Er sagt, dass er weinte, als Edda kam. Als die Anspannung der vergangenen neun Monate von ihm abfiel, das Gewicht der Nächte, in denen er reglos dagelegen hatte, wie seine Frau, mit wachsenden Zwillingen im Bauch, sich kaum mehr rühren konnte, die Mühsal der Momente, in denen sie Atempausen brauchte und er in ihre Erschöpfung einfiel wie die zweite Stimme eines Kanons. Er habe geweint, nicht sehr, sagt er, nur ein paar Tränen. Bis seine Frau den schmerzsteifen Griff um seine Arme lockerte und eine Hebamme ihm das Kind entgegenstreckte, um sich dem anderen Zwilling im Mutterleib zu widmen, und er sein Baby ansah, sein Mädchen, es nicht an sich drückte, nur schaute und staunte. Und sich das Kind dann mit einem ersten Strahl auf ihm entleerte. »Auf mein Muhammed-Ali-T-Shirt, voll von oben bis unten«, sagt Robert Fass, 36. Mitte Januar 2008 werden die Zwillinge Edda und Lilly drei Jahre alt.

Robert sollte eigentlich Gabor heißen, aber sein Vater war damals schneller als seine Mutter beim Standesamt. Freunde nennen ihn Gobby. Wenige Monate nachdem er erfahren hatte, dass er Vater werden würde, wurde die Freundin seines Freundes Søren Bartlock schwanger – der Beginn einer Art natürlichen Vätergruppe. Fass und Bartlock, zwei Hessen in Hamburg, beide Tischler, fest angestellt der eine, der andere selbstständig, sind seit Jahren befreundet. Manou kam im Mai 2005 zur Welt.

Sie gehen immer noch zusammen aus, vielleicht etwas seltener. Sie sprechen immer noch über den FC St. Pauli. Aber die Gespräche enden um eine Uhrzeit, zu der sie früher begonnen hätten, meistens weit vor Mitternacht. Und manchmal geht es eben auch um Kinderwagen und wunde Popos. »Im Grunde«, sagt Gobby, »kann man sich diesen Austausch über Kinder während der ersten Jahre in die Haare schmieren, man kommt da nicht wirklich zu Lösungen, aber trotzdem ist es wichtig. Wen sonst kannst du damit nerven? Wer kann das überhaupt nachvollziehen? Dabei diskutieren wir eigentlich nicht über unsere Vaterschaft, sondern jeder erzählt einfach: seine Geschichte vom Windeln wechseln, seine Geschichte vom Füttern, darum gehts.«

Wir sitzen am Esstisch im Wohnzimmer, in Hamburg-St. Pauli, bei offener Tür, damit Søren seine Tochter hören kann, falls sie aufwacht und nach ihm ruft. Seine Freundin ist ausgegangen. Früher sei er oft nachts an Manous Bett getreten, wenn es still war, sagt er, nah, immer näher, bis er ihren Atem hören konnte und sich beruhigte. Auf dem Sofa liegt ein aufgeschlagenes Kinderbuch, in dem es darum geht, dass sich hinter vorgehaltenen Hufen und Pranken kichernde Giraffen, Schweine und Bären seitenlang verabreden, um am Ende gemeinsam ein Töpfchen zu benutzen. Søren sagt, dass er das Buch mag. Es muss Liebe sein.

Seit Jahren schon kreist in Deutschland eine gesellschaftliche Debatte um die Forderung, dass Väter sich mehr am Leben ihrer Kinder, an der Haus- und Erziehungsarbeit beteiligen sollen. Und seit beinahe ebenso vielen Jahren geben Väter in Umfragen mehrheitlich zur Auskunft: Sie wollen es auch. Zwischen Theorie und Praxis aber liegen Welten. Viele Väter arbeiten nach der Geburt ihrer Kinder mehr als je zuvor und verweisen – aus Überforderung, aus Unsicherheit, vielleicht auch aus Scham – auf die exklusiven mütterlichen Fähigkeiten der Frauen. In den Köpfen hat das Bild des allseits engagierten Vaters längst seinen festen Platz gefunden. Im Alltag dagegen bleiben solche Vätertypen Randerscheinungen.

