Energieversorgung Machiavelli für Gas und ÖlSeite 2/2

In Zentralasien lässt sich das Ergebnis dieser Strategie besichtigen. Die aufstrebenden Rohstoffländer Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan haben eine prächtige geografische Lage. Sie könnten aus der Mitte des Kontinents die Verbraucher in Ostasien, Indien und Europa gleichzeitig versorgen. Wen aber beliefern sie stattdessen? Russland, das Energieexportland. Betoniert durch Verträge der jüngsten Zeit, lenkt Russland den Großteil der Gasproduktion Zentralasiens über sein enormes Territorium. Im Verein mit Iran verhindert Moskau seit über einem Jahrzehnt, dass eine Pipeline durch das Kaspische Meer in Richtung Europa gebaut wird. Im vergangenen Mai landete Putin einen kaspischen Coup, als er mit den Präsidenten von Kasachstan und Turkmenistan vereinbarte, eine neue Großröhre nördlich des Kaspischen Meers nach Russland zu verlegen. China, Indien und Europa schauten da nur ohnmächtig zu. Gasprom und andere russische Konzerne kaufen den Zentralasiaten einen guten Teil ihrer Produktion ab, damit diese nicht mit anderen Verbrauchern direkt ins Geschäft kommen. Das macht Russland für sie.

Es reicht also nicht, Gas zu produzieren und zu verkaufen. Wer wirklich Macht ausüben möchte, muss die Kontrolle über die Gasrohre gewinnen. Genau aus diesem Grunde fordern die Europäische Energiecharta und die EU-Kommission, das Eigentum an Produktionsfeldern und Rohrleitungen zu trennen. Und aus demselben Grund lehnen viele Rohstoffländer es ab, diese Charta und ähnliche Konventionen des fairen Wettbewerbs zu ratifizieren. In dem Buch Petrostaaten. Außenpolitik im Zeichen von Öl beschreiben die Berliner Wissenschaftler Enno Harks und Friedemann Müller beispielhaft, wie Rohstoffländer alles tun, um sich nicht von »multilateralem Regelwerk abhängig zu machen«. Die Herrschaft über die Gasrohre wollen sie nicht teilen. Hugo Chávez achtet genau darauf, dass sich an der 8.000 Kilometer langen Großpipeline von Venezuela in andere lateinamerikanische Länder keine »Agenten der USA« beteiligen. Iran zieht seine Rohre im Süden ums Kaspische Meer, damit der Westen seine Idee von der transkaspischen Pipeline nicht verwirklichen kann. Russland wollte Polen, Schweden und die baltischen Staaten nicht gleichberechtigt an der Ostseepipeline Nord Stream beteiligen, die Putin 2005 mit dem damaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder unter Dach und Fach brachte.

Die Vielzahl von Rohrleitungen, so argumentieren Gasprom-Vertreter, erhöhten die Vielfalt und würden die Energiesicherheit steigern. Das ist richtig, aber wenn die Pipelines den Produzenten gehören, verbessern sie vor allem dessen Sicherheit und nicht die der Verbraucher. Gasprom verlegt in Osteuropa derzeit viele neue Leitungen. Die Ostsee-Pipeline soll den existierenden Röhren durch die Ukraine und Polen ihre Bedeutung nehmen. Die Blue-Stream-Pipeline von Russland durch das Schwarze Meer in die Türkei würde, so hatte Gasprom versprochen, Anatolien zum Drehkreuz in Richtung Europa und Israel machen. Nun wollen die Russen eine neue Pipeline bauen, erneut durchs Schwarze Meer, an der Türkei vorbei nach Rumänien. Zugleich torpediert Moskau mit den multiplen Rohren ein Projekt der EU. Die Vielzahl an Pipelines soll also Vielfalt nur vortäuschen. Denn durch alle fließt das Gas eines Produzenten.

