf Trab. Ob wir es merken oder nicht.

Weiblichkeit ist heute wie damals das Ziel permanenter Kommentierung

»Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.« Stimmt das denn? Diese Frage unterfüttert jeden privaten Beziehungsstreit zum Thema Haushalt und Erziehung, sie schwingt im Reflexionsraum jeder raffinierten Gendertheorie, sie treibt Eva Herman in die unglückselige Bereitschaft, im medialen Affenzirkus den Rollenpart der Agentin naturgewollter Femininität zu übernehmen. Und diffus strahlt sie auch auf die frische Zeitungsmeldung ab, der zufolge die Chefredaktion der feministischen Zeitschrift Emma demnächst von Alice Schwarzer auf eine Journalistin jüngeren Alters übergehen wird, die verheiratet und Mutter zweier Kinder ist. Das freut uns in verschiedener Hinsicht. Aber warum wird die rollen-, familien- und biologiebezogene Personalie überhaupt mitgeteilt? Warum kommen solche Kategorien nicht zur Sprache, wenn es um Herrn Kleber und den heiklen Chefposten beim Spiegel geht? Doch wohl nur deshalb, weil sich Weiblichkeit und weibliches Leben, auch in seiner emanzipiertesten Gestaltung, als Ziel permanenter, unruhiger Kommentierung anbieten. Wie auch immer der Kommentar politisch ausfällt (Hurra, wir haben eine Bundeskanzlerin! Oder: Wir haben verlernt, es den Männern zu Hause gemütlich zu machen!), lässt sein reflexhafter Auftritt darauf schließen, dass die Moderne bis heute am Thema Sitte und Sexus der Frau, so der Untertitel des Anderen Geschlechts, heftig laboriert.

Nicht nur das. Genau genommen, tritt das Weiblichkeitsthema augenblicklich in die interessanteste Phase seiner Widersprüche. Denn einerseits gibt es wohl realistische Chancen, dass der nächste amerikanische Präsident eine Frau sein wird, mithin einer der zwei, drei mächtigsten Menschen der Welt. Ein Triumph realer Gleichberechtigung also, den Simone de Beauvoir allenfalls in ihren verwegensten Träumen prognostiziert haben mag. Andererseits veranschaulicht das Geschlechterszenario dieses Falls, des Falls Clinton, geradezu bilderbuchhaft das Ableitungsmodell relativer, von Männlichkeit entlehnter, an ihr gemessener Weiblichkeit, auf dem Beauvoir ihr Gedankengebäude errichtete.

Dieses Modell wirkt heute viel subtiler als vor hundert oder fünfzig Jahren. Man muss blinzeln, um es zu erkennen. Allein das Begriffspaar Zentralität/Marginalität ist viel zu drastisch, um heutige Geschlechterverhältnisse zu klären. Auch mit der durch Beauvoir berühmt gewordenen Opposition von männlicher Transzendenz und weiblicher Immanenz kommt man in der Emanzipationskultur abendländischer Gesellschaften nicht recht weiter. Der, salopp gesagt, immanente Frauentyp ist schlichtweg aus der Mode, auch wenn es noch ein paar Jährchen dauern wird, bis die kollektive Fantasie so weit ist, sich eine Frau als Spiegel- Chefin vorzustellen. Die Jährchen werden vergehen. Die historische Logik sagt uns, dass Frauen immer mehr und immer selbstverständlicher reale Funktionen einnehmen, die bis vor Kurzem Männern vorbehalten waren. Aber sie stellen dabei als geschlechtlich betonte Wesen, als Wesen des Andersseins immer, in jeder Situation, in jeder Sekunde etwas anderes dar. Einfach gesagt: Wenn Frauen sprechen und regieren, teilt sich automatisch mit, dass es kein Mann ist, der hier spricht und regiert, was umgekehrt nie der Fall ist. Hillary Clinton ist nicht das, was man einmal eine unterdrückte Frau nannte. Sie ist mächtig, selbstbestimmt und souverän. Sie ist nicht die Hemdenbüglerin und Assistentin ihres Mannes. Aber doch ein Double, eine Art imaginäre Kopie der männlichen Originalversion.