Der Abend senkt sich über den Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel, als die Maschine der Schweizer Charter-Airline Hello endlich auf dem Rollfeld eintrifft. Ein halbes Jahr hat Udo Radtke* auf diesen Moment hingearbeitet, und jetzt spürt er, wie das Adrenalin durch seinen Körper pumpt. Radtke, ein leitender Angestellter der Hamburger Ausländerbehörde, durchmisst mit eiligen Schritten den alten Terminal 1, der sonst nur noch als Abfertigungshalle für Urlaubsflüge dient.

Es ist der 18. September 2006, nur noch wenige Stunden bis zum Start, und alle wollen etwas von ihm, das Ärzteteam und einige der hundert Bundespolizisten, die jetzt schon durch die Wartehalle wuseln. Der Staatsrat aus der Innenbehörde will ihm die Hand schütteln, und die Beobachter aus den EU-Ländern möchten, dass er ihnen die Logistik dieser Sammelabschiebung erläutert, aber Radtke hat jetzt keine Zeit. Die ersten Afrikaner werden zur Durchsuchung eskortiert, und im Behandlungszimmer sitzt dieser Togoer, dessen Blutdruck immer höher steigt.

Radtke läuft nach draußen auf den Parkplatz und holt ein Paket mit Windeln aus dem Kofferraum seines Dienstwagens. Immer wieder kommt es vor, dass sich ein Abzuschiebender einkotet. Danach packt Radtke die Pappkartons mit Lebensmitteln aus, die er am Wochenende noch besorgt hat, Sandwiches, Obst und Müsliriegel. Vor den Sitzreihen arrangiert er sie zu einem Buffet. Eine Mahlzeit lenkt die Afrikaner ab. Radtke weiß, die Ankunft am Flughafen ist ein kritischer Punkt. Es ist der Punkt, an dem sie begreifen, dass sie keine Chance mehr haben. Der Punkt, an dem es eskalieren kann.

Wie immer trägt Radtke einen dunkelblauen Anzug, und sein schütteres blondes Haar ist sorgfältig gekämmt. »Ich repräsentiere Deutschland«, wird er später sagen, aber nun spürt er die Augen von 13 europäischen Innenministern auf sich ruhen. Es ist die erste deutsche Sammelabschiebung, die mit Mitteln des Return-Projekts der Europäischen Union finanziert wird, und er, Udo Radtke, hat sie organisiert: 32 Afrikaner, die aus verschiedenen Staaten der EU und aus verschiedenen Bundesländern kommen, sollen ausgeflogen werden nach Guinea, Togo und Benin.

Normalerweise würden sich ihre Spuren dort verlieren. Wir sind ihnen nachgereist, denn sie waren, ohne es zu wissen, Teilnehmer an einem Test, der das Geschäft der Abschiebung verändern sollte. Es war ein Flug in eine neue Dimension.

»Der Sammelcharter ist die Zukunft«, sagt Udo Radtke, als er ein Jahr danach in einem Hamburger Restaurant sitzt, um diesen Flug zu rekonstruieren. Es war nicht leicht, seine Behörde zu dem Gespräch zu überreden, sie möchte auch nicht, dass er mit seinem richtigen Namen in der Zeitung steht, aber Radtke sagt, er habe nichts zu verbergen. Er trägt einen Schlips in den Farben Hamburgs. Seine Argumente sortiert er sorgfältig, und immer wieder rückt er seine Brille auf der Nasenwurzel zurecht. Er sei ein Innovator, sagen sie im Berliner Innenministerium. Kürzlich erklärte er als Referent den Polen, wie ihr Land verwaltungstechnisch auf EU-Ebene zu hieven sei, und den Rumänen hat er ein Organigramm für eine neue Ausländerbehörde gebastelt. Auf gewisse Weise, könnte man sagen, ist Radtke ein Exportweltmeister.

Am 5. Juli 2005 kamen die Innenminister der wichtigsten europäischen Länder in Evian zusammen, um das Konzept der gemeinsamen Abschiebeflüge zu beschließen. Die Bekämpfung der illegalen Einwanderung sowie die konsequente Rückführung ausreisepflichtiger Ausländer, hieß es, seien das Kernstück einer gemeinsamen Migrationspolitik. »Wir glauben, dass sich Einwanderer ohne gültige Aufenthaltserlaubnis nicht in unseren Grenzen aufhalten sollten«, verkündete Nicolas Sarkozy, der damalige französische Innenminister. »Bündeln wir also unsere Kräfte, um sie außer Landes zu schaffen.«

Es war der Beginn einer neuen Ära. Die nächste Stufe im Abwehrkampf gegen die wiederkehrenden Bilder von überfüllten afrikanischen Flüchtlingsbooten, gegen das Fremde in Europas Städten. Rund 40 Millionen Zuwanderer suchen hier zurzeit ihr Glück, und um den Strom zu bremsen, setzen die europäischen Innenbehörden immer häufiger den Sammelcharter ein. In Österreich wird sogar überlegt, zu diesem Zweck ein eigenes Flugzeug anzuschaffen.

Sammelcharter sind billiger und effizienter als die üblichen Einzelabschiebungen per Linie. Meist werden sie nachts abgewickelt, und die Öffentlichkeit wird erst informiert, wenn alles gelaufen ist. Bei Sammelabschiebungen gibt es keine Piloten, die sich weigern, randalierende Passagiere zu transportieren, es gibt keine anderen Fluggäste. Es gibt kein Geräusch.

»Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Politik darauf kam«, sagt Udo Radtke. Mitte der Neunziger, als noch kaum jemand davon gehört hatte, fing er bereits an, die ersten Flüge auf Länderebene zu koordinieren. Schon damals träumte er davon, die Sache noch viel größer aufzuziehen, und nach Evian gab es da auf einmal diesen Topf, aus dem man sich bedienen konnte. Etwa 140000 Euro kostet eine Sammelabschiebung, etwa 70 Prozent davon erstattet nun die EU. Radtke hat Verwaltungsrecht studiert, aber er klingt nicht wie ein Beamter, er klingt wie einer von McKinsey. Er begann, die Reduzierung der Kosten als sportliche Herausforderung zu sehen.

»Wenn ich die Maschine vollbekomme«, sagt er, »kostet mich ein Abzuschiebender nur rund 1000 Euro. Schon ab 20 Personen sinken die Pro-Kopf-Kosten unter den Preis einer Linienabschiebung.«

Sobald er fünf Leute beisammenhat, stellt er seine Anfrage in das europaweite Polizeinetz und trommelt bei seinen Kollegen in den anderen Ländern für Passagiere. Den Grundstock bilden die »echten Charterfälle«, Straftäter und Leute, die bei einer Linienabschiebung schon mal Widerstand geleistet haben, und dieser Grundstock wird dann angereichert mit »normalen Fällen«. Kommt er in eine »Dimension, wo es sich lohnt«, schreibt Radtkes Broker diesen Flug europaweit aus. Gesucht wird eine A320 oder eine MD-90, etwa 180 Sitze, erfahrenes Personal. Meist bucht Radtke Hello, LTU oder Hamburg International. Vier Wochen vor Abflug unterschreibt er den Vertrag, das ist der point of no return.

