Der Abend senkt sich über den Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel, als die Maschine der Schweizer Charter-Airline Hello endlich auf dem Rollfeld eintrifft. Ein halbes Jahr hat Udo Radtke* auf diesen Moment hingearbeitet, und jetzt spürt er, wie das Adrenalin durch seinen Körper pumpt. Radtke, ein leitender Angestellter der Hamburger Ausländerbehörde, durchmisst mit eiligen Schritten den alten Terminal 1, der sonst nur noch als Abfertigungshalle für Urlaubsflüge dient.

Es ist der 18. September 2006, nur noch wenige Stunden bis zum Start, und alle wollen etwas von ihm, das Ärzteteam und einige der hundert Bundespolizisten, die jetzt schon durch die Wartehalle wuseln. Der Staatsrat aus der Innenbehörde will ihm die Hand schütteln, und die Beobachter aus den EU-Ländern möchten, dass er ihnen die Logistik dieser Sammelabschiebung erläutert, aber Radtke hat jetzt keine Zeit. Die ersten Afrikaner werden zur Durchsuchung eskortiert, und im Behandlungszimmer sitzt dieser Togoer, dessen Blutdruck immer höher steigt.

Radtke läuft nach draußen auf den Parkplatz und holt ein Paket mit Windeln aus dem Kofferraum seines Dienstwagens. Immer wieder kommt es vor, dass sich ein Abzuschiebender einkotet. Danach packt Radtke die Pappkartons mit Lebensmitteln aus, die er am Wochenende noch besorgt hat, Sandwiches, Obst und Müsliriegel. Vor den Sitzreihen arrangiert er sie zu einem Buffet. Eine Mahlzeit lenkt die Afrikaner ab. Radtke weiß, die Ankunft am Flughafen ist ein kritischer Punkt. Es ist der Punkt, an dem sie begreifen, dass sie keine Chance mehr haben. Der Punkt, an dem es eskalieren kann.

Wie immer trägt Radtke einen dunkelblauen Anzug, und sein schütteres blondes Haar ist sorgfältig gekämmt. »Ich repräsentiere Deutschland«, wird er später sagen, aber nun spürt er die Augen von 13 europäischen Innenministern auf sich ruhen. Es ist die erste deutsche Sammelabschiebung, die mit Mitteln des Return-Projekts der Europäischen Union finanziert wird, und er, Udo Radtke, hat sie organisiert: 32 Afrikaner, die aus verschiedenen Staaten der EU und aus verschiedenen Bundesländern kommen, sollen ausgeflogen werden nach Guinea, Togo und Benin.

Normalerweise würden sich ihre Spuren dort verlieren. Wir sind ihnen nachgereist, denn sie waren, ohne es zu wissen, Teilnehmer an einem Test, der das Geschäft der Abschiebung verändern sollte. Es war ein Flug in eine neue Dimension.

»Der Sammelcharter ist die Zukunft«, sagt Udo Radtke, als er ein Jahr danach in einem Hamburger Restaurant sitzt, um diesen Flug zu rekonstruieren. Es war nicht leicht, seine Behörde zu dem Gespräch zu überreden, sie möchte auch nicht, dass er mit seinem richtigen Namen in der Zeitung steht, aber Radtke sagt, er habe nichts zu verbergen. Er trägt einen Schlips in den Farben Hamburgs. Seine Argumente sortiert er sorgfältig, und immer wieder rückt er seine Brille auf der Nasenwurzel zurecht. Er sei ein Innovator, sagen sie im Berliner Innenministerium. Kürzlich erklärte er als Referent den Polen, wie ihr Land verwaltungstechnisch auf EU-Ebene zu hieven sei, und den Rumänen hat er ein Organigramm für eine neue Ausländerbehörde gebastelt. Auf gewisse Weise, könnte man sagen, ist Radtke ein Exportweltmeister.

