Seele »Kein Körper – und doch ein Teil von ihm«
Über die Seele zerbrachen sich Wissenschaftler schon vor über 2000 Jahren den Kopf. Ein Interview mit Aristoteles, dem geistigen Vater der Seelenlehre
Ist die Seele für die Wissenschaft noch von Interesse?
Wenn wir das Wissen für etwas Schönes und Ehrwürdiges halten, und zwar das eine Wissen mehr als das andere, weil es entweder mehr Genauigkeit hat oder auf bessere oder erstaunlichere Gegenstände geht, so dürfen wir aus den beiden Gründen die Forschung über die Seele mit Recht an die erste Stelle setzen.
Was ist denn der Forschungskonsens, mit dem Sie sich auseinandersetzen?
Alle bestimmen die Seele nahezu durch drei Merkmale: Bewegung, Wahrnehmung und Unkörperlichkeit.
Welche neuesten Erkenntnisse haben Sie in jüngster Zeit über die Seele gewonnen?
Die meisten Affekte scheint sie nicht ohne den Körper zu erleiden, zum Beispiel sich erzürnen, mutig sein, begehren, überhaupt wahrnehmen.
Wie Körper und Seele sich zueinander verhalten, ist im Jahr 2007 immer wieder Anlass zum wissenschaftlichen Streit. Die einen halten alles für körperlich, andere wollen von der Biologie lieber nichts wissen.
Deshalb haben diejenigen eine richtige Auffassung, die annehmen, dass die Seele weder ohne Körper ist noch selber ein Körper; denn sie ist kein Körper, wohl aber etwas, das zum Körper gehört, und liegt daher im Körper vor, und zwar in einem sobeschaffenen Körper.
Heißt das, das Körperliche bestimmt das seelische Geschehen?
Es scheint umgekehrt vielmehr die Seele den Körper zusammenzuhalten. Wenn sie von ihm herausgeht, dann verflüchtigt er sich und verfault.
Was unterscheidet Ihre Perspektive im Wesentlichen von den bisherigen? Anders gefragt: Wie sollte man über die Seele nicht mehr nachdenken?
Nicht so, wie die früheren Philosophen die Seele in einen Körper einfügten, ohne näher zu bestimmen, in welchem und wiebeschaffenen Körper sie vorliege, obwohl doch offensichtlich nicht das Beliebige etwas Beliebiges aufnimmt.
Ist die Seele gleichermaßen für die Verarbeitung von Sinnesreizen zuständig wie für das Urteilen durch den Verstand?
Für die denkfähige Seele sind die Vorstellungsbilder wie Wahrnehmungsinhalte.
Was hoffen Sie, in naher Zukunft wissenschaftlich herausfinden zu können?
Wo Wahrnehmung vorliegt, da auch Schmerz und Lust, und wo diese, da auch notwendigerweise Begehren. Hinsichtlich der Vernunft und des betrachtenden Vermögens ist es noch nicht deutlich, sondern es scheint eine andere Seelengattung zu sein, und dieses allein kann sich abtrennen, wie das Ewige vom Vergänglichen.
Was wissen Sie heute, ohne es beweisen zu können?
Die Menschen mit hartem Fleisch sind unbegabt im Denken, hingegen die mit weichem Fleisch begabt.
Wahrnehmen, Verstehen, Erklären sind eng benachbart. Welche Rolle spielt die Seele in dieser Nachbarschaft?
Das Prinzip, durch das wir leben und wahrnehmen, wird auf zweifache Weise benannt: Wir nennen es einerseits die Wissenschaft, andererseits auch die Seele, denn durch jede von beiden, so sagen wir, verstehen wir wissenschaftlich.
Und wenn Sie mit einem Satz zusammenfassen sollten, was jede Seele ausmacht?
Wenn man nun etwas Gemeinsames von jeder Seele sagen soll, so ist sie wohl die erste Vollendung eines natürlichen, organischen Körpers.
Aristoteles , 384 - 322 vor Christus, bestimmt mit seinem Werk »De anima/Über die Seele«, dem wir die Äußerungen des Philosophen entnehmen, die Diskussion bis heute
- Datum 03.01.2008 - 09:28 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03.01.2008 Nr. 02
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Schön, dass dieses Thema seit 2 Jahren zunehmend in den Medien auftaucht.
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