Es ist abends gegen sieben, als die Togoerin Belinda Kpakou, eskortiert von zwei Beamten, in den Terminal geführt wird. Aus dem Augenwinkel sieht sie, wie ein schreiender Afrikaner von Polizisten auf den Boden gedrückt wird. Später wird sie sich an eine Platzwunde an seinem Kopf erinnern. An einem Schreibtisch hakt sie ihren Namen ab; dann wird sie vor eine Wand gestellt und abgelichtet, eine pummelige 17-Jährige mit offenem Gesicht. Eine Polizistin schleift Belinda hinter einen Vorhang, wo sie sich ausziehen und bücken soll, ihre Beine zittern, acht Stunden hat sie in diesem engen Polizeibus gehockt, und jetzt steht sie hier wie ein Stück Vieh.

Der kleine, hessische Fachwerkort Cölbe schlief noch, als die Polizei um fünf Uhr in der Frühe Sturm klingelte und jedem eine halbe Stunde gab, um zwanzig Kilo einzupacken. Belinda hyperventilierte. Sie rannte unters Dach und wollte aus dem Fenster springen, aber unten stand ein Mannschaftswagen und richtete die Scheinwerfer aufs Haus. Dann stolperte sie in ihr Zimmer und stopfte hektisch ein paar Sachen in den Rucksack, eine Kapuzenjacke, einen Strickpullover, 20 Kilo für ein ganzes Leben. Im Treppenhaus begegnete sie ihrem Vater, der mechanisch seine Medizin einsammelte. Überall fremde Gesichter, dazwischen Timo, den sie aus der Grundschulklasse kannte. Jetzt wich er ihren Blicken aus.

»Wie fühlst du dich?«, fragte wenig später ein Psychologe auf dem Polizeipräsidium. »Beschissen«, antwortete Belinda. Dann lächelte der Psychologe wissend: »Das ist völlig normal, das geht vorbei. 13 Jahre wart ihr jetzt in Deutschland, da habt ihr sicher viel gelernt, was ihr in eurer Heimat umsetzen könnt.«

Belinda war drei Jahre alt, als die Familie aus Togo floh, weil der Vater Flugblätter gegen die Diktatur verfasst hatte. Es war Anfang der Neunziger, die Zeit der Lichterketten nach den Anschlägen von Solingen und Hoyerswerda, und als die Familie Kpakou in ein hessisches Asylbewerberheim einzog, begrüßte man sie mit einem Willkommensfest. Belinda besuchte den Kindergarten, die Grundschule, die Realschule, und irgendwann wurde zu Hause nur noch Deutsch gesprochen. Wenn es in der Schule eine Feier gab, kochte ihre Mutter afrikanische Spezialitäten, aber Belinda aß lieber Bratwurst. Es war eine Jugend in der Provinz, die sich von anderen nur dadurch unterschied, dass Belinda bei Schulausflügen fehlte, weil sie ihren Landkreis nicht verlassen durfte.

Der Antrag auf Asyl, den die Eltern gleich nach ihrer Ankunft gestellt hatten, war abgelehnt worden. Deutschland hat sie all die Jahre nur geduldet, doch als es im November 2006 ein neues Bleiberecht geben sollte, schöpften die Kpakous Hoffnung. Ausländern, die lange Zeit in Deutschland lebten, sollte eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis zugesprochen werden, und vielleicht war es kein Zufall, dass in den Monaten, bevor das neue Recht in Kraft trat, besonders hektisch abgeschoben wurde.

»Es ist ein Albtraum«, sagt Belinda ein knappes Jahr nach ihrer Abschiebung. »Auf Ewe, der Stammessprache, gibt es nicht mal ein Wort für Spaß.« Es ist ein heißer, schwüler Tag in der togoischen Hauptstadt Lomé, und Belinda sitzt auf einem Plastikstuhl im Hof eines kleinen, heruntergekommenen Hauses. Sie ist ein temperamentvolles Mädchen mitten in der Pubertät, und wenn sie sich aufregt, fällt sie in einen weichen hessischen Akzent. Hinter ihr, an einer Wand, hängt eine Schiefertafel, auf der französische Verben und Artikel stehen, die Grundlagen einer Sprache, die sie noch immer schlecht versteht. Jeden Morgen um halb fünf läuft Belinda durch den roten Sand zum Brunnen, aber es gelingt ihr kaum, die Wassereimer auf dem Kopf zu balancieren. »Odelo«, rufen dann die Kinder in der Nachbarschaft und lachen. Odelo heißt die Weggeworfene.

Zehn Monate ist sie jetzt hier, und wenn sie von ihrem neuen Leben spricht, dann wirkt es, als stünde sie noch immer unter Schock. Kindergärtnerin hatte sie in Deutschland werden wollen, aber jetzt schält sie am anderen Ende der Welt mit einer Rasierklinge Orangen, die ihre Schwestern auf der Straße für ein paar Cent verkaufen. Sie sagt: »Uns fehlt der Vater.«

Am Tag des Flugs kennt Udo Radtke, der Mann von der Ausländerbehörde, den Fall der Kpakous nicht im Detail, weil der von den Gießener Kollegen bearbeitet wurde. Er hat tags zuvor nur einen kurzen Blick in ihre Akte geworfen, aber weil er darin nichts von einer Herzkrankheit des Vaters las, ist er nun überrascht, als seine Leute auf diese Tüte mit Tabletten stoßen. Radtke alarmiert »den Doc«. Klaus Kämmerer, der ranghöchste Arzt der Bundespolizei, fliegt im Helikopter mit, wenn George Bush auf Staatsbesuch da ist, aber jetzt steht er ratlos vor der Liege, auf der dieser alte, schweißgebadete Togoer sitzt. Kämmerer legt ihm den Blutdruckmesser an, er pumpt.

240 zu 100.

Draußen im Wartebereich versucht Belinda zu verstehen, was die Ärzte sagen. Sie schaut besorgt zu ihrer Schwester Joyce, die eigentlich eine Lehre zur Hotelfachfrau beginnen will. Zwei Reihen weiter sitzt ihr Bruder Richie, der Sprecher seiner Klasse ist, und neben ihm Kokou, der beim FV Cölbe Fußball spielt. Dahinter weinen ihre Schwestern Rebecca und Celestine. Ihre Mutter ist nicht hier. Sie wartet mit dem sechsjährigen Panajotis in Frankfurt darauf, dass man sie mit einem Linienflug nach Togo bringt. Kindern will man eine Sammelabschiebung ersparen.

280 zu 120.

Die Beruhigungsmittel wirken nicht. Die Anspannung, glaubt Kämmerer, das Adrenalin. Als der Blutdruck um halb zehn noch weiter steigt, sagt Kämmerer zu Udo Radtke, dass er das Risiko für einen Herzinfarkt nicht tragen könne. Kpakou weint.

»Ich bitte Sie«, fleht er, »nehmen Sie mich mit!«

»Es geht nicht«, erwidert Radtke ruhig. »Aber glauben Sie mir, es ist besser so.« Es ist ein Augenblick, in dem die Auslastung des Flugzeugs für ihn keine Rolle spielt.

Als Belinda gegen 23 Uhr in die Maschine steigt, hält sie Ausschau nach dem Vater. Man hat ihr gesagt, dass er bereits an Bord auf einer Trage liege, aber sie kann ihn nirgendwo entdecken. Nach und nach werden die Afrikaner nun aufs Rollfeld eskortiert, links und rechts ein Polizist. Einige sind gefesselt.

