Hoch im Norden Sibiriens, wo die Gasfelder liegen, herrscht fast das halbe Jahr über tiefe Nacht. Juschno-Russkoje ist so ein Gasfeld; wenige Tage vor Weihnachten haben Ingenieure dort bei minus 40 Grad und eisigem Wind mit der Förderung begonnen. Das russisch-deutsche Gemeinschaftsprojekt könnte den Erdgasbedarf Deutschlands für mehr als 15 Jahre decken. Juschno-Russkoje ist für die Republik deshalb so wichtig, dass Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier zur Eröffnungsfeier in die Konzernzentrale von Gasprom nach Moskau reiste. Symbolhaft drückte er dort mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden und Vizepremier Dmitrij Medwedjew gemeinsam den Startknopf. Ebenso bildhaft legte der Russe, der im Frühjahr als Kreml-Kandidat bei der Präsidentschaftswahl antritt, dabei seine Hand über die des Deutschen.

Juschno-Russkoje ist nur eines unter vielen russischen Gasfeldern, aber eben ein ganz besonderes. Die BASF ist an dem Projekt mit knapp 35 Prozent beteiligt, erstmals fördert ein deutsches Unternehmen in diesem Umfang Erdgas in Sibirien. Als Gegengeschäft erhielt Gasprom zusätzliche Anteile an der gemeinsamen Gashandelstochter Wingas. E.on verhandelt noch über seinen Einstieg. Dem Westen verheißt Juschno-Russkoje über Jahre hinweg gut geheizte Wohnzimmer, dem russischen Monopolisten Gasprom ein Mitspracherecht in deutschen Unternehmen. Erdgas ist eine mächtige Waffe, und Russland weiß sie einzusetzen. »Gasprom spielt die deutschen Versorger geschickt gegeneinander aus«, urteilt ein deutscher Energiemanager. »Einer nach dem anderen tanzt in Moskau an.«

Der Konzern ist Russlands wertvollstes Unternehmen. Er zählt 432.000 Mitarbeiter, bestreitet mit seinen Steuern etwa zehn Prozent der staatlichen Haushaltseinnahmen und hat riesige geopolitische Bedeutung. Gasprom besitzt gegenwärtig fünfmal mehr Rohstoffe als ExxonMobil, das macht den Konzern zum Weltmarktführer im Erdgasgeschäft. Die Frage ist nur: Wie lange noch? BILD

Kritiker befürchten, dass Gasprom demnächst das Gas ausgeht. Einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zufolge könnte Russland bereits in den kommenden Jahren Schwierigkeiten bekommen, seine Lieferverpflichtungen einzuhalten. Wladimir Milow, Präsident des Moskauer Instituts für Energiepolitik, fürchtet für das übernächste Jahr eine Versorgungslücke von weit mehr als 100 Milliarden Kubikmetern. Das wäre in etwa so viel, wie innerhalb eines Jahres nach Europa exportiert wird. Woran das liegt, ist allerdings umstritten. Tatsächlich stagniert die Produktion, da die größten Gasfelder zu mehr als 60 Prozent erschöpft sind. 2006 produzierte Gasprom 556 Milliarden Kubikmeter, weniger als zehn Jahre zuvor. Was heute gefördert wird, haben noch Geologen aus der Sowjetzeit gefunden. Für Juschno-Russkoje gilt nichts anderes: Das aktuelle Gasfeld der Hoffnung wurde bereits 1969 entdeckt.

Unternehmenssprecher Sergej Kuprijanow dementiert allerdings drohende Engpässe. »Wir haben mit unseren europäischen Kunden langfristige Verträge, manche bis 2035«, sagt er. »Wir wissen, wie viel Gas wir brauchen, und wir haben keine Probleme mit der Finanzierung der Förderung und des Transports.« Auch manche Gasexperten sehen die Zukunft nicht so dramatisch. »Gasprom hat zwar in der nachsowjetischen Zeit keine Riesenfelder mit noch wachsender Ausbeute erschlossen, aber dennoch 225 Milliarden Kubikmeter neuer Produktionskapazität geschaffen«, sagt Jonathan Stern vom Institute for Energy Studies in Oxford. Ein Gasmangel könne sich frühestens in drei Jahren abzeichnen. Auch Jurij Saakjan, der Generaldirektor des Instituts für Probleme Natürlicher Monopole, hält die Versorgung bis 2010 für gesichert. Grund sei der Kauf von Gas aus Zentralasien, zurzeit etwa 55 Milliarden Kubikmeter. »Ein Gasdefizit wirkt sich zudem nicht auf den Export aus, da in einer solchen Ausnahmesituation am heimischen Markt der Verbrauch durch Energiesparmaßnahmen gedrosselt wird«, beruhigt Saakjan die europäischen Ängste, Russland könne als Lieferant ausfallen.

Das Unternehmen sieht seine Zukunft im Norden: einerseits im Eismeer der Kara- und Barentssee, andererseits auf der fast unbesiedelten Halbinsel Jamal. Der Name bedeutet in der Sprache des dort lebenden Volkes der Nenzen so viel wie »Ende der Welt«. Genau dort soll bis 2011 das gewaltige Gasfeld Bowanenko erschlossen werden, 2013 soll das Feld Schtokman in der Barentssee folgen. Die nötigen Investitionen betrachtet Gasprom mit der hausüblichen Gelassenheit, obwohl sich das Volumen allein für Jamal auf schätzungsweise 85 Milliarden Dollar beläuft. Bisher bleibt Jamal für Auslandsinvestitionen gesperrt. Der Konzern hofft nämlich, dass der steigende Gaspreis mehr Geld in die Kassen bringt. Denn der Preis für Erdgas ist an den für Öl gekoppelt und folgt ihm im Abstand von einigen Monaten. Für Europa dürfte das bedeuten, dass 1.000 Kubikmeter im nächsten Jahr statt gut 250 Euro etwa 350 Euro kosten. »In einer solchen Situation«, sagt Gasprom-Sprecher Kuprijanow, »findet sich das Geld für die Umsetzung jedes beliebigen Gasprojekts.«

Auf dem inländischen Markt, der mit seinen staatlich festgesetzten Preisen eine weitaus geringere Verdienstspanne bietet, müssen die kleinen unabhängigen Produzenten aushelfen. Ihr Produktionsanteil am russischen Erdgas beträgt etwa 16 Prozent. Das stört Gasprom nicht, weil dem Konzern sämtliche Pipelines gehören und er zudem den Export kontrolliert. So kann er seine Konkurrenten jederzeit in Schach halten – und sich selber um das weitaus einträglichere Auslandsgeschäft kümmern.