Am 5. Juli 2005 kamen die Innenminister der wichtigsten europäischen Länder in Evian zusammen, um das Konzept der gemeinsamen Abschiebeflüge zu beschließen. Die Bekämpfung der illegalen Einwanderung sowie die konsequente Rückführung ausreisepflichtiger Ausländer, hieß es, seien das Kernstück einer gemeinsamen Migrationspolitik. »Wir glauben, dass sich Einwanderer ohne gültige Aufenthaltserlaubnis nicht in unseren Grenzen aufhalten sollten«, verkündete Nicolas Sarkozy, der damalige französische Innenminister. »Bündeln wir also unsere Kräfte, um sie außer Landes zu schaffen.«

Es war der Beginn einer neuen Ära. Die nächste Stufe im Abwehrkampf gegen die wiederkehrenden Bilder von überfüllten afrikanischen Flüchtlingsbooten, gegen das Fremde in Europas Städten. Rund 40 Millionen Zuwanderer suchen hier zurzeit ihr Glück, und um den Strom zu bremsen, setzen die europäischen Innenbehörden immer häufiger den Sammelcharter ein. In Österreich wird sogar überlegt, zu diesem Zweck ein eigenes Flugzeug anzuschaffen.

Sammelcharter sind billiger und effizienter als die üblichen Einzelabschiebungen per Linie. Meist werden sie nachts abgewickelt, und die Öffentlichkeit wird erst informiert, wenn alles gelaufen ist. Bei Sammelabschiebungen gibt es keine Piloten, die sich weigern, randalierende Passagiere zu transportieren, es gibt keine anderen Fluggäste. Es gibt kein Geräusch.

»Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Politik darauf kam«, sagt Udo Radtke. Mitte der Neunziger, als noch kaum jemand davon gehört hatte, fing er bereits an, die ersten Flüge auf Länderebene zu koordinieren. Schon damals träumte er davon, die Sache noch viel größer aufzuziehen, und nach Evian gab es da auf einmal diesen Topf, aus dem man sich bedienen konnte. Etwa 140000 Euro kostet eine Sammelabschiebung, etwa 70 Prozent davon erstattet nun die EU. Radtke hat Verwaltungsrecht studiert, aber er klingt nicht wie ein Beamter, er klingt wie einer von McKinsey. Er begann, die Reduzierung der Kosten als sportliche Herausforderung zu sehen.

»Wenn ich die Maschine vollbekomme«, sagt er, »kostet mich ein Abzuschiebender nur rund 1000 Euro. Schon ab 20 Personen sinken die Pro-Kopf-Kosten unter den Preis einer Linienabschiebung.«

Sobald er fünf Leute beisammenhat, stellt er seine Anfrage in das europaweite Polizeinetz und trommelt bei seinen Kollegen in den anderen Ländern für Passagiere. Den Grundstock bilden die »echten Charterfälle«, Straftäter und Leute, die bei einer Linienabschiebung schon mal Widerstand geleistet haben, und dieser Grundstock wird dann angereichert mit »normalen Fällen«. Kommt er in eine »Dimension, wo es sich lohnt«, schreibt Radtkes Broker diesen Flug europaweit aus. Gesucht wird eine A320 oder eine MD-90, etwa 180 Sitze, erfahrenes Personal. Meist bucht Radtke Hello, LTU oder Hamburg International. Vier Wochen vor Abflug unterschreibt er den Vertrag, das ist der point of no return.

Es ist abends gegen sieben, als die Togoerin Belinda Kpakou, eskortiert von zwei Beamten, in den Terminal geführt wird. Aus dem Augenwinkel sieht sie, wie ein schreiender Afrikaner von Polizisten auf den Boden gedrückt wird. Später wird sie sich an eine Platzwunde an seinem Kopf erinnern. An einem Schreibtisch hakt sie ihren Namen ab; dann wird sie vor eine Wand gestellt und abgelichtet, eine pummelige 17-Jährige mit offenem Gesicht. Eine Polizistin schleift Belinda hinter einen Vorhang, wo sie sich ausziehen und bücken soll, ihre Beine zittern, acht Stunden hat sie in diesem engen Polizeibus gehockt, und jetzt steht sie hier wie ein Stück Vieh.

Der kleine, hessische Fachwerkort Cölbe schlief noch, als die Polizei um fünf Uhr in der Frühe Sturm klingelte und jedem eine halbe Stunde gab, um zwanzig Kilo einzupacken. Belinda hyperventilierte. Sie rannte unters Dach und wollte aus dem Fenster springen, aber unten stand ein Mannschaftswagen und richtete die Scheinwerfer aufs Haus. Dann stolperte sie in ihr Zimmer und stopfte hektisch ein paar Sachen in den Rucksack, eine Kapuzenjacke, einen Strickpullover, 20 Kilo für ein ganzes Leben. Im Treppenhaus begegnete sie ihrem Vater, der mechanisch seine Medizin einsammelte. Überall fremde Gesichter, dazwischen Timo, den sie aus der Grundschulklasse kannte. Jetzt wich er ihren Blicken aus.