Als einer der Ersten erscheint der 28-jährige Hamid Bakary, der mit einer deutschen Frau verlobt ist.

Es folgt Raimi Hamadou, der in Benin Mathematik studiert hat und zuletzt bei der Restaurantkette Bok im Hamburger Schanzenviertel gespült hat.

Schließlich Akhanou Dadjou, der sieben Monate in einem Kevelaerer Asylbewerberheim gesessen hat, bevor er unerlaubterweise seinen Kreis verließ.

Insgesamt 32 Afrikaner werden an Radtke vorbei in die Kabine geschleust, 13 sind aus Hamburg und 12 aus den anderen Bundesländern. Jeweils zwei kommen aus der Schweiz, den Niederlanden und Malta, einer kommt aus Frankreich. Es sind Verzweifelte, die vor den politischen Verhältnissen in ihrer Heimat flohen, Abenteurer, die jahrelang für ihren Traum von einer Zukunft sparten, die sich verschuldeten oder ihr Leben in einem Holzboot auf dem Atlantik riskierten. Jetzt endet ihre Odyssee in einem weichen Ledersitz.

Udo Radtke lässt sich in der zweiten Reihe links in seinen Sitz fallen und atmet erst einmal tief durch. Neben ihm befinden sich die Plätze der Polizeiführer, dahinter sitzen die Beobachter aus Polen, Tschechien, Italien und Österreich, dahinter die Guineer, die Togoer und ganz hinten die Beniner, die als Letzte aus dem Flugzeug steigen werden.

Es ist kurz nach 23 Uhr, als die Hello mit der Flugnummer FHE 6842 langsam auf die Piste rollt und in den Hamburger Nachthimmel taucht. »Einen angenehmen Flug« wünscht der Pilot über die Lautsprecher. Sonst fliegt seine Airline Urlauber zum Strand oder die Fußballer von Werder Bremen zum Auswärtsspiel. Für diese Passagiere ist es ein Flug zurück ins Ungewisse.

An Bord ist es gespenstisch still. Aus manchen Reihen dringt ein leises Schluchzen.

Der Nigrer Hamid Bakary*, der im hinteren Teil des Flugzeugs sitzt, hat auch ein Jahr danach nicht vergessen, wie ihm an jenem Tag der Schädel brummt. Als die Polizisten ihn am Morgen aus der Zelle holten, schlugen sie ihn heftig auf den Boden. Beim Fesseln spürte er im Nacken die Sohlen ihrer Stiefel. Hamid versucht, sich wach zu halten. Er ist ein schmächtiger, glatt rasierter Mann. Er denkt an Anna, seine große Liebe, die irgendwo da unten ist, in dieser entschwindenden, immer surrealer werdenden Stadt.

Als ein Polizist mit einer Kamera durchs Flugzeug läuft, wendet Hamid sich an den Begleitpolizisten neben ihm, der sich ihm als Osman vorgestellt hat. »Osman«, flüstert Hamid, »sag ihm, dass er mich nicht filmen soll. Ich bin kein Krimineller. Ich war nie illegal und habe immer meinen Lohn versteuert.«

Osman, der zivil trägt, ist wie alle Polizisten an Bord angewiesen worden, zu seinem Abzuschiebenden einen positiven persönlichen Kontakt aufzubauen. Mit einem Lächeln hört er Hamid zu, er nickt sehr oft, und manchmal, wenn Hamid sich bewegt, notiert er das auf einem Formular. Hamid mag den Polizisten neben sich am Gang, er wirkt korrekt auf seine Art.

»Warum«, fragt Osman irgendwann, »bist du aus deiner Heimat weggegangen?«

»Weil ich das Abenteuer suchte«, sagt Hamid.

Schon sein Vater hat nach Gold gesucht, und Hamid selber brach die Schule ab, um auf dem Markt von Niamey, der Hauptstadt Nigers, Kleider zu verkaufen. Über all die Jahre musste er für die Geschwister sorgen, doch er wollte mehr vom Leben. Wie so viele träumte Hamid von Europa.

»Aber in Afrika scheint immer die Sonne«, sagt Osman, der sich lange auf den Einsatz gefreut hat, mal was anderes.

Hamid beantragte ein Schengen-Visum. Er zog zu einem Freund nach Hamburg-Moorfleet, gleich neben eine Ikea-Filiale, und spülte Teller in einem Restaurant. Beim Tanzen lernte er Anna kennen, eine Textildesignerin, die fließend Französisch spricht. Anna nahm ihn mit ins Kino und schleppte ihn zu Ikea, das er zuvor nur von außen gesehen hatte. Sie kauften Möbel für ihre neue Wohnung, und Hamid lernte Deutsch. Er wurde Mitglied des Radsportteams Kettenfett, das aus Sozialarbeitern, Obdachlosen und Asylbewerbern besteht. Hamid Bakary aus Niamey trainierte mit dem Radprofi Rolf Aldag für die Hamburger Cyclassics. Es war das Abenteuer, das er gesucht hatte, und irgendwann streifte er Anna einen Ring über den Finger. Sie planten ihre Hochzeit, bis Hamid zur Behörde ging, um seine Duldung zu verlängern.

»Game over, Herr Bakary«, sagte der Sachbearbeiter zur Begrüßung und blätterte in seiner Akte. Benin habe jetzt endlich eingewilligt, ihn zu nehmen. Sein Laissez-passer sei unterschrieben und gestempelt.

Hamid hatte die Behörden angeschwindelt. Er hatte angegeben, aus Benin zu kommen, weil er mal aufgeschnappt hatte, dass Nigrer in Hamburg nicht geduldet würden. Eine Woche saß er in der Zelle, und am Besuchertag umarmte Anna ihn ein letztes Mal.

»Osman, wir werden heiraten«, sagt Hamid. »Ich komme wieder. Sonst werde ich verrückt.«

Es ist halb drei Uhr nachts, als die Maschine in Palma de Mallorca für eine kurze Zwischenlandung aufsetzt. Die Crew wechselt, und Hamid kann erkennen, wie Udo Radtke, den er aus der Ausländerbehörde kennt, sich vorn am Buffet ein Wasser holt. Hamid hat Durst, aber er traut sich nicht, um ein Getränk zu bitten. Kein anderer Afrikaner trinkt. Ein paar Reihen vor ihm hört er ein Mädchen leise wimmern.

Mit nassen Wangen kauert Belinda Kpakou in ihrem Sitz, eingerollt in ihre Kapuzenjacke, als hinter ihr eine Männerstimme fragt: »Was ist denn da los? Probleme?« – »Die heult schon seit Stunden«, hört Belinda die Polizistin neben sich sagen. Belinda hat bislang kein Wort mit ihr gesprochen. Noch heute erinnert sie sich daran, wie ihr diese Frau gleich zu Beginn auf die Toilette gefolgt ist. Die Polizistin hat ihr ins Gesicht gesehen, während sie urinierte.

