Kassoum Bengaly hat seinen besten Boubou angezogen – ein langes, weißes Gewand, verziert mit rosaroten und hellblauen Stickereien. Heute kommt der Gemeinderat in Gongasso zusammen, und Bengaly ist der Bürgermeister des Dorfes hier im Südwesten von Mali. Mehrere Lokalpolitiker haben sich unter einem auf Pfählen befestigten Blechdach versammelt, das sie gegen die Sonne schützt. »Wir wollen uns nicht abhängig machen«, sagt der 59-jährige Bengaly, aber er klingt nervöser als sonst.

Wieder einmal geht die Debatte um Baumwolle. Neben dem Gold ist sie das wichtigste Exportprodukt für Mali und ernährt rund drei Millionen Menschen. Für die Bauern indes ist sie derzeit vor allem ein Grund zur Sorge. Die jüngste Ernte war schlecht, so wie schon die Ernten in den beiden Jahren zuvor. Und dann ist da noch der mächtige Gegner jenseits der Grenze zu Burkina Faso, der bloß darauf wartet, dass die Baumwollbauern in Mali Schwäche zeigen.

Dort wartet Monsanto, der Weltmarktführer für gentechnisch verändertes Saatgut.

Der amerikanische Agrarkonzern experimentiert mit neuartiger Baumwolle. Sie verspricht weniger anfällig für Schädlinge und ertragreicher zu sein als herkömmliche Sorten. Kann Monsanto dies beweisen und haben die Baumwollbauern in Mali weiterhin schlechte Ernten, dann könnte ihr bisheriger Widerstand gegen den Gen-Konzern vergebens gewesen sein.

Sie sind Kleinbauern in einem der ärmsten Länder der Erde. Und sie wehren sich seit vier Jahren erfolgreich gegen eines der mächtigsten Unternehmen der Welt. Schon das ist erstaunlich genug. »Am Anfang dachten wir, wir hätten keine Chance«, sagt Bengaly. Doch dann wurden sie sich der Errungenschaften ihrer jungen Demokratie bewusst, die ihnen Präsident Amadou Toumani Touré nach dem Putsch gegen die Diktatoren 1991 bescherte. In Bengalys Büro hängt ein Foto, auf dem er dem Staatschef die Hand schüttelt. »Mali ist ein Agrarland«, sagt er. »95 Prozent der lokalen Abgeordneten sind Bauern. Unsere Stimme hat Gewicht.« Das hat immerhin dazu geführt, dass ein Großprojekt von Monsanto und anderen Unternehmen gestoppt wurde. Den auf fünf Jahre angesetzten Testanbau hatte schon das Landwirtschaftliche Institut in der Hauptstadt Bamako genehmigt, die amerikanische Entwicklungsagentur US-Aid wollte es mit vier Millionen Dollar bezuschussen. Doch daraus wurde nichts. Und auch nicht aus der Hoffnung der Unternehmen, ganz Westafrika von ihrer Technik überzeugen zu können, wenn sie den größten Baumwollexporteur der Region erst einmal auf ihrer Seite hätten.

Die Verheißungen sind groß: Der Einsatz der Schädlingsbekämpfungsmittel könne auf ein Drittel gesenkt, die Ernte bis zu 50 Prozent gesteigert werden. Und das nur, weil die Monsanto-Baumwolle ein Bacillus thuringiensis (Bt) genanntes Bakterium in sich trägt, das für die ungewollten Insekten giftig ist. Präparate auf Bt-Basis sind sogar im ökologischen Landbau erlaubt. »Die technischen Vorteile der Bt-Pflanzen sind schwer zu bestreiten«, schreiben US-Wissenschaftler in der Fachzeitschrift AgBioForum. »Die Bt-Baumwolle wäre für Mali zweifellos ein Gewinn«, sagt Monsanto-Sprecher Colin Merritt.

Für Malis Baumwollpflanzer ist sie dennoch Teufelszeug. »Auf dem Spiel steht ein Gesellschaftssystem«, erklärt Souleymane Ouattara, Soziologe und Leiter des Centre Djoliba für politische Bildung in Sikasso, Hauptstadt der gleichnamigen Region. Bisher nämlich bewahren die Bauern nach jeder Ernte einen Teil des Saatguts für die Aussaat im nächsten Jahr auf oder erhalten die Samen kostenlos von der staatlichen Textilgesellschaft CMDT. Kommt es zu Engpässen oder will einer der Pflanzer im Dorf noch einmal nachsäen, hilft man sich gegenseitig aus. Genau das aber verbietet der Monsanto-Saatgut-Vertrag, der die Bauern verpflichtet, jedes Jahr neue Gen-Samen beim Konzern zu erwerben.