Möglich werden diese Projekte nur durch Hilfestellung aus den Verbraucherländern. Die Ostsee-Pipeline kommt, weil Putin vor fünf Jahren seinen Freund Gerhard Schröder dafür gewonnen hat. Hohe Beamte der Schröder-Regierung segneten vor dem Ende von RotGrün schnell noch eine 900-Millionen-Euro-Bürgschaft für das Projekt ab, welche Gasprom mehr aus kosmetischen Gründen ablehnte. Der Ex-Kanzler durfte dann nach der verlorenen Wahl 2005 Aufsichtsratsvorsitzender der Pipelinegesellschaft werden, an der die deutschen Konzerne E.on und BASF eine Minderheitsbeteiligung halten. Putin wusste: Gerhard Schröder ist zuverlässig.

Wenn es brenzlig wird, gehen die westlichen Energiekonzerne in Deckung

Dieses Prädikat erarbeiten sich derzeit auch andere Europäer. Die neue Pipeline durchs Schwarze Meer baut Gasprom mit der italienischen Firma Eni, auch nähert man sich der OMV aus Österreich an. Russland hat gar kein Interesse, mit der ganzen EU ins Geschäft zu kommen. Moskau arbeitet bilateral mit den europäischen Energiekonzernen zusammen, das reicht. Diese Konzerne wurden von den Regierungen ihrer Staaten zu nationalen Champions hochgepäppelt, vertreten aber nun als Privatkonzerne nicht mehr die nationalen Interessen des Landes und schon gar nicht das strategische Energiekonzept der EU-Kommission. Wenn sich mit Gasprom Geld verdienen lässt, folgen die neuen Privatmonopolisten naturgemäß ihren Geschäftsinteressen.

Die beiden großen deutschen Konzerne zum Beispiel sind längst eng mit Gasprom verflochten. E.on hält über sechs Prozent der Aktien von Gasprom und hat ein kommerzielles Interesse an dessen Wohlergehen. BASF betreibt sein Verteilernetz in Deutschland über eine gemeinsame Gesellschaft mit Gasprom. Die beiden Energieriesen teilen sich den Gasmarkt weitgehend auf. Ein echter Wettbewerb fällt aus – wie fast überall in der EU. Der Bürger darf am Ende die überhöhte Rechnung der Monopolisten zahlen.

Für alle Nebenwirkungen der grenzübergreifenden Verflechtung der Monopole fühlen sich die Konzerne nicht zuständig. Etwa für diese: Ressourcenstaaten nutzen ihre Rohstoffe, »um die Abhängigkeit ihrer Kunden zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele zu instrumentalisieren«, sagt Friedemann Müller. Wenn Chávez zum Energieboykott gegen die USA aufruft, wenn der Iraner Ahmadineschad die Opec zu Produktionssenkungen auffordert, um die Preise für Öl und Gas hochzutreiben, wenn Putin der Ukraine oder Polen mit Lieferstopp droht, dann werden die westlichen Energiekonzerne schnell unsichtbar und übergeben an die europäischen Regierungen. Doch was sollen die in den stets wiederkehrenden Konflikten machen, wenn sie im Gegensatz zu Ahmadineschad und Chávez weder über Gas noch über Pipelines verfügen?

Die westlichen Regierungen haben viel Macht aus der Hand gegeben. Aber eines steht ihnen dennoch frei: Sie können die EU-Kommission und das Kartellamt dabei unterstützen, die Macht der Privatmonopole auf dem europäischen Energiemarkt zu begrenzen, also auch Produktion und Netze zu trennen. Der beste Weg aus der Gasfalle führt jedoch über die Abstinenz. Je weniger Gas ein Land braucht, desto besser für seine Bürger.