Belinda hat das Zeitgefühl verloren. Sie hält die Augen fest geschlossen, es ist, als wäre sie in Trance. Bilder ihres Lebens wischen durch ihren Kopf wie ein Film, den man in Hochgeschwindigkeit zurückspult: das Zimmer ihrer besten Freundin; das Praktikum im Kindergarten; das Gesicht von Felix, mit dem sie erst seit ein paar Monaten zusammen ist und der bald seinen Wehrdienst beginnt. An ihrem 18. Geburtstag wollte sie eine Grillparty feiern, sie träumte vom Führerschein und freute sich auf den Winter.

Schnee, denkt sie auf einmal.

Ohne Turbulenzen zieht das Flugzeug über die Sahara. In der Ferne zucken Blitze durch die Nacht, und Udo Radtke greift zum Bordmagazin, das vor ihm in der Sitztasche klemmt. Er versucht zu lesen, aber er ist zu aufgekratzt. Manchmal, wenn er die Afrikaner hinten jammern hört, bekommt er eine Gänsehaut. Das Wimmern, denkt er, ist das Schlimmste. Sie klingen dann wie Babys, die man nicht beruhigen kann. Einmal hat eine Ghanaerin während des ganzen Fluges gesungen.

Seitdem er sich auf Abschiebungen nach Westafrika spezialisiert hat, studiert Radtke die afrikanische Mentalität. Er liest Bücher über diesen Kontinent und war mit seiner Familie im Urlaub dort. Wäre er in Afrika geboren, sagt er, dann würde er wohl auch sein Glück versuchen in Europa, legal oder illegal, damit seine beiden Kinder eine Zukunft hätten.

»Wer bleiben darf, wer gehen muss«, sagt er, »ist klar geregelt, und ich habe die Gesetze nicht gemacht. Ich wende sie nur an, versuche nur, das alles hier so würdig zu gestalten, wie es eben geht.«

Radtke ist ein gewissenhafter Mensch. Für Notfälle hat er in seiner Brusttasche ein Bündel Scheine. Wenn einem 50 Euro fehlen für die Fahrt nach Hause, steckt er sie ihm zu. Wenn einer kommt, um sich an seiner Schulter auszuweinen, lässt er es geschehen, wie damals bei diesem jungen Afrikaner, der gerade eine Lehrstelle als Altenpfleger gefunden hatte, als er aus allem rausgerissen wurde. Radtke riet ihm, sich beim Goethe-Institut zu bewerben. Jetzt holt er seinen Walkman raus und legt Céline Dion ein, um sich zu beruhigen. Seit 22 Stunden ist er auf den Beinen, aber er versucht, nicht wegzunicken. Die Polizisten, denkt er, dürfen auch nicht schlafen; wir alle sitzen in einem Boot. Radtke ist Pfadfinder seit seiner Jugend.

Es dämmert bereits, als die Maschine in Conakry, der Hauptstadt von Guinea, erstmals auf afrikanischem Boden zum Stehen kommt. Sie parkt auf einer dürren Fläche zwischen Terminal und Ozean. Bewaffnete Reservepolizisten steigen aus und postieren sich auf dem Rollfeld, an den Enden der Tragflächen, unter dem Cockpit und der Heckflosse. In Guinea, berichtet Human Rights Watch, herrsche eine fest verankerte Kultur polizeilicher Brutalität. Das Auswärtige Amt warnt vor willkürlichen Verhaftungen, skrupellosen Militärs und Folter. Genitalverstümmelungen, heißt es, seien gängige Praxis. Menschenrechtsorganisationen fordern seit Jahren, dass nach Guinea nicht mehr abgeschoben wird.

Afrikaner in Uniform streifen um das Flugzeug, und es dauert eine halbe Stunde, bis die Vertreter der Behörden mit dem Auto an die Gangway fahren. Der Regen trommelt auf das Rollfeld, Radtke wischt sich den Schweiß von seiner Stirn. In Ländern wie Guinea sind seine Flüge ein Politikum. Immer wieder kommt es vor, dass Landegenehmigungen im letzten Augenblick zurückgezogen werden oder die Einwanderungsbehörden ihre eigenen Staatsbürger ablehnen. In Ländern, die kaum Rohstoffe besitzen, sind Migranten oft der wichtigste Wirtschaftsfaktor. Nach Berechnungen der Weltbank überweisen sie im Jahr rund 170 Milliarden Euro in ihre Heimatländer, und je mehr Europa darauf drängt, sie loszuwerden, desto entschlossener feilscht Afrika um ihren Preis.

Immer häufiger legen afrikanische Länder jetzt Kontingente fest, die sie von Deutschland, Frankreich oder Spanien monatlich zurücknehmen, und deren Größe bemisst sich nach der Gegenleistung: nach Investitionen, Spenden oder anderen Gefälligkeiten. Es ist der Versuch, die Europäer gegeneinander auszuspielen, und deshalb fliegen nun in immer kürzeren Abständen Delegationen von Brüssel aus über das Mittelmeer, um die Afrikaner unter Druck zu setzen. Gemeinsam droht man an, Entwicklungshilfegelder zu blockieren, und das Fernziel ist, die schwachen Länder dazu zu bewegen, auch Bürger anderer Staaten aufzunehmen. Es scheint, als habe ein neues Wettrüsten begonnen, eine Art Kalter Krieg um Reisedokumente, Aufenthaltserlaubnisse und Rückkehrrechte, und beide Seiten fahren immer stärkere Geschütze auf.

Am Fuß der Gangway schüttelt Radkte Hände, der Kommissar des Flughafens ist da, der deutsche Botschafter. Radtke erkundigt sich nach ihren Frauen, ehe er die zehn Guineer nacheinander aufrufen lässt. Bei jedem Einzelnen gleichen die Anzugträger von der Einwanderungsbehörde Radtkes Originalpapiere mit ihren Kopien ab.

Hamid Bakary aus Niger beobachtet diese langwierige Prozedur von seinem Fensterplatz, als ein Guineer beim Aussteigen die Nerven verliert. »Ich besorge mir einen neuen Pass«, brüllt er die Polizisten an, »und dann komme ich eure Blondinen ficken.« Er trägt eine Jacke aus Ballonseide. Hamid glaubt, es ist ein Drogendealer, er schämt sich für diesen Mann.

Nun muss es langsam weitergehen, denkt er, als die Männer wenig später mit einem Bus zum Terminal gefahren werden, doch immer wieder sieht er jetzt die Deutschen hektisch mit den Afrikanern diskutieren. Eine Stunde stehen sie jetzt schon. Neben ihm döst Osman in seinem Sitz, und draußen hängt Udo Radtke schon wieder an seinem Handy.

Radtke ist nervös. Die Firma, die das Flugzeug betankt, feilscht um den Benzinpreis, die Minuten vergehen, und er versucht, eine Leitung nach Lomé zu kriegen, um durchzugeben, dass sie später kommen werden. Nach quälenden zwei Stunden rollt die Maschine endlich auf die Startbahn.

Als sie beschleunigt, schreckt die Togoerin Belinda Kpakou hoch. Das da draußen muss Afrika sein, denkt sie. Sie weiß, sie werden die Nächsten sein.

Sie war noch ein Baby, als die Familie floh, und in Deutschland riss der Kontakt zu den Verwandten in Togo langsam ab. In all den Jahren meldeten sie sich immer nur, wenn sie etwas brauchten, Geld, ein neues Auto, doch Belindas Eltern kamen selbst kaum über die Runden. Wenn Belinda an Togo dachte, dann dachte sie an die Bilder aus den Nachrichten. Dann dachte sie an Hitze, Hunger und Armut.

