Hausbesuch Wo machst du deine Hausaufgaben?

Lehrer besuchen ihre Schüler zu Hause, um sie so besser beurteilen zu können. Die ungewöhnliche Elternarbeit macht Schule

Der Tag, an dem die Lehrer kommen, erfordert Vorbereitungen. Kinderzimmer werden aufgeräumt, Tische gedeckt. Nicoles* Mutter hat Muffins gebacken und Frühlingsrollen gemacht. Bei Katharina* stapeln sich Wurst- und Käsebrötchen auf den Tellern. In den Kinderzimmern sitzen Stofftiere brav nebeneinander. Wenn Lehrer über die Schwelle der Wohnung treten, wird in das Verhältnis Schüler/Schule Privates getragen, das Bild des Kindes wird sich nicht mehr nur zusammensetzen aus Name, Leistung und Betragen.

Nicole ist die Erste, zu der die Lehrer kommen. Die Fünftklässlerin an der Offenen Schule Kassel-Waldau zuckt verlegen die Schultern. Was werden sie sagen? Die Lehrer werden in der Überzahl sein, denn jede Klasse hat zwei Klassenlehrer. In Nicoles Fall sind das Rainer Schärer und Söjli Achmetli, und weil in ihrer Klasse auch behinderte Kinder unterrichtet werden, kommt noch die Sonderpädagogin Kornelia Scholtes mit.

An der Gesamtschule sind Hausbesuche seit 24 Jahren ganz selbstverständlich. Alle Fünftklässler werden nach und nach besucht. »Wir wollen gleich in den ersten Monaten ein umfassendes Bild von den Schülern haben«, sagt Rainer Schärer, der Deutsch und Gesellschaftslehre unterrichtet. Deshalb gibt es zwei Wochen nach Schulbeginn eine Klassenfahrt, es gibt Tests und Diagnosen, von den Mathekenntnissen bis zur Feinmotorik, und es gibt die Hausbesuche. Die Kinder werden schließlich für sechs Jahre das gleiche Lehrerteam haben.

Kassel-Waldau ist das, was gern »sozialer Brennpunkt« genannt wird. Ende der siebziger Jahre war die Schule, wie Schärer sagt, »im Grunde gegen die Wand gefahren«. Elternarbeit gab es kaum, wegen mangelnder Deutschkenntnisse kam es immer wieder zu Verständigungsproblemen. Ein völlig neues Schulkonzept musste her. Und die Eltern mussten mitziehen. Also werden die Eltern jetzt zu Hause abgeholt. Im übertragenen und im eigentlichen Sinn.

Die Mutter hat für den Besuch Frühlingsrollen aufgetischt

An diesem Tag führt der Weg in eine Plattenbausiedlung. Rechts, links, überall die gleichen Gebäude. Nicoles Mutter, eine Filipina, öffnet die Tür. Es riecht nach Reis. Die Mutter sagt: »So, das ist unsere Wohnung. Vier Zimmer, kommen Sie.« Sie bittet ins Wohnzimmer, holt Kaffee. In der Regalwand eine komplette Brockhaus-Reihe. Auf dem Schreibtisch ein Flachbildschirm-PC. »Ich habe auch Frühlingsrollen gemacht. Was ich muss alles sagen?«, fragt die Mutter. Frühlingsrollen macht sie nur ganz selten, weil es so viel Arbeit ist.

Nicole kommt dazu, zieht sich einen Stuhl heran, mampft einen Muffin. »Nicole, wie geht’s dir in der Schule?«, fragt Schärer. »Gut.« – »Du musst Schule richtig machen, Nicole. Ich kann nix helfen Deutsch, tut mir leid«, sagt die Mutter eifrig.

