Schule Courage auf dem Schulhof

Wie Schulen gegen Rassismus und Diskriminierung kämpfen

Wer genauer hinsah, konnte die Ohropax erkennen. Ohne die ging er nicht mehr über den Schulhof. Damit er die Beleidigungen und Drohungen nicht mehr hören musste. Der Junge war türkischer Herkunft, seine Peiniger auch. Umso schlimmer daher, dass er schwul war. »Sie haben ihn total fertiggemacht, hätten ihn fast verprügelt«, erzählt Alexander Freier. Der Schülersprecher hat genauer hingesehen, hat die Schulleitung informiert und Gesprächsrunden angeregt. Inzwischen kann der Junge die Ohrstöpsel wieder daheim lassen.

Für Freier war das der Anstoß, das Projekt » Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage (SOR-SMC)« an seine Schule, das Oberstufenzentrum Handel I (OSZ Handel) in Berlin, zu holen. »Respekt und Demokratieverständnis, das sind alles Dinge, die man lernen muss, auch in der 11. Klasse noch«, sagt er. Seit Jahren kämpft das vom Bundessozialministerium geförderte Projekt gegen Diskriminierung. Gut 400 Schulen und 320.000 Schüler in Deutschland sind beteiligt. »Es werden fast täglich mehr«, sagt Geschäftsführer Eberhard Seidel, so oft wird eine neue Schule aufgenommen. Gegründet wurde Schule ohne Rassismus 1988 in Belgien nach Wahlerfolgen der Rechten, sieben Jahre später wurde es in Deutschland übernommen.

»Allen, die dem Rechtsextremismus etwas entgegensetzen wollen, sollte eine Plattform gegeben werden – und die Erfahrung zeigt: Viele wollen das«, sagt Seidel. Später wurde die Zielsetzung vom Kampf gegen den Rassismus auf jegliche Art der Diskriminierung erweitert – daher der etwas sperrige Name. Mehr als 700 Schulen europaweit sind Teil des Netzwerks, USA und Türkei haben bereits Interesse angemeldet. Deutschland stellt, was wohl nicht nur der Einwohnerzahl, sondern auch der Vergangenheit und dem Erstarken des Neonazismus geschuldet ist, mehr als die Hälfte der Schulen. Nicht zuletzt nach der Hetzjagd auf Inder in Mügeln und dem Überfall Rechtsextremer auf eine Theatergruppe in Halberstadt hat das Thema jüngst wieder traurige Aktualität erlangt.

Unlängst wurde auch dem OSZ Handel der Ehrentitel Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage verliehen. Die silberne Plakette fehlt noch am Eingang. Weil das rote Backsteingebäude in Kreuzberg denkmalgeschützt ist, muss man die Genehmigung der Behörde abwarten. Mit wuchtigen Türmen bewehrt, liegt der ehemalige Kasernenbau wie eine Trutzburg im Wrangelkiez rund ums Schlesische Tor. Rund 40 Prozent der Bewohner des Viertels sind Migranten. »Gerade vor dem Hintergrund der Lage der Schule ist es wichtig, dass wir Flagge zeigen«, sagt Schulleiter Martin Stern. Gegenüber hat Mitte September das heiß umstrittene erste McDonald’s Kreuzbergs aufgemacht. Ein geschickt gewählter Standort angesichts der zahlreichen potenziellen Kunden: 7000 Schüler besuchen das OSZ Handel, es ist damit die größte Schule Europas. Es gibt fünf Abteilungen von der Berufsschule über die Fachoberschule bis zur gymnasialen Oberstufe. Davor stehen die Schüler in Grüppchen, kauen ihre Burger und rauchen. Aus den Ritzen des Kopfsteinpflasters quellen Kippen.

Vor rund einem Jahr haben die Schülersprecher Alexander Freier und Thomas Clausing Schule ohne Rassismus auf den Weg gebracht. Die Schülervertretung organisierte für die 300 Gymnasiasten einen Projekttag mit zwei Dutzend Workshops zum Thema Diskriminierung. Erst dort haben sie Unterschriften für die Teilnahme gesammelt. »Dann ist das auch ehrlich«, sagt Freier.