Im letzten Schuljahr hat sie ein Referat gehalten über Togo, ihr Lehrer wollte das. Sie holte sich Informationen auf der Internetseite von amnesty international, und was sie las, klang wie der Plot eines schlechten Horrorfilms. In Togo, referierte Belinda, verwahrlosten die Krankenhäuser, und auf Homosexualität stehe die Gefängnisstrafe. Sie berichtete der Klasse von blutigen Unruhen im Jahr 2005, als der greise Diktator Eyadéma starb. Hunderte ließen damals ihr Leben, 40000 flohen, und in Lomé brannte das Goethe-Institut. Das Auswärtige Amt forderte alle Deutschen auf, das Land umgehend zu verlassen, Mecklenburg-Vorpommern verhängte einen Abschiebestopp. Zum ersten Mal seit 38 Jahren durfte das Volk wählen, aber am Ende ließ sich Eyadémas Sohn mit Hilfe des Militärs als Präsident ausrufen.

Während ihre Mitschüler engagiert diskutierten, fragte sich Belinda, was all das mit ihr zu tun hatte. Sie wusste, dass ihr Vater als junger Mann Protestmärsche organisiert und einmal im Gefängnis gesessen hatte, aber zu Hause mied Belinda dieses Thema. Immer wenn es um die Vergangenheit ging, wurde der Vater so seltsam ernst. »Ihr müsst einen Deutschen heiraten«, schärfte er seinen Töchtern ein. »Nur dann seid ihr sicher.« – »Papa, du spinnst«, antworteten sie ihm jedes Mal. »Wir heiraten aus Liebe.«

Vater, denkt Belinda. Hoffentlich geht es ihm gut! Der Druck auf ihren Ohren ist kaum auszuhalten. Sie sinken immer tiefer, und als das Flugzeug durch die Wolkendecke sticht, blinzelt Belinda durch das Fenster. Es ist inzwischen taghell, und unter sich sieht sie ein nicht enden wollendes Häusergewirr. Sie erkennt roten Sand und Palmen, aber sie erkennt keine geteerten Straßen, keine Hochhäuser.

Togo.

Belinda schließt die Augen. Dann setzt das Flugzeug mit einem harten Ruck auf der Piste auf.

»Welcome to Miami«, sagt hinter ihr ein Polizist.

»Alles Gute«, murmelt Udo Radtke, als sie aus dem Flugzeug steigt und ihre Blicke sich kurz treffen.

Dann wird Radtke ins Büro des Flughafenkommissars gerufen, weil es Ärger mit einem Abzuschiebenden aus Malta gibt. Der Mann behauptet, er sei Sudanese, die togoischen Behörden zweifeln seine Papiere an. Sie wollen ihn nicht nehmen, und Radtke kann nichts tun. Er veranlasst einen Sprachtest, der nichts ergibt, und auch der Nummernspeicher des Handys verrät nichts über diesen Mann.

Radtke ärgert sich. Bei einem deutschen Fall wäre ihm das nicht passiert. Dann hätte er die Akte präsentiert, argumentiert, oder er hätte die deutsche Botschaft eingeschaltet, und die hätte Dampf gemacht und eine offizielle Note rausgeschickt.

Als das Flugzeug längst wieder in der Luft ist, sitzt Belinda auf der Rückbank eines klapprigen Golf. Die feuchte Dämmerung der Tropen bricht herein, und vorn am Steuer lenkt sie dieser fremde Alte durch den stinkenden Verkehr von Lomé.

Mit steifen Beinen ist sie nach der Landung die Gangway hinuntergestakst. Benommen sah sie auf dem Rollfeld zu, wie ihre Geschwister ausstiegen, eins nach dem anderen, aber niemand brachte diese Trage, auf der ihr Vater liegen sollte. Belinda weiß noch, wie sie schrie: »Wo ist mein Vater?« Sie schlug um sich, und dann schleifte man sie in den Terminal.

Nach einer Stunde stellte ihnen eine Angestellte der deutschen Botschaft einen grauhaarigen Mann vor, der behauptete, ihr Onkel zu sein. »Er wird sich um euch kümmern«, sagte die Frau und händigte ihm 300 Euro aus, von denen er sie impfen lassen sollte. Bis zum Nachmittag warteten die Kinder vergeblich auf ihre Mutter. Später hörten sie, dass sich der Pilot der Linienmaschine geweigert hatte, diese aufgelöste Frau und ihren Sohn an Bord zu nehmen. Zwei Wochen hielt man sie in einer Zelle fest, bis man sie mit einem eigens gecharterten Learjet ausflog.

Belinda blickt durch die Autoscheibe. Sie sieht Kinder, die riesige Schüsseln auf dem Kopf balancieren, zahnlose Bettler, die an ihr Fenster klopfen, ärmliche Hütten aus Wellblech und dazwischen nichts als Matsch. Belinda Kpakou, die seit dem vierten Lebensjahr nie etwas anderes gesehen hat als den Landkreis Marburg mit seinen Fachwerkhäusern und grünen Hügeln, die in Cölbe zwischen gefegten Bürgersteigen und Geranienkübeln aufgewachsen ist, erinnert sich an eine Fernsehserie, die auf Sat.1 lief: Wie die Wilden – Deutsche im Busch. Belinda verfolgte dort, wie eine Berliner Familie bei einem Stamm in Togo ausgesetzt wurde. Sie sollten Hundefleisch essen und ihre Tochter verkaufen, doch schon nach zwei Wochen gaben die Leute auf.

Es ist die letzte Etappe nach Benin, und in den vorderen Sitzreihen dösen jetzt einige der Polizisten. Andere schwärmen vom Viersternehotel Marina. Eine Beamtin, die alle Mimi nennen, stolziert den Gang herunter und sagt: »Aber nicht, dass ihr heut Nacht wieder in mein Zimmer kommt.«

Der Beniner Raimi Hamadou wird sich erinnern, wie er Koranverse in seiner Muttersprache Fon murmelt, als ihn von hinten plötzlich jemand antippt.

»Wo kommst du her?«, fragt Akhanou Dadjou.

»Aus Adjarra«, sagt Raimi, »einem Dorf nicht weit von Port Novo.«

»Weiß deine Familie, dass du kommst?«

Raimi schüttelt leicht den Kopf.

Er ist ein einsilbiger Mann von 27 Jahren, der mit seiner schlanken Brille und dem sorgfältig gebügelten Hemd viel älter aussieht, als er ist. In Adjarra führt seine Frau Shukurad einen Krämerladen, in dem sie Flip-Flops und Sandalen anbietet. Schon damals warf er nicht viel ab, und als sie eine Tochter bekamen, brach Raimi sein Mathematikstudium ab, um die Familie durchzubringen. Eine Weile schlug er sich als Gelegenheitsarbeiter durch, dann sagte er zu seiner Frau: »In Deutschland ist es anders, Shukurad, da kann ein Mensch von seiner Arbeit leben.«

Es war alles, was Raimi über Deutschland wusste, und natürlich war es naiv.

