Die gute Nachricht erhielt Reinhard Mitschek kurz vor Weihnachten. Genau an jenem Tag, als er in der turkmenischen Hauptstadt Asgabat vor Investoren trat, um für die Gaspipeline Nabucco zu werben. Der britische Ölkonzern BP habe detaillierte Zahlen zum aserbaidschanischen Gasfeld Shah Deniz II bekannt gegeben, hieß es in der knappen Mitteilung. Und das Feld sei groß, sogar größer als erhofft. Mitschek, Chef der Projektgesellschaft Nabucco Gas Pipeline GmbH, bekam damit nicht nur Stoff für seine bevorstehende Präsentation, sondern gleich für das ganze Nabucco-Projekt selbst.

Erfolgsmeldungen über Gasfelder am Kaspischen Meer kommen derzeit gerade recht. Denn ob gebaut wird oder nicht, soll in den nächsten sechs Monaten definitiv entschieden werden. Nabucco ist mit fünf Milliarden Euro Investitionsvolumen eines der größten Infrastrukturprojekte Europas. Der Baubeginn des Megarohrs ist für Anfang 2009 geplant, am Ende soll Nabucco über 3300 Kilometer von der Türkei über Bulgarien, Rumänien, Ungarn zum Gaszentrum Baumgarten in Österreich führen (siehe Karte Seite 22/23). Von 2018 an sollen rund 30 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr von der Region um das Kaspische Meer und dem Mittleren Osten nach Westeu-ropa fließen. Als Investoren sind bisher fünf Ölgesellschaften aus den Transitländern im Gespräch, die aber noch vollends überzeugt werden müssen.

Für die EUwäre Nabucco besonders wertvoll. Mit einem Anschluss an das Erdgas von Ländern am Kaspischen Meer wollen Brüsseler Energiestrategen die Abhängigkeit von russischem Gas verringern. Die Union hat denn auch sechs Millionen Euro für Machbarkeitsstudien zugeschossen. "Ich bin optimistisch, dass alles klappt, wenn es auch derzeit einige Probleme gibt", räumt der ehemalige niederländische Außenminister und kürzlich bestellte EU-Nabucco-Koordinator Jozias van Aartsen ein.

Noch ist allerdings unklar, ob überhaupt genug Erdgas in der Region vorhanden ist und Energiekonzerne auch Transportkapazitäten bei Nabucco buchen werden. Zwar läuft die erste Buchungsphase demnächst an. Dabei kann derzeit niemand sagen, woher der Rohstoff in fernerer Zukunft kommt. Bis 2018 dürften die Ressourcen des aserbajdschanischen Gasfelds Shah Deniz II reichen. Über weitere ausreichende Mengen verfügt das Land allerdings nicht. Und die Liste der anderen potenziellen Lieferländer ist klein.

Iran hat weltweit die zweitgrößten Vorkommen. Doch als die österreichische Ölgesellschaft OMV im vergangenen April Interesse zeigte, sich am iranischen Gasfeld South Pars zu beteiligen, gab es scharfe Kritik in den Vereinigten Staaten. Seither ist klar, dass der Bezug von Erdgas aus Iran politisch schwer durchsetzbar wäre. Derzeit verhandelt nur die Türkei mit dem international geächteten Land. "Die Situation kann sich aber schnell ändern", hofft Mitschek.

Auch Turkmenistan verfügt über reiche Gasreserven. Tatsächlich würden die dort Verantwortlichen, die bisher ihr Gas über Russland in den Westen exportieren, gerne auch auf direktem Wege nach Europa verkaufen. Der direkte Weg wäre aber eine Röhre unter dem Kaspischen Meer hindurch nach Aserbajdschan. "Und eine solche transkaspische Pipeline ist technisch schwierig und wegen Rechtsstreitigkeiten der Anrainer derzeit blockiert", erklärt Gerhard Mangott, Russlandexperte von der Universität Innsbruck.

