Zwei Entwicklungen in der aktuellen Debatte über Stammzellforschung beunruhigen mich als theologischen Ethiker sehr. Die erste liegt in einer Fundamentalisierung der Fragestellung. Niemand will in Abrede stellen, dass mit der Frage der humanen embryonalen Stammzellforschung die fundamentale Problematik des Lebensschutzes und des Status des Embryos verknüpft ist. Niemand will bestreiten, dass die Diskussion über diese Problemfelder unterschiedlichen Weltanschauungen Rechnung tragen muss. Es ist deshalb notwendig, in der Diskussion die verschiedenen Argumentationsebenen anzuerkennen und zu unterscheiden.

Immer wieder ist jedoch zu beobachten, wie in der Debatte um die Stammzellforschung auf fundamentalste Positionen rekurriert wird – auf Kosten der praktischen Vernunft, die nichts weniger ist als die Tür zu den Kardinaltugenden. In seinem Buch Der Verlust der Tugend charakterisiert der amerikanische Philosoph Alasdair MacIntyre heutige ethische Diskussionen folgendermaßen: Zu konstatieren sei immer wieder »der nachdrückliche Gebrauch letzter Prinzipien, um moralische Debatten zu beenden«.

Genau diese stete Berufung auf fundamentalste Prinzipien prägt die aktuelle Diskussion um die Stammzellforschung. Man spitzt jede Überlegung auf das Fundamentalste zu: auf die Frage nach dem Status des Embryos. Damit zerstört man jeden Spielraum für Güterabwägungen.

Denn zunächst unterstellt diese Position irrtümlicherweise, es hätte schon immer eine einzige und allgemein geltende Meinung zum Status des Embryos gegeben. Die Geschichte – auch die der katholischen Theologie – bezeugt jedoch, dass dies nicht der Fall ist. Ein Beispiel: Im Mittelalter haben ein Lehrer und ein Schüler, beide wichtige Theologen, unterschiedliche Positionen in Bezug auf die Frage vertreten, ab welchem Zeitpunkt ein Embryo als Mensch zu betrachten sei. Albert der Große verfocht die Theorie der simultanen Beseelung – gleichzeitig mit dem Embryo entstehe die Seele. Thomas von Aquin dagegen vertrat die Theorie der so genannten sukzessiven Beseelung. Sie kamen also zu unterschiedlichen Ansichten, die beide der nachfolgenden Lehrtradition als plausibel erschienen.

Sicherlich stellt sich heute die Frage nach dem Status des Embryos nicht unbedingt im Kontext der Beseelung des Menschen. Aber zu fragen ist doch, warum permanent die Frage nach dem Status des Embryos die Diskussionsszene okkupiert, selbst wenn es zum Beispiel – wie gerade jetzt – um die Neudefinition eines Stichtags für den Import von Stammzelllinien geht.

Die Fundamentalisierung der Debatte bringt zudem einen Sprachgestus hervor, der verletzend sein kann. An scharfen Vorwürfen wird nicht gespart, neue Formen des anathema sit (verdammt sei) werden ausgesprochen. Ein solches Verhalten hat dann aber nichts mehr mit der in unserer ethischen Tradition für wichtig gehaltenen Kardinaltugend der Mäßigung zu tun. Im Lichte dieser Tugend leisten Theologen ihre Denkarbeit, verfeinern Argumente und wägen sie gegeneinander ab. Sie hören zwar auf das Wort der für das Lehramt Verantwortlichen – klammern aber dabei ihre praktische Vernunft nicht aus. So verhalten sich die katholischen wie die evangelischen Theologen; und das wird auch von der Autorität in der Kirche erwartet.

Schwarz-Weiß-Malerei in Fragen der Ethik ist dagegen weniger überzeugend. So äußerte sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27. Dezember etwa der EKD-Vorsitzende Bischof Wolfgang Huber zur (unterschiedlichen) Balancierung von Gewissen und Autorität – als ob die Berufung auf das Gewissen allein eine Kompetenz der Protestanten sei! Eine solche Sichtweise könnte fatalerweise zu neuen Konfessionskonflikten führen. Auch von dem Bischof wäre Mäßigung zu erwarten. Die aktuelle Debatte sollte nicht dazu benutzt werden, einen Graben zwischen den Konfessionen aufzureißen.