Sechs Jahre spülte er in einem Asia-Restaurant für einen Lohn, für den kein Deutscher morgens aufsteht. Sein Zimmer in einem Wohnheim in Hamburg-Bergedorf teilte er sich mit einem anderen Afrikaner, und er verließ es in der Freizeit nur, um in den Waschsalon und zur Moschee zu gehen. Raimi lebte sparsam und zurückgezogen wie ein Mönch. Alle drei Monate zweigte er etwas von seinem Lohn ab, um es seiner Frau zu schicken, die davon den Strom bezahlte und die Schulgebühren ihrer Tochter. Den größten Teil des Geldes aber vertraute er einem Bruder an, dem Ältesten, so wie die Tradition es will.

Anders als die Kpakous blieb Raimi über all die Jahre fremd in Deutschland. Er blieb eines jener Phantome, die schemenhaft in den Bullaugen der Restaurant-Küchentüren auftauchen, und nur manchmal ging er in den Call-Shop. Dann sagte er ins Telefon: »Shukurad, bald habe ich genug beisammen. Bald komme ich zurück, und dann vergrößern wir den Laden.« Raimi hatte Pläne, er wollte mit Kühlschränken handeln, ein Grundstück kaufen, aber nun spürt er ein mulmiges Gefühl im Bauch. Es wird stärker, als die Maschine in den Sinkflug geht. Die Aussicht, mit leeren Händen heimzukommen, wühlt ihn auf. Andere Rückkehrer tragen Nadelstreifen, große Koffer, gefüllt mit Uhren oder Gucci-Gürteln, aber Raimi hat nichts außer dem, was er am Körper trägt.

Das ist das Schlimmste, denkt er, vor der Familie als Versager dazustehen.

»Welcome to New York!«, ruft jetzt ein Polizist.

Unter ihnen taucht Benin auf, Dantokpa, der wuselige Markt von Cotonou, dahinter der Hafen, von dem bis ins vergangene Jahrhundert unzählige Sklaven verschifft wurden. »Mündung des Todesflusses« heißt Cotonou auf Fon, der Landessprache.

»Tschüs, Raimi«, sagt sein Bewacher neben ihm, als er zum Ausstieg aufgerufen wird.

»Viel Glück, Hamid«, sagt weiter hinten Osman, der Bundespolizist.

»Schau dir unser Radteam mal im Internet an«, erwidert Hamid. »Kettenfett!« Er schreibt es ihm auf einen Zettel.

Zwei Stunden später sitzen Raimi Hamadou und Akhanou Dadjou in einem Taxi nach Port Novo. Sie fahren vorbei an Dutzenden Filialen der Western Union und an Straßenhändlern, vor denen sich die Trolleys türmen. Die Menschen wollen weg von hier, auch wenn im Radio jetzt immer öfter Lieder laufen, in denen die Demokratie gepriesen wird. Ihr neuer Präsident, Boni Yayi, gilt in der Welt als Musterknabe, der die Korruption bekämpfen will, doch immer noch ist mehr als jeder Zweite ohne Arbeit. Eine Million von sieben Millionen Beninern lebt schon im Ausland, und in Cotonou gibt es ein Ministerium, das sich allein um ihre Angelegenheiten kümmert.

Als Raimi zu Hause vor der Tür steht, bricht die erstaunte Shukurad in Tränen aus. Sie mustert ihn und sagt, er habe zugenommen, und Fatiah, seine Tochter, klammert sich verschüchtert an ihr Bein. Als Raimi ging, war sie ein Baby, jetzt erkennt sie ihren Vater nicht mehr wieder. Raimi senkt den Kopf. Er bittet Shukurad um ein paar Francs fürs Taxi.

»Wann kannst du mir mein Geld geben?«, fragt er später seinen ältesten Bruder, vor dessen Haus ein neues Motorrad steht. »Ich weiß nicht, welches Geld du meinst«, antwortet der Bruder.

Von seinen Eltern hört Raimi, dass sein Bruder jetzt zwei Ehefrauen habe. Ausschweifende Hochzeitsfeste habe man gefeiert, sogar Kühe geschlachtet, und niemand hat ihm je davon erzählt. Sechs Jahre war Raimi weg, sechs lange Jahre, in denen er nur für die Zukunft lebte, aber alles war umsonst. Die Familie hat sein Geld einfach verprasst.

Versoffen und verfressen.

Es war die Art der Daheimgebliebenen, am Wohlstand von Europa teilzunehmen, und sie haben nicht damit gerechnet, dass es im fernen Deutschland Udo Radtke gibt, dessen Behörde daran arbeitet, ihre Quelle auszutrocknen. Sie haben nicht bedacht, dass Raimis Ehre nun der Preis für ihre Feste ist. Die Leute im Dorf werden tuscheln, er habe seine Chance nicht genutzt. Sie werden ihn belächeln.

Am Abend sitzt Raimi in seiner Hütte und versucht, den DVD-Player anzuschließen. Es war der einzige Luxus, den er sich in Deutschland leistete, der einzige, den er hinüberretten konnte, aber jetzt, zu später Stunde, haben sie hier nicht mal Strom.

Gegen Mitternacht sitzt Udo Radtke an der Poolbar des Marina-Hotels unter einem Bambusschirm und öffnet ein Bier. Er hat den verschwitzten Anzug gegen eine Jeans getauscht. Polizisten springen ins Wasser, und ein einäugiger Gitarrist spielt Guantanamera . Radtke kommt jetzt langsam runter. Wir waren wieder mal gut aufgestellt, denkt er.

Stunden nach der Ankunft hatte man ihn noch mal ins Büro des Einwanderungsoffiziers in Cotonou gerufen, weil zwei Leute angegeben hatten, dass sie Nigrer seien, nicht Beniner. Radtke setzte durch, dass man die beiden trotzdem aufnahm. Dann sorgte er dafür, dass der Malteser, den sie wieder mit nach Hause nehmen müssen, in einem Aufenthaltsraum der Behörde ein gut bewachtes Nachtlager bekam.

Radtke regelt diese Dinge auf dem kurzen Dienstweg. Viele afrikanische Kollegen kennt er seit Jahren. Wenn er sie besucht, bringt er ihnen Wimpel in den Farben Hamburgs mit, er lässt es sich gefallen, wenn sie ihn in Restaurants ausführen. Er ist für sie nicht irgendein Beamter, er ist das Gesicht von Germany.

Zehn Monate später, im Juli 2007, sitzt Belinda Kpakou in der drückenden Hitze vor ihrem Haus in Togo und schlägt nach einem Moskito. Seit einiger Zeit verzichtet die Familie morgens auf ein Frühstück. Stattdessen isst sie mittags und abends eine Schale Reis mit Soße. Seitdem Belinda mit einem Nachbarsjungen aus war, ruft man sie im Viertel eine »Schlampe«. Sie sagt: »Ich komm mit diesem Lebensstil nicht klar, mit diesem Togo«, wie sie es auch jetzt noch immer nennt.