Dann ist da noch Russland selbst. Grundsätzlich könnte es der Nabucco-Projektgesellschaft egal sein, woher sie das Gas bezieht, Hauptsache, die Kapazitäten sind ausgelastet. "Ich kann nicht ausschließen, dass künftig auch russisches Gas über die Pipeline transportiert wird", gibt Nabucco-Chef Mitschek offen zu. Das aber wäre ein Problem für die EU. Die stellt schon jetzt klar, dass sie partout kein russisches Gas durch Nabucco fließen sehen will. "Die politische Zielsetzung der EU, die Gaslieferungen zu diversifizieren, wäre mit dem Import von russischem Gas gescheitert", sagt Frank Umbach, Energieexperte bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

Einerseits soll das Projekt die Befreiung aus der Abhängigkeit von Russland bringen. Andererseits allerdings hält besonders die OMV als Konsortialführer von Nabucco enge Verbindungen zum russischen Gasgiganten Gasprom. "Russland ist an Nabucco als alternative Exportroute für sein Gas interessiert und bereit, ein hohes Gasvolumen einzuspeisen", glaubt Wissenschaftler Mangott. Das gasreiche Land sucht neben bereits bestehenden Verbindungen zu Westeuropa – etwa der Blue-Stream-Pipeline in die Türkei – neue Exporttrassen. Eine davon ist das mit der italienischen Eni geplante Projekt South Stream. Doch im Vergleich zu Nabucco ist dieses weniger ausgereift.

Fände Nabucco ohne die Russen statt, würden diese ihre Vermittlerrolle zwischen den Ländern am Kaspischen Meer und Europa verlieren. Derzeit fließen nämlich die Öl- und Gaslieferungen dieser Staaten fast ausschließlich über Russland. Könnte also sein, dass Gasprom bei den Österreichern anklopft, um das Projekt zu unterwandern.

Die OMV rühmt sich, 1968 die erste westeuropäische Firma gewesen zu sein, die einen Gasliefervertrag mit der damaligen UdSSR unterzeichnete. Seit mehr als einem Jahrzehnt unterhalten OMV und Gasprom in Wien auch eine gemeinsame Importfirma. Im September 2006 verlängerte Österreich außerdem seinen Liefervertrag mit Russland bis 2027. Mehr als drei Viertel des Gasbedarfs der Alpenrepubik werden von Russland befriedigt.

Ursprünglich war es allerdings die OMV, die das EU-Alternativprojekt Nabucco vorantrieb und dafür auch als Konsortialführer agiert. Doch seit Russlands Präsident Wladimir Putin Ende Mai auf offiziellem Staatsbesuch in Wien weilte, flammte auch die Beziehung der beiden Energieunternehmen erneut auf. Im Schlepptau Putins befanden sich nämlich auch Gasprom-Chef Alexej Miller. Er und OMV-Chef Wolfgang Ruttensdorfer unterzeichneten abseits des offiziellen Wirtschaftstreffens eine Absichtserklärung, wonach Gasprom sich an der Handelsplattform Baumgarten beteiligt, wo auch Nabucco enden soll. Derzeit laufen die Verhandlungen. Aller Voraussicht nach wird der russische Konzern mit fünfzig Prozent einsteigen. Kommt der Deal zustande, dürfte Baumgarten die größte Gasbörse Europas und damit Gasproms Eintrittspforte in den Westen werden.

Egal, was europäische Gaskonzerne unternehmen, irgendwie spielt Moskau immer eine Rolle. Erst vor Kurzem waren die Österreicher mit Gasprom in Ungarn aneinandergeraten, wo beide die führende Öl- und Gasgesellschaft übernehmen wollten. Inzwischen winkt selbst dort eine weitere, lukrative Zusammenarbeit. Sollte die Übernahme der ungarischen MOL klappen, müsste OMV nämlich den Kartellwächtern zuliebe Raffinerien abgeben. Und der Käufer dafür, so glauben Beobachter, könnte Gasprom sein.

Noch lassen diese vielfältigen und für Nabucco langfristig kritischen Beziehungen zwischen Österreichs und Russlands Gas- und Ölmagnaten die EU-Kommission kalt. EU-Koordinator van Aartsen will in den nächsten Monaten vor allem die Ölkonzerne BP, Statoil und Total umwerben. Die nämlich sollen das Gas in Aserbajdschan fördern. Auch ohne sie geht bei Nabucco vorerst gar nichts.