Roman Einstürzende Satzbauten

Der amerikanische Autor Mark Z. Danielewski hat nach allen Regeln der Postmoderne das begehbare Buch konstruiert.

»Ein Loch, ein Loch, ein bodenloses Loch!« (Dagobert Duck)

Das Herzstück des Hauses war vor dem Unabhängigkeitstag erbaut worden, doch die Wapshots hatten es seither mehrmals durch Anbauten vergrößert, und jetzt hatte es dieselbe Höhe und Breite wie in jenem wiederkehrenden Traum, in dem man eine Wandschranktür öffnet und feststellt, dass dort inzwischen ein Flur und eine Treppe entstanden sind«, schreibt vor gut 50 Jahren John Cheever in seiner Geschichte der Wapshots. Dieses wiederkehrenden Traumes hat sich Mark Z. Danielewski nun in aller angemessenen Ausführlichkeit angenommen. In seinem Roman Das Haus – House Of Leaves entfaltet er auf 797 Seiten die Idee einer amerikanischen Architektur des Schreckens mit einer Gründlichkeit, die sich mit voller Absicht vergeblich gegen die Bodenlosigkeit ihres Gegenstands stemmt. Zwar ist Danielewski ein über die Maßen gebildeter Autor, der sein Wissen alles andere als versteckt. Aber an seiner Geschichte perlt es schließlich ab. Er hat sie nicht erzählt, um etwas zu beweisen. Umgekehrt dient die Ausbreitung von Namenslisten auf dem Kinderzimmerfußboden dieser Prosa gerade dazu, den Roman mit Material zu befeuern, nicht dazu, sein Feuer positivistisch mit Fakten zu ersticken.

Zunächst werden alle Register einer postmodernen Distanzierungs- und Kontextualisierungskunst gezogen. Die eigentliche Geschichte erzählt ein Film, den der Fotograf Navidson gedreht haben soll. Diesen Film kennen wir aber nur aus einem Bericht über den Film und seine Rezeptionsgeschichte aus der Hand eines Blinden namens Zampanò. Hat er den Film überhaupt gesehen? Hat ihn irgendwer gesehen? Haben ihm seine zahllosen, verdächtig gut aussehenden Vorleserinnen davon erzählt? War er nicht immer blind?

Den Bericht dieses mittlerweile verstorbenen blinden Philologen kennen wir aber wiederum auch nur aus einer anderen Rahmenhandlung. Johnny Truant, eine unstabile L.A.-Szenetype, hat den Text gefunden und sich ihm mit bedrogter Leidenschaft gewidmet – auf einer weiteren Fußnotenebene erzählt er seine eigene kaputte Missbrauchsbiografie. Seine Arbeit wiederum wird von anonymen Herausgebern weitergetragen. Auf allen Ebenen mäandern dazu Fußnoten und führen in versteckte Kammern und Korridore. Doch alle Relativierungen, die dichten Netze von fiktiven Fakten oder philologisch ermittelten Wahrheiten reißen mit derselben Geste, mit der sie Sicherheit, Umgebung, Zusammenhang herstellen, klaffende Löcher und abstruse Abgründe auf.

Einerseits wird der Leser also ständig auf die nur fragile Verlässlichkeit aller Quellen gestoßen, andererseits zeugt eine Fülle von Literaturverweisen von einer offensichtlich beruhigend üppigen öffentlichen Rezeption, die nicht nur der Navidson Record, also der fragliche Film über das Haus, gehabt haben soll, sondern auch die verschiedenen Nebenprodukte. Da hat dann Miramax den Film produziert, und die bekannten Brüder Weinstein haben in Interviews in Cannes und anderswo drüber gesprochen. Douglas Hofstädter, Jacques Derrida und Susan Sontag haben sich dazu geäußert und offensichtlich zahllose filmwissenschaftliche Seminare ihn in Grund und Boden interpretiert.