Es kommt ihr vor wie eine Ewigkeit, dass der Onkel sie vom Flughafen geholt hat. Er ließ sie in einer winzigen Kammer mit leckem Dach schlafen, zu dritt teilten sie sich eine feuchte Matratze. Auf dem Lehmboden neben den Hühnerställen mussten sie sein Essen kochen, und als es ihnen anfangs nicht gelang, ein Feuer zu entfachen, schimpfte er über sie in der Nachbarschaft. »Diese Kinder waren 13 Jahre lang in Deutschland«, fluchte er, „aber sie sind zu nichts nutze.« Belinda und ihre Schwestern bekamen Durchfall vom trüben Brunnenwasser und eitrigen Ausschlag von den Milben in der Matratze. Sie hätten einen Arzt gebraucht, aber selbst das Geld für die Impfungen behielt der Onkel für sich. Als ihre Mutter mit dem kleinen Panajotis eintraf, hatten sie bereits Malaria.

»Ich meine es ernst. Wir brauchen Hilfe«, sagte Belinda, als sie sich ein letztes Mal zur Deutschen Botschaft wagte. »Du bist in deiner Heimat«, entgegnete die Angestellte genervt. »Finde dich damit ab. Wenn du dich beschweren willst, wende dich an deinen Sachbearbeiter in der Ausländerbehörde Gießen.«

Drei Monate hielten sie es beim Onkel aus, dann zogen sie in das kleine Haus, in dem sie nun zu zehnt leben und dessen Miete ein Unterstützerkreis aus Cölbe aufbringt, ehemalige Lehrer, Nachbarn und Freunde, die sich zusammengetan haben, um Geld für die Familie zu sammeln. »Ohne diese Leute säßen wir auf der Straße«, sagt die Mutter, »meine Töchter müssten betteln oder Schlimmeres tun, um zu überleben.« Rejoyce Kpakou ist eine runde, herzliche Frau, die anfängt zu weinen, wenn sie über das Schicksal ihrer Töchter nachdenkt. Sie würde sie gern beschützen, aber als Frau kann sie in Togo nicht viel tun. Ohne Mann ist sie hier ein Nichts.

Belinda streichelt tröstend ihre Hand. Immer wieder haben sie versucht, Arbeit zu finden, aber überall schickte man sie weg. Ihre deutschen Zeugnisse seien nichts wert, sagt Belinda, und immer wieder würde sie über den Tisch gezogen, denn sobald sie ihren Mund aufmache, merke jeder, dass sie eine Fremde sei. Kokou, ihr ältester Bruder, hat eine Ausbildung zum Automechaniker begonnen, aber die kostet Geld, wie alles hier. Die Schulen von Richie und Panajotis fressen es auf, der Französischlehrer, die Medikamente. Afrika ist Belinda unheimlich. Alle glauben hier an Voodoo, in der Weihnachtszeit verschwinden Kinder, und manchmal wälzen sich Frauen vor der Kirche im Dreck, weil ihnen der Teufel ausgetrieben wird.

Belinda hat aufgehört, sich die Tage zu merken. Die Stunden zerfließen, während sie sich auf ihrer Matratze in ihr altes Kinderzimmer träumt; manchmal blättert sie mit ihren Schwestern in dem deutschen Kochbuch, das sie in ihrer Verwirrung eingepackt hatten. Tagelang haben sie am Anfang gestritten, ob sie nicht besser auf ihren Vater gehört und einen Deutschen geheiratet hätten. Und wie oft hat Belinda sich gefragt, ob sie vielleicht auch wegen ihr hier sitzen, wegen dieser Einträge in ihrer Akte. Mit 13 hatte sie bei Aldi einen Kaugummi gezockt, mit 14 prügelte sie sich auf dem Schulhof. Sie fühlte sich als Deutsche, aber vielleicht war das ein Fehler.

Sooft sie kann, flüchtet sich Belinda in ein schäbiges Internetcafé, wo sie die E-Mails ihrer alten Freunde liest. Sie handeln vom Ärger in der Schule, von Führerscheinprüfungen und Liebeskummer, und Belinda könnte antworten, dass sie sich kaum mehr aus dem Haus traut, weil ihre Schwester Joyce ein paar Tage zuvor mit einem Hackmesser angegriffen wurde. Dass Panajotis nicht mehr zur Schule will, weil man ihn dort schlägt. Dass Zwölfjährige ihren Körper verkaufen und man als Mädchen nirgendwo seine Meinung sagen darf. Aber all das schreibt sie nicht, weil ihr die Worte fehlen. Ihre Briefe werden kürzer, und ihre Freunde antworten immer seltener.

Es ist ein klarer Sonntagmorgen, als Belinda und ihre Schwestern unter freiem Himmel auf den Bänken ihrer Kirche Platz nehmen. Mit ihren Schuhen von Görtz und den Jeans von H&M sehen sie aus wie Touristinnen, und wie immer, wenn sie hier auftauchen, stecken einige Leute ihre Köpfe zusammen. Sieh mal, die Deutschen, tuscheln sie, aber Belinda tanzt und singt, und dann murmelt sie versunken ihr Gebet: »Lieber Gott, bitte gib mir eine Chance. Gib mir mein Leben zurück.«

Am Tag nach seiner Rückkehr aus Benin war Udo Radtke wie immer gleich in sein Büro gefahren. Mit müden Augen setzte er sich an den Rechner und verfasste eine Rundmail, um sich bei seinen Mitarbeitern zu bedanken. Dann schrieb er die Afrikaner zur Fahndung aus, weil sie für mindestens drei Jahre nicht einreisen dürfen. Schließlich gab er die Begriffe Sammelrückführung, Togo und Benin bei Google ein. Was Radtke fand, las sich nicht schlecht.

In einer Pressemitteilung erklärte der Hamburger Innensenator Udo Nagel, dass dieser internationale Großcharter ein weiterer Beleg sei für die gute Kooperation im Kampf gegen Kriminalität und illegale Einwanderung. Wolfgang Schäuble ergänzte, dass es nun darauf ankomme, die Zusammenarbeit der europäischen Behörden auszubauen. Als Radtke sich weiter durch die Suchergebnisse scrollte, stieß er auf den Kommentar von Pro Asyl. Seine Flüge, las er, dienten dazu, die Abgeschobenen zu kriminalisieren. Von den 13 Afrikanern aus Hamburg hätten nur zwei als Straftäter gegolten. Um diese Nacht-und-Nebel-Aktion jeder Kritik zu entziehen, hieß es, habe man sie jenen beigemischt, die nach langem Aufenthalt aus guten Gründen »reiseunwillig« seien.

»Schon klar, dass die sich aufregen«, sagt Radtke, als er im Herbst 2007 geduldig seine Erinnerungen schildert. Während des Gesprächs raucht er Kette. Man spürt seinen Drang, sich zu erklären.

Vier weitere Sammelcharter hat Radtke seitdem organisiert, aber bis heute geht ihm die Geschichte dieser togoischen Familie nicht aus dem Kopf. Als er in den Tagen nach seiner Rückkehr das Internet durchstöberte, las er immer wieder, dass sich in Marburg Tausende mit den Kpakous solidarisierten. Sie zogen mit Transparenten durch die Stadt, organisierten Konzerte, und die Politiker sprachen von einem menschlichen Drama. Radtke las, dass der Vater, den er dagelassen hatte, zweimal versuchte, sich das Leben zu nehmen. »Wir haben damals im besten Glauben gehandelt«, sagt er. »Aber das Ganze hat schon einen tragischen Beigeschmack.«

Zwei Tage nachdem man ihn von seinen Kindern getrennt hatte, saß Christopher Kpakou am Küchentisch in seinem Haus und konnte keinen klaren Gedanken fassen, alles war plötzlich so still. Er tigerte durch die leeren Räume, sein Blutdruck fing erneut an zu steigen, auf 250, auf 300. Als er im Marburger Uniklinikum Lahnberge wieder zu Bewusstsein kam, lag er in einem Bett auf einem Gang und sah am Ende das Fenster. Es müsste der zweite Stock sein, dachte Kpakou. Dann nahm er Anlauf.