»Wie fühlst du dich?«, fragte wenig später ein Psychologe auf dem Polizeipräsidium. »Beschissen«, antwortete Belinda. Dann lächelte der Psychologe wissend: »Das ist völlig normal, das geht vorbei. 13 Jahre wart ihr jetzt in Deutschland, da habt ihr sicher viel gelernt, was ihr in eurer Heimat umsetzen könnt.«

Belinda war drei Jahre alt, als die Familie aus Togo floh, weil der Vater Flugblätter gegen die Diktatur verfasst hatte. Es war Anfang der Neunziger, die Zeit der Lichterketten nach den Anschlägen von Solingen und Hoyerswerda, und als die Familie Kpakou in ein hessisches Asylbewerberheim einzog, begrüßte man sie mit einem Willkommensfest. Belinda besuchte den Kindergarten, die Grundschule, die Realschule, und irgendwann wurde zu Hause nur noch Deutsch gesprochen. Wenn es in der Schule eine Feier gab, kochte ihre Mutter afrikanische Spezialitäten, aber Belinda aß lieber Bratwurst. Es war eine Jugend in der Provinz, die sich von anderen nur dadurch unterschied, dass Belinda bei Schulausflügen fehlte, weil sie ihren Landkreis nicht verlassen durfte.

Der Antrag auf Asyl, den die Eltern gleich nach ihrer Ankunft gestellt hatten, war abgelehnt worden. Deutschland hat sie all die Jahre nur geduldet, doch als es im November 2006 ein neues Bleiberecht geben sollte, schöpften die Kpakous Hoffnung. Ausländern, die lange Zeit in Deutschland lebten, sollte eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis zugesprochen werden, und vielleicht war es kein Zufall, dass in den Monaten, bevor das neue Recht in Kraft trat, besonders hektisch abgeschoben wurde.

»Es ist ein Albtraum«, sagt Belinda ein knappes Jahr nach ihrer Abschiebung. »Auf Ewe, der Stammessprache, gibt es nicht mal ein Wort für Spaß.« Es ist ein heißer, schwüler Tag in der togoischen Hauptstadt Lomé, und Belinda sitzt auf einem Plastikstuhl im Hof eines kleinen, heruntergekommenen Hauses. Sie ist ein temperamentvolles Mädchen mitten in der Pubertät, und wenn sie sich aufregt, fällt sie in einen weichen hessischen Akzent. Hinter ihr, an einer Wand, hängt eine Schiefertafel, auf der französische Verben und Artikel stehen, die Grundlagen einer Sprache, die sie noch immer schlecht versteht. Jeden Morgen um halb fünf läuft Belinda durch den roten Sand zum Brunnen, aber es gelingt ihr kaum, die Wassereimer auf dem Kopf zu balancieren. »Odelo«, rufen dann die Kinder in der Nachbarschaft und lachen. Odelo heißt die Weggeworfene.

Zehn Monate ist sie jetzt hier, und wenn sie von ihrem neuen Leben spricht, dann wirkt es, als stünde sie noch immer unter Schock. Kindergärtnerin hatte sie in Deutschland werden wollen, aber jetzt schält sie am anderen Ende der Welt mit einer Rasierklinge Orangen, die ihre Schwestern auf der Straße für ein paar Cent verkaufen. Sie sagt: »Uns fehlt der Vater.«

Am Tag des Flugs kennt Udo Radtke, der Mann von der Ausländerbehörde, den Fall der Kpakous nicht im Detail, weil der von den Gießener Kollegen bearbeitet wurde. Er hat tags zuvor nur einen kurzen Blick in ihre Akte geworfen, aber weil er darin nichts von einer Herzkrankheit des Vaters las, ist er nun überrascht, als seine Leute auf diese Tüte mit Tabletten stoßen. Radtke alarmiert »den Doc«. Klaus Kämmerer, der ranghöchste Arzt der Bundespolizei, fliegt im Helikopter mit, wenn George Bush auf Staatsbesuch da ist, aber jetzt steht er ratlos vor der Liege, auf der dieser alte, schweißgebadete Togoer sitzt. Kämmerer legt ihm den Blutdruckmesser an, er pumpt.