Im Sommer 1931 reist Simone de Beauvoir mit Sartres engem und altem Freund Pierre Guille zehn Tage lang im Auto durch Süd- und Mittelfrankreich. In ihren Memoiren spricht sie von »zehn Tagen völliger Gemeinsamkeit«. Drei Jahre später weilt Sartre in Berlin, und Simone notiert: »Sartres Abwesenheit hat mich noch enger an Guille gebunden.« Und: »Man hat das Gefühl, er könne alles glücklich machen, was in seine Nähe kam.« Es ist ziemlich sicher, dass Simone de Beauvoir mit Guille mehr als freundschaftliche Sympathie verband. Als Sartre und Beauvoir 1929 ein Paar wurden, hatten sie einander die Möglichkeit eingeräumt, die Wonnen der Intimität auch jenseits der Paarbeziehung leben zu dürfen. Und nach allem, was man weiß, war es Simone de Beauvoir, die von diesem Angebot als Erste Gebrauch machte.

Sie liebte Sartre für seine Intelligenz und für seine Wärme, seinen Witz

Dieser Gedanke muss natürlich alle Tugendbolde schwer verstören, für die stets klar war, dass Jean-Paul Sartre die junge Frau gewissermaßen zur Promiskuität gezwungen habe. Und – Das andere Geschlecht hin oder her – in Wahrheit wäre Simone doch lieber monogame Partnerin gewesen und geblieben. Im Laufe der Zeit hat man viele Techniken entwickelt, diese so kühne wie generöse Frau zu demütigen und zu unterschätzen. Diese Sicht der Dinge gehört dazu. In Wahrheit hat sie die Chance zur erotischen Polygamie in vollen Zügen genossen – und die unvermeidlichen Unkosten auf sich genommen.

Wenn man Simone de Beauvoirs Verhältnis zu den Männer verstehen will, muss man zunächst ihr Verhältnis zu Sartre verstehen. »Ich denke, er war der Schmutzigste, der am schlechtesten Gekleidete, und ich glaube auch vielleicht der Hässlichste. Ich erinnere mich, dass ich ihn einmal mit einem großen Hut in den Gängen der Sorbonne sah, wie er gerade irgendeiner Studentin den Hof machte, er war immer damit beschäftigt, der einen oder der anderen jungen Philosophin den Hof zu machen.« So wird sie sich später an den Beginn ihrer Bekanntschaft erinnern. 1929 lernen sie sich näher kennen, um für die Aggregation zu pauken, das berüchtigte Abschlussexamen an der Elitehochschule École Normale Supérieure. Simone de Beauvoir besteht das Examen als Zweite dieses Jahrgangs, als siebte Frau überhaupt und bis heute als eine der Jüngsten, obwohl sie als Frau eben nicht die Elitedressur eines Sartres durchlaufen konnte. Überdies machte sie als strahlende Schönheit auf sich aufmerksam, die von bemerkenswerten Herren umschwärmt wurde – um nur Claude Lévi-Strauss oder Maurice Merleau-Ponty zu nennen.

Es ist bezeichnend für Simone de Beauvoir, dass sie sich ausgerechnet für diesen 158 Zentimeter großen wüst schielenden Sartre entschied, der nichts Geringeres vorhatte, als die Welt neu zu erfinden. »Mich hat an ihm fasziniert, dass er intelligenter war als ich, beziehungsweise geschickter darin war, seine Intelligenz zu gebrauchen. Und dann faszinierte mich seine Vitalität, seine Generosität, seine Wärme, sein Witz.«

Für eine junge Frau mit verschärft katholischem Schicklichkeitshintergrund, die bis zum Alter von 17 Jahren glaubte, Kinder entsprängen aus dem Blumenkohl, stellte Sartres programmatische Aufforderung zur Polygamie natürlich eine gewaltige Irritation dar. Überraschend schnell machte »Castor« daraus eine neue Herausforderung zum Glück. Doch die Beziehung zu Sartre blieb stets im Zentrum, und die beiden errichteten auf dem Schotter der Ungewissheiten ein Reich der Verbindlichkeiten, das über 50 Jahre dauern sollte und gegen das alle vorübergehende Dichte romantischer Symbiose rasch verblassen sollte.

Die Soziologin Colette Audry, die mit den beiden befreundet war, schrieb: »Man darf nicht übersehen, dass sie ihn ebenso stark beeinflusste wie er sie, dass dieser Junge (denn Sartre war damals wirklich noch ein Junge), der eine solche analytische, destruktiv-polemische Kraft besaß, innerlich trotzdem von diesem Mädchen fasziniert war – ganz und gar von ihr bezaubert und zutiefst an sie gebunden. Ihre Beziehung war etwas vollkommen Neues, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich kann nicht beschreiben, was es für ein Gefühl war, diese beiden zusammen zu erleben. Es war so intensiv, dass man manchmal ganz traurig wurde, nicht auch so etwas zu haben.«