Man brachte ihn in die Psychiatrie ins nahe Ortenberg, und als er hörte, dass nun auch seine Frau und Panajotis abgeschoben worden seien, griff er zu einem Messer und ritzte sich die Bauchdecke auf.

Seit Kurzem lebt Kpakou jetzt in einer winzigen Einzimmerwohnung, einen Steinwurf weit entfernt von seinem alten Haus. Er ist ein rundlicher Mann von Mitte 50. Im Jogginganzug hockt er auf der Bettkante, nimmt seine schwere Brille ab und reibt sich die Augen. »Ich habe Angst um meine Kinder«, sagt er.

Er kann nichts für sie tun. In Togo, sagen die Ärzte, könne er nicht überleben. Vor seinem Bauch umklammert er die Tüte mit den Medikamenten, die er mehrmals täglich schluckt, Nepresol, Bifiteral, Citalopram, Mittel fürs Herz, gegen den zu hohen Blutdruck und die Kopfschmerzen.

Kpakou verlässt sein Zimmer nur, um einen Job zu suchen. Fast jeden Tag geht er zur Arbeitsagentur, klappert die Reinigungsfirmen ab, fragt, ob sie was für ihn haben, etwas Leichtes, das ihn nicht zu sehr anstrengt, aber immer, wenn er seine Duldung vorlegt, sagen sie, es tue ihnen leid. Er würde der Familie gerne etwas schicken, um ihr das Leben zu erleichtern. Die Scham lässt ihn kaum schlafen. Er wagt es kaum, in Togo anzurufen.

Jedes Mal, wenn er ins Dorf geht, kommt er an seinem alten Haus vorbei, das gerade renoviert wird. Neulich fand er dort auf einem Schutthaufen einen Kleidersack. Er blieb stehen und zog eine Jeans hervor, Pullover, sie gehörten seinen Töchtern.

In der Nähe, in Panajotis alter Grundschule, trifft sich alle zwei Wochen der Unterstützerkreis, um zu beraten, wie man der Familie helfen kann. Jeden Monat überweisen die Freunde ein paar 100 Euro nach Afrika, und niemand wagt daran zu denken, was passiert, wenn ihnen irgendwann einmal die Kraft ausgeht. Sie haben einen Anwalt angeheuert, einen Brief geschrieben an den Bundespräsidenten, und am Jahrestag der Abschiebung haben sie auf dem Marburger Marktplatz über das Schicksal der Familie informiert. Sie reiben sich auf, aber es ist ein aussichtsloser Kampf gegen Paragrafen und gegen das Vergessen.

Christopher Kpakou kommt nur selten zu den Treffen. Er kann es kaum ertragen, wenn dort die neuesten E-Mails seiner Kinder vorgelesen werden. In den letzten Monaten, schrieb Richie, seien in Lomé mehrere Minister ermordet worden, jetzt raune man von einem Aufstand. Rebeccas Krätze habe sich verschlimmert, schrieben zuletzt seine Töchter, und Panajotis träume immer noch von Handschellen. Jedes Mal, wenn er ein Flugzeug sehe, frage er, wann er endlich nach Hause könne.

Während die Kpakous in Lomé drei Tage lang ihre Geschichte erzählen, verliert keiner ein bitteres Wort über Deutschland. Es ist unsere Heimat, sagen sie. Es war ein Zufall, dass es uns erwischt hat. Und vielleicht ist das der schlimmste Vorwurf, den man einem Rechtsstaat machen kann.

Belinda betet jeden Tag, dass ein Wunder passiert, aber sie hat aufgehört, darauf zu hoffen. Sie weiß, dass sie Deutschland wohl nie wiedersehen wird. Sie wartet jetzt darauf, dass irgendetwas Neues anfängt, aber sie weiß nicht, was das sein könnte. Sie sorgt sich um ihre kranke Mutter, um ihre jüngeren Geschwister. »Wenn sich unsere Situation nicht bessert«, sagt sie, »dann würde ich mich opfern.«

Drei Monate später ist Belinda ausgezogen. Es heißt, sie lebe jetzt bei einer Tante. Die Familie ist besorgt, sie hört immer seltener von ihr. Manchmal schickt Belinda eine größere Summe, doch niemand weiß, womit sie dieses Geld verdient.

Raimi Hamadou und Akhanou Dadjou, die beiden Beniner, die sich im Flugzeug kennengelernt haben, sind gemeinsam in ein Café nach Cotonou gekommen. Raimi hat noch immer keine Arbeit gefunden, und um sich nicht überflüssig vorzukommen, brütet er stundenlang über den Hausaufgaben seiner Tochter. Manchmal fragt er sich, was er hier soll.

In den Jahren, die er weg war, hat Raimi seine Heimat stets im Blick gehabt. Erst mit seiner Rückkehr hat er sie verloren. Er fragt sich, ob es ein Fehler war, die Ersparnisse dem Bruder anzuvertrauen. Heute hegt er Zweifel an der Tradition, er zweifelt, wie so viele, die zurückkommen, an der Mentalität der eigenen Leute; da ist so viel Habgier, so viel Neid. Deutschland hat sich eingeschlichen in Raimis Denken wie ein Virus, und es arbeitet in ihm. Wie Akhanou versucht er, sich eine neue Identität zu besorgen, Papiere, mit denen er zurückkann nach Europa. 500 Euro koste ein gefälschter Pass, sagen die beiden. Und in Afrika gebe es nichts, was man für Geld nicht kaufen könne.

An einem Tag im Herbst 2007 sitzt Hamid Bakary, der Nigrer, mit seiner Frau Anna in ihrer Hamburger Altbauwohnung auf dem Ledersofa. Das Wohnzimmer ist dekoriert mit afrikanischen Schnitzereien und Annas selbst gemalten Ölbildern. Sie schütteln immer noch den Kopf darüber, was ihnen widerfahren ist. »Es ist absurd«, sagt Hamid, der bald wieder mit dem Radfahren beginnen will.

Drei Wochen nach seiner Abschiebung ist Anna ihm nach Niamey gefolgt, wo sie im Kreis seiner Familie heirateten. Sieben Monate waren sie danach getrennt, dann durfte Hamid endlich wieder nach Deutschland einreisen. Als Ehemann hat er das Recht dazu.

Seit ein paar Wochen, sagt Hamid, habe er jetzt einen Minijob als Putzkraft bei Elektro-Konrad. Für die Kosten seiner Abschiebung muss er selbst aufkommen. Damit er einreisen durfte, hatte Anna 3000 Euro bei Radtkes Behörde angezahlt, jetzt warten sie auf die exakte Kostenaufstellung. Mit weiteren 7000 Euro, hat Radtke ihnen mitgeteilt, müssten sie wohl rechnen. Deutschland ist in diesen Dingen sehr genau.

* Name auf Wunsch geändert