Rainer Schärer erzählt, dass Nicole sehr hilfsbereit und beliebt sei. Aber leider vergesse Nicole oft ihre Hefte oder den Turnbeutel oder habe die Hausaufgaben nicht gemacht. Nicole sagt: »Heute hab ich die Sportsachen vergessen.«

Die Mutter: »Das ist unser Problem!«

Lehrerin Scholtes: »Wann packst du deine Schulsachen?« Nicole: »Manchmal abends, manchmal in der Früh.«

Scholtes: »Was meinst du, wann ist es sinnvoll?« Nicole: »Abends.«

Schärer, an die Mutter gewandt: »Ich habe einen Vorschlag: Sie könnten Nicole helfen, wenn Sie abends den Stundenplan nehmen und gucken, welche Fächer Nicole am nächsten Tag hat.«

Die Schüler zeigen, wo sie lernen

Die Lehrer sprechen auch davon, dass es in der nullten Stunde, von 8 Uhr bis zum Unterrichtsbeginn um 8.45 Uhr, in der Schule die Möglichkeit gibt, Hausaufgaben zu machen. »Das machst du, Nicole«, sagt die Mutter, »das ist gute Idee!« Sie sprechen von einem Wochenplaner und zeigen Nicole, wie sie die Aufgaben eintragen soll, um nichts zu vergessen. »Nächsten Montag schreibst du rein: Übungsdiktat Nummer zwei«, sagt ihr Deutschlehrer.

Dann darf Nicole ihr Zimmer zeigen. Regal, Schrank, Bett. Auf dem Nachttisch ein Elfenbuch. Im Käfig unter dem Fenster zwei Hasen – aber kein Schreibtisch. »Wo machst du deine Hausaufgaben, Nicole?« – »In der Küche.«

Der Eindruck der Lehrer ist dieser: »Hier sind wir gefordert, wir müssen gucken, dass Nicole das geregelt kriegt.« Bei Katharina später wird es anders sein. Da werden die Lehrer am Ende sagen: »Katharina hat massive Rückendeckung der Mutter.«

Die Elternarbeit, das Konzept Ganztagsschule, das sind nur zwei der Punkte, die man in Kassel-Waldau geändert hat und derentwegen es im vergangenen Jahr den deutschen Schulpreis gab. Im Sommer 2007 bewarben sich auf die 150 Plätze in den sechs fünften Klassen 388 Schüler – davon etwa 200, die locker auf jedes Gymnasium der Stadt gehen könnten. Gut 50 Prozent der Schüler kommen aus Waldau, zwei Drittel davon haben Migrationshintergrund. Am Ende der zehnten Klasse wechseln bis zu 70 Prozent aller Schüler auf ein Gymnasium oder eine Fachoberschule.

Weil die Offene Schule Kassel-Waldau eine Versuchsschule ist, hat sich ein gewisser Bildungstourismus entwickelt. Hunderte Anfragen kamen allein wegen der Hausbesuche, erzählt Schulleiterin Barbara Buchfeld. Übernommen haben die Hausbesuche aber nur wenige Schulen – eine davon ist die Integrierte Stadtteilschule an der Helgolander Straße in Bremen. Hausbesuche sind mutig, sie sind anstrengend, sie kosten Zeit und Energie. Vor allem, wenn sie systematisch bei jedem neuen Kind durchgeführt werden.

Dabei sind Hausbesuche keine neue Erfindung: weder im Westen noch im Osten. In der DDR gehörten sie zu den Pflichten der Klassenleiter. Nicht immer ging es dabei aber allein um das Wohl des Kindes. Der Lehrer war oft im Dienste des Staates unterwegs. Empfahl diese oder jene Arbeitsgruppe, forschte, ob man Westfernsehen sah. Jetzt können Elternbesuche freiwillig angeregt werden.

An vielen Schulen sind Hausbesuche oft das letzte Mittel. Nach dem Motto: Kommt die Mutter nicht zu mir, geh ich zu ihr. Diese Erfahrung hat auch Barbara Zeh, Grundschullehrerin an einer Tagesheimschule in München, gemacht: Weil die Eltern eines türkischen Jungen weder zu Sprechstunden noch zu Elternabenden kamen, suchten Barbara Zeh und die Erzieherin Elke Köhne die Eltern zu Hause auf. Der Vater hatte sich verdrückt, die Mutter sprach kein Deutsch, die Geschwister dolmetschten. Nach dem Besuch war Barbara Zeh klar: Die Mutter kocht und wäscht, aber die Erziehung übernehmen die älteren Geschwister. Man vereinbarte zwar, dass ein Elternteil einmal pro Woche das Kind am Nachmittag abholen sollte, damit sich Lehrerin und Eltern austauschen könnten – aber die Familie hielt sich nicht daran. »Der Besuch war zwar für uns aufschlussreich, hat aber für das Kind nicht viel gebracht.« In diesem Fall. Es gibt auch andere Beispiele, in denen Barbara Zeh erreichte, dass Eltern täglich eine halbe Stunde mit ihrem Kind übten. Und es gab Anfragen von Eltern unkomplizierter Kinder, sie doch auch einmal zu besuchen.