 
Leser-Kommentare
  1. Der Artikel zeigt vor allem, wie dringend eine möglichst hohe Eigenerzeugung von Energie ist. Diese wäre auch mit einiger technischer und administrativer Intelligenz ( und Phantasie) zu realisieren.Beispiel: Einer der großen Brocken im Energieverbrauch. Individualverkehr!  Ist da der erdölbasierte Verbrennungsmotor nicht die Gerätschaft, der allenfalls eine Auslauffrist von 10 bis 15 Jahren zuzubilligen wäre?Kann man nicht den Elektroantrieb forcieren, indem z.B. Firmenparkplätze photovoltaisch überdacht und so während der Arbeitszeit die Batterien geladen werden?Warum verbrennen wir immer noch Öl, wenn der größte Teil unserer Mobilität sich im Distanzbereich von 10-30km bewegt. (Auch heute schon mit sauberen Elektroantrieben zu bewerkstelligen.) Da denke ich, dass mit einigen Forcierungen und konstruktiven gesetzlichen Ergänzungen sich Tür und Tor öffnen ließen für neue (Auto) Märkte und Betreibermodelle.Vor allem, wenn der "Verbraucher" bei einem Ölpreis von 100 Dollar heute und möglichen 200 in einigen Jahren, doch darauf kommt, dass es billiger geht:Mit technischer Intelligenz vor der Haustür. Kurzum: Tanken vom Dach!

    • iDog
    • 03.01.2008 um 12:52 Uhr

    hier wird sie uns wieder einmal vorgestellt. unsere netten politiker werden vorgefuehrt wie buttel am rande der ohnmacht. schliesse mich dem vorkommentator an: selbermachen : dezentrale energie zur dezentralisierung der macht .... bringt konsumentenunabhaengigkeit statt produzentenallmacht ! ist ueberigens technisch alles laengst machbar wird aber natuerlich von den zu recht verdaechtigten erfolgreich verhindert bzw von besagten buetteln in der lobbistenrolle auftragsgemaeß hintertrieben bis illegalisiert, damit die melkmaschine weiter auf hochtouren laufen kann. man koennte meinen das gemolkenwerden ist ein existentieller hochgenuss : ich bezahle also bin ich ! viel spass dabei.

    • andy81
    • 03.01.2008 um 13:03 Uhr

    Der Artikel ist vielleicht für manchen etwas zu detailliert oder zu lang, aber selbst wenn man die Darstellung nur überfliegt, dürfte jedem klar werden, was wir tun müssen! - AUFWACHEN! - Die derzeitige Entwicklung führt uns in eine Abhängigkeit aus der wir, ohne Alternativen nicht mehr so schnell rauskommen werden...diese Macht einzelner über viele wird von Prof. Radermacher in seinem Buch Welt mit Zukunft als "Brasilianisierung" genannt. Für ihn das wahrscheinlichste Zukunftszenario bis 2050 - der Mittelstand wird langfrsistig, aufgrund steigener Energiepreise und notwendiger Steuern, ausgeblutet und aufgrund fehlender Alternativen und Rückbau von Standards langsam ganz verschwinden. Am Ende bleiben kleine mächtige Eliten von ca. 5%, die über den Zugang zu Resourcen (auch Wasser!) der restlichen 95% Weltbevölkerung  bestimmen. Unsere derzeitige Entwicklung könnte uns in solche Situationen führen. Ein Richtungswechsel fängt auch mit einer Neuasrichtung im Energiemarkt an. Man kann sich nicht von heute auf Morgen umstellen, das erfodert jahrelange Vorarbeit. Ein mittlerweile sehr gut durchdachtes Konzept legt die Initiative Trec (www.trecers.org) zusammen mit der Deutschen Luft- und Raumfahrt Center vor. Ein Konzept, das ganz Europa mit sauberer Energie versorgen könnte. Um die Brasilianisierung oder evt. auch einen ökologischen Kollaps zu verhindern erfordert es neben der Umstellung auf erneuerbare Energien auch ein weltweit verbindliches Rahmensystem, inkl. CoFinanizierung für die ärmeren Staaten, gekoppelt an vereinbarte Standards.  Ein Konzept wie es von Klaus Töpfer, Sandra Maischberger und anderen Unterstützern der Global Marshall Plan Initiative gefordert wird. Man kann die Globalisierung gestalten! 