Denn die Statuten von »Schule ohne Rassismus« schreiben vor, dass 70 Prozent der Schüler, Lehrer und des übrigen Personals ihr Einverständnis erklären müssen und dass mindestens einmal pro Jahr ein Projekt startet. Wie das genau aussieht, bleibt den Schulen überlassen. Im oberbayerischen Erding etwa organisieren Gymnasien unter dem Titel »Bass gegen Hass« Konzerte gegen Rassismus. Außerdem suchen sich die Schüler teils prominente Paten, wie etwa den Schauspieler Georg Uecker am OSZ Handel. Jeder Einzelne geht eine Selbstverpflichtung ein und bekennt sich zu den Grundsätzen. Damit Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage nicht nur ein nettes Etikett bleibt.

An ihrer alten Schule, erzählt die 17-jährige Klassensprecherin Yasemin Güven, hat ein Lehrer die türkischen Schüler mal als »Kotti-Müll« in Anspielung auf die große türkische Gemeinde rund um das Kottbusser Tor bezeichnet. »Ich konnte nichts unternehmen – deswegen finde ich es so toll, dass es hier dieses Projekt gibt.« Die Workshops und Infoveranstaltungen liefern auch Argumente, um sich bei dummen Sprüchen zu wehren.

Inwieweit sich die Schulen engagieren, bleibt ihnen überlassen. »Wir setzen auf die Eigeninitiative der Schüler«, sagt Eberhard Seidel. Man sei realistisch genug, zu wissen, dass es bei einem Drittel »ein bisschen klemmt«. Schule ohne Rassismus ist in erster Linie ein Netzwerk, die Schulen die mehr oder weniger dick geknüpften Knotenpunkte darin. Die Bundeskoordination organisiert Workshops, in denen die Schüler etwa mit Unterstützung von Redakteuren der taz ihre eigene Zeitung Q-rage, die mit einer Auflage von einer Million Exemplaren an Schulen ausliegt, machen. »Texte dürfen nicht nur gutmenschelnd, sondern müssen auch gut gemacht sein«, sagt Eberhard Seidel. Zusätzlich gibt es Landeskoordinationsstellen, die mit 150 Kooperationspartnern wie sozialen Einrichtungen und NGOs zusammenarbeiten. »Wir sind keine Anbieter von Inhalten«, erklärt Projektleiterin Sanem Kleff, »das machen unsere Partner – wir vernetzen ihre Kompetenzen.«

Beim Landestreffen der Berliner Schulen wollen 300 Schüler in Workshops wie »Rechte Symbole und Musik« mehr über die rechte Szene erfahren. Oder einfach beim Didgeridoo-Spielen ihren Horizont erweitern. Auf diese Weise kommen auch Referenten wie Martin Fuge von ABqueer, einer Beratungsstelle zu homo-, bisexuellen und Transgender-Lebensweisen, mit rund 30 Schülern zusammen.

Die gebe es bei ihnen nicht, antworten die meisten auf die Frage nach homosexuellen Mitschülern. Merkwürdig findet das Martin Fuge angesichts der Statistik: »Es muss sie geben, auch an deiner Schule – aber sie outen sich nur, wenn die Atmosphäre stimmt.« In ihrer Klasse wisse keiner, dass sie lesbisch sei, erzählt ein Mädchen, »so fühle ich mich wohler«.

Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage will dafür sorgen, dass die Atmosphäre stimmt. Die Kinder und Jugendlichen werden sensibilisiert, treten mutiger auf. »Schüler berichten, dass auf dem Schulhof weniger gemobbt wird, dass es weniger Gewalt gibt«, erzählt Kleff, »aber das funktioniert nur über mehrere Schuljahre, es gibt kein Zaubermittel.«

Auch am Oberstufenzentrum Handel solle »Schule ohne Rassismus« kein einmaliges Ereignis bleiben, sagt Mitorganisator Thomas Clausing, »das soll uns an der Schule überleben«. Der nächste Projekttag Anfang Februar, der doppelt so groß wird, ist in Vorbereitung, auch für die Lehrer gibt es eine Fortbildung. Dann will man das Projekt auf die anderen Abteilungen der Schule ausweiten. Es habe zu einer Sensibilisierung der Schüler geführt, sagt der Schulleiter stolz.