Navidson ist ein dokumentarischer Fotograf, der mit seiner Frau, einem berühmten Model, und den zwei Kindern ein Haus auf dem Land kauft. Natürlich dokumentiert er ständig sein ganzes Leben und so auch die Momente, in denen klar wird, dass sein Haus mehr Innenraum hat, als die äußeren Abmessungen ergeben. Von dieser sehr schönen Formulierung für eine Frage, die eine bestimmte angelsächsische Architektur, vor allem in ihren amerikanischen Varianten, für uns immer schon aufgeworfen hat, kommen wir dann tatsächlich zum Wandschrank als dem Ursprung allen Übels: ein kleines Zimmer, ein begehbarer Abstellraum, ein altes architektonisches Bild für das Verdrängte und das Verheimlichte. Deswegen heißt es im englischen Sprachraum ja auch, dass man aus dem Schrank (closet) herausgekommen sei, wenn man ein Geheimnis öffentlich macht.

Jetzt passieren atemberaubende Dinge. Das Haus und sein Innenleben reagieren offensichtlich auf alle Versuche ihrer Erforschung mit einer eigenen entfesselten architektonischen Kreativität – und Aggressivität. Im Herzen des Romans überstürzen sich die Ereignisse buchstäblich: die Sätze stürzen vom Seitenanfang auf dessen Ende, zwingen den Leser, über Kopf zu lesen, bis er sich fast in einem typografischen Labyrinth von Textkästen und -spiralen verliert, die mal mehr und mal weniger mit den Abenteuern verschiedener Expeditionen korrespondieren, die tage- und nächtelang den Wandschrank erforschen, in dem es schlimmer zugeht als am Südpol des Arthur Gordon Pym.

Doch der Weg zu den abenteuerlichen Abgründen führt über die Hochebenen der Kulturtheorie. Danielewski war, das sagt eigentlich alles, bei Derrida, dem Dokumentarfilm über den verstorbenen Philosophen, für den Ton verantwortlich. Er ist der Sohn des renommierten polnischen Avantgarde-Filmemachers Tad Danielewski und Bruder der Singer-Songwriterin Poe. Aber er lebt seine Ambitionen nicht nur in dem etwas studentenhumorigen Fußnoten-Overkill aus, sondern führt uns durch die Fragen und Debatten, die die Gegenwartskünste wirklich gerade jetzt massiv interessieren: Sound, Raum und die strukturale Anthropologie der Celebrity-Kultur. In ausführlichen Exkursen über Architekturpsychologie, moderne Physik, Filmtheorie und vor allem die Sonografie und das Echo gelingt es Danielewski, in aller nötigen Breite den impliziten Reichtum seiner Geschichten zu explizieren und an die zuständigen Gegenwartsdebatten anzuschließen, ohne dass die Architektur des Romans ausleiert und das, was den Leuten als Spannung bekannt ist, sich verflüchtigt. Man bleibt dran.

Von den Psycho-Installationen Bruce Naumans über die Kriechtunnel, durch die Mike Kelley sein panisches Publikum zu quälen pflegte, über die architekturpsychologischen Werke von Anthony Vidler bis zu den Diskussionen um gendered architecture und das Wiederauftauchen der situationistischen Psychogeografie hat die bildende Kunst der letzten Jahre sich mit phobischen und psychedelischen Bauten und Installationen beschäftigt. Zugleich hat der von der Musik gelöste Klang, als Orientierung in einer von toten Bildern umstellten Nacht der totalen Kulturindustrie, immer mehr an Eigenleben in den bildenden wie in den tönenden Künsten gewonnen. Sound scheint heute für die letzte Kunst-Utopie zu stehen, ja die letzte echte Verbindung zur Wirklichkeit zu garantieren, da wir, ob als Schrei, Schaben oder eben Echo, immer noch von seiner Verursachung durch etwas Wirkliches ausgehen – ein Vertrauen, das die Fotografie längst verspielt hat. Obwohl die Klangaufzeichnung längst auch digitalisiert und endlos manipulierbar geworden ist, gibt es mit ihr weniger Betrugs- und Enttäuschungserfahrungen als mit der Bildaufzeichnung.