  2.  
    Herr Michael Thumann,
    den Ist-Zustand beklagen war nicht die Stärke des Herrn Machiavelli. Er war mehr an Lösungswegen interessiert.
    Die eigene Ideenlosigkeit seinen Gegnern anlasten, bringt uns nicht weiter. Neue Bahnbrechende Ideen müssen her. Dürfte uns auch nicht schwer fallen als Volk der Denker und Erfinder.
    Wir müssen es nur wollen !!!
    Gruss
    Paul333

    • colca
    • 03.01.2008 um 14:06 Uhr

    Nanu, da beklagt die sonst so privatisierungsseelige ZEIT plötzlich, dass börsennotierte Multis keine Vaterländer mehr kennen, dass die gierigen Manager von ENI, OMV und Eon tatsächlich Geschäfte mit dem Gottseibeiuns von Gazprom machen...Und auch weint der Herr Thurmann bitterlich über die Tatsache, dass die Nachfrage den Preis befeuert. So lang wir wie die Junkies an der Energienadel hängen, dürfen wir uns nicht beklagen, dass der begehrte Stoff meistbietend verhökert wird. Zumal an diesen Geschäften ja noch ein paar mehr Beteiligte Geld verdienen, siehe die Börsen in London und New York.Wir verkaufen ja schließlich die begehrten Maschinen und Autos auch nicht zu Freundschaftspreisen - oder wie wird man sonst Exportweltmeister?Tja Herr Thurmann, dieses Spiel heißt Kapitalismus. So lang die Gewinnerseite dabei für den sogenannten Westen reserviert schien, habe ich von Ihnen und der ZEIT keine Kritik daran vernommen.Sind Sie etwa schlechte Verlierer?Lediglich Ihrem Fazit im letzten Absatz kann ich anschließen, der Rest strotzt nur so vor ärgerlichen Plattitüden und unwahren Verkürzungen. Aber das ist ja leider nichts Neues.

  3. Öl war schon mal sehr viel mehr knapp. Damals lag es allerdings am horrenden Verbrauch gewisser Kettenfahrzeuge die gen Oooosten rollten.
     
    Deshalb wurde die sogenannte Petrochemie entwickelt. Man nehme ein Stück Kohle, werfe es in einen Reaktor, und hast du nicht gesehen, kommt Benzin raus! Selbst bei Nutzung der einheimischen Kohle für diese Zwecke würde Stein- und Braunkohle zusammengenommen locker noch 100 Jahre reichen.
    In diesem Zeitraum sind dann hoffentlich die Jungs vom Projekt ITER (Kernfusion und so) zu Potte gekommen! Die dann vorhandene umweltschonende Elektroenergie (ohne Ende) kann uns in die Lage versetzen den Individual- und Güterverkehr per Brennstoffzelle zu organisieren. Dann können uns nämlich mal die Ölheinis am Abend besuchen!

  4. Das rohstoffarme Europa kann sich nur durch Export aufrecht erhalten.  Doch auch um eine Exportindustrie aufrecht zu erhalten, bedarf es wiederum der unentbehrlichen Rohstoffe.  Wenn man sich nicht umgehend neue Energiequellen einfallen lässt, ist die weitere wirtschaftliche Entwicklung zwangsläufig negativ, um es gelinde auszudrücken.

    • Anonym
    • 03.01.2008 um 15:04 Uhr

    Das ist ja ein Jammer-Artikel. Jammern hilft nicht in der Welt.Eigene Ideen haben hilft.Diesen betrueblichen Zustand rechtzeitig voraussehen und was dagegen tun hilft.Ich kann Ihnen  versichern, dass Deutschlands Gegenmassnahme, tausende von Windspargeln aufzustellen, und aus der Kernenergie auszusteigen  irgendwann zu einem globalen Lachkrampf fuehrt. Wieso sollte zum Beispiel der Herr Putin fuer Deutschland denken und sie  von ihren Schildbuergerstreichen abhalten? Noch nicht mal der ehemalige Bundeskanzler tut das. Der denkt fuer das, was Zukunft hat. Nein, Herr Thumann, so funktioniert die Welt nicht. Wir sind weltweit in einem Wettstreit um Wissen und Ideen. Der mit den besseren Ideen gewinnt. Wer grobe Fehler macht, oder zu spaet sieht, das er erpressbar ist, sinkt.  Jammern, wie Sie das tun, ist die nutzloseste Zeitverschwendung. 

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