Links zum Thema finden Sie hier:
Das Projekt selbst: http://www.schule-ohne-rassismus.org/
Der Trägerverein: http://www.aktioncourage.org/
Das Projekt europaweit:  www.schoolwithoutracism-europe.org
Das OSZ: http://oszhdl.be.schule.de/

Lesen Sie auch das Blog gegen Neonazis von mehreren deutschen Jugendmedien, unter anderem dem Zünder von ZEIT online: "Störungsmelder"

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Leser-Kommentare
    • KHJ
    • 10.01.2008 um 21:39 Uhr

    Diese Aktion sollte genau so gefördert werden, wie eben andere Aktionen.Wann ist man rechtsextrem? Wenn man schon eine andere Meinung hat als ein so genannter "Linker"? Was ist politisch korrrekt? Wenn man Themen anspricht, über die Linken nicht reden wollen?Und warum wird man aus der "Gesellschaft" ausgegrenzt? Weil man an Werte festhalten möchten, die erst diese moderne Gesellschaft ermöglicht haben. Und zum guten Schluss: Warum kann man sich immer weniger, die Freiheit  nehmen, all das öffentlich kundzutun?

  1. wäre es, sich gegen Migrantengewalt zu wenden.
     
    Aber da sind die Gutmenschen auf Tauchstation und lukrative Pfründen aus öffentlichen Mitteln gibt es auch nicht. Es ist eben immer die Frage, auf welcher Seite die (Un)verantwortlichen stehen.

  2. KHJ, wissen Sie, ich bin als russischer Jude geboren, und es ist so geschehen, dass ich nach Deutschland gekommen bin, und zum Glück konnte mich hier als Wissenschaftler  realisieren, wofür ich der Bundesrepublik überaus dankbar bin. Aber ich habe Migrationshintergrund, und meine Tochter, dass fällt schon niemanden auf, aber die hat Migrationshintergrund auch. Na ja, aber ich vermuthe, sie haben einen Rezept, eine Idee, wie man vor dem Geburt wählen kann , in welchem Land und in welchem Elternhaus zur Welt kommt. Ich nehme an, dass Sie  irgendwie vor Ihrem Geburt Deutschland als  Geburtsland aussuchen  konnten, sonst hätten Sie auch einen Migrationshintergrund, oder??? Gewalt ist Gewalt, und vergessen Sie nicht, dass genau in diesem Beitrag geht es um Gewalt von Migranten gegen Migranten. Gewalt, Rasismus, und Diskrimination haben  keine Volkszugehörigkeit, das ist wenn eine Gruppe die sich stärker fühlt die andere unterdrückt, oder auch einen einzelnen mobt. Dabei ist absolut irrelevant,  wie   die mobierende Gruppe ethnisch  zusammensetzt. Deshalb, wichtig ist eben die Toleranz zu lernen, für uns alle.Das ist richtig, und politisch korrekt. Es gibt zwei folgende Problemmen, a) Ghettoisierung, Entwicklung der Ghettokultur, demnach Kriminalität b) Armut, Perspektivlösigkeit, daraus folgt auch  Kriminalität c) Missbrauch der Religion, Fundamentalismus. Das sind die Problemme, die wir lösen muessen, und gegen alle diese Dinge sollen die jugendlichen egal welcher Herkunft immunisiert werden, so schnel wie möglich.

  3. Jeden Sachverhalt kann man politisch korrekt ausdrucken oder eben nicht, auf etwas was nicht politisch korrekt ausgedruckt wird, würde ich sofort heftig reagieren, wenn derselbe Sachverhalt politisch korrekt beigetragt wird, dann würde ich sachlich diskutieren, ohne sich beleidigt zu fühlen.