Und da beginnt dann die Liebesgeschichte inmitten des Irrsinns eines sich unermüdlich neu umbauenden, endlos tiefen Hauses: Navidson, der Fotograf, und Karen Green, seine Model-Ehefrau, erleben mit dem, was sie erleben, als sie sich aufs Land in ein Haus zurückziehen, um ihre von New York und anderen Wirklichkeiten geschundene Ehe zu retten, genau die psycho-architektonischen Konsequenzen ihrer Berufe. Navidson, der alte Bilder-Authentizist und -Dokumentarist, scheint sich in eine Delial verliebt zu haben. Karen wiederum kann ja gar nicht mehr sie selbst sein, so intrigieren ihre Freunde, wenn sie in dieser schrecklichen Oberflächlichkeit der Modelwelt lebt. Der sein Leben für die Wirklichkeit riskierende Mann, das auf einer endlosen kokainierten Oberfläche aus Glitzerbildern dahinrutschende, unwirkliche Weib, der Fotografierende und die Fotografierte – dieser Genderplot geistert durch die Fußnoten. Doch in Wirklichkeit kann sich weder Karen auf das Echo des Fotografenpartners verlassen noch Navidson auf die Wirklichkeit auf seinen Bildern. Die Delial, auf die Karen so eifersüchtig ist, ist das in Afrika aufgenommene, verhungernde Mädchen, dem Navidson einen zweifelhaften Ruhm verdankt. Der Bilder machende Macho und die zum Bild gewordene Celebrity werden an Sound, Raum und Dunkelheit verwiesen. Oder sind das nur die – moralistischen – Intentionen unseres blinden Erzählers?

Das Haus ist ein maximal üppiges Buch, das an keiner Stelle formlos oder wirr wirkt. Das Einzige, was einen an Danielewski zuweilen nervt, ist sein unermüdlich Fährten legender und dann wieder gezielt entwertender Fleiß. Da hat einer sich etwas sehr streberhaft darum bemüht, dass Pynchon und Derrida applaudieren und zugleich das Publikum des Blair Witch Project Fingernägel kauend mit Schwitzehänden sich an die Seiten klammert. Doch meist versöhnt sein Humor: Als er einmal die Kunst der Fotografie erwähnt, führt uns ein »vgl.« auf der Fußnote zu einer mehrseitigen Liste so ziemlich sämtlicher künstlerisch interessanter Fotografen aller Zeiten, geschätzte 500 Namen.

In der Wiener Secession konnte man vor einiger Zeit eine von Helmut Draxler kuratierte Ausstellung sehen. »Shandyismus« beschäftigt sich mit den Einflüssen von und Anschlüssen an Lawrence Sternes Tristram Shandy in der Kunst der erweiterten Gegenwart und sammelt eine Fülle von beeindruckenden Beweisstücken zwischen Alfred Hitchcock und Marcel Duchamp. Das Haus hätte gut hineingepasst. So wie Sterne hin und wieder Schrift zum Bild werden lässt, typografisch erzählt und Signaturen und Flecke als Indizes des Erzählten einsetzt, so wird Typografie und Schriftbildlichkeit bei Danielewski zum strukturierenden Element seiner Erzählung und zu einem raffiniert plumpen Illustrationsprinzip, bei dem das Seitenlayout mit der Architektur des irren Hauses korrespondiert und uns zeigt, wo in diesem Universum unsere Helden gerade endgültig verloren zu gehen drohen. Der Autor, der die ganze Zeit alle Konventionen der so konventionell gewordenen Gegenwartsliteratur mit ihren antiexperimentellen Erzähldogmen aushebelt, hat doch zugleich alles unter Kontrolle. Mit der Expansion des Stoffes expandieren eben auch die Mittel. Was für Sterne damals die neuen Mittel der Vervielfältigung, des Druckens und mit ihnen ein neuer Begriff der Autorschaft waren, sind für Danielewski die Möglichkeiten der Computergrafik und elektronischen Medien insgesamt als Erweiterung des Erzählerischen – und eine neue Idee des Schriftstellers als Büchermacher, ja als Erbauer bewohnbarer Bücher.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service