Hingehen, und zwar zu allen Eltern, noch bevor das Kind Probleme hat – das hält Marianne Demmer, stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, für sinnvoll: »Wir empfehlen, dass Lehrer, die eine neue Klasse leiten, mit allen Eltern Kontakt aufnehmen – nicht nur am Elternabend oder Elternsprechtag.« Sie selbst ließ die Eltern stets wählen, ob diese zum Kennenlernen in die Schule kommen wollten oder ob sie zu ihnen nach Hause gehen sollte.

Doch Elternbesuche kosten Zeit. Viel Zeit bei 30 Kindern pro Klasse und zwei Besuchen pro Woche, kommt ein halbes Schuljahr zusammen. Und so fordert Reinhard Behrens, ehemaliger Schulleiter und Mitglied der Hamburger Enquete-Kommission zur Schulstruktur, den Klassenlehrern dafür Zeit freizuschaufeln. Schließlich übernähmen Lehrer immer mehr Erziehungsarbeit.

Kennen sich Lehrer und Eltern besser, dann greifen Eltern schneller zum Telefon, wenn es Probleme gibt, haben GEW-Frau Demmer und der Kasseler Lehrer Schärer beobachtet: Da rief zum Beispiel die Akademikerin bei Schärer an, weil der Vater mit dem Sohn aufgehört hatte zu sprechen – die Noten waren ihm nicht mehr gut genug.

Und die Lehrer beobachten bei ihren Hausbesuchen gewisse Strukturen, die ihnen helfen, das Kind und sein Verhalten besser zu verstehen. Schärer hat erlebt, dass Clanoberhäupter den Fernseher extralaut stellen, wenn die Lehrer kommen. Dass Eltern, vor allem die aus dem Bildungsbürgertum, ihre Kinder gar nicht zu Wort kommen lassen und alles für sie beantworten. Dass Eltern ein Lieblingskind haben. »Das alles erfährt man nicht bei einem Gespräch in der Schule. Würden wir die Besuche für sinnlos halten, würden wir Lehrer wegen der zeitlichen Belastung längst darüber diskutieren.«

Katharinas Mutter hat gelernt, dass sie den Lehrern besser was Herzhaftes anbietet, wenn sie auf der Besuchsroute an zweiter Stelle steht. »Oh, schon wieder Kuchen«, sagte der Lehrer ihres Sohnes, als er vor vier Jahren zu Besuch kam. Die Wände leuchtend blau, die Türrahmen mit Tüll verziert, Muscheln und Filzblumen schmücken die Wohnung. Der große Bruder lehnt in Turnhosen an der Wand neben der Tür. Wortlos. Katharina, lange blonde Haare, schwarz lackierte Fingernägel, weiches Gesicht, sitzt bei ihrer Mutter auf dem Schoß. Sie antwortet einsilbig, Schärer fragt: »Gibt es was, was du gerne magst?« – »Mathe.« Scholtes: »Und was magst du nicht gerne?« Katharina überlegt. Ihr Deutschlehrer Schärer droht mit der Gabel, sagt lachend: »Sag jetzt bloß nicht Deutsch.« Katharina grinst. Schärer: »Das Diktat neulich hast du ja heftig geübt.« Mutter: »Ja, das machen wir immer.« Schärer fragt Katharina, warum sie kürzlich Angst gehabt habe, eine Antwort zu geben, es sei doch alles richtig gewesen. »Du hast doch gar keinen Grund. Hast einen super Test geschrieben!« Mutter kichert: »Obwohl wir was ganz anderes geübt haben!« Katharina: »Wegen dir!«, und knufft ihre Mutter in die Seite. Mutter: »Wir haben geübt und geübt! Wir wollen ja gute Noten.« Katharina schmiegt sich an ihre Mutter. Man spricht über das Lesen. »Wir kaufen jede Woche ein neues Buch«, sagt die Mutter. »Das ist ein teures Hobby.« Im Hintergrund gurgelt die Waschmaschine, über dem Esstisch tickt die Uhr. Das Gespräch ist zäh, Lehrer Schärer erzählt, dass er in zwei Tagen sein 23. Billy-Regal für seine Bücher bekommt. Die Waschmaschine hat auf Schleudergang geschalten.