  4. Der Artikel wirkt in diesen Tagen geradezu grotesk. Ich kann mich Brunillo nur wörtlich  anschließen: "Courage" bedeutet vor allem, gegen Migrantengewalt zu kämpfen! Liebe ZEIT-Redaktion! Wie können Sie nach all den Vorfällen der letzten Tage und Wochen in U-Bahnen, nach den Vorgängen in Berlin, wo nun private Sicherheitsdienste an Schulen mit 80% Ausländeranteil die Kinder vor den türkischen und arabischen Jugendgangs schützen sollen, eine solche Verzerrung der Realität verantworten? Sie versuchen hier anscheinend ein ideologisches Stalingrad bis zum letzten Blutstropfen zu halten!

  5. Overturf, und gegen einheimischen Gewalt braucht man nicht kämpfen???. Wissen Sie, mir ist ganz egal, wer mich angreift, die araber, türken oder neonazis, oder die anderen, die Lust an Prügelei suchen. Mann muss einfach mehr Polizei und Sozialpedagogen einstellen Was schon die Prevention betrifft. Ich rede nicht davon, dass die Gewaltverbrecher sollen bis Verhandlung nicht auf freien Fuss gesettz werden. Polit-Correctness heisst, man muss Gewalt bekämpfen ohne (migranten) laut zu sagen.

  6. 7. Wer?

    Wer verbreitet eigentlich immer die gleiche Mär vom Aggro-Ausländer?Von 100 Jugendlichen Deutschen in Berlin-Kreuzberg, Neukölln oder irgendeinem anderen Ghetto in diesem Land, werden etwa genausoviel Kriminell wie von 100 Jugendlichen Migranten/ Ausländern/ Deutschstämigen/ Philipinos/ Franzosen/ Wie-man-sie-auch-nennen-mag die im selben oder einem ähnlichen Umfeld aufwachsen.Da es zufälligerweise so ist, das die Nichtdeutschen häufiger am unteren Ende der Wohlstandspyramide vegetieren, sind im Verhältnis nunmal mehr von denen kriminell. In absoluten Zahen gefasst sieht das alles aber schon wieder anders aus. Soviele Ausländer gibts nämlich in deutschland garnicht, das die paar Prozentpünktchen etwas reissen könnten.Die Türken/ Polen/ Araber/ Russen/ Vietnamesen die heute Leute zusammenprügeln, haben dies in deutschland gelernt, von der deutschen Gesellschaft unter deutscher Aufsicht und mit Duldung der deutschen. Die deutsche Gesellschaft hat diese Menschen so geformt also muss auch die deutsche Gesellschaft diese wieder zurechtbiegen. Abschieben wär eine schnelle, jedoch auch feige und dem Zielland gegenüber ungerechte Maßnahme, was können die dafür, das klein Ali hierzulande versaut wurde.Was tun? Eine bessere Bildung senkt die Kriminalitätsrate erheblich. Also muss man ein effektiveres und besser finanziertes Schulsystem entwickeln. Die endgültige Lösung gibts nicht morgen oder nach der nächsten Wahl. Die Lösung ist ein Prozess, der heute begonnen werden muss und der frühestens in 10 jahren erste Erfolge erzielen wird. Aber soein Aktionsplan, der über Jahre hinweg kein Fortschritt zeigen kann, ist nunmal einem bildlesenden Pöbel nicht zu verkaufen. Und weil dieser Pöbel rekordverdächtig Gross ist, kann man ihn mit immer denselben stumpfen Parolen locken. Das hat in den 30ern geklappt, das hat zur letzten Wahl in Hessen funktioniert, sowas hat sich auch ein Herr Schröder in Niedersachsen zunutze gemacht und das wird auch bei den nächten Wahlen Erfolge erzielen. Leider!!!

    • plamen
    • 11.01.2008 um 6:14 Uhr

    Alle zwei Jahre etwa, fährt ein mutiger ZEIT-Journalist durch den ostdeuscthen Sumpf und berichtet die ganzen schlimmen Sachen in der Zeitung. Dazwischen herrscht totale Stille, man hört nur "die Redaktion/pt" ostkritische Kommentare löschen.

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