Wie sieht er überhaupt aus, der moderne Vater? Wer sich im Jahr 2008 auf die Suche nach ihm macht, verliert sich im Plural, in einer Vielzahl der Entwürfe. Die ersten »neuen Väter«, die während der achtziger Jahre ihre Rolle bewusst als Gegenmodell zu ihren eigenen autoritären Vätern definierten, sich ihre Säuglinge vor die Brust banden, erste Väter-Bücher schrieben und ihrer Hilflosigkeit bei Geburtsvorbereitungskursen angesichts der Unterweisung in vaginale Atemtechnik Ausdruck verliehen – die »neuen Väter« von früher sind längst Großväter geworden. Ihre Söhne stehen heute vor einer riesigen Halde der Haltungen, Versatzstücken dessen, was Vaterschaft einmal war, sein sollte, sein könnte, nie geworden ist. Die Aufgabe, diese Puzzleteile zu einem neuen, eigenen Rollenverständnis zusammenzusetzen, empfinden die einen als Freiheit, die anderen als Zumutung, als weitere Variante des postmodernen Spiels der Möglichkeiten. Fest steht: Eindeutige Antworten gibt es nicht mehr. Vaterschaft im 21. Jahrhundert ist »Malen nach Zahlen« ohne Nummern.

»Es gibt keine guten Väter, das ist die Regel«, schrieb Jean-Paul Sartre 1964 in seiner Autobiografie Die Wörter . »Die Schuld daran soll man nicht den Menschen geben, sondern dem Band der Vaterschaft, das faul ist.« Im Christentum macht ein abwesender Gottvater den Anfang, gütig zwar, aber auch streng und von brutaler Sanktionsbereitschaft, allgegenwärtig, vermutlich, und doch nie fassbar, ein Auge im Triangel, das über den Dingen schwebt und zusieht. Der Sohn lebt und ruht, leidet und stirbt in den Armen seiner Mutter. Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

In den menschlichen Niederungen organisieren sich die Urgemeinschaften zunächst in matriarchalischen Strukturen. Die Väter schützen und verteidigen Familie und Sippe, bis der kriegerische Kampf sich zum männlich definierten Ritus verselbstständigt und die Obhut der Kinder in die Zuständigkeit der Mütter übergeht.

Der Beginn des Patriarchats ist auch der Beginn der väterlichen Abwesenheit. Bereits in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts konnten Anthropologen weltweit nur noch drei von achtzig Naturvölkern ausmachen, bei denen die Väter eine enge Beziehung zu ihren Säuglingen pflegten. Um zu studieren, wie es ist, wenn Männer mit ihren noch sprachlosen Kindern herumalbern, sie trösten und mit ihnen im Arm durch das Dorf spazieren, reisten die Forscher bis auf die Trobriand-Inseln im Osten von Papua-Neuguinea.

In der westlichen Welt entwickelt sich der Vater im 18. Jahrhundert zur Autoritätsperson innerhalb der häuslichen Produktionsgemeinschaft Familie, die keine Trennung zwischen Heim und Arbeitsplatz kennt. Ehefrau und Kinder sind dem väterlichen Willen unterworfen, der darüber entscheidet, was die Söhne lernen, wen die Töchter heiraten. Erst die industrielle Revolution führt zur Aufspaltung des Alltags in eine öffentliche und eine private Sphäre. Väter müssen ihr Heim verlassen, um ihre Familien zu ernähren, den Müttern bleiben Pflege, Fürsorge und die Bemühungen um die Regeneration der männlichen Arbeitskraft.

In dem Maße aber, in dem die Vaterrolle immer mehr über ihren materiellen Beitrag zum Familienerhalt definiert wird, wächst die Gefährdung der väterlichen Position, vor allem in der Arbeiterschicht: Verliert der Vater seine Stelle, verliert er damit auch seine Stellung im Familiengefüge. Der Alkoholkonsum verdoppelt sich im Laufe der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, man könnte sagen: folgerichtig. Väter brüllen, Väter prügeln, Väter verschwinden. Und die Gerichte gehen dazu über, nach Trennungen das Sorgerecht den Müttern zu übertragen.