Kino Hübscher Goldfisch im Haifischbecken

Ganz klassisch: Claude Chabrols Film »Die zweigeteilte Frau« ist eine Versuchsanordnung über Liebe und Eifersucht

Es ist ein wenig wie ein Experiment, das zeigen soll, wie unterschiedliche Stoffe miteinander reagieren: Ein älterer Erfolgsschriftsteller (François Bérléand) und ein junger Tunichtgut aus reichem Haus (Benoît Magimel) haben beide ein Auge auf die hübsche Fernseh-Wetterfee Gabrielle (Ludivine Sagnier) geworfen. Nun verläuft eine Reaktion umso stärker, je reiner, je geschiedener die Stoffe sind. Der Schriftsteller, Charles Saint-Denis, ist ein gemachter Mann. Seinen Erfolg hat er sich selbst zu verdanken. Er ist glücklich verheiratet und nebenbei – nach dem klassischen Zusammenhang von Eros und Kunst oder dem heute geläufigeren Motto »Geist ist geil« – ein geübter Verführer, der in sexuellen Abschweifungen Inspiration sucht. Sein junger Kontrahent, Paul Gaudens, steckt noch ganz in Kindesschuhen. Er lebt vom väterlichen Erbe und klebt an seiner Mutter. Er ist nervös und labil, und sein großspuriges Auftreten kehrt seine Schwächen nur umso stärker hervor. In der Liebe sucht er nach Halt, genauer, nach Mutterersatz. Gabrielle schließlich ist von einfacher und natürlicher Art. Im Fernsehgeschäft gleicht sie dem Goldfisch, der ahnungslos im Haifischbecken schwimmt. Auch sie braucht Halt. Zwar hat sie eine liebevolle Mutter, ist aber ohne Vater aufgewachsen.

Claude Chabrol hat in seinem neuen Film Die zweigeteilte Frau mit intellektueller Schärfe die Reaktionen und Kettenreaktionen dieses brisanten Gemischs beobachtet. Er zeigt, wie sie sich mit naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeit vollziehen. Gabrielle kann nicht anders als Charles’ Charme zu verfallen und seine Geliebte zu werden. Und wie sollte da ein infantiler Charakter wie Paul nicht neidzerfressen seinen Widersacher hassen? Klar auch, dass Charles seine bewährte Ehe nicht aufgibt, mag die Abwechslung auch noch so schön sein. Und was bleibt der gedemütigten und verletzten Gabrielle dann anderes übrig, als sich in Pauls Arme zu werfen? Zu spät allerdings, wie wir sofort ahnen, zu spät, um den fatalen Lauf der Dinge noch zu ändern.

Dass der Film kaum an differenzierten Charakteren interessiert ist, dass er stattdessen Idealtypen inszeniert, Typen, wie sie »im Buche stehen«, ist wohl folgendem Umstand geschuldet: Je mehr wir der Aufgabe enthoben sind, einen Charakter zu entziffern, je mehr wir ihn im Voraus, und das heißt: im Rückgriff auf die Tradition verstehen, desto machtvoller entfaltet sich in uns das Wissen um die Unausweichlichkeit des Schicksals. Es hätte nicht anders kommen können, sagen wir uns, und das verleiht dem Film das Gepräge einer attischen Tragödie.

Claude Chabrol, der vor 50 Jahren das Kino mit der Nouvelle Vague revolutionierte, hat wieder einen Film gedreht, der klassischer nicht sein könnte. Vielleicht sollte man deshalb Die zweigeteilte Frau ganz und gar als Alterswerk betrachten. Auch die versöhnliche, herzerwärmende Schlusseinstellung des Films, ungewöhnlich für Chabrol, gibt mit Milde Kunde vom Lebensabend. Gabrielle steht auf der Bühne eines Varietétheaters. Das Publikum klatscht. Sie nimmt den Applaus mit offenen Armen und dem gewohnt grauen Fernsehlächeln der Wetterfee entgegen. Aber dann regt sich etwas, die Mundwinkel zucken, die Augen bekommen Glanz, und schließlich bricht auf ihrem Gesicht wie durch dichte Wolken die Sonne ein Lachen hervor. Gabrielle hat alles verloren, einen geliebten Menschen, eine gute Partie, ihre Karriere. Strahlend umarmt sie die Welt.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Menno!

    Bitte nie, nie wieder in einer Filmkritik das Ende verraten. Danke.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 10.01.2008 Nr. 03
  • Kommentare 1
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Claude Chabrol | Film | Kino | Charakter
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service