Noch der Blick ins Kinderzimmer: zehn Quadratmeter, höchstens. Ein blauer Stoffhimmel umrahmt das Bett, an der Wand ein Bücherbord, am Fußende Meerschweinchen und Hase in ihren Käfigen, auf den Regalen unzählige Stofftiere und Diddl-Mäuse. Neben dem Schreibtisch der Fernseher. »Ich hab noch überlegt, ich bring ihn in den Keller«, sagt die Mutter.

Hausbesuche findet die Mutter gut: »Da kann man mal so schwätzen.« In der Schule nicht? »Nein, das ist ja Schule.« Und der Besuch vor ein paar Jahren bei ihrem Sohn – das war ja fast ein Freundschaftsbesuch. Marcos Klassenlehrer war schon ihr Klassenlehrer. Und der kam damals sie besuchen.

* Namen von der Redaktion geändert

 
Leser-Kommentare
  1. In Japan (sicher auch anderswo) gehoeren Hausbesuche ebenfalls selbstverstaendlich dazu, und sind Teil des Ansatzes ein Kind als Ganzes zu erziehen und nicht nur Wissen zu vermitteln. Solange die Kinder noch jung sind, ist das glaube ich ein effektives Mittel um die Erziehung zu verbessern.

  2. ungewohnt vielleicht. Aber wie schon oben erwähnt, gehören Hausbesuche in diversen Ländern zur Arbeitsplatzbeschreibung von Lehrern dazu. Allerdings muss auch erwähnt werden, dass die Unterrichtsverpflichtung dort in der Regel auch niedriger ist als hier - so dass tatsächlich Zeit da ist für Gespräche mit Schüler, Eltern und nicht zuletzt Kollegen.
    Und: es gibt auch Länder (China z.B.), wo sich ein Teil des Lehrergehalts am Abschneiden der Schüler orientiert - in zentralen Prüfungen, die landesweite Curricula abfragen. Das Ziel ist hier also, die Schüler bestmöglich zu unterstützen.

  3. Ist es angebracht, den hausbesuchenden Lehrern Geldgeschenke zu machen, z.B. wenn die Mutter keine Zeit hat Frühlingsrollen zu machen?

  4. Den Lehrern Geldgeschenke zu machen ist doch Bestechung. Bietet man seinem Gast einen Kuchen oder dergleichen an ist man gastfreundlich.Also halte ich es für völlig unangebracht dem Lehrer Geld zu schenken. Ich hatte zuvor noch nie von solchen Hausbesuchen gehört, aber finde sie sehr sinnvoll, damit Lehrer  frühzeitig (bzw überhaupt) auf evtl. vorhandene Probleme des Kindes aufmerksam werden.Schließlich sollte der Lehrer sein Geld nicht nur dafür bekommen, dass er ihnen eine Unterrichtsstunde hält und ihnen am Ende eine Zensur gibt, sondern viel mehr die Kinder zu fördern.

  5. arme kinder schämen sich, wenn der lehrer nach hause kommt.so jedenfalls ist es bei mir gewesen. und es ist auch das verhältnis zum lehrer noch schlechter geworden. auch lehrer können sich von vorurteilen nicht freimachen. sie sind für diese arbeit nicht geschult. armen eltern ist es oft peinlich, denn es kommt einer aus einer anderen welt in ihre wohnung.

  6. Ich finde es gut wenn die Lehrer wissen wie ihre Schüler aufwachsen. So kann man möglicherweise auch gewaltbereite Kids schneller erkennen und dem pädagogisch entgegen wirken.Das nenne ich eine richtig gute Initiative, bitte weiter so und noch mehr (wenn es geht). Was W. Tell und Tsudome mit Geldgeschenken meinen ist mir leider unklar. Ich käme gar nicht auf den Gedanken (würd vielleicht was zu trinken anbieten).Und Kinder sollten sich niemals ihrer Situation schämen müssen . Sie können nichts dafür !!

  7. 1. Es gehört zum Einmaleins der Pädagogik, dass man niemals das Kind, sondern stets nur sein Verhalten loben und tadeln darf. Wenn ein Lehrer die Begründung anführt: "damit ich das Kind besser beurteilen kann" hat er sich disqualifiziert, denn es darf niemals Aufgabe eines Lehrers sein, ein Kind zu beurteilen. Es steht ihm ausschließlich zu die Leistungen des Kindes zu beurteilen, ohne Ansehen der Person. Ein Lehrer greift völlig daneben, wenn er glaubt, auch noch die ganzen Familienverhältnisse in sein Urteil einbeziehen zu müssen. 2. Wenn jemand etwas gut findet, dann glaubt er daraus für sich einen Vorteil ziehen zu können. Das berechtigt aber noch lange nicht, es auch für richtig zu finden. Manche Menschen finden es gut, sich die Nase in Dinge hineinzustecken die sie nichts angehen. Die Störung der Privatsphäre der Familien durch Lehrer ist in einer Demokratie undenkbar. Lehrer sind die mächtigsten Menschen in unserer Gesellschaft. Sie bestimmen die Zukunft der Kinder ohne objektive Kontrolle. Die Hausbesuche sind nichts anderes als eine Machtdemonstration. Eltern haben keine andere Wahl als den Lehrern zu Füßen zu liegen, weil sie anderenfalls ihren Kindern schaden. Über Kinder sind Eltern immer erpressbar.3. Ja, es gibt massive Probleme mit der Schule die gelöst werden müssen. Aber diese Haubesuche sind ein Schritt zur Diktatur, einfach unmöglich. Niemand hat das Recht ungebeten mein Haus zu betreten. Selbst die Polizei braucht einen Durchsuchungsbefehl den sie nur in begründeten Fällen erhält. Aber die Lehrer dürfen einfach hereinspazieren, denn wenn wir Eltern uns wehren müssen unsere Kinder es büßen. 4. Alle Menschen machen Fehler, die Eltern sind davon nicht ausgenommen, genauso wenig wie Lehrer. Lehrer wissen nicht besser was falsch und was richtig ist, sie sind nur mächtiger. Die Macht über die Kinder genügt scheinbar nicht, sie greifen auch nach der Macht über die Eltern. Es geht zu weit! Hier wird der Geist der Demokratie mit Füßen getreten. 

  8. Ich bin da etwas ambivalent - einerseits können so gerade jene Eltern einmal angesprochen werden, die zu Elterngesprächen in der Schule in der Regel nicht erscheinen - und es können Probleme des Kindes sichtbar werden, die durch schulische Förderung vielleicht abgefangen werden können (wie die Einrichtung eines Ruhe- oder Hausaufgabenraumes in der Schule). Andererseits, da hat Wilhelmine Tell schon recht, öffnet es sozialer Diskreminierung Tür und Tor. Es ist noch gar nicht lange her, dass man nicht mehr den Beruf der Eltern bei der Einschulung benennen musste. Dies wurde als demokratische Errungenschaft gefeiert - die Leistungen des Kindes sollten bewertet werden, darin sollte kein Wissen über seinen Sozialstatus einfließen. Andererseits hat doch die schulische Praxis der letzten beiden Jahrzehnte gezeigt, dass das nicht funktioniert. Unser Schulsystem ist immer noch sozial selektiv und der soziale Status vermittelt sich auch ohne Hausbesuche oder Berufsangabe.
    Die bessere Alternative wäre aber ein kostenloses Angebot von (gesunder) Schulmensa  und Hausaufgabenbetreuung am Nachmittag. Dann spielte es nämlich keine Rolle mehr, welches Kind einen eigenen Schreibtisch zu hause hat. 

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  • Quelle DIE ZEIT, 10.01.2